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Full text of "Sitzungsberichte der Gesellschaft Naturforschender Freunde zu Berlin"

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OF 



COMPABATIVE ZOÜLOGY, 



AT HARVARD COLLEGE, CAMBRIDGE, HASS. 



The gift of 




SITZUNGS-BERICHTE 

DER 

GESELLSCHAFT 
MTURFORSCHENDER FREUNDE 

zu 

BERLIN. 
JAHRGANG 1894. 



BERLIN. 

In Commission bei R. Friedländer und Sohn. 
NW. Carl- Strasse 11. 



jhL .iL'} im 



Inhalts-Verzeichniss 
aus dem Jahre 1894. 



Ascherson. Die Verwandtschafts-Yerhältnisse der mitteleuropäischen 
Carices monostachyac, (Psyllophorae), p. 126. — Biographie Koel- 
reuter's, p. 236. (Nur Titel.) 

Bartels. Japanisches Holzschnittwerk (Octopus), p. 260. 

Dames. Die Herkunft der Schildkröten von Landthieren, p. 126. 
(Nur Titel.) 

Heymons. Die Fortpflanzung der Ohrwürmer, p. 65. 

H Elgendorf. Briefl. Mitth. von Marcüsen (Eocuma), p. 170. — Er- 
gänzungen, betreffend Eocuma hügendorfi Marcüsen, p. 171. — 
Neue Characinidengattung, Petersius, aus dem Kinganiflusse, p. 172. 

Jaekel. Das Porensystem der Pelmatozoen und die Stammesge- 
schichte der Crinoiden, p. 97. (Nur andrer Titel für d. folg. Mitth.) 

— Die Morphogenie und Phylogenie der Crinoiden, p. 101. — 
Sog. Faltenzähne und complicirtere Zahnbildungen überhaupt, 
p. 146. — Platte mit Encrinns Carnalli Beyr. , p. 155. (Abb.) 

— Ueber die älteste Echiniden- Gattung Bothriocidaris , p. 243. 
(Abb.) 

Kolbe. Ueber fossile Reste von Coleopteren aus einem alten Torf- 
lager (Schmierkohle) bei Gr. Räschen in der Nieder-Lausitz, p. 236. 

Kraue (Arthur). Nackte Landschnecken von Tenerifa, p. 30. 

Marcüsen. Neues Cumaceen - Genus Eocuma, p. 170 (vergl. Hil- 
genorf). 

von Martens. Ueber einige den nördlichen und südlichen Kalkalpen 
gemeinsame Landschnecken, p. 47. — In Paraguay gesammelte 
Mollusken , insbesondere einige Varietäten von Odontostomus 
striatus, p. 163. — Neue Süsswasser - Conchylien aus Korea, 
p. 207. — Vorlage der Schulpe und des Kiefers eines grossen 
Tintenfisches (Ommastr. gigas), p. 234. 

Matschie. Die natürliche Verwandtschaft und die Verbreitung der 
Manis- Arten, p. 1. (Abb.) — Die von Herrn Paul Neumann in 
Argentinien gesammelten und beobachteten Säugethiere, p. 57. — 
Drei neue Säugethiere (Herpestes etc.) von Ostafrika, p. 121. — 
Ueber Procavia ayriaca (Schreb.), p. 193. — Neue Säugethiere 



IV 



Inluäts - Verzeichniss. 



aus den Sammlungen der Herren Zenker, Neumann, Stuhl- 
mann und Emin, p. 194. (Abb.) — Ueber ein neues Eichhörnchen 
aus Deutsch Ostafrika (Sc. pauli), p. 256. — Ueber Felis nigripes 
Bürch., p. 258. 

Möbius. Die Temperatur und der Salzgehalt des östlichen Mittel- 
meeres und die Echinodermen und Polychäten , p. 66. (Referat.) 

— Faunistische und physikalische Untersuchungen im Kleinen 
Belt, p. 67. (Referat.) — Die neue französische Austernzucht, p. 141. 

— Mittheilung über das Ableben des Dr. Erich Haase in 
Bangkok, p. 163. 

Nehring. Säugethiere von den Philippinen, namentlich von der Pa- 
lawan-Gruppe, p. 179. (Abb.) — Ueber Sus Marchei Huet und 
Tragulus nigricans Thomas, p. 219. (Abb.) 

Potonie. Anastatischer Nachdruck von Spengel's entdecktem Ge- 
heimniss der Natur, p. 23. (Nur Titel.) 

Rabl-Rückhard. Gehirn von der Riesenschlange, p. 45. 

Rawitz. Bemerkungen zur histologischen Färbetechnik, p. 174. 

Schaudinn. Die systematische Stellung und Fortpflanzung von Hya- 
lopus n. g., p. 14. — Ueber Haleremita cumulans, einen neuen ma- 
rinen Hydroidpolypen, p. 226. (Abb.) 

Schulze (F. E.). Fossile Muskelquerstreilung an Coelacanthinen, 
p. 125. (Nur Titel.) — Aus Hexactinelliden hergestellte Artefakte 
von der Philippinen-Insel Cebu, p. 137. (Abb.) — Ueber den Bau 
von Limnocnida taganicae Günther, p. 162. (Nur Titel.) — Die 
Akkomodation des Fischauges von Th. Beer (Referat), p. 226. 

— Vergl. p. 235. 

Stadelmann. Ueber Vespa fruhstorferi n. sp., p. 89. — Ueber Stron- 
gylus circumcinctus aus dem Labmagen des Schafes, p. 142. (Abb.) 

Tornier. Fussknochen-Variation, ihre Entstehungsursachen und Fol- 
gen (vorl. Mitth.), p. 23. (Abb.) — Das Fussgewölbe in seinen 
Hauptmodificationen (vorl. Mitth.), p. 67. 

Virchow (H.). Embryologische und angiologische Erfahrungen über 
nordamerikanische Wirbelthierc, p. 33. — Vorlage von Tafeln, 
die Entwicklung des Dottersackkreislaufes des Huhnes betreffend, 
p. 125. (Nur Titel.) 

Wandolleck. Das Kopfskelett der Dipterenfamilie Henopii, p. 92. 

Weltner. Zwei neue Cirripedien aus dem indischen Ocean, p. 80. 
(Abb.) 

Wittmack. Photographien aus den Vereinigten Staaten, betreffend 
Botanisches und Gärtnerei, p. 44. (Nur Titel.) — Vorlage von 
Photographien der Grube Victoria, p. 239. 



Nr. 1. 1894. 



Sitzungs-Bericht 

der 

Gesellschaft naturforschender Freunde 

zu Berlin 
vom 16. Januar 1894. 



Director: Herr Ascherson. 



Herr Matschie besprach die natürliche Verwandt- 
schaft und die Verbreitung der Manis-krten. 

Jentink unterscheidet in seiner Revision of the Ma- 
nidae in the Ley den -Museum 1 ) zwei zoo-geographische 
Gruppen unter den Schuppenthieren: 

A. Maniden des indischen Continents und ma- 
layischen Archipels (M. javanica, anrita, pentadactyla 2 )). 
— Mittelreihe der Schwanzschuppen bis zur Schwanzspitze 
ununterbrochen; Borsten unter den Schuppen. 

B. Maniden von Afrika. (M. temmincki, gigantea, 
tetradactyla 2 ), tricuspis.) — Mittelreihe der Schwanzschuppen 
in einiger Entfernung von der Schwanzspitze unterbrochen; 
keine Borstenhaare unter den Schuppen. 

Das zuletzt genannte Merkmal ist von dem Autor nur 
bedingungsweise aufgestellt worden, da es ihm wohl be- 
kannt war, dass junge afrikanische Maniden steife Haare 

l ) Notes from the Leyden Museum, vol. IV, Mai 1882, p. 193 
bis 209. 

J ) M. pentadactyla ist der älteste Name für M. crassicaudata, 
ebenso ist M. tetradactyla L. für den ungiltigen BRissoN'schen Namen 
M. longicaudata zu setzen. 

1 



2 Gesellschaft naturforschender Freunde, Berlin. 

unter den Schuppen tragen. Er nahm jedoch auf Grund 
des ihm zugänglichen Materials an, dass die An- oder Ab- 
wesenheit der Borsten bei ausgewachsenen Thieren ein 
sicheres Kennzeichen zur Unterscheidung der afrikanischen 
von den asiatischen Formen darstelle. Nun hat aber We- 
ber 1 ) zuerst darauf aufmerksam gemacht, dass die Suma- 
traner ein Schuppenthier mit „Tenggilinikan" (Fisch-Schup- 
penthier) bezeichnen, welches nur Schuppen haben soll; 
ferner befindet sich in der zoologischen Sammlung des 
Königl. Museum für Naturkunde zu Berlin ein sehr grosses 
Exemplar der vorderindischen M. pentadactyla L. , welches 
nur an den Schuppen der Schwanzspitze einige Borsten- 
haare aufweist. Ich möchte deshalb an der Zuverlässigkeit 
dieses Kennzeichens zweifeln. Dagegen bietet das Verhal- 
ten der Schwanzschuppen offenbar ein untrügliches Merk- 
mal, dessen Werth auch durch die neuerdings von Lan- 
dana beschriebene M. hessi 2 ), welche eine ununterbrochene 
Schuppenreihe besitzen soll, keineswegs verringert wird, 
wie ich später zeigen werde. 

Weber 3 ) giebt ein weiteres, sehr interessantes Unter- 
scheidungsmerkmal für die beiden von Jentink aufgestellten 
geographischen Gruppen an. Während bei den asiatischen 
Formen das Xiphisternum verhältuissmässig kurz ist und 
in einer verbreiterten Platte endet, reicht dasselbe bei den 
afrikanischen Schuppenthieren wenigstens bis zum Becken, 
ja selbst bis über dasselbe hinaus und ist in seinem knor- 
peligen Theile gespalten und lang ausgezogen. 

Zur Unterscheidung der einzelnen Schuppenthier -For- 
men verwendet Jentink ausser der Gestalt der Schuppen 
die Anzahl und Anordnung der Schuppenreihen, die Form 
des Schwanzes und die Färbung der behaarten Theile, so- 
wie eine Reihe von Merkmalen, welche ich sogleich auf- 
führen werde. 



*) Zoolog. Ergebnisse einer Reise in Niederländisch -Ost -Indien, 
Bd. I, p. 113 und Bd. II, Heft J, p. 21, 22. 

2 ) Noack. Zoolog. Jahrb., Abth. f. Systematik, IV, 1889, p. 100 ff. 
s ) Weber. 1. c, Bd. II, Hft. 1, p. 85, 86. 



Sitzung vom 16. Januar 1894. 



3 



Diesen letzteren Kennzeichen gegenüber verhält sich 
M. tctradactyla genau wie M. tricuspis, M. temminclä so wie 
M. gigantea, sodass ich nur je eine dieser Formen in die 
Betrachtung vorläufig einzubeziehen nöthig habe. 

Die von Jentink verwendeten Merkmale, zu welchen 
ich das von Weber angegebene hinzufüge, sind folgende: 

la) Mittelreihe der Schwanzschuppen ununterbrochen 
oder lb) unterbrochen. 

2a) Xiphisternum in einer verbreiterten Platte endend 
oder 2 b) in einen langen gespaltenen Knorpel ausgezogen. 

3 a) Schwanzende an der Unterseite mit nacktem Fleck 
oder 3 b) ohne solchen. 

4a) Klauen der Hinterfüsse viel kleiner als diejenigen 
der Vorderfüsse oder 4b) aunähernd von gleicher Grösse. 

5 a) Schuppen der Hinterbeine und Körperseiten ge- 
kielt oder 5 b) glatt. 

6a) Schwanz kürzer als der übrige Körper, höchstens 
ungefähr gleich lang oder 6 b) viel länger als derselbe. 

7 a) Aussenseite des Unterarms mit Schuppen bedeckt 
oder 7 b) behaart. 

Die nachstehende Tabelle stellt die Uebereinstimmung 
der einzelnen Formen mit einander in den durch Zahlen 
und Buchstaben angegebenen Merkmalen dar: 





aurita 


pentadactyla 


temmincki 
(resp. gigan- 
tea) 


tctradactyla 
(resp. tricus- 
pis) 


javanica 


la; 2a; 3a; 
5a; 6a; 7a; 


la; 2a; 3a; 
6a; 7a; 


6a; 7a; 


3a; 4b; 5a; 


aurita 




la; 2a; 3a; 
4a; 6a; 7a; 


4a; 6a; 7a; 


3a; 5a; 


pentadactyla 




4a; 5b; 6a; 
7a; 


3a; 


temmincki 
(resp. gigan- 
tea) 








lb; 2b; 



1* 



4 GesellscJwft naturforschender Freunde, Berlin. 



Wenn man mit Jentink die drei asiatischen Formen 

javanica, aurita und pentadactyla den vier afrikanischen tem- 
mincki, giganteus, tetradactyla und tricuspis gegenüber stellt, 
so sieht man ; dass die drei Asiaten allerdings sehr viel 
Aehnlichkeit mit einander haben, dass dagegen die Afri- 
kaner desto weniger Uebereinstimmung mit einander zeigen. 
Während die Asiaten ausser den von Jentink und Weber 
für die Gruppe angegebenen beiden Merkmalen (la, 2 a) 
noch mindestens 3 Kennzeichen gemeinsam haben, findet 
man zwischen temmincki resp. gigantea und tetradactyla resp. 
tricuspis keine weitere Verwandtschaft als die durch lb), 
2b) ausgedrückte. Wohl aber giebt es zwei Charaktere 
(6 a und 7 a), welche temmincki resp. gigantea zugleich mit 
allen drei asiatischen Formen besitzt, ja ausser diesen 
stimmt dieselbe mit aurita in noch einem, mit pentadactyla 
sogar in 2 Merkmalen überein. M. tetradactyla und tri- 
cuspis haben mit nur einer einzigen anderen Art von den 
7 oben aufgeführten Kennzeichen drei, mit allen übrigen 
nur 2, mit pentadactyla sogar nur ein einziges Merkmal ge- 
meinsam. Hieraus schliesse ich wohl mit Recht, dass es 
vortheilhaft ist, Jentink' s Eintheilung zu verlassen und die 
beiden Formen M. tetradactyla und tricuspis allen übrigen 
gegenüber zu stellen. — Diese Gruppirung halte ich für na 
türlich, weil sie durch die Lebensweise der Thiere bestä- 
tigt wird. Büttikofer erwähnt 1 ), dass sowohl tetradactyla 
als tricuspis gewandt auf Bäume klettern, während M. gi- 
gantea sehr schnell auf der Erde läuft. Von temmincki 
weiss man durch Heuglin 2 ), dass es in der Steppe lebt; 
Blanford 3 ) erwähnt nur von javanica, dass es zuweilen 
Bäume besteigt. — Einen weiteren Beweis für die Natürlich- 
keit der von mir vorgeschlagenen Eintheilung sehe ich in 
der geographischen Verbreitung der Schuppenthiere. Wäh- 
rend in West -Afrika drei Formen neben einander leben, 



x ) Notes Leyden Museum, X, 1888, p. 56, 57. 

2 ) Heuglin. Syst. Uebers., p. 581. 

3 ) Blanford. The Fauna of British India. Mammalia, p. 597 

bis 600. 



Sitzung vom IG. Januar 1894. 



5 



M. tetradactyla, tricuspis und gigantea, kommt im ganzen 
übrigen tropischen Afrika, in Vorder -Indien, im Himalaja 
und Süd -China, in Hinter -Indien und im Sunda- Archipel 
überall nur eine Form vor. Von diesen Formen bewohnt 
eine jede ein bestimmtes Gebiet allein; sollten an irgend 
einem Punkte von Afrika oder Asien zwei verschiedene 
Formen von Schuppenthieren gefunden werden, so ist sicher 
anzunehmen, dass der Fundort in dem Grenzgebiet zwischen 
zwei zoogeographischen Regionen zu suchen ist. M. tem- 
mincki kennen wir von den verschiedensten Gegenden des 
südlichen und östlichen Afrikas, vom Vaal - Fluss hinauf 
bis nach Süd-Kordofan in ungefähr 17° nördl. Br. Diese 
Form wird in West -Afrika ersetzt durch gigantea, welche 
vom Gabun an bis Senegambien bekannt ist. Barboza du 
Bocage 1 ) erwähnt, dass M. temmincki südlich vom Cuanza 
an auftrete. Jentink nennt zwar von der Goldküste M. 
temmincki , aber einerseits beschreibt Temminck 2 ) unter 
diesem Namen M. gigantea von jener Gegend, andererseits 
stammt das fragliche Exemplar vom Händler Frank, des- 
sen Vaterlands-Angaben nach der Erfahrung, welche ich an 
Stücken, die dem Berliner Museum von ihm geliefert wurden, 
gemacht habe, doch einer sehr genauen Prüfung bedürfen. 
Ich behaupte, dass M. temmincki und gigantea bei der ge- 
ringen Verschiedenheit ihrer Merkmale als besondere For- 
men nicht aufrecht erhalten werden könnten, wenn sie an 
einem Orte, der nicht auf der Grenze ihrer beiderseitigen 
Verbreitungsgebiete liegt, neben einander vorkommen. Nach 
Blanford lebt M. pentadactyla im Vorder-Indien und Ceylon, 
nordwestlich vielleicht bis Beludschistan, nordöstlich bis Ben- 
galen und geht nach Norden nicht in die Vorberge des 
Himalaya. Von Nepal nach Osten, über Assam in den 
niedrigeren Zügen des Himalaya bis nach Süd -China und 
Formosa, nach Süden bis Bamo am Iraw r addi und in die 
Höhe von Hainan erstreckt sich das Gebiet von M. aurita. 
Südlich davon in Hinter-Indien und auf den grossen Sunda- 



x ) Journ. Scienc. Math. Phys., Lisboa 1890, 2. Ser., No. V, p. 30. 
2 ) Esquisses zoolog. s. 1. cöte de Guine, 1853, p. 173. 



6 



Gesellschaft naturforschender Freunde, Berlin. 



Inseln lebt M. javanica. Alle diese 5 Formen sind also 
nichts weiter als Localfortnen einer Art. Ueber ihre ver- 
wandtschaftlichen Verhältnisse giebt die obige Tabelle in- 
teressante Aufschlüsse. M. javanica hat mit der geogra- 
phisch am nächsten stehenden aurita von 7 Merkmalen 6 
gemeinsam, ebenso aurita mit der benachbarten pentadactyla; 
dagegen stimmt die vorderindische pentadactyla mit der hin- 
terindischen javanica nur noch in 5 Merkmalen überein. 
M. temmincki hat mit der westafrikanischen gigantea alle 
7 Kennzeichen übereinstimmend, nach Osten zu nimmt die 
Zahl der gemeinsamen Merkmale mit der Entfernung ab, 
mit ptentadactyla sind 4, mit aurita 3, mit javanica nur 2 
Merkmale gemeinsam. 

M. tetradactyla und tricuspis bewohnen gemeinsam West- 
Afrika vom Gambia bis Angola. Wir haben tricuspis von 
Loango, tetradactyla von Tschintschoscho; Büttikofek traf 
beide in Liberia ; Pel sammelte sie an der Goldküste. 
Südlich vom Cuanza und östlich von den grossen Seeen 
kommt keine von beiden Formen vor. Jentink's mit einem 
Fragezeichen versehene Angabe: „Mozambique? (Guy, Pe- 
ters)" bezieht sich auf die Form, welche Focillon 1 ) als 
tridentata nach drei durch den Naturalienhändler Gouy in 
Paris angeblich von Mozambique erhaltenen Exemplaren 
beschrieben hat. Peters 2 ) sagt, er habe in San Paulo de 
Loanda ein langschwänziges Schuppenthier gesehen , in 
Mossambique sei ihm nur das kurzschwänzige vorgekom- 
men. M. tricuspis ist nach Osten am weitesten in Makraka 
und Sandeh nachgewiesen worden. 

Wenn man alle Formen der Schuppenthiere in einer 
Gattung vereinigt, so lässt sich die natürliche Verwandt- 
schaft der einzelnen Formen entweder so darstellen, dass 
man 3 Arten annimmt : M. tetradactyla L., M. tricuspis 
Raf. und M. pentadactyla L. und die M. pentadactyla in 5 
Localformen trennt : M. pentadactyla javanica Desm. , M. 
pentadactyla aurita Hodgs. u. s. w. — oder dass man M. 



l ) Revue zool., 1850, p. 472. 

*) Reise nach Mossambique, p. 173. 



Sitzung vom IG. Januar 1894. 



7 



tetradactyla L. und tricuspis Raf. unter dem Untergattungs- 
namen Manis s. str. vereinigt, die übrigen Formen aber 
unter Pholidotus Storr 1 ) aufführt. 

Zur leichten Bestimmung der einzelnen Formen diene 
folgender Schlüssel: 

A. Unterarme behaart; Schwanz viel länger 
als der Körper; Mittelreihe der Schwanzschuppen 
reicht nicht bis zur Schwanzspitze; Unterseite der 
Schwanzspitze mit nacktem Fleck; Vorder- und 
Hinterklauen ziemlich gleich gross. 

1. Schuppen breit, zum Theil in eine gekielte Spitze 
auslaufend; die behaarten Theile dunkelbraun; 13 
Längsreihen von Schuppen auf dem Körper; 44 Rand- 
schuppen am Schwanz; zwei Reihen von je 9 — 10 
Schuppen vor der Schwanzspitze: 

M. tetradactyla L. West -Afrika vom 
Gambia bis zum Cunene. 

2. Schuppen schmal, zum Theil in 3 gekielte Spitzen 
auslaufend; die behaarten Theile weiss; 21 Längs- 
reihen von Schuppen auf dem Körper; 34—37 Rand- 
schuppen am Schwanz; zwei Reihen von je 3 — 6 
Schuppen vor der Schwanzspitze: 

M. tricuspis Raf. West -Afrika vom 
Gambia bis zum Cunene. 

B. Unterarme mit Schuppen bedeckt; Schwanz 
höchstens so lang wie der Körper: 

a. Mittelreihe der Schwanzschuppen reicht nicht bis zur 
Schwanzspitze; Unterseite der Schwanzspitze ohne 
nackten Fleck; Klauen der Hinterfüsse kleiner als 
die der Vorderfüsse: 

Schwanz spitz zulaufend; 17 Längsreihen von 
Schuppen auf dem Körper; 15 -19 Randschuppen am 
Schwanz; zwei Reihen von je 3 — 4 Schuppen vor der 
Schwanzspitze : 

M. gigantea III. West -Afrika vom 
Gambia bis zum Cunene. 



2 ) Prodromus metkodi mammalium, 1780, p. 40. 



Gesellschaft naturforscliender Freunde, Berlin. 



Schwanz am Ende abgerundet; 11 — 13 Längs- 
reihen von Schuppen auf dem Körper; 11—13 Rand- 
schuppen am Schwanz; zwei Reihen von je 4 — 9 
Schuppen vor der Schwanzspitze: 

M. temmincki Smuts. Süd - Afrika 
nördlich vom Vaal-Fluss, Ost- 
Afrika bis zu 17° nördl. Br. 

b. Mittelreihe der Schuppen bis zur Schwanzspitze un- 
unterbrochen; Unterseite der Schwanzspitze mit nack- 
tem Fleck; 

Schuppen der Körperseiten und Hinterfüsse nicht 
gekielt; Klauen der Hinterfüsse kleiner als die der 
Vorderfüsse; 11 — 13 Längsreihen von Schuppen auf 
dem Körper; 14—17 Schuppen in der Mittelreihe des 

Schwanzes: 

M. pentadactyla L. Vorder-Indien. 
Schuppen der Körperseiten und Hinterfüsse ge- 
kielt; Klauen der Hinterfüsse kleiner als die der Vor- 
derfüsse; 16—18 Längsreihen von Schuppen auf dem 
Körper; 16 — 20 Schuppen in der Mittelreihe des 
Schwanzes : 

M. aurita Hodgs. Himalaya u Süd- 
China bis zum Wendekreis. 
Schuppen der Körperseiten und Hinterfüsse ge- 
kielt; Klauen der Hinterfüsse nur wenig kürzer als 
die der Vorderfüsse; 15—21 Längsreihen von Schup- 
pen auf dem Körper; 21—30 Schuppen in der Mittel- 
reihe des Schwanzes: 

M. javanica Desm. Hinter - Indien, 
südlich vom Wendekreis, Sunda- 
Inseln. 

Die Synonymie der Schuppenthier-Formen ist folgende: 

M. tetradactyla L. = M. longicaudata Buiss. , macroura 
Erxl., africana Desm. , guineensis Fitz., senegalensis 
Fitz., longicauda Sund. Gray, hessi Noack. 

M. tricuspis Raf. = M. multiscutata Gray , tridentata 

FOCILLON. 



Sitzung renn IG. Januar 1894. 



9 



M. gigantea III. = M. africana Gray, wagneri Fitz. 
31. gigantea temmincki Smuts. = M. hedenborgi Fitz. 
M. pentadaetyla L. = M. crassicandata Geoffr. , indicus 

Less. , laticaudata III., laticauda Sund., bengalensis 

Fitz., braehyura Erxl. 
M. aurita Hodgs. — M. dalmanni Sund., assamensis 

Fitz. 

M. javanica Desm. ^ M. asper a Sund., leptura Blytii., 
leucura Blyth, guy Focillon, javanus Gray, ma- 
laccensis Fitz., Idbuanns Fitz. 

Ich habe die neuerdings 1 ) beschriebene Manis hessi 
Noack zu M. tetradaetyla gestellt; dies geschieht aus fol- 
genden Gründen: 

Die Beschreibung von M. hessi lautet: „Das vorlie- 
gende Exemplar unterscheidet sich gänzlich von allen bis- 
her bekannten afrikanischen Schuppenthieren und steht den 
asiatischen Arten dadurch nahe, dass die mittlere Schup- 
penreihe des Schwanzes ununterbrochen bis zum 
Schwanzende verläuft. Uebrigens zeigt es sowohl 
Eigentümlichkeiten von Manis temmincki wie von longi- 
caudata. 11 

M. temmincki wird nur einmal in der Beschreibung 
zum Vergleich herangezogen: „Alle Schuppen zeigen die 
grosse, breit ovale Form wie bei temmincki und longicaudata.* 

Durch die Güte des Herrn Oberlehrer J. Blum in 
Frankfurt a. Main , welchem ich hierdurch meinen ergeben- 
sten Dank ausdrücke, war es mir vergönnt, das Original- 
Exemplar zu prüfen. Dasselbe trägt auf dem Etiquett von 
Noack' s Hand die Bezeichnung M. hessi Noack spec. nov. 
Nach der Beschreibung soll M. hessi 30 Marginal-Schuppen 
und 32 Schuppen auf der Oberseite des Schwanzes tragen. 
Das mir vorliegende Stück stimmt mit dieser Angabe über- 
ein, eine nachträgliche Verletzung des Schwanzes hat also 
nicht stattgefunden. Die umstehenden Abbildungen sind 
photographische Reproductionen von Noack' s Zeichnung, 
sowie der Ober- und Unterseite des Schwanzendes von M, 



J ) Zool. Jahrb. (Syst.), Bd. IV. 



10 Gesellschaft naturforschender Freunde, Berlin» 



1. 2. 




1. Autotvpie nach einer Photographie der Tafel I im Zoolog. 
Jahrb., Abth. f. Syst., Bd. IV. (Dr. Tu. Noack ad nat. del.) 

2. Autotypie nach einer Photographie des Schwanzendes von 
Manis Jiessi Noack ex ong. 




3. Autotypie nach einer Photographie der Unterseite des 
Schwanzendes von Manis hessi Noack ex. orig. 



Sitzung vom 16. Januar 1894. 



11 



liessu Diese Photographien beweisen nun, dass M. hessi 
einen verstümmelten Schwanz besitzt. Wir haben ein de- 
fectes Exemplar von J/. tetradactyla vor uns. Weber 1 ) 
hatte somit Recht, als er M. hessi, „da die Beschreibung 
dieses Thieres zahlreiche Unrichtigkeiten enthält tt , bis auf 
weitere Bestätigung anzweifelte. Er erwähnt auch 2 ) schon 
die merkwürdige Annahme Xoacks. die am Kiefer von 
M. hessi befindlichen Knochenleisten seien Rudimente von 
Zähnen mit den Worten: „So lange Knochenleisten noch 
nicht für Zähne gelten, bedarf diese Darlegung wohl kei- 
ner Widerlegung." Trotzdem hält Noack 3 ) zwei Jahre 
später seine Entdeckung aufrecht: -Bei Manis hessi habe 
ich undeutliche Spuren von Zähnen nachgewiesen." 

In derselben Arbeit 4 ) werden auch einige meiner frü- 
heren Aufstellungen kritisirt; die Mehrzahl der dort gege- 
benen Beweisversuche bedarf keiner Widerlegung, da nichts 
vorgebracht ist. was meine Angaben widerlegen könnte. Es 
sei mir nur gestattet, auf einige Punkte kurz hinzuweisen. 

„Antilope soemmeringi berberana ist mindestens frag- 
lich." Trotzdem giebt der Verfasser zu, „dass der Unter- 
schied (zwischen der Somali- und Ost-Sudan-Form), wie im 
Körperbau, nur in der bedeutend stärkeren Entwickelung 
der Hörner beruht." 

Caracal berberorum ist deswegen nicht zu billigen, weil 
„ich habe schon viele Caracal - Bälge der verschiedensten 
Färbung unter Händen gehabt, aber nie artliche Differenzen 
entdecken können. " Sobald der Herr Verfasser einen Caracal 
aus dem Gebiete nördlich von der Sahara gesehen haben 
wird, dürfte er die von mir aufgestellte Form sofort unbe- 
denklich anerkennen. Ich habe neuerdings einen mit Fell 
überzogenen Schädel von Tunis erhalten, der die charakte- 
ristische Gestalt und Färbung des Original-Exemplars trägt. 

Wenn ich incorrecter Weise Herrn Noack die Bestim- 
mung der von Böhm angeführten Arten zugeschrieben habe, so 

l ) l c, Bd. n, Heft 1, p. 84—85. 

*) L c, p. 34. 

s ) Zool. Jahrb., Abth. f. Syst., 1893, p. 558. 

4 ) L c, p. 590—594. 



12 



Gesellschaft naturforschender Freunde, Berlin. 



thut mir das sehr leid. Ich wurde verführt dadurch, dass 
die Anführungsstriche bei den von Noack nicht selbst be- 
stimmten Arten fehlen. „Matschie's Equus böhmi ist gänz- 
lich hinfällig und nicht, wie Böhm meinte, mit Equus zebra, 
sondern mit Equus chapmanni identisch. " Equus böhmi ist, 
wie ich im „Zoologischen Garten" nachweisen werde, eine 
sehr gut charakterisirte Localform und von E. chapmanni 
verschieden. Der Verfasser giebt dies selbst zu, wenn er 
sagt: „Später wird das Weiss gewöhnlich gelblich — doch 
bleibt auch die schwarz -weisse Färbung." Die Hamburger 
Thiere beweisen nichts, da nur das eine derselben E. böhmi, 
das andere aber E. antiquorum ist. Ueber das angebliche 
Vorkommen von E. zebra in Nordost-Afrika vergleiche man 
meine Angaben im „Zoolog. Garten" 1894. 

„Mastchie's Bubalis leucoprymnus ist hinfällig und mit 
B. lichtensteini identisch, wie schon der einheimische Name 
„Konzi" beweist, den das Thier auch in Ost- Afrika trägt." 
Dieser Beweis spricht für sich selbst. Selous 1 ) sprach die 
von ihm abgebildete Antilope sehr richtig für B. lichten- 
steini an; er hat das Gebiet von leucoprymnus nie betreten. 
Der Verfasser sagt: „Als sichere Arten lassen sich heute 
nur Alcelaphus lunatus, caama, lichtensteini und swaynei er- 
kennen." Ausser diesen kennt jeder Besucher der zoolo- 
gischen Gärten mindestens tora und bubalis, welche zu den 
häufigsten Erscheinungen dieser Institute gehören. Ferner 
steht jedem Zoologen das Studium der im Berliner Museum 
aufbewahrten Gehörne von B. major, colcei, jacksoni und 
leucoprymnus frei, welche mindestens gleichen Art- Werth be- 
sitzen wie gerade die von Noack aufgeführte, der tora so 
ähnliche swaynei. Fischers caama vom Massai-Land ist, 
wie das Hamburger Exemplar beweist, cokei Damalis jimeh 
hat mit D. tiang nichts zu thun; denn tiang besitzt einen 
dunklen Rückenstreif, der jimeh fehlt. 

„Hätte Matschie das oben citirte Buch von Selous 
verglichen, würde er sich überzeugt haben, das Kobus var- 
doni auch in Südafrika vorkommt." Meine Angaben über 



l ) A. Hunter's wanderings in Africa, p. 224. 



Sitzung vom 16. Januar 1894. 



13 



das Vaterland von K. varäoni sind gerade diesem Buche 
theilweise entnommen. Nach Selous. p. 220 lebt dieses 
Thier 60 Meilen westlich von der Chobe - Mündung, am 
oberen Zambese bei Sescheke bis zum Barotse-Thal und 
bis zu den Victoria-Fällen. Ich habe gerade diese Gegend 
aufgeführt 1 ). — Sciurus cepapi Xoack ist Sc. mutabüis Ptrs., 
wie jeder Fachgenosse bei der Vergleich ung ersehen wird, 
ebenso lässt sich Xoack's Viverra megaspila schlechterdings 
nicht mit der echten megaspila identificiren. 

„Wie Matschie dazu kommt, die Verbreitung von 
Canis aureus auf Vorder - Indien und Ceylon zu beschrän- 
ken, ist mir unerfindlich." Ich habe für Canis aureus Vor- 
der - Indien und Ceylon angegeben . hätte allerdings auch 
noch betonen sollen, dass die Schakale von West - Asien 
und Südwest - Europa zu der kleinohrigen indischen Form 
gehören. Mir kam es vornehmlich darauf an, auf die Ver- 
schiedenheit der afrikanischen Schakale von den indisch- 
europäischen aufmerksam zu machen. Im hiesigen zoolo- 
gischen Garten leben noch tunesische Schakale . die mit 
anthus, lupaster, mesomelas und adustus in eine Gruppe ge- 
hören. Ich habe vorwiegend betont, dass C. aureus in 
Deutsch -Ost -Afrika nicht vorkommen kann. 

„Bd Scotophilus sclüieffeni verschweigt Matschie, dass 
nicht Peters das Thier in das Genus Scotophilus gestellt 
hat. sondern ich, wie 0. Thomas 1. c. anerkennt." 0. Tho- 
mas 2 ) hat nur nachgewiesen, dass eine von Xoack be- 
schriebene Art Scotophilus minimus zu sclüieffeni als Syno- 
nym zu ziehen ist. Der Verfasser hat seinen Sc. minimus 
mit schlieffeni überhaupt nicht verglichen und konnte somit 
auch nicht nachweisen, dass Nycticejus schlieffeni zu Scoto- 
philus gehört. Ich habe auch wohlweislich bei Scotophilus 
schlieffeni (Ptrs.) den Xamen Peters im Klammern gesetzt, 
weil Peters die Art nicht zu Scotophilus gerechnet hat. 

*) Sitz.-Ber. Naturf. Freunde, 1892, p. 139. 

*) Ann. Mus. Civ. Genova, Ser. IIa, Vol. IX, p. 87 und Sitz.-Ber. 
Naturf. Freunde, 1893, p. 26—27. 



14 



GcsellscJwft naturforschender Freunde, Berlin. 



Herr F* Schaudinn besprach die systematische Stel- 
lung und Portpflanzung von Hyalopus n. g. (Gromia 
dujardinii M. Schultz e). 

Max Schultze fand in der Adria bei Triest und Ve- 
nedig einen Rhizopoden, den er auf Grund der Schalen- 
gestalt zu den Gromien stellte und in seinem berühmten 
Werk „Ueber den Organismus der Polythalamien" *) mit dem 
Namen Gromia dujardinii belegte. Nach seiner Beschreibung 
besass dieses Thier kugelige oder ovale Gestalt und war 
mit einer chitinösen Schale bedeckt, die nur eine einzige 
Mündung für den Durchtritt der Pseudopodien hatte, es 
stimmte also in diesen Punkten vollkommen mit den übri- 
gen Gromien überein. Eine wesentliche Abweichung fand 
Max Schultze aber in Bezug auf die Pseudopodien und 
den in der Schale befindlichen Weichkörper. Während 
nämlich die Scheinfüsschen der übrigen Gromien, wie über- 
haupt aller Foraminiferen , das Phänomen der Körnchen- 
strömung zeigen und sehr zur Anastomosenbildung neigen, 
sind die Pseudopodien von Gromia dujardinii vollkommen 
körnchenfrei, hyalin und zähflüssig. Max Schultze be- 
hauptet zwar Anastomosenbildung, obwohl selten beobachtet 
zu haben, doch giebt Bütschli 2 ), der die Pseudopodien 
unseres Rhizopoden sehr genau untersucht hat, ausdrück- 
lich an, dass er niemals Verschmelzen derselben beobachtet 
habe, was ich ebenso, wie alle übrigen Angaben dieses 
Forschers über unsern Organismus bestätigen kann. 

Die zweite Eigentümlichkeit, auf die Max Schultze 
aufmerksam macht, betrifft das in der Schale befindliche 
Plasma. In demselben befinden sich eigentümliche braune, 
stark lichtbrechende Körper, die sich durch grosse Resistenz 
gegen Alkalien und Säuren auszeichnen und Inhaltsgebilde 
darstellen, wie sie bisher bei keinem anderen Rhizopoden 
beobachtet worden sind. — Diese beiden Charaktere, die 



J ) Max Schultze. „Ueber den Organismus der Polythalamien". 
Leipzig 1854. 

! ) 0. Bütschli. „Untersuchungen über Mikroskopische Schäume 
und das Protoplasma". Leipzig 1892, p. 69 ff. 



Sitzung vom 16. Januar 1894. 



15 



hyalinen Pseudopodien und die braunen Körner des Plasmas 
machen Gromia dujardinü nicht nur unter den Gromien, son- 
dern unter allen Rhizopoden leicht kenntlich. 

Ich fand dieses Protozoon in grossen Mengen in den 
Seewasseraquarien des hiesigen zool. Instituts, deren Un- 
tersuchung mir mein verehrter Lehrer, Herr Geheimrath 
Prof. Dr. F. E. Schulze freundlichst gestattete, wofür ich 
ihm meinen besten Dank sage. Die Aquarien hatten ihre 
Füllung durch die zool. Station in Rovigno erhalten, sodass 
ich als Herkunftsort meines Materials die Adria bei Rovigno 
angeben kann. Ueberdies erhielt ich bei jeder Sendung 
lebender Foraminiferen aus Rovigno einige lebenskräftige 
Exemplare mit, die sich in meinen Aquarien gut vermehr- 
ten, sodass ich über sehr reiches Material verfüge. Eine 
grosse Unterstützung für die Beobachtung der Fortpflanzung 
bietet das von F. E. Schulze construirte Horizontalini cro- 
scop, welches ich schon früher 1 ) zur Protozoenuntersuchung 
empfohlen habe. 

Das Erste, was mir bei meinen Untersuchungen auf- 
fiel, war, dass Gromia dujardinü durchaus nicht immer nur 
eine Oefmung in der Schale besitzt, ich fand zwei, drei, 
ja bei einzelnen sehr grossen Individuen sogar 20 — 25 
Oeffnungen, aus denen Pseudopodien hervortraten. Die 
Bildung neuer Mündungen habe ich mehrmals direct beob- 
achtet; z. B. bei einem ovalen Exemplar, das anfangs nur 
eine Oeffnung an einem Pol besass. Das Thier hing mit 
seinen Pseudopodien an der senkrechten Glaswand des 
Aquariums; an dem aboralen Pol, der zuvor ganz abge- 
rundet war, zeigte sich eine hügelartige Hervorwölbung, die 
allmählich mehr hervortrat, bis zuletzt auf der Spitze des 
Hügels der Weichkörper durchbrach und zahlreiche Pseudo- 
podien entwickelte. Die charakteristische, von Bütschli 
(1. c.) beschriebene Verdickung des Mundrandes wurde noch 
im Verlauf desselben Tages gebildet. In ähnlicher Weise 
können zahlreiche Mündungen auf verschiedenen Seiten des 
Thieres entstehen. Durch den Zug der austretenden Pseu- 



x ) Zeitschrift für wissensch. Zoologie, Bd. LVII, p. IX. 



16 Gesellschaft naturforschender Freunde, Berlin. 



dopodien werden die Mündungsränder gewöhnlich zitzen- 
artig vorgezogen, während bei eingezogenen Scheinfüsschen 
die halsartige Verlängerung der Mündungsgegend zurück- 
tritt. Die verdeckten Mündungsränder nähern sich dann 
sehr stark, sodass es fast zu einem vollständigen Verschluss 
der Oeffnung kommt. 

Auch in Bezug auf die Gestalt der Thiere habe ich 
einige merkwürdige Abweichungen von der Beschreibung 
Max Schültze's gefunden. Und zwar zeigte sich hierbei 
eine interessante Anpassungsfähigkeit dieser Organismen an 
ihren Aufenthaltsort. Während die auf dem Boden der 
Aquarien im Schlamm lebenden Individuen, gleichgültig, 
ob sie eine oder zahlreiche Mündungen besitzen, einfach 
kugelig oder oval sind und höchstens beim Austritt der 
Pseudopodien die vorhin erwähnten flachen Buckel zeigen, 
sind die auf verästelten oder durcheinander geknäuelten 
Algen lebenden Exemplare ganz anders gestaltet. Von 
ihrer Oberfläche erheben sich lange, fingerartige, bisweilen 
sogar verästelte Fortsätze, ähnlich wie dies bei Dendro- 
phrya raduita 1 ) bekannt ist. Durch diese mit Ausbuchtun- 
gen abwechselnden, soliden, und rundlichen Fortsätze wird 
die Gestalt ganz unregelmässig, oft hirschgeweihähnlich. 
Die Mündungen sitzen auf den Enden der arraartigen Aus- 
läufer. Als ich diese Thiere fand, glaubte ich, trotz der 
hyalinen Pseudopodien und der braunen Körner im Plasma, 
einen neuen Rhizopoden vor mir zu haben; doch überzeugte 
ich mich bald, dass zwischen den kugeligen, am Boden 
lebenden Individuen und den hirschgeweihartig verästelten, 
auf Algen lebenden Thieren sich alle Uebergangsstadien 
finden lassen. Zur Sicherheit habe ich diesen Uebergang 
auch experimentell nachgewiesen. Ich setzte ein kleines, 
kugeliges, mit nur einer Oeffnung versehenes Thier, wel- 
ches ich vom Boden des Aquariums nahm, isolirt in einem 
reich mit Algen bewachsenen Aquarium auf ein dichtes Ge- 
flecht von Fadenalgen und konnte in der Zeit zweier Mo- 



l ) Cf. K. Möbius. Bruchstücke einer Rhizopoden-Fauna der Kieler 
Bucht. Abhandl. d. Akad. Berlin, 1888, Taf. VI, Fig. 22—25. 



Sitzung vom 16. Januar 1894. 



17 



nate die Umbildung oder besser das Auswachsen desselben 
zu einem grossen, fünfarmigen Individuum direct beobachten. 
Nachdem das Thier mehrere Tage bewegungslos gelegen 
hatte, wurden Pseudopodien ausgesandt, die sich weit ver- 
zweigt zwischen den Algen verbreiteten. Dieselben zogen 
das Thier zu einem wagerecht liegenden Algenfaden empor, 
von dem die mit ihrer Mündung befestigte Kugel nun frei 
und senkrecht herabhing. Die Mündungsgegend wurde 
durch die Schwere des Weichkörpers allmählich stark hals- 
artig ausgezogen und es streckte sich überhaupt der ganze 
Körper beim weiteren Wachsthum sehr in die Länge, so 
dass seine Gestalt flaschenförmig genannt werden konnte. 
Nach 3 Wochen entstand am aboralen Pol eine zweite 
Mündung. Die hier austretenden Pseudopodien hoben den 
senkrecht herabhängenden Körper in eine wagerechte Stel- 
lung. Die Umgebung der zweiten Mündung wurde eben- 
falls halsartig verlängert; es besass das Thier nun spindel- 
förmige Gestalt und stellte eine wagerechte Brücke zwi- 
schen 2 Algenfäden dar. Der Mitteltheil der Spindel, der 
natürlich am dicksten und schwersten war, zog in senk- 
rechter Richtung nach unten, wodurch bewirkt wurde, dass 
nach kurzer Zeit die Spindel sich in eine Sichel mit nach 
unten gerichteter Convexität verwandelte. An der am tief- 
sten gelegenen Stelle der Sichel entstand nun die 3. Oeff- 
nung und durch den Zug der Pseudopodien der 3. armartige 
Fortsatz, gleichzeitig wurde auch wieder der Schwerpunkt 
des Thieres verlagert, wodurch die Entstehung eines 4. 
und dann 5. Armes mit Mündung bedingt wurde. 

Dass diese Art des Wachsthums für die zwischen Al- 
gengeflechten lebenden Thiere von Vortheil ist, kann leicht 
eingesehen werden. Denn erstens ist die Gefahr des Her- 
unterfallens und damit der Entfernung aus einem guten 
Nahrungsgebiet kleiner als bei kugeligen Individuen, weil 
auch bei starker Erschütterung, wenn alle Pseudopodien 
eingezogen werden, die Thiere mit ihren verästelten, zwi- 
schen die Algen eingreifenden Armen hängen bleiben. Zwei- 
tens bietet aber die verästelte Gestalt auch einen Schutz 
gegen Feinde, weil sich die Thiere von den gleichfalls ver- 

1* 



lg Gesellschaft natur forschender Freunde, Berlin. 



ästelten und oft sehr ähnlich gefärbten Algen nur wenig 
abheben. So ist es mir selbst passirt, dass ich bei der 
oberflächlichen Betrachtung eines Knäuels von Fadenalgen 
nur 3 Thiere bemerkte, beim sorgfältigen Zerzupfen aber 
26 Exemplare erhielt. 

Erwähnen will ich noch, dass sowohl unter den run- 
den,, wie verästelten Individuen sich solche von bisher bei 
diesen Thieren nicht bekannter Grösse befanden. Exem- 
plare von 5 mm Durchmesser gehören nicht zu den Selten- 
heiten und sind mithin diese Organismen zu den Riesen 
unter den Protozoen zu rechnen. Die kleinsten Individuen, 
die ich fand, hatten hingegen einen Durchmesser von 
0,026 mm. 

Auf das Verhalten des Plasmas und der Kerne kann 
ich hier nicht näher eingehen, da eine erschöpfende und 
einigermaassen verständliche Darstellung der Beobachtungen 
über diese Dinge in Kürze und ohne Abbildungen nicht 
möglich ist. Nach Abschluss meiner Untersuchungen wird 
hierüber eine eingehende Arbeit veröffentlicht werden. Ich 
will hier nur kurz erwähnen, dass es mir gelungen ist, mit 
Hülfe der Schnittmethode zahlreiche, verschieden gestaltete 
und structurirte Kerne im Weichkörper der Gromia dujar- 
dinii zu finden. In der Litteratur finden sich meines Wis- 
sens keine Angaben über die Kernverhältnisse unseres 
Thieres, doch glaube ich, dass Grüber 1 ) schon die Kerne 
der Gromia dujardinii gesehen hat, obwohl er es selbst 
nicht annimmt. Er fand nämlich beim Zerquetschen des 
Thieres ausser den bräunlichen von M. Schultze beschrie- 
benen Kugeln, vollkommen farblose, die sich aber mit Kern- 
järbemitteln intensiv färbten, und es ist mir zweifellos, dass 
diese gefärbten Körper die Kerne darstellen. Grub er 
spricht nun die Vermuthung aus, dass die braunen Kugeln 
und die blassen Körper, welche er aber, wie gesagt, nicht 
für Kerne hielt, in Beziehung zum Stoffwechsel stehen. Er 
sagt: „Es ist mir sehr wahrscheinlich, dass die Körner 



x ) A. Gruber. Die Protozoen des Hafens von Genua. Halle, 

1884, p. 21. 



Sitzung vom 16. Januar 1894. 



19 



(braune und blasse Kugeln) hier die feinsten Nahrungs- 
bestandtheile verarbeiten und verdauen, während das unge- 
formte Plasma auf Nahrungserwerb ausgeht." Angeregt 
durch diesen Gedanken, habe ich diese Verhältnisse durch 
Beobachtung lebender Thiere , Abtötung verschieden gut 
genährter Individuen und Vergleichung zahlreicher Schnitt- 
serien zu verfolgen gesucht und glaube die Verrnuthung 
Grüber's vollkommen bestätigen zu können. Die hellen 
Körper, die ich für Kerne halte, sind bei längerem Nah- 
rungsmangel kugelig und chromatinarm, bei reicher Nahrung 
hingegen sehr chromatinreich und es treten dieselben dann in 
eigentümliche Beziehungen, sowohl zu den braunen Ku- 
geln, als zu den Nahrungskörpern. Sie sind nämlich den- 
selben dicht angelagert und besitzen spitz zulaufende Fort- 
sätze, welche die gelblichen Kugeln oder Diatomeen und 
andere Algenzellen umgreifen; oft liegen auch mehrere der 
genannten Inhaltsgebiete um einen grossen Kern, der mit 
seinen Fortsätzen zwischen dieselben hinein greift. Zwi- 
schen diesen aus braunen Kugeln, Nahrungskörpern und 
Kernen bestehenden Gruppen befinden sich spärliche Men- 
gen hyalinen Plasmas. 

Ferner habe ich gefunden, dass die hyalinen Pseudo- 
podien nicht im Stande sind. Nahrungskörper ausserhalb 
der Schale zu verdauen, vielmehr schaffen sie dieselben 
nur herbei und lagern sie vor der Mündung ab, wo sie zu- 
nächst in grossen Mengen angehäuft und dann langsam in 
das Innere der Schale befördert werden. 

Aus diesen Beobachtungen schliesse ich, dass die Kerne 
und braunen Körper gemeinsam die Assimilation der Nah- 
rung besorgen, während die Pseudopodien nur zur Herbei- 
schaffung der Nahrung und zur Locomotion dienen. Eine 
ähnliche Differenzirung des Plasmas ist bei den übrigen 
Gromien, wie überhaupt den Foraminiferen nicht bekannt, 
vielmehr sind hier die körnchenführenden Pseudopodien im 
Stande, Nahrungskörper ausserhalb der Schale zu ver- 
dauen. Es besteht demnach nicht nur ein fundamentaler 
morphologischer, sondern auch physiologischer Unterschied 

zwischen den Pseudopodien der Gromia dujardinii und den- 

1 ** 



20 Gesellschaft natur forschender Freunde, Berlin. 



jenigen aller anderen Foraminiferen , der, wie ich glaube, 
genügt, um eine Abtrennung dieser Form von der Gattung 
Gromia zu rechtfertigen. Ich schlage auf den Rath des 
Herrn Geheimrath Prof. Dr. Schulze für unseren Organis- 
mus den Gattungsnamen Hyalopus vor, wonach die vor- 
liegende Species als Hyalopus dujardinii (M. Schultze) zu 
bezeichnen wäre. Ueber die nähere Verwandtschaft des 
Hyalopus lässt sich vorläufig nichts Bestimmtes aussagen. 
Nach der Eintheilung der Rhüopoda, die F. E. Schulze 1 ) 
gegeben hat, würde er in die Abtheilung der Filosa zu 
stellen sein; jedenfalls nimmt er bei unseren heutigen 
Kenntnissen der Rhizopoden noch eine ganz isolirte Stel- 
lung ein. 

Ueber die Fortpflanzung unseres Thieres ist bisher 
nichts Sicheres bekannt geworden. Zunächst gelang es mir, 
Zweitheilung des Körpers sammt der Schale zu beobachten. 
Ein ovales Individuum, das an beiden Polen Mündungen 
besass, wurde allmählich in die Länge gezogen; in der 
Mitte trat dann eine seichte Einschnürung auf, die langsam 
tiefer einschnitt, bis schliesslich zuerst das Plasma und 
kurz darauf auch die Schale in der Mitte durchriss. Die 
Rissstelle kann bei jedem der Theilstücke zu einer Mün- 
dung umgebildet oder auch verschlossen werden. Der Thei- 
lungsprocess ging sehr langsam vor sich, er dauerte un- 
gefähr 3 Wochen. 

In ähnlicher Weise findet eine Theilung des Thieres 
in 3 Theile statt. Ein mit einer Mündung versehenes Indi- 
viduum hing mit seinen Pseudopodien befestigt in senk- 
rechter Stellung an der Glaswand des Aquariums; die an- 
fangs kugelige Gestalt wurde' während des weiteren Wachs- 
thums lang flaschenförmig dadurch, dass die Umgebung der 
Mündung halsartig auswuchs. In dem dünnen Hals sam- 
melte sich nun Plasma an und veranlasste zwei kugelige 
Auftreibuugen desselben, die natürlich mit tiefen Einschnü- 
rungen abwechselten. Zuerst schnürte sich die unterste und 



*) F. E. Schulze. Rhizopodenstudien, VI. Archiv für mikrosc. 

Anatomie, Bd. 13, 1877, p. 21 ff. 



Sitzung vom 16. Januar 1894. 



21 



grösste der drei Kugeln ab und dann trennten sich erst die 
beiden anderen. Die unterste Kugel besass eine Oeffnung, 
die beiden anderen je zwei, von denen aber bei der mitt- 
leren eine zugebaut wurde. Schon hier war die Grösse der 
Theilstücke verschieden. Die Theilung verlief in diesem 
Fall schneller, sie dauerte 1 Woche. 

Die Grössen differeuzen der Theilstücke können sehr 
gross werden, besonders bei den hirschgew T eihartig verästel- 
ten Individuen. Hier habe ich häufig beobachtet, dass ein- 
zelne, selbst sehr kleine, armartige Fortsätze sich ablösten 
und zu selbständigen Thieren wurden, und kann man diese 
Art der Fortpflanzung wohl als Knospung bezeichnen. Bis- 
weilen ist die Ablösung des Sprösslings noch mit ein- oder 
mehrmaliger Theilung desselben verbunden, indem ein sol- 
cher Armfortsatz schon vor seiner Ablösung durch 2 oder 
3 Einschnürungen in segmentartige Theile gegliedert wird, 
die sich nach der Ablösung des ganzen Armes von einander 
trennen. — Die Theilstücke w T aren in allen beobachteten 
Fällen vielkernig. 

Ausser der Theilung, deren Modificationen , wie hier 
kurz angedeutet, sehr mannigfaltig bei unserem Organis- 
mus sind, habe ich noch eine andere, interessantere Art 
der Fortpflanzung beobachtet, nämlich die Bildung von 
Schwärmsporen und zwar bisher in 7 Fällen, sodass ich 
nicht zweifele, dass dies eine normale Art der Vermehrung 
ist. Fünf bis zwölf Stunden vor dem Austreten der Schwär- 
mer ziehen die Thiere ihre Pseudopodien ein und ver- 
schliessen ihre Mündungen. Das hyaline Pseudopodien- 
plasma vertheilt sich zwischen den sehr chromatinreichen 
Kernen, und dann zerfällt der ganze Weichkörper in kugelige 
Stücke, die aus je einem grossen Kern bestehen, der mit 
einer dem Volumen nach ungefähr gleichen Masse hyalinen 
Plasmas umgeben ist. Das anfangs amöboide Plasma run- 
det sich ab und entwickelt eine sehr lange Geissei. Die 
braunen Körner und die Nahrungsreste sinken auf den Bo- 
den der Schale, die sie dann etwa bis zur Hälfte ausfällen. 
In der anderen Hälfte bewegen sich die Schwärmer lebhaft 
umher. Je zwei derselben copuliren sich. Die Gestalt der 



22 Gesellscliaft naturforsch&ider Freunde, Berlin. 



Sporen ist oval oder birnförmig, ihre Grösse schwankt zwi- 
schen 5 und 8 jjl, wovon 3 — 6 ja auf den Durchmesser des 
Kernes zu rechnen sind. Die Länge der Geissei beträgt 
30 — 38 jj.. 

Der Kern liegt im vorderen Theil des Schwärmers, 
dann folgt eine halbkugelige Kalotte hyalinen Plasmas. Bei 
sehr starker Vergrösserung zeigt dasselbe einen vacuolären 
Bau. Die Waben sind sowohl um den Kern, als an der 
Oberfläche radiär angeordnet und erscheinen daher im opti- 
schen Durchschnitt als regelmässige Alveolarsäume. In der 
Mitte der Plasmakalotte liegt stets eine grössere Vacuole 
und in der Nähe derselben ein dunkles Korn, welches viel- 
leicht die Bedeutung eines Centrosoms hat. Bei copulirten 
Schwärmern finden sich immer 2 grosse Vacuolen und 2 
dunkle Körner. Indessen ist es mir bisher noch nicht ge- 
lungen, das weitere Schicksal dieser Vacuolen und Körner 
zu verfolgen, ebensowenig wie ich anzugeben vermag, was 
aus den copulirten Schwärmern wird; denn wenn dieselben 
erst die Schale verlassen haben, was meistens schon nach 
wenigen Stunden geschieht, verliert man sie wegen ihrer 
Kleinheit schnell aus den Augen. In der feuchten Kammer 
sterben sie nach kurzer Zeit. — Das Vorkommen von 
Schwärmerbildung bei Hyälopus dujardinii ist von beson- 
derem Interesse, weil in der Gruppe der Rhizopoden (s. str.) 
bisher nur selten diese Art der Fortpflanzung beobachtet 
worden ist. Mir sind nur zwei sichere Fälle aus der Lit- 
teratur bekannt geworden; der eine betrifft Protomyxa auran- 
tiaca Hckl. der andere Microgromia socialis R. Hertwig 2 ). 
In der Abtheilung der Radiolarien hingegen scheint die 
Schwärmerbildung allgemein verbreitet zu sein, auch bei 
Heliozoen liegen mehrfache Beobachtungen vor. Ich glaube, 
das bei Erweiterung unserer Kenntnisse von der Rhizopo- 
den-Fortpflanzung das Vorkommen von Schwärmern nächst 
dem Pseudopodien-Charakter für die systematische Stellung 
des Ilyalopus maassgebend sein wird. 

x ) E. Häckel. Monographie der Moneren. Jenaische Zeitschrift 
f. Naturw., IV, 1868, p. 85, Taf. II, Fig. 4. 

2 ) R. Hertwig. Ueber Microgromia socialis. Aich. f. mikroscop. 
Anat, X. Suppl., 1874, p. 10, t. 1. 



Sitzung vom 16. Januar 1894. 



Herr Potonie legte den anastatischen Nachdruck 
voüSpexgel's entdecktem Geheimniss der Natur vor. 

Herr Gustav Tornier sprach über Fussknochen -Va- 
riation, ihre Entstehungsursachen und Folgen (vor- 
läufige Mittheilung). 

Alle Formänderungen, welche die einzelnen Fuss- 
knochen während ihrer Phylogenese erleiden, haben zwei 
Entstehungsursachen: Entweder ändert sich der Knochen 
selbst, von Innen heraus, indem er gezwungen wird, sich 
neuen statischen Bedingungen anzupassen : ein Knochen- 
wachsthum, das man als internes bezeichnen kann, oder es 
ändert der Knochen seine Gestalt dadurch, dass Bänder 
und Sehnentheile, die an ihm inseriren, von ihm aus mehr 
oder weniger ossificiren : ein Knochenwachsthum, das peri- 
pherisches genannt werden mag. Dabei ossificirt ein Band, 
das zwei Knochen verbindet, in verschiedener Form: es 
ossificirt entweder von einem der beiden Knochen aus oder 
von beiden gleichzeitig oder es entsteht drittens in ihm 
ein selbständiger secundärer Knochenkern. Verknöchert es 
von einem der beiden Knochen aus. dann entsteht aus ihm 
an dem Knochen, der die Ossification einleitet, ein Kno- 
chenfortsatz, der durch den intact gebliebenen Bandabschnitt 
mit dem anderen intact bleibenden Knochen verbunden ist. 
Verknöchert auf diese Weise zuletzt das ganze Band, dann 
führt dies entweder zur Synostose der beidenKnochen oder es 
entsteht an dem . welcher die Ossification einleitet, ein Fort- 
satz von bedeutendem Umfang, der mit dem intact blei- 
benden zweiten Knochen gelenkt. Aehnliche Erscheinungen 
treten dann ein. wenn das Band gleichzeitig von beiden 
Knochen ossificirt. Entsteht drittens im Band ein selbstän- 
diger secundärer Kuochenkern. dann kann dieser entweder 
durch Bandreste mit beiden Knochen verbunden sein, oder er 
kann mit einem oder beiden ein Gelenk ausbilden, wobei noch 
zu berücksichtigen ist, dass unter gewissen Umständen auch 
die durch Bandverknöcherung entstandenen Knochenfortsätze 
secundär als selbständige Knöchelchen auftreten und sich 
ähnlich verhalten können. Endlich kann aber auch noch 



24 



Gesellschaft naturfor seilender Freunde, Berlin. 



die Verknöcherung, die in einem Bande stattfindet, in ein 
mit ihm verwachsenes zweites Band übergreifen, es ver- 
halten sich dann die als Einheit zu betrachtenden Liga- 
mente wie ein einziges Band und können alle Ossifications- 
modalitäten gemeinsam erleiden. Alle diese Bandverknö- 
cherungen sind am Säugethierfuss so häufig, dass man wohl 
ohne Uebertreibung sagen kann: Weitaus die meisten Bän- 
der des primitiven Säugethierfusses erleiden, während sich 
dieser Fuss in seine höher entwickelten, zahlreichen Des- 
cendenten umbildet, derartige Verknöcherungen, und sie 
vor Allem sind es, welche den Füssen und Fussknochen 
der einzelnen Familien, Gattungen und Arten ihr charakte- 
ristisches Gepräge verleihen. Ich werde dies für den 
grössten Theil der Säugethier- Familien und -Gattungen in 
der demnächst erscheinenden Fortsetzung meiner Arbeit 
über die Phylogenese des Säugethierfusses klarlegen, hier 
nur wenige Beispiele: Die Malleoli der Tibia und Fibula 
sind derartig entstandene secundäre Bandverknöcherungen. 
Sie fehlen manchen Säugethieren ganz, bei anderen sind sie 
nur sehr schwach entwickelt. Ihre Entstehung ist folgende : 
Bekanntlich ist bei allen Säugethieren die Fib. an ihrer 
lateral -proximalen Ecke mit der Ast. -Lateral seite durch 
das Lig. fib.-cal. posticum der Anthropotomen verbunden, 
mit diesem Band verbindet sich gewöhnlich ein anderes 
gleichlaufendes, welches die Fib. an den Cal. befestigt 
(Lig. fib.-cal. posticum der Anthropotomen). In Facto sind 
beide Bänder nur Fasern eines Bandes, welches von der 
Fib. kommt und sich gleichzeitig am Ast. und Cal. festsetzt. 
An Säugethierfüssen, welche keinen ausgebildeten Malleolus 
externus besitzen (Equus z. B.) entspringt an der Fib. -La- 
teraldistal-Ecke ein ganz entsprechend gestaltetes Band, 
dasselbe läuft schräg vorwärts und inserirt am Ast. -Körper 
an der Lateraldistal - Ecke und an der darunter liegenden 
Partie des Cal. -Körpers. Es könnte als Lig. fib. -ast. -cal. 
anticum bezeichnet werden und besteht aus den Abschnitten 
Lig. fib. -ast. anticum und Lig. fib.-cal. anticum. Dieses 
Band kann nun in sehr verschiedener Weise verknöchern: 
einmal von der Fib. aus; es entsteht dann an derselben ein 



Sitzung vom 16. Januar 1894. 



25 



Fortsatz (Malleolus externus). der sich an der Ast, -Lateral- 
seite gegen den Cal. hinabschiebt, er kann so lange wach- 
sen bis das ganze Band verknöchert ist und der Malleol. 
ext. an den unveränderten Cal. -Körper stösst, wobei er 
mit diesem und dem senkrecht abgeschliffenen Ast.- 
Körper in Gelenkverbindung tritt (Elephas, Monis). Es 
kann zweitens das Lig. fib. - ast. - cal. anticum verknöchern 
gleichzeitig von der Fib. und vom Cal. aus (Artiodactylen), 
dann entsteht ein Malleolus externus, dem vom Cal. aus 
ein Fortsatz entgegen wächst, beide gelenken zum Schluss 
mit einander und mit der Ast. -Lateralseite (Zweite Form 
des Fib. -Cal. -Gelenks). Es kann drittens das Band ver- 
knöchern von der Fib. und vom Ast. aus, es schiebt sich 
dann ein Ast. - Fortsatz zwischen den Cal. -Körper und den 
Malleolus externus, und gelenkt mit beiden (Mensch, Affen, 
Raubthiere mit Ausnahme der Mustelinidae , wo das Band 
nur von der Fib. aus eine Strecke weit verknöchert und 
der Ast. demnach eine Malleolus-externus-Facette mit senk- 
rechter Abschleifung besitzt. Endlich kann das Band in 
Gemeinschaft mit dem Lig. cal. -fib. posticum fast ausschliess- 
lich von der Ast. -Lateralseite verknöchern; bei einem der- 
artig umgewandelten Ast. liegt die Malleolus -externus- Ge- 
lenkfläche fast horizontal und schaut dorsalwärts (bei den 
meisten Beutelthieren). 

Ganz ähnliche Entstehung hat der Malleolus internus 
der Säugethiere. Es entspringt nämlich bei ihnen norma- 
lerweise an der Tib. an der medial -proximalen Ecke ein 
sehr starkes Band (Lig. talo-tibiale posticum der Anthro- 
potomen) und inserirt an der Ast. -Medialseite an der Tu- 
berositas medialis; ein entsprechendes Band entspringt bei 
Thieren ohne oder mit wenig ausgebildetem Malleolus in- 
ternus (Phoca, Hydrochoerus capybara u. a.) an der Tib.- 
Medial distal -Ecke, setzt sich einmal an den Ast.-Hals und 
zieht dann (als Lig. deltoideum der Anthropotomen) zum 
Sustentaculum tali, Nav. u. s. w. Dieses Band, soweit es 
am Ast. inserirt. verknöchert oft extrem von der Tib. und 
bildet dann einen in einer Grube des Ast. - Halses gelen- 
kenden Malleolus internus (Affen, Halbaffen, Wiederkäuer) ; 



26 Gesellschaft natur forschender Freunde, Berlin. 



bei einer Myrmecophaga tetradactyla fand ich in diesem Band 
einen selbständigen Knochenkern in Vertretung des Mal- 
leolus internus. Bei den meisten Beutelthieren ist das 
Band vom Ast. -Hals aus verknöchert. Seltener verknöchert 
bei Säugethieren das Lig. tib.-ast. posticum von der Tib. 
aus (Orycteropus capensis. Dasypus gigas); bei den Musteli- 
niden sind beide Bänder gleichzeitig stark, aber nicht zum 
Maximum, von der Tib. aus verknöchert und gelenken daher 
noch verhältnissmässig wenig an der Ast. -Medialseite. 

Auch die Tib.- und Ast.-Proximalseite sind am primi- 
tiven Säugethierfuss durch starke Bandmassen verbunden, 
die mit der Gelenkkapsel untrennbar verwachsen sind. Bei 
vielen Beutelthieren entstehen in dieser Bandmasse und 
aus ihr ein oder zwei selbständige Knöchelchen (bisher 
war, soviel ich weiss, nur eins bekannt und von Barde- 
leben als Intermedium tarsi gedeutet worden, eine An- 
schauung, der mit Recht von Baur widersprochen ist). 
Beide Knochen bilden bei den Placentalthieren Fortsätze 
der Fib. (Dabei wäre noch zu bemerken, dass das von 
Bardeleben ebenfalls als Intermedium tarsi angesprochene, 
zuweilen beim Menschen vorkommende, vom Ast. abge- 
trennte Knöchelchen ganz anderen Ursprungs ist, und zwar 
entweder aus dem Lig. fib.-ast. posticum neu entsteht oder 
als wirklicher Ast. -Fortsatz aus einem Bande hervorgegan- 
gen ist, das an tiefer stehenden Füssen den Ast. und Cal. 
unmittelbar hinter den lateralen Facetten verbindet.) Im 
CHOPART'schen Gelenk interessirt vor Allem die Verknöche- 
rung des Lig. cal.-nav. plantar -laterale, dieses Band ent- 
springt von der Cal. - Kopf - Medialseite unten und inserirt 
an der Nav. -Plantar -lateral -Ecke. Beim Menschen kann 
man die eine Art seiner Verknöcherung durch alle Ent- 
wicklungsstadien verfolgen : Es verknöchert dort einmal 
vom Cal. -Kopf aus, dessen Processus anterior bildend, der 
zuweilen als selbständiges Knöchelchen auftritt, wie Gruber 
angiebt, und ferner oft auch noch vom Nav. aus, dessen 
plantar -laterale Ausbuchtung bildend, die nach Erreichung 
einer gewissen Grösse ebenso wie der Cal. -Processus ante- 
rior am Ast. -Kopf gelenkt, der sich zu diesem Zweck auf 



Sitzung vom 16. Januar 1894. 



27 



Kosten des Lig. cal. - ast. interosseum vergrössert. Im 
Maximum ihrer Ausbildung stossen beim Menschen der 
Cal. -Processus anterior und Nav. -Processus plantar-lateralis 
in einem Gelenk zusammen oder verwachsen, sodass im 
letzteren Fall Cal. und Nav. untrennbar vereinigt sind. Ein 
ähnliches Verhalten zeigt das Band bei sämmtlichen Affen, 
bei den Ursiden. Caniden und Feliden, bei letzteren ist 
allerdings der Cal. -Processus anterior gewöhnlich erst als 
kleines Höckerchen am Cal. vorhanden, dagegen ist bei den 
Hyäniden das ganze Band vom Nav. aus verknöchert, wäh- 
rend bei den Wiederkäuern auf seine Kosten zwar ein Cal.- 
Processus anterior entsteht, dann aber nicht ein Nav.- 
Fortsatz. sondern vermittelst eines mit ihm verbundenen 
Hilfs-Bandes ein Cub. -Fortsatz, sodass hier das Cub. mit 
dem Cal. -Processus anterior und ferner mit dem Ast. -Kopf 
unten gelenkt. 

Ebenso verschieden verknöchert im CHOPART'schen Ge- 
lenk des Lig. cal. -nav. -cub. interosseum, ein Doppelband, 
dessen Fasern von der Cal.-Kopf-Medialseite über dem vo- 
rigen Band entspringen und an der Nav. -Dorsal -medial- 
Ecke und Cub. - Dorsal - lateral - Ecke inseriren. Es ver- 
knöchert dieses Band bei den Alt-. Neuwelt- und Halbaffen 
stets vom Nav. und Cal. aus. ebenso bei Cynaelurus gut- 
tatus, beide Knochen senden dann Fortsätze gegen einander 
vor. die zum Schluss mit einander gelenken, durch diese 
Fortsätze wird es dem Cub. unmöglich gemacht, sich dem 
Ast. -Kopf wie bisher zu nähern. Ganz ausschliesslich vom 
Nav. aus verknöchert das Band bei Elephas und den Equi- 
den; in noch anderen Fällen verknöchert das Band vom 
Ast. - Kopf und Cub. aus . dann entsteht auf seine Kosten 
ein oberes Ast.-Cub. -Gelenk (Schimpanse. Bären, bei Muste- 
liniden ist es in der Entwicklung). Bei den Caniden, eini- 
den Feliden (Jaguar nach Schlosser, auch von mir beob- 
achtet), Procyon und Nastia ist das Band bald intact vor- 
handen, bald verknöchert es zu einem Ast. -Cub. -Gelenk, 
oder zu einem Cal. -nav. -Gelenk). In diesen Fällen zeigt 
sich, dass der Fuss mit intactem Band die freiesten Seit- 
wärtsdrehungen gestattet und dass der Fuss mit oberem 



28 Gesellschaft naturforschender Freunde, Berlin. 



Nav. - Cal. - Gelenk weniger einwärts, der mit oberem Cub.- 
ast. - Gelenk weniger auswärts als bisher gedreht werden 
kann. Hieraus ergiebt sich, dass die Füsse mit oberem 
Cal. -nav. -Gelenk und die mit oberem Cub.-ast.- Gelenk 
divergente Entwicklungsformen aus gemeinsamer Urform 
darstellen. Bei den Artiodactylen, Tapiriden, Paläotheri- 
den, bei Manis u. s. w. ist das Band vorwiegend vom 
Ast. -Kopf aus verknöchert, es schiebt an derartig umgebil- 
deten Füssen der Ast. Kopf eine Knochengräte zwischen das 
Nav. und Cub., die jede Ein- und Auswärtsdrehung des 
Fusses verhindert. Dies ist also die vierte Entwicklungs- 
form eines Fussabschnitts aus gemeinsamer Urform. 

Andere ebenso wichtige Bandverknöcherungen sind in 
meiner Arbeit über den Prähallux klargelegt, noch andere 
werde ich demnächst beschreiben. 

Ebenso wie Bandabschnitte können Sehnenabschnitte 
verknöchern und zwar einmal direct von einem ihrer Inser- 
tionspunkte aus, dann auch selbständig, indem in ihnen 
secundäre Knochenkerne entstehen, das letztere geschieht 
gewöhnlich dort, wo Sehnen an benachbarten Knochen vor- 
überziehen und dieselben als Rollen benutzen. Als beson- 
ders auffälliges Beispiel ist zu erwähnen das Verhalten der 
Musculus -peronaeuslongus -Endsehne. Bei den Hundsaffen 
verknöchert ein Abschnitt dieser Sehne direct vom Mtsi 
aus, dies geschieht auch bei allen Raubthieren, bei Myrme- 
cqphaga- Arten und in ganz extremer Weise bei den Halb- 
affen, ausserdem findet man bei den Altweltafifen in dieser 
Endsehne, wo sie am Cub. reibt, einen selbständigen Kno- 
chenkern, dem beim Menschen ein entsprechend gelegener 
Knorpelkern entspricht. — Es verknöchert ferner bei den 
meisten Raubthieren und bei Myrmccophaga ein dem Muse, 
tibialis anticus und Muse, abduetor hallucis gemeinsamer 
Sehnentheil direct vom Mtsi, bei den Neuweltaffen und 
Hyldbates- Arten entsteht aus demselben Sehnenabschnitt ein 
selbständiges Knöchelchen. 

Die physiologischen Ursachen solcher Band- und Seh- 
nenverknöcherungen sind dieselben, wie diejenigen, welche 
das interne Knochenwachsthum beherrschen : Druck und 



Sitzung vom 16. Januar 1894. 



29 



Zug: und zwar erzeugt, wie später ausführlich bewiesen 
werden wird, extreme Zugwirkung in Bändern und Sehnen 
die Knochenpartien; der Druck, den diese Knochenpar- 
tien in Berührung mit anderen Knochen erleiden, schleift 
sie ab, und erzeugt ihre Gelenkflächen, denn der Druck 
bringt, wie längst bekannt. Knochensubstanz zum schwin- 
den. Die Gesetze der Druckwirkung auf den Knochen sind 
gut bekannt, dagegen ist der das Knochen wachsthum anre- 
gende Einfluss der Zugwirkung auf Knochen und Bänder 
bis jetzt noch sehr wenig erforscht und doch kommt ihm 
fundamentale Bedeutung zu, denn unter anderem verdanken 
ihm in letzter Instanz die langen Knochen ihr extremes 
Längenwachsthum . während diesen homologe Knochen, die 
unter starker Druckspannung stehen, im Verhältniss zu 
ihrem Volumen kurze Knochen sind. (Man vergleiche die 
Metatarsen der vorwiegend grabenden mit denen der vor- 
wiegend rennenden Thiere: die der Jlanis- und Musteli- 
niden- Arten mit denen der extremen Caniden.) 

Ueber die Entstehung der Band verknöcherungen wäre 
in dieser vorläufigen Mittheilung noch folgendes zu bemer- 
ken: Bänder werden, wie bekannt, dadurch zur Spannung 
gebracht, dass Muskeln, die an der ihnen gegenüberliegen- 
den Gelenkseite inseriren, in Contraction gerathen. Jeder 
derartigen Muskel contraction kommen zwei Wirkungen auf 
das von ihr beherrschte Gelenk zu. einmal eine directe 
Einwirkung, die internes Knochenwachsthum erzeugt: Die 
Knochen werden an der Muskelseite auf einander gedrückt 
und zur Verkürzung angeregt, auf der Bandseite von ein- 
ander entfernt und durch das verbindende Band, sobald 
dieses in Zugspannung geräth, in Zugspannung versetzt und 
zur Verlängerung angeregt, würde dieselbe Muskelcontrac- 
tion oft ausgeführt und wirkte ihr dabei keine ebenso ener- 
gische antagonistische Bewegung entgegen, dann würde be- 
reits durch dieses interne Knochenwachsthum das Gelenk eine 
Form annehmen, die es gleichsam in der durch die Mus- 
kelcontraction vorübergehend erzeugten Stellung erstarren 
lässt (vorläufig zu vergleichen die interessanten Expe- 
rimente von R. Fick: Archiv für Anat. und Physiol. 



30 



Gesellschaft naturforschender Freunde, Berlin. 



1890 und die Roux' sehen Bemerkungen über dieselben, die 
ihnen erst ihren grundlegenden Werth verleihen: Biolog. 
Centralbl. 1891, p. 189). Das der Muskelcontraction an- 
tagonistisch entgegenwirkende Band wird durch die Muskel- 
contraction in Spannung versetzt und dadurch zur Ver- 
knöcherung angeregt, d. h. die Muskelcontraction erzeugt 
zweitens peripherisches Knochenwachsthum. Das auf diese 
Weise im Band entstehende secundäre Knöchelchen oder 
die aus ihm in gleicher Weise hervorgehenden Knochen- 
fortsätze modificiren ebenfalls die Bewegungsfähigkeit des 
Gelenks und zwar dadurch, dass sie dessen Bewegung in der 
der Muskelwirkung antagonistischen Richtung modificiren, 
beschränken oder ganz aufheben, so erlangt eine Muskel- 
kraft, indem sie die Bänder der antagonistischen Gelenk- 
seite zur Verknöcherung zwingt, Einfluss auf die sonst 
ihrem Einfluss nicht unterworfene antagonistische Fussseite 
und es kann auf diese Weise ein Gelenk, das ursprüng- 
lich zwei antagonistische Bewegungen gleich gut auszu- 
führen vermag, bei einseitiger Verwendung zu einer Bewe- 
gung die Befähigung zur Ausführung der anderen ganz 
verlieren. Werden also z. B. in einem Fuss überwiegend 
Streckbewegungen ausgeführt, dann passt sich nicht nur 
dieser Fuss durch internes Knochenwachsthum diesen Ge- 
lenkbewegungen an, sondern er verliert auch mit Hilfe des 
peripherischen Wachsthums seiner Knochen die Befähigung, 
Beugebewegungen in der früher vorhandenen Ergiebigkeit 
auszuführen. Die Detailausführung dieser Gedanken be- 
halte ich mir für meine demnächst erscheinende grössere 
Arbeit vor. 

Herr Arthur Krause machte folgende Mittheilungen 
über nackte Landschnecken von Tenerifa, die sein Bru- 
der Aurel Krause in den Monaten Februar und März des 
Jahres 1893 daselbst gesammelt hat. 

Während die übrigen Pulmonaten von Tenerifa gut be- 
kannt sind und namentlich in den Werken von Mousson 
(Revision de la Faune Malacologique des Canaries, 1872), 
von Wollaston (Testacea Atlantica, 1878) und von Mabille 



Sitzung vom 16. Januar 1894. 



31 



Nouv. Archiv, du Mus.. VII) recht erschöpfend behandelt 
sind, finden sich darin über Xacktschnecken nur die alten 
Angaben von d'Orbigxy wiederholt. Dieser hatte für Te- 
nerifa zwei neue Arten. Limajc canariensis und carenatus 
aufgestellt; spätere hier und da zerstreute Angaben neuerer 
Forscher erwähnen dagegen für diese Insel nur bekannte 
europäische Arten und auch die im Folgenden aufgezählten 
Funde meines Bruders machen es ziemlich sicher, dass die 
d'Orbgixy' sehen Arten einzuziehen sind. 

Limax variegatus Drap. — Ein grosses, ausgewach- 
senes Stück vom Barranco del Castro bei Orotava und ein 
junges Stück von der Südseite der Insel. — Das Thier 
wurde nicht zerlegt, konnte aber an den äusseren Merk- 
malen mit Sicherheit bestimmt werden. Die Art ist ausser 
von Heixemaxx (Mal. Jahrb., XII, p. 289) auch von Herrn 
Prof. Simroth nach brieflicher Mittheilung durch Unter- 
suchung eines Stückes im Wiener Museum für Tenerifa 
festgestellt worden. — Zu dieser und nicht zu einer der 
folgenden Arten möchte ich mit Heixemaxx. schon der 
Grösse wegen, den Limax canariensis d'Orb. stellen. 

Limax arborum Bouch. 

1. forma typica. Drei Stücke von Puerto. — Die 
Zeichnung der Thiere. sowie die Genitalien und die Radula 
eines zerlegten Stückes zeigen keine erwähnenswerthen Ab- 
weichungen von den Verhältnissen der typischen Form, die 
hierdurch zum ersten Mal für Tenerifa erwähnt wird. 

2. var. valentianus Fer. Vier Stücke von Puerto. 
— Diese Varietät ist schon von Simroth nach Stücken aus 
dem Senckenbergischen Museum als Bewohner von Tenerifa 
erkannt worden. (Acta Leopold., Taf. 3, Fig. 5 u. 5a.) 

Agriolimax agrestis L. Sieben Stück aus der Um- 
gegend von Puerto. — Nach der Zeichnung liegt die typische 
reticulatus - Form vor; auch die anatomische Untersuchung 
rechtfertigte die Bestimmung. Das Vorkommen von Agr. 
agrestis auf Tenerifa wird schon von Ferussac (Hist. nat.. 
II. 96. E) nach Ledru erwähnt, später von Heixemaxx 
(Mal. Jahrb., XII. p. 289) und von Simroth (ebenda, XIII, 



32 Gesellschaft naturfor seilender Freunde, Berlin. 



p. 319) bestätigt. - An derselben Stelle erwähnt Simroth 
das Vorkommen von Agr. Drymonius Bourg. auf Tenerifa; 
diese — Art oder Abart — ist nach ihm äusserlich von Agr. 
agrestis nicht zu unterscheiden, aber durch den Mangel des 
Reizkörpers charakterisirt. l ) 

Amalia gagates Drap. Zwölf Stück, namentlich aus 
der Umgegend von Puerto, aber auch aus der Erikenregion 
oberhalb Cruzanta. — Die Thiere sind einfarbig schwarz, 
an den Seiten mehr oder weniger heller grau. Radula 
und Genitalien zweier zerlegten Stücke stimmen zu der 
typischen Form. Bei drei Exemplaren war der Reizkörper 
herausgestreckt und bei zweien derselben zeigte sich neben 
demselben die Spermatophore; die richtige Deutung dieser 
Theile vor der erst später ausgeführten Zerlegung verdanke 
ich einer freundlichen Mittheilung des Herrn Prof. Simroth. 

— Die aus biegsamem, braunem Conchiolin bestehende 
Spermatophore zeigt IV2 — 2 korkzieherähnliche Windungen; 
sie stak mit dem dickeren Ende in der Patronenstrecke 
und war an der frei herausragenden Spitze mit einfachen, 
rückwärts gerichteten Dornen, weiter unten mit mehr und 
mehr dichotom zerschlitzten, platten Stacheln besetzt. Die 
Länge der ausgestreckten Spermatophore beträgt ca. 9 mm, 
der stärkste Durchmesser der Achse 0,4 mm, und die Sta- 
cheln, die namentlich auf der convexen Seite derselben 
aufsitzen, erreichen in der Mitte eine Länge von 0,6 mm. 

— Diese Schnecke ist, wie schon Heinemann nach den 
Sammlungen von Grenacher und Noll feststellte (Mal. 
Jahrb. XII, pag. 290), unzweifelhaft der Limax carenatus 
d'Orb. Auch Simroth erwähnt das Vorkommen von Amalia 
gagates auf den Caoaren (Mal. Jahrb. XIII, pag. 322, und 
Nov. Acta Leop. LXI, Taf. 3, Fig. 2. 

*) Eine später vorgenommene Untersuchung zweier weiteren Exem- 
plare zeigte in der That, dass eines derselben zu agrestis, das andere 
aber zu Drymonius zu rechnen ist, da im Penis statt eines freien 
conischen Reizkörpers nur drei Längsfalten vorhanden sind. 



Sitzung vom 16. Januar 1894. 



33 



Herr Hans Virchow theilte einige embryologische und 
angiologische Erfahrungen über nordamerikanische 
Wirbelthiere mit. 

Ich berichte hier über eine im Frühling und Sommer 
1893 angestellte Reise, welche z. Th. wissenschaftlichen 
Aufgaben diente, bemerke aber gleich, dass nur ein Theil 
meiner Zeit diesen Zwecken gewidmet war. Es kam mir 
in erster Linie darauf an, das Land und seine Einrichtungen 
kennen zu lernen; auch hatte ich einen Auftrag für Chicago, 
der mich gerade in der Zeit, welche ich für embryologische 
Untersuchungen hätte brauchen können, in empfindlicher 
Weise störte. Ich hatte von vornherein nur ins Auge ge- 
fasst. embryologisches Material zu konserviren und einige 
Gefäss-Injectionen und Präparationen, die an Ort und 
Stelle gemacht werden mussten, auszuführen. Da ich von 
vornherein nicht wissen konnte, was ich in dem fremden 
Lande erreichen würde, so hatte ich verschiedene Fragen 
in's Auge gefasst: Ich dachte an die Entwicklung von Le- 
pidosteus, Amia, Necturus und Spatularia. Von Lepidosteus 
habe ich am Black Lake im Staate New -York, dem 
klassischen Orte für Lepidosteus-Embryologie, ein ziemlich 
reichliches Material erhalten, jedoch ohne die frühesten 
Stadien. Ich kam dorthin acht Tage zu spät. Von Amia 
habe ich nur einige Larven erhalten, welche mir Herr Hay 
in Chicago schenkte. Von Necturus erhielt ich in Oco- 
nomowoc im Staate Wisconsin nur 13 Larven; ich kam 
dorthin mehrere Monate zu spät. Ueber Laichzeit und 
Laichplätze von Spatularia konnte ich weder bei Gelehr- 
ten noch bei Fischern irgend etwas erfahren; obwohl ich 
eine Reise nach Dubuque in Jova machte und dort einen 
Grossfischer aufsuchte, der häufig diesen Fisch für den Ver- 
kauf fing, so waren doch die Nachforschungen nach der 
Laichzeit erfolglos. Zu den genannten* Thieren kam noch 
Amblystoma punctatum, worauf mich Herr Ramsay Wkight 
in Toronto aufmerksam machte. 

Zu diesen embryologischen Aufgaben kamen einige ver- 
gleichend anatomische. Namentlich interessirten mich die 

Kopf- und Kiemengefässe und die Augen von Lepidosteus 

^ ** 



34 Gesellscluift naturforschender Freunde, Berlin. 



und Amia. Von Lepidosteus osseus erhielt ich in Kingston 
(Ont.) in Canada einige lebende Exemplare und führte gut 
gelingende Injectionen aus. Von Amia war es schwer, 
lebende Thiere zu erhalten, da dieser Fisch im Sommer 
in die Binsen geht, d. h. sich in flache, sumpfige, dicht mit 
Wassergräsern bedeckte Stellen der See- und Flussufer 
zurückzieht, wo man ihm mit Netzen nicht beikommen 
kann; ich bekam nur ein lebendes Exemplar. Trotz der 
ausserordentlichen Zähigkeit dieses Fisches (welche z. B. 
dahin führte, dass in den Aquarien der Fisch-Commission 
auf der Chicagoer Ausstellung sich die Amiae mit der 
Zeit besonders häuften. w r eil von den stets erneuten Zu- 
fuhren die übrigen Fische früher oder später starben und 
die Amiae übrig blieben), starb mein Exemplar, da es 
während der Nacht aus dem Becken gesprungen war. 

Unter denen, welchen ich Dank schulde, hebe ich 
heraus Prof. Ramsay Wkight in Toronto, der mich in dem 
sauberen, gut eingerichteten, hübsch gelegenen biologischen 
Laboratorium der Queens University gastlich aufnahm, so- 
wie seine Assistenten, die Herren Jeffrey und Macrae, 
welche mich zu den Laichplätzen von Amblystoma puncta- 
tum führten und Eier und Larven in meiner Abwesenheit 
für mich conservirten; sodann den Principle (Präsidenten 
der Universität) Herrn Grast, Professor der Zoologie 
Herrn Fowler und Professor der Physiologie Herrn Knight 
in Kingston Ont., welche mir die Hülfsmittel der Uni- 
versität, der Bibliothek und des histiologischen Institutes 
der King's University zur Verfügung stellten, Herrn Wiiit- 
man in Chicago, der mir Oconomowoc als einen geeigneten 
Platz für Neckirus-lZnt wicklung nachwies, Herrn Baur, der 
mir einige ältere Larven von Necturus, und Herrn Hay, 
der mir zwei Larven von Amia schenkte. Doch bewahre 
ich in dankbarer Erinnerung die Namen zahlreicher anderer 
Personen, welche mich durch Rathschläge, Empfehlungen 
und Beförderung unterstützten. Auch die beiden Fischer, 
Herrn Perry in Edvardsville am Black Lake N.-Y. und 
Herrn Henry Meyer in Oconomowoc Wis., muss ich 
rühmen, sowohl wegen ihrer genauen Kenntniss der Laich- 



Siteimg Vom IG. Januar 1894. 



35 



platze, als auch wegen ihrer praktischen Hülfe. Der 
reisende Forscher findet sich in den vereinigten Staaten 
durch die Intelligenz und schnelle Auffassung auch der 
ländlichen Bevölkerung sehr gefördert, und ich glaube auch 
nach meinen persönlichen Erfahrungen, dass dieser Theil 
der Bevölkerung drüben mindestens ebenso gefällig ist, dem 
Fremden zu helfen, wie bei uds. Dazu kommt noch, dass 
für den Amerikaner der Gedanke, dass gerade er der Mann 
sei, eine Sache zu machen, die Andere nicht machen 
können, etwas Aufstachelndes besitzt. 

Ich will nun ausdrücklich bemerken, dass es von vorn- 
herein nicht meine Absicht war, die Embryologie der oben 
genannten Formen in ausführlicher, etwa monographischer 
Weise zu behandeln. Dazu sind derartige vorübergehende 
Besuche nicht geeignet. Es gehört überhaupt zu der Vor- 
bereitung einer monographisch embryologischen Bearbeitung 
selbst im günstigen Falle eine zweijährige Campagne: im 
ersten Jahre muss man die Gelegenheiten kennen lernen 
und sich mit dem Material vertraut machen, im zweiten 
kann man dann mit guter Disposition an die Arbeit gehen, 
wobei ja auch eine Fülle von Beobachtungen am frischen 
lebenden Material zu sammeln ist. Solche mehr mono- 
graphisch angelegten Bearbeitungen sind auch theilweise 
schon von amerikanischen Forschern gemacht, für die das 
Material leichter erreichbar ist (Lepidosteus, ArnUystomd), 
theilweise sind sie, wie ich erfuhr, in Vorbereitung. 

Das von mir gesammelte embryologische Material habe 
ich bisher in keiner Richtung durchgearbeitet, da ich seit 
meiner Rückkehr mit anderen Aufgaben beschäftigt war. 
Ich will daher nur einiges über Laichzeiten, Laichplätze 
und Larvenzustände mittheilen. 

1. Ambly Stoma punctatum. — Am 25. und am 
27. April sammelte ich bei Toronto mit den Herren Mac- 
callum und Jeffkey Laich in mehreren Tümpeln. Das 
Wetter war in der vorausgehenden Zeit anhaltend kühl 
gewesen. Die Laichplätze sind kleinere und grössere 
Tümpel. Die gesammelten Stadien waren ziemlich ver- 
schieden, woraus zu schliessen ist, dass die Laichzeit sich 



36 Gesellschaft naturforschender Freunde, Berlin, 



über einen längeren Zeitraum erstreckt. Innerhalb der 
einzelnen Eihaufen, welche durchaus den Eihaufen unserer 
Frösche gleichen — nur ist das Eiweiss sehr compakt — , 
sind alle Eier stets auf derselben Stufe der Entwicklung. 
Wenn also bei Zimmertemperatur hier Differenzen vor- 
kommen, so muss man dies auf Störungen zurückführen. 
Die Eihaufen wurden dann zusammen mit Wasserpflanzen 
in einem cementirten Becken des biologischen Institutes 
aufbewahrt, welches sich unter einem Glasdach befand, 
dessen Wasser also durch die Sonne eine ziemlich hohe 
Temperatur annehmen konnte und im Laufe des Sommers 
grossentheils verdunstete. Am 20. Mai hatten die Larven 
zum grössten Theil die Hüllen verlassen, einige jedoch 
noch nicht. Sie waren von sehr verschiedener Grösse; 
die grösseren verschlangen die kleineren, sowie es Sala- 
mander-Larven in Gefangenschaft zu thun lieben. Am 
9. Juli, wo ich die Larven nach längerer Abwesenheit 
wiedersah, fand ich die äusseren Kiemen wohl entwickelt. 
Die Thiere schwammen geschickt und ruckartig, bewegten 
sich aber, wenn sie nicht gestört wurden, vorwiegend gehend 
auf dem Grunde des Wassers. Am 21. September hatte 
eine einzige Larve die äusseren Kiemen verloren. Ich con- 
servirte die Mehrzahl der noch verbliebenen und versuchte 
noch fünf derselben lebend mit nach Europa zu bringen, 
von welchen aber drei in Folge von gegenseitigem An- 
fressen auf der Ueberfahrt starben. Der eine der beiden 
Ueberlebenden hatte am 9. Oktober die äusseren Kiemen 
verloren. Die Larven liessen sich mit Fleischstückchen 
gut füttern. 

Die Färbung der Larven ist am Rücken und an den 
Seiten ein helles Gelbbraun, welchem schwarzes Pigment 
beigemischt ist. An den Seiten finden sich weisse Flecke. 
Der Bauch ist mehr gleichmässig weiss. In der Mittellinie 
desselben verläuft ein unpigmentirter Streifen, durch wel- 
chen man die Bauchvene sieht, auch die Kehlhaut ist un- 
pigmentirt. Die Larve, welche die äusseren Kiemen ver- 
loren hatte, zeigte am Rücken und an den Seiten eine mehr 



Sitzung vom 16. Januar 1894. 



37 



schwarze Färbung und einen dickeren Schwanz, als die 
übrigen. 

2. Necturus. Necturus kommt in den zahlreichen 
Seeen im südlichen Wisconsin häufig vor und auch an an- 
deren Stellen der Vereinigten Staaten. Die Laichzeit ist 
nach mündlichen Angaben der Brüder Meyer Mitte Mai, im 
Jahre 1893 fiel sie auf den 22. Mai, d. h. später wie gewöhn- 
lich; sie variirt nach dem Wasserstande. Die Thiere legen 
nicht zu verschiedenen Zeiten ab. sondern angeblich zu 
gleicher Zeit, sozusagen auf dieselbe Stunde. 

Die Laichplätze finden sich im See an flachen Stellen, 
oft ganz dicht am Ufer, z. Th. auch fünf bis sechs Fuss 
unter der Oberfläche. Die Eier werden äusserst versteckt an 
die Unterseite von Brettern u. s. w. abgesetzt, an welchen 
sie ankleben. Man kann die Stelle als einen flachen Gang 
im Sande erkennen, welcher zu einer niedrigen Oeffnung 
zwischen dem Rande des Brettes und dem Seeboden hin- 
führt. Das Weibchen liegt unter dem Brett, die l£ier be- 
wachend. 

Ich erhielt in Oconomowoc am 27. Juli nur dreizehn 
Larven, die acht Tage früher in den Eihüllen gefunden, 
aber inzwischen ausgeschlüpft waren; sie waren alle gleich 
weit entwickelt und das Dotterorgan von beträchtlicher 
Grösse. Das letztere hatte eine rein gelbe Färbung in 
seiner unteren Hälfte; die obere Hälfte besass sehwarzes 
Pigment, durch welche das Gelb hindurchschimmerte. Am 
3. August waren am Dotterorgan Einkerbungen bemerkbar, 
welche sich am 5. August, an welchem Tage ich die letzten 
Larven conservirte, stärker ausgebildet hatten. Die übrige 
Färbung der Larve ist eigenthümlich : auf dem Rücken 
läuft ein bräunlich -schwarzer Streifen, seitlich davon ein 
hell-fleischfarbener Streifen, fast gänzlich ohne schwarzes 
Pigment. Ein ebenso gefärbter, aber sehr feiner Strich 
theilt den schwarzen Rückenstreifen im Bereich der hinteren 
Rumpfhälfte in einen rechten und linken. An der Seite 
des Thieres verläuft wieder ein schwarzer Streifen; am Kopf 
verbreitert sich der dorsale Streifen sehr. Der schwarze 
Seitenstreifen läuft über das Auge weg; über der Schnauze 



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Gesellschaft natur forschender Freunde, Berlin 



trifft er mit dein Rückenstreifen zusammen. Die Extre- 
mitätenenden sind unpigmentirt und weisslich, d. h. weniger 
transparent wie Schwanz und Kiemen. 

Die Bewegungen dieser frisch ausgeschlüpften Larven 
sind ausgiebig schlängelnd, jedoch liegen die Thiere meist 
ruhig. Zuweilen fallen sie auf den Rücken und bleiben 
dann einige Minuten so liegen. Die Extremitäten werden 
nicht benutzt. Schon am 3. August fand ich jedoch die 
Extremitäten in Thätigkeit. 

3. Lepidosteus osseus. Lepidosteus osseus ist in den 
Vereinigten Staaten sehr verbreitet; dennoch habe ich, ob- 
wohl ich an verschiedenen Plätzen eingehende Erkundigungen 
einzog und selbst manchen Tag im Boot und in Wasserstiefeln 
auf das Absuchen der von ihm besuchten Ufer verwendete, nur 
in Oconomowoc und am Black Lake etwas über seine Laich- 
gewohnheiten erfahren. Ich will daher den letzteren Ort, der 
als die classische Lokalität für Lepidosteus-Entwicklung be- 
zeichnet werden kann, schildern. Der „schwarze See" im 
Norden des Staates New-York ist 18 englische Meilen lang und 
erstreckt sich von Südwest nach Nordost, hat also ein süd- 
liches, zu gleicher Zeit östliches, und ein nördliches, zu 
gleicher Zeit westliches Ufer. Die engste Stelle (the 
narrows), durch eine grössere Insel ausgezeichnet, findet 
sich bei Edvardsville in halber Länge des See's. Der See 
liegt in der Gneisformation, welche auch der St. Lorenz in 
seinem Anfangsstück durchbricht, die berühmten „tausend 
Inseln" bildend. Ausserdem trifft man eine zweite For- 
mation von Kalk oder Sandstein. Infolge dessen ist das 
Ufer zum grossen Theil felsig, ebenso wie die in dem See 
gelegenen Inseln; auch trifft man isolirte Felsen mitten im 
Wasser über die Oberfläche oder bis dicht an die Ober- 
fläche emporragend. Trotzdem hat der hübsche See in 
keiner Weise einen pittoresken Charakter. Die Höhen 
hinter dem Ufer erheben sich nämlich selten über 40, die 
Felsen, die das Ufer selbst bilden, selten über 20 Fuss. 
Fast nie fällt der Felsen in Form einer Wand in das 
Wasser selbst ab, sondern fast immer sind ihm Fels- 
trümmer vorgelagert, welche durch die athmosphärischen 



Sitzung vom 16. Januar 1894. 



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Einflüsse abgebröckelt sind. Andere Theile des Ufers sind 
ganz flach und enthalten sumpfige Parthieen (marshes) mit 
Gräben (creeks) in grosser Menge, ein Umstand, dem der 
See seine dunkle Farbe verdankt. Er ist z. Th., nament- 
lich auf der Westseite, von cultivirtem Lande, zum grösseren 
Theil aber von Gehölz begrenzt. Die grösste Tiefe fanden 
wir bei verschiedenen Lothungen nicht über 18 Fuss. Die 
Farbe des Wassers ist braunschwarz, etwa so wie Kaffee, 
auch an flachen Stellen braun und selbst im Glase bräun- 
lich, im Uebrigen klar ausser bei Bewegung in der Nähe 
sandiger Stellen. Der Grund des See's scheint muddig zu 
sein. Die Temperatur fand ich am 13. Juni mittelst eines 
im Wirthshaus vorgefundenen Thermometers, über dessen 
Zuverlässigkeit ich nichts aussagen kann, 76° Fahrenheit, 
was mir allerdings kaum glaublich scheint, und am 14. Juni 
10° höher. Jedenfalls begünstigt die dunkle Farbe des 
Wassers die Erwärmung ausserordentlich, und die Tage 
vom 11. bis 14. Juni waren äusserst heiss und fast wind- 
still. Am 14. Juni begann eine reichliche Menge von 
schwimmenden kleinen grünen Algen in dem ganzen See 
sichtbar zu werden. Der See gilt als sehr fischreich. 

Die Lepidostei erscheinen um die Laichzeit dicht an 
der Oberfläche in Scharen, an der Küste hinziehend, ein 
Weibchen von vier bis zehn Männchen gefolgt. Sie sind 
dann so achtlos, dass sie mit Leichtigkeit gefangen werden 
können. Ausserhalb der Laichzeit führen sie im Ganzen 
ein verstecktes Leben, doch kommen sie auch im Laufe 
des Sommers gelegentlich an die Oberfläche. In dem See 
bei Oconomowoc werden sie angeblich auch ausser der 
Laichzeit häufiger beobachtet, was wahrscheinlich wesent- 
lich dem hellen Wasser zuzuschreiben ist. 

Ich machte dem Black Lake einen Besuch am 6. Juni 
und hielt mich dann vom 12. bis 15. Juni einschliesslich 
dort auf. Ich fand in dieser Zeit nur wenige Eier, an 
denen die Embryonalanlage noch nicht sichtbar war, da- 
gegen eine grössere Anzahl von Eiern, bei denen das 
Schwanzende schon abgehoben war, und eine grosse Menge 
von Larven aus verschiedenen Stadien. Trotz des langen 



40 Gesellschaft naturforschender Freunde, Berlin. 



Winters und kalten Frühlings jenes Jahres war also der 
See durch die heissen Tage des Mai und Juni genügend 
erwärmt, um eine Verspätung im Eintritt der Laichzeit zu 
verhindern. Man hat damit zu rechnen, dass am schwarzen 
See die Laichzeit von Lepidosteus mit dem 20. Mai be- 
ginnen kann. Die gefundenen Eier und Larven zeigten 
öfters an weit von einander entfernten Plätzen genau gleiche 
Stadien, während sich gewisse Stadien an manchen Tagen 
gar nicht fanden. Man muss also annehmen, dass an 
günstigen Tagen an verschiedenen Plätzen gleichzeitig ge- 
laicht wird. Der letzte Haufen, den ich fand, war wahr- 
scheinlich am 13. Juni abgesetzt. 

Die Laichplätze scheinen sich ausschliesslich auf dem 
südlichen, zugleich östlichen Ufer zu finden und sehr con- 
stant zu sein, wenigstens fanden wir keine Plätze ausser 
an Stellen, welche Herrn Perry schon bekannt waren. 
Die Plätze sind nie auf sandigem bezw. muddigem Grunde, 
sondern immer auf steinigem, aber auch nicht auf felsigem 
Gründe, sondern auf solchen Stellen, wo abgebröckelte 
Steine den Felswänden vorgelagert sind. Die Eier liegen 
von 10 bis zu 40 Centimeter unter der Oberfläche des 
Wassers, in einem Falle 50 Centimeter, doch waren in 
diesem Falle alle Eier abgestorben. 20 bis 25 Centi- 
meter dürfte wohl die Regel sein. Die Plätze sind z. Th. 
an vorspringenden Ecken des Ufers (points), z. Th. an den 
Seiten von Buchten; die Nähe von Marschen ist nur zu- 
fällig. Nur einmal fanden wir einen Laichplatz an einer 
der Inseln. Oft findet man an mehreren benachbarten 
Stellen Eier im gleichen Stadium, vielleicht von dem 
gleichen Weibchen herrührend, aber von verschiedenen 
Männchen befruchtet. Die Eier liegen in klarem Wasser, 
welches jedoch bei bewegtem See nicht ganz so klar ist, 
wie in der Mitte des letzteren. Die Eier sind nicht an 
senkrechten Wänden befestigt, sondern an der oberen, zu- 
weilen auch an der unteren Fläche der lose liegenden 
Steine; zuweilen ist ein Eihaufen über einen einzigen 
grossen Stein ausgebreitet, in der Regel aber über mehrere 
oder viele kleine Steine. Die Eier liegen nie dicht, oft 



Sitzung vom 16. Januar 1894. 



41 



berühren sich zwei oder drei derselben, meist aber sind sie 
durch einen Zwischenraum von mehreren Centimetern ge- 
trennt. Die Steine sind nie ganz rein, sondern stets mit 
einem leichten Ueberzuge brauner, oft aber mit einem 
dichteren Rasen grüner Algen bedeckt, so dass die Eier 
seltener an den Steinen selbst als an dem Aigenüberzuge 
haften. Wenn jedoch das Erstere der Fall ist, so ist die 
Berührung nur punktförmig und sehr fest. Es scheint, dass 
diese Eier besser gedeihen als diejenigen, welche auf dichten 
Algenrasen liegen; denn unter den letzteren findet man 
weit mehr abgestorbene. Es findet sich nämlich eine sehr 
grosse Zahl todter Eier, oft die überwiegende Menge, und 
diese sind dann von einer dichten Vegetation von Schimmel- 
pilzen überzogen, welche ich als die Folge und nicht als 
die Ursache des Absterbens ansehe. Den schädlichen Ein- 
fluss der Algen konnte ich auch beim Transport von Larven 
in einem Glase von den Laichplätzen nach dem Hause be- 
obachten. Es starb nämlich die überwiegende Zahl der 
Larven, welchen ich geglaubt hatte, durch die Algen einen 
Dienst zu erweisen, unterwegs ab. dagegen wurden Larven 
in reinem Wasser unter sonst gleichen Bedingungen ohne 
Verlust transportirt, während mitgenommene kleine Tele- 
ostierlarven ausnahmslos starben. Ueberhaupt zeichnen sich 
die Lepidosteus -Larven durch grosse Resistenz aus. 

Die Eischale ist dünn und leicht zerreisslich. Sie 
scheint völlig klar und durchsichtig zu sein und ihre fast 
immer bräunliche Farbe von einer Auflagerung von Seiten 
des Wassers herzurühren. Von einer die Schale umgeben- 
den Schleimhülle ist nichts zu bemerken. Zwischen der 
Schale und dem eigentlichen Ei ist schon in frühen Stadien 
ein bedeutender Zwischenraum, welcher sich noch erheb- 
lich vergrössert, so dass das Thier in einer geräumigen 
Höhle liegt. Vor dem Ausschlüpfen misst der Durchmesser 
dieser Hülle 5 Millimeter. Die untere Eihälfte hat einen 
leicht chocoladenfarbenen Ton, die obere umwachsende ist 
weiss. Um die Zeit des Ausschlüpfens ist der Dottersack 
fast weiss, etwas gelblich, die unpigmentirte Larve mehr 
transparent, jedoch auch w r eisslich. Nach dem Ausschlüpfen 



42 Gesellschaft natur forschender Freunde, Berlin. 



halten sich die Larven ausnahmslos an der unteren Fläche 
der Steine auf, durch ihre Saugscheibe fixirt. Werden die 
Steine aufgehoben, so lassen sich die Larven zu Boden 
sinken und suchen neue Verstecke. Auch in einem Becken, 
wenn Steine in dasselbe gelegt wurden, nahmen sie ihren 
Platz an der Unterseite derselben ein. Es kann daher an- 
genommen werden, dass die von anderen Beobachtern be- 
schriebene Anheftung an die Wand nahe dem Wasserrande 
oder an die Oberfläche des Wassers selbst nicht den natür- 
lichen Gewohnheiten entspricht, sondern durch ungünstige 
Umstände bedingt ist. Beim Hängen an der Oberfläche 
des Wassers wird an dieser eine kleine Delle erzeugt. 
Auch grössere Larven leben versteckt unter Steinen; wird 
jedoch der Grund dec Wassers aufgerührt, so kommen sie 
an die Oberfläche. In einigen Fällen, wo eine leichte Brise 
die Oberfläche bewegte, fand ich die Larven in grosser 
Zahl dicht an der letzteren schwimmend. 

Die eben ausgeschlüpften Embryonen verharren fast 
bewegungslos. Grössere Larven, wenn sie an der Ober- 
fläche des Wassers schwimmen, bewegen sich sehr hurtig, 
wobei der grössere hintere Theil des Körpers in schlängelnde 
Bewegung ist und die Vorderflossen sich in schnellster 
Vibration befinden. Bei Erschütterungen des Gefässes 
suchen solche Larven den Boden auf. Noch weiter ent- 
wickelte Larve (vom 4. Juli) zeigen zwei Arten der Fort- 
bewegung: Die gewöhnliche besteht in einem langsamen 
Fortgleiten, wobei entweder die Vorderflossen und die 
Schwanzspitze oder nur die Vorderflossen bewegt werden, 
und zwar diese in so rascher Vibration, dass der ganze 
Bewegungskegel der Extremität als ein solider Körper er- 
scheint. Bei ausgiebiger Vorbewegung dagegen wird der 
ganze Schwanz oder auch der Körper schlangenartig ge- 
krümmt, und die Thiere schiessen dann blitzartig durch 
das Wasser. 

Die älteren Larven zeigen eine eigenthümliche Larven- 
färbung: der Rücken ist braun gefleckt, an der Seite läuft 
ein schwarzer Streifen entlang, darunter ein brauner, darunter 
wieder ein schwarzer. Später ist der Rücken rehfarben, 



Sitzung vom 16. Januar 1894. 



43 



seitlich dunkler und an der Seite läuft ein schwarzer, dann 
ein weisser und dann wieder ein schwarzer Streifen ent- 
lang, von denen der obere schwarz gefleckt ist. 

Das letzte Ei. welches ich am schwarzen See sammelte, 
zeigte eine interessante Missbildung. Der Dotter war näm- 
lich nicht völlig umwachsen, wie bei den übrigen, durch- 
aus gleichmässig entwickelten Eiern desselben Haufens, 
sondern ein Theil desselben unbedeckt; der Schwanz ge- 
spalten und rudimentär, und am Rande des Dotterloches, 
um den dritten Theil des Umfanges von der Schwanzstelle 
entfernt, fand sich ein kleines Knötchen. 

Nach diesen embryologischen Bemerkungen füge ich 
einiges bei über meine angiologischen Erfahrungen. Ich 
verwendete auf die diesbezüglichen Untersuchungen einen 
mehrwöchentlichen Aufenthalt in Kingston Ont. in Canada, 
wo ich in dem Hause des Dr. Süllivan die gastlichste 
Aufnahme fand. 

Bekanntlich besteht in der Litteratur ein Streit darüber, 
ob die beiden bei Lepidosteus am Kiemendeckel vorkommen- 
den Kiemenabschnitte zwei verschiedenen Kiemen, der Hyoid- 
und der Spritzloch-Kieme angehören (Johannes Müller). 
oder ob sie Stücke einer Kieme, der Hyoidkieme, seien 
(Gegenbaur). Dass die letztere Ansicht aufkommen konnte, 
wird allerdings bei der Betrachtung der Präparate ver- 
ständlich: die Basen beider Stücke liegen auf der gleichen 
(gekrümmten) Linie; sie haben dieselbe Höhe und ihr 
Charakter, von der freien Fläche betrachtet, ist gleich; sie 
berühren sich oder sind doch nur durch einen kleinen 
Zwischenraum getrennt. Dennoch war ich von vornherein 
von der Richtigkeit der Müller sehen Auffassung über- 
zeugt, wegen der Verbindungen mit den Kopfgefässen. Es 
kam mir jedoch darauf an. womöglich eine Zwischenform 
zwischen dem Verhalten bei Selachiern und bei Teleostiern 
zu finden. Eine solche hat sich, soweit der Charakter der 
Hyoidkieme selbst in Betracht kommt, nicht herausgestellt, 
denn der Bau derselben ist vollkommen so einfach, wie 
bei Teleostiern. und es findet sich nichts von dem charak- 
teristischen Gefässnetz. durch welches bei manchen Squaliden 



44 Gesellschaft naturforschender Freunde, Berlin. 



und in geringerem Maasse auch bei Aeipenser die vordere 
Fläche der Spritzlochkieme ausgezeichnet ist. Dagegen 
zeigt mit Beziehung auf die zuführende Arterie der Spritz- 
lochkieme Lepidosteas ein wohl charakterisirtes Verbindungs- 
glied zwischen Selachiern und Teleostiern, indem, wie schon 
Joh. Müller wusste, die Arteria afferens spiracularis ge- 
bildet wird durch den Zusammentritt einer Arteria afferens 
hyoidea, wie bei Selachiern, und einer Arteria efferens 
branchialis, wie bei Teleostiern. Lepidosteus verhält sich 
hierin wie Accipenser. obwohl im Einzelnen das Bild ab- 
weicht. 

Mit Rücksicht auf die Chorioidealgefässe lag folgende 
Fragestellung vor. Lepidosteus entbehrt des Chorioideal- 
körpers und Amia besitzt einen solchen. Es konnte daher 
daran gedacht werden, dass nicht nur Lepidosteus eine Ver- 
bindung mit den Chorioidealgefässen der Selachier würde 
erkennen lassen, sondern dass auch Amia ermöglichen 
würde, die Gefäss Verhältnisse des Chorioidealkörpers aus 
der primitiven Anordnung der Chorioidealgefässe abzuleiten. 
Die letztere Erwartung hat sich nicht bestätigt, denn der 
Chorioidealkörper von Amia ist bereits sehr stark ent- 
wickelt und von primitiven Verhältnissen entfernt. In der 
Chorioides von Lepidosteus findet man allerdings eine dorsale 
und eine ventrale Vene und einen nasalen und temporalen 
Arterienzweig, also eine Anordnung, welche dem allge- 
meinen Gefässtypus der Wirbelthierchorioides entspricht, 
aber in der Anordnung im Einzelnen finden sich Besonder- 
heiten, die sich zunächst nicht weiter verwerthen lassen. 

Ueber die Glaskörpergefässe sei noch bemerkt, dass 
in der Anordnung derselben Lepidosteus und Amia erheblich 
von einander abweichen. 

Herr Wittmack legte Photographien aus den Ver- 
einigten Staaten, betreffend Botanisches und Gärt- 
nerei, vor. 



J. F. SUreke, Berlin W„ 



Nr. 2. 



1894. 



Sitzungs-Bericht 

der 

Gesellschaft naturforschender Ereimde 

zu Berlin 

vom 20. Februar 1894. 



Vorsitzender: Herr Ascherson. 



Herr Rabl-RüCKHARD berichtet über seine Untersuchungen 
an einem Exemplar des Gehirns von der Riesenschlange 

(Python molurus). — Diese werden an anderer Stelle 
ausführlich erscheinen. 

Was zunächst den allgemeinen Bau des Gehirns anbe- 
langt, so fällt die kolossale Dicke der Tr actus olfactorii in die 
Augen, worauf bereits frühere Beobachter aufmerksam mach- 
ten. Ferner besteht eine deutliche Längs- und Querfurche der 
Oberfläche des Mittelhirns, so dass ein wirklicher Vier- 
hügel gebildet wird. Das Cerebellum ist nicht, wie Lussana 
angiebt, stark entwickelt, sondern eine einfache, dem vier- 
ten Ventrikel flach aufliegende und ihn in seinem vorderen 
Theil überbrückende dünne Lamelle. Am Rückenmark 
konnte Rabl-Rückhard die bereits von Berger beschrie- 
benen elastischen Längsbänder in der lateral-ventralen 
Region bestätigen und schliesst sich der Ansicht des Ent- 
deckers an, dass sie bestimmt sind, übermässige Zerrungen 
des Rückenmarks bei den Windungen des Körpers der 
Schlange zu verhüten. Den feineren Bau betreffend, be- 
schreibt Vortragender die vordere Grosshirnkommissur als 

2 



46 GesellscJiaft natur forschender Freunde, Berlin. 



aus einem stark entwickelten basalen Riech- und einem 
dorsalen Schläfenantheil (Pars olfactoria und temporalis) 
bestehend. Dorsal davon liegt der von Osborn als Cor- 
pus callosum gedeutete, in die medianen Mantelwände aus- 
strahlende Faserzug. Von der Commissura anterior ziehen 
sich in der Medianebene kreuzende Züge zu jenem empor, 
wie sie der Vortragende vor Jahren am Gehirn von Psammo- 
saurus autfand und neuerdings Ad. Meyer (Chicago) bei 
der Aeskulapschlange bestätigt hat. 

Das ebenfalls bei Psammosaarus von ihm beschriebene 
Fornix-Rudiment (Commissura fornicis transversa) fehlt — 
es findet sich nicht bei den Ophidieen, Crocodiliern und 
Cheloniern. dagegen constant bei den Sauriern, und ist 
neuerdings von Ad. Meyer von Iguana tubercalata richtig 
abgebildet worden, während andere Forscher damit olfen- 
bar die sog. Commissura superior verwechselten oder zu- 
sammenwarfen. Letztere ist eine Comraissur des sog. Hirn- 
stocks oder Stammhirns (Reichert), in Sonderheit der Ganglia 
hdbenulae, jene dagegen verbindet den caudalen Theil der 
medialen Mantelwände des Grosshirns, den neuere Autoren 
als Fornixleiste (Edinger) oder als Hippocampus (Herrick) 
bezeichnen, und für den der Vortragende die Bezeichnung 
Ammonsfalte vorzieht. Am Mittelhirn beschreibt er die 
sehr entwickelte absteigende Trigeminuswurzel, am ven- 
tralen Theil eine doppelte Faserkreuzung, die er der Meynert- 
schen und Forel' sehen Haubenkreuzung homologisirt. 

Ueber die Hirnnervenursprünge behält er sich ein- 
gehende Mittheilungen an anderem Ort vor. 

Schliesslich empfiehlt er warm für die Zeichnung netz- 
förmiger Strukturen an Gehirnschnitten das GüNZBERGsche 
Zeichenverfahren mit Antitouche. 

Herr Fr. Eilhard Schulze bemerkt, dass ihm die 
starke Entwicklung des Riechhirns interessant sei, und viel- 
leicht in Beziehungen zu eigenthümlichen, noch nicht ge- 
nauer untersuchten, von Schleimhaut ausgekleideten Grüb- 
chen stehe, die sich längs des Oberkieferrandes an der 
Schnauzenspitze der Schlangen fänden. 



Sitzung vom 20. Februar 1894. 



47 



Herr VON WARTENS zeigte einige Landschnecken vor, 
welche derselbe in diesem Herbst bei Kufstein gesammelt 
hat. und sprach im Anschluss über einige den nördlichen 
und südlichen Kalkalpen gemeinsame Landschnecken, 
welche aber den dazwischen liegenden Centraialpen fehlen. 

Für eine Art hat das schon P. Vixc. Gredler in 
seiner trefflichen Arbeit über Tirols Land- und Süsswasser- 
Conchylien 1856 hervorgehoben, nämlich für Helix (Campy- 
laea) presli Rossm., eine ächte Felsenschnecke von vor- 
herrschend weissiicher Färbung. Dieselbe ist dem Vor- 
tragenden aus ungefähr einem Dutzend einzelner Fundorte 
in Oberbaiern und Nordtirol aus eigener Anschauung be- 
kannt, der westlichste ist Steg im oberen LechthaL bei 
Clessin 1865 angegeben und von mir bestätigt, der öst- 
lichste die sog. Eiskapelle oberhalb St. Bartholomä, die 
nördlichsten Hohenschwangau in der Klamm oberhalb der 
Gypsmühle, das südliche Ufer des Kochelsee's, schon 1853 
von Heinr. Dessauer gefunden, 1890 von mir bestätigt, 
Kufstein in der Kienbergklamm und Sparchenklamm, der 
Pass Klobenstein zwischen Marquardstein und Kossen und 
der Staubfall im Fischbachthal bei Seehaus, diese beiden 
von Herrn Aur. Krause 1885 beobachtet, endlich bei 
Reichenhall am Hochstaufen, oberhalb der Padinger Alp. 
Im Ober- und Unter-Innthal bleibt sie auf der nördlichen 
Seite des Flusses: Telfs. Zirl. die Klammen gegenüber 
Innsbruck und Haller Salzberg werden als Fundorte von 
Gredler und Gremblich angegeben. Die Meereshöhen 
des Thalbodens der genannten Orte bewegen sich zwischen 
487 (Kufstein) und 1118 (Steg) Meter und ich fand die 
lebende Schnecke oft kaum einige Fuss über dem Boden 
der Landstrasse oder dem Spiegel des nahen Sees, so weit 
eben gerade noch schroffe Felsenwände herranreichen, nicht 
selten in durch die Strassensprengung bedingten Einschnitten; 
der niederste Punkt, wo ich sie lebend fand, dürfte die 
Sparchenklamm bei Kufstein sein, wenige Meter über der 
Thalebene. Aus dem Erzherzogthum Oestreich ist sie bis jetzt 
so wenig als aus Vorarlberg oder der Schweiz bekannt; am 

2* 



48 Gesellschaft natur forschender Freunde, Berlin. 



ehesten möchte man sie noch am Atter- und Traunsee er- 
warten. 

Ganz davon getrennt durch die kalklosen Centrai- 
Alpen ist nun das südlichere Verbreitungsgebiet dieser Art. 
Zunächst findet sich eine Gruppe unter sich benachbarter 
Fundorte im sog. Dolomitengebiet Südosttirols, zwischen 
Eisack und Pusterthal; Gredler kennt sie vom Schiern 
bei Castelrutt, ich beobachtete sie in verschiedenen Jahren 
bei der Ruine Wolkenstein, 1563 Meter, im oberen Theil 
des Grödner Thals; auf der Höhe des Grödner Joches selbst, 
2137 Meter; bei St. Cassian, 1526 Meter, am Fuss der 
Verella; ferner bei Schluderbach. 1442 Meter, am Ein- 
gang der Val fonda; an der Crepa. 1535 Meter, bei Cor- 
tina; bei S. Martino di Castrozza. 1465 Meter, alle in 
Höhen zwischen 1440 und 2140 Meter, aber auch an der 
Leisach bei Lienz. bedeutend tiefer, wenig über 680 Meter; 
im Grödner Thal dagegen fand sich schon am Kirchhof von 
St. Ulrich, 1236 Meter, nicht mehr diese Art, sondern die 
von unten, dem Eisackthal, heraufgedrungene nahe ver- 
wandte H. cingalata. An dieses Gebiet schliessen sich wohl 
mehr oder weniger eng nach Süden und Südosten die in 
der Literatur vorhandenen Fundortsangaben im Tesino- 
Thal. nördlich von Val Sugana, im Fella-Thal bei Pon- 
tebba im oberen Friaul. beim Raible* See und bei Unter- 
Loibl an der Grenze von Kärnthen gegen Krain, und in 
der Wochein. der krainischen Schweiz, am Wasserfall der 
Saviza, Originalfundort der Art durch Presl und Ferd. 
Schmidt. Kino Varietät, msoria (RosaM.) Adami. scheint auch 
in Oberitalien, westlich vom Etschthal vorzukommen, nämlich 
in der Val Trompia und an den Seen von Iseo und Idro; die 
auf ihre Landschnecken vielfach durchsuchten Gebiete von 
Bozen und Meran. dem Nonsberg und Trient liegen trennend 
zwischen diesem und dem vorhergehenden Gebiete. 

Ebenso auffallend ist die Zweitheilung der Verbreitung 
bei Clausüla bergeri Meyer, auch einer Alpenschnecke, 
die aber mehr an feuchten bewachsenen Steinen und Fels- 
stücken lebt, eine der wenigen Clausilien. die mit keiner 
anderen verwechselt werden kann. In den Büchern steht 



Sitzung vom 20. Februar 1S94. 



wohl, sie finde sich im Salzburgischen, Känithen, Kram und 
dem östreichischen Küstenlande, so dass man glauben könnte, 
sie habe eine continuirliehe Verbreitung von Norden nach 
Süden über die Alpenkette hin. aber dieser Schein ent- 
steht nur durch die künstliche Umgrenzung dieser Provin- 
zen und wenn wir die einzelnen Fundorte dieser Art auf 
der Karte nachsehen, so ergeben sich sofort zwei von ein- 
ander entfernte und räumlich ziemlich beschränkte Ver- 
breitungsgebiete; dasjenige in den nördlichen Kalkalpen er- 
streckt sich vom Kaisergebirge bei Kufstein (C. Heller, 
1876; ich fand sie daselbst in diesem Herbst beim Hinter- 
bärenbad, 831 Meter) über Kossen (Gkemblich) und das 
Lofener Hochthal nach dem Hochstauffen bei Reichenhall, 
etwas oberhalb der Padinger Alp, 662 Meter, und der Eis- 
kapelle, 840 Meter im Königssee, an beiden Orten in Ge- 
meinschaft mit IL presli, ferner zu den Gollinger Oefen, 
etwa 554 Meter (L. Pfeiffer, 1841), und endlich bis 
Weidenbach am Attersee. 464 Meter (J. P. E. Fr. Stein); 
am Watzmann hat sie Michahelles nach Pfeiffer' s Angabe 
in einer Höhe von 6000', also etwa 2000 Metern gefunden. 
Das zweite Vorkommen dieser Art liegt in den südlichen 
Kalkalpen zwischen der Drau und dem oberen Lauf der 
Save, wo die Grafschaft Görz, Krain. Kärnthen und Steier- 
mark aneinander grenzen, d. h. in den Karawanken: Wer- 
tatscha am Aufstieg zum Stou oder Stuhlberg (Kokeil und 
Rossmässler „in bedeutender Höhe"), Hochgebirg des nörd- 
lichsten Theiles der Grafschaft Görz, von 1200 Meter an, 
stellenweise aber auch schon am Thalboden, etwa 700 Meter, 
(Erjavec), und in den Steiner- oder Sannthaler Alpen: 
Steiner Sattel 1879 Meter, Velka planava 2392 Meter, und 
Seleniza. 

Die genannten Schnecken sind auf die östliche Hälfte 
der Alpen beschränkt. Zwei andere, welche ebensowohl 
im westlichen als im östlichen Theil der Alpen sich finden 
und theilweise darüber hinausgehen, zeigen dieselbe Zwei- 
theilung, wenn auch nicht überall so ausgeprägt. Die kleine 
Kreismundschnecke. Pomatias septemspiralis Ratz, (ma- 
culatus Drap.), kommt im oberbairischen Gebirg an ver- 
schiedenen Stellen vor, ich fand sie z. B. dieses Jahr in 



50 Gesellschaft natur forschender Freunde, ßerlin. 



der Wolfsschlucht bei Fischbach, zwischen Rosenheim und 
Kufstein, an der linken Seite des Inn, früher in der Stadt 
Berchtesgaden und zwar an alten Mauern, Held nennt sie von 
Tegernsee, und sie hat sogar einen vereinzelten Vorposten 
an den Kalkfelsen des linken (nördlichen) Ufers der Donau 
bei Kelheim, oberhalb Regensburg, wo sie zuerst mein 
Vater 1818 auffand (G. v. Martens, Reise nach Venedig, 
1824, S. 94); dieses Vorkommen ist später von Clessin 
bestätigt worden. Häufiger ist sie im Salzburgischen und 
im Erzherzogthum Oestreich. Dagegen fehlt sie nicht nur 
in den Centraialpen Tirols, sondern ist auch im Ober- und 
Unter-Innthal noch nicht gefunden, so dass die Tiroler 
Conchyliologen sie nur als südliche Art, im Val di Non und 
im Fleimser Thal beginnend, kennen und in dieser Meri- 
dianzone sie eine Kalkschnecke mit zweigetheilter Ver- 
breitung ist; aber in Kärnthen soll sie nach Rossmässler 
und Gallenstein überall häufig sein, obwohl ein grosser 
Theil dieses Landes aus Gneiss und Glimmerschiefer be- 
steht, doch kommt auch Kohlenkalk mehrfach dort vor; 
Gallenstein giebt keine einzelnen Fundorte, L. Pfeiffer 
fand sie häufig bei Klagenfurt, was Urgebirgsboden hat, 
aber ziemlich nahe einer Kohlenkalk-Insel liegt. Ueber 
Steiermark fehlen mir bestimmte Nachrichten. Es scheint 
demnach, dass für unsere Art hier im Osten eine Ver- 
bindung oder doch grössere Annäherung zwischen dem 
nördlichen Kalkgebiet im Erzherzogthum Oestreich und 
dem südlichen in Friaul und Krain stattfindet, vielleicht 
unabhängig von der chemischen Beschaffenheit der festen 
Unterlage, was um so eher möglich ist, als sie nicht aus- 
schliesslich, ja nicht einmal vorherrschend an wirklichen 
Felsen lebt. Wie verhält sie sich nun im westlichen Theil 
der Alpen? Im italienischen Kalkgebiet bleibt sie häufig 
bis Lugano und Varese, verschwindet aber am Lago 
Maggiore, wo der Kalk aufhört, und fehlt daher auch in 
ganz Piemont nach Stabile. Sie ist aber wieder häufig 
in den Jura- und Kreide-Bildungen der französischen Alpen, 
einschliesslich Savoyen. und geht von da auf das fran- 
zösische und schweizerische Jura- Gebirge über, von wo sie 



Sitzung vom 20. Februar 1894. 



51 



noch ihre Vorposten in's Ober-Elsass und Grossherzogthum 
Baden vorschiebt: Pfirt oder Ferette, von Gaulard bei 
Puton 1847 angegeben, später von F. Meyer bestätigt, 
Klein-Kems, Bez. Lörrach, Sandberger, und im Wutach- 
thal (F. H. Lehmann); ersterer Fundort auf Jurakalk, 
die beiden letzteren auf Muschelkalk. Das Waadtland, 
wo sie häufig ist, bildet die Verbindung vom Jura zu 
den nördlichen Kalkalpen der Schweiz, ich sah sie 
noch bei S. Maurice in Wallis, 'dagegen scheint sie im 
Berner Oberland ganz zu fehlen und tritt erst im Kreide- 
gebiet an beiden Ufern des Vierwaldsättersee's wieder auf, 
bei Beckenried, Bürgen, Hergiswyl, Neu-Habsburg unweit 
Küssnacht und Gersau von Bourguignat, am Pilatus von 
C. Koch, bei Brunnen von mir 1882 gefunden. Ferner 
ist noch ein isolirter Fundort zu erwähnen: Auf der Maien- 
felder Furke (Trias-Dolomit), zwischen Davos und Arosa 
in Graubündten, etwa 2445 Meter hoch, von Süter-Näf 
entdeckt (Am Stein, Mollusken Graubündtens, 1883/84, 
S. 83), immer noch etwas über 200 Kilometer in der 
Luftlinie von dem nächsten bairischen Fundort Fischbach 
entfernt. In Frankreich ist die Art noch weiter verbreitet, 
zwar nicht über fast ganz Frankreich, wie Dupuy und 
Moquin Tandon sagen; von 39 Departements, über deren 
Mollusken mir spezielle Listen vorliegen, einschliesslich 
Nizza und Savoyen, fehlt sie in 22, also ein wenig mehr 
als der Hälfte; es ist hauptsächlich der südöstliche Theil 
Frankreichs, in dem sie verbreitet ist, die alten Provinzen 
Dauphine, Lyonnais. Burgund und Lothringen nebst Savoyen, 
nach Südosten zu findet sie sich noch in der Auvergne (?) 
und bis zur Gironde, während in den Pyrenäen andere 
Arten derselben Gattung häufig sind, nach Nordwesten bis 
in die Departements Haute-Marne (von Dr. Kobelt er- 
halten), Aube (Drouet) und Oise (bei Try nach Eug. Che- 
valier, bei Baudon, zweite Ausgabe); die früheren An- 
gaben über ihr Vorkommen an der Nordküste, im Departe- 
ment Pas-de-Calais und Finisterre, erscheinen zweifelhaft, 
da sie neuerdings nicht bestätigt sind und in den benach- 
barten Departements die Art nicht gefunden wurde. Die 



52 Gesellschaft natur forschender Freunde, Berlin. 



nördlichsten Fundorte in Frankreich liegen jedenfalls noch 
etwas nördlicher als Kelheim an der Donau. 

Pomatias septemspiralis hat demnach drei verschiedene 
Verbreitungsgebiete : 

1. Das südliche und östliche Frankreich nebst Savoyen, 
dem Schweizer Jura und dem Waadtland. 

2. Die südlichen Kalkalpen von den Seen Oberitaliens 
bis Krain, Kroatien und Bosnien. 

3. Die nördlichen Kalkalpen, im Westen mehr ver- 
einzelt, am Vierwaldstätter See und im mittleren Grau- 
bündten, im Osten mehr zusammenhängend in der östlichen 
Hälfte des oberbairischen Gebirges, im Salzburgischen und 
im Erzherzogthum Oestreich. 

Das zweite und das dritte Gebiet hängen vielleicht im 
Osten durch Kärnthen zusammen, sind aber in Tirol und 
der Schweiz scharf durch die kalklosen Centralalpen ge- 
schieden, das erste und dritte durch die Molasse-Hochebene 
der nördlichen Schweiz und durch die Berner Alpen, ob- 
gleich diese kalkreich sind, das erste und zweite durch die 
Gneisse und Glimmerschiefer, krystallinischen und sog. meta- 
morphischen Bildungen der penninischen, grajischen und 
cottischen Alpen. 

Pupa pagodula Desmoul., eine kleine, aber nicht 
mit einer andern Art zu verwechselnde Erd- und Stein- 
schnecke, verhält sich ungefähr ähnlich zu Pomatias septem- 
spiralis, wie Clausilia hergeri zu Helix presli, d. h. sie kommt 
auch in denselben drei Gebieten vor, ist aber doch weit 
beschränkter in ihrer Ausdehnung. In den nördlichen Kalk- 
alpen fand ich sie 1882 im sog. Alpgarten, etwa 550 Meter, 
bei Reichenhall, ein Stück in der ALBERs'schen Sammlung, 
von Ad. Schmidt gegeben, ist nach der Etikette bei 
Berchtesgaden gefunden, und in Salzburg und dem Erzherzog- 
thum Oestreich kennen wir eine ganze Reihe von Fund- 
orten, z. B. die Gollinger Oefen, Ischl, Oetscher, Baden 
bei Wien. In Tirol aber trifft man sie erst wieder in der 
Umgegend von Meran (Rabland, Marlinger Berg, Ulten, nach 
Gredler). also hier am südöstlichen Rande des Urgebirges, 
und weiter südlich im Juragebiet der Val di Non und bei 



Sitzung vom 20. Februar 1894. 



53 



Salurn, endlich weniger selten am Fuss der Alpen. In 
den Kalkgebirgen Kärathens nach Gallenstein keineswegs 
häufig, am zahlreichsten auf der Sattnitz, südlich von Klagen- 
furt, zwischen Glaufurt und Drau. Auch in Krain ist sie 
nach F. Schmidt noch selten, nach Hauffen aber doch 
bei Glince und Weichselburg häufig. Allgemeiner ver- 
breitet sodann in der Grafschaft Görz (Erjavec) und in 
Friaul (Bkumati), feiner am Fuss der Alpen längs der 
italienischen Seen. Aus Piemont giebt Stabile nur einen 
Fundort, das Thal der Stura bei Lanzo, nordwestlich von 
Turin, auf Gabbro oder Serpentin. Endlich tritt sie wieder 
in Südfrankreich auf, wo sie von einigen Orten des De- 
partements Drome und Hautes- Alpes (Dauphine), sowie von 
Grasse im Departement Var genannt wird, dann in der 
Auvergne (?), und ihr östlicher, zugleich ältester Fundort 
ist bei dem Schloss von Lanquais, bei Bergerac, Departe- 
ment Dordogne. im Gebiet der Garonne, alles, mit Aus- 
nahme der Auvergne, Jura-, Kreide- oder Tertiär-Bildungen. 

Eine andere weitverbreitete Felsenschnecke, Helix 
rupestris Drap., ist auch in den nördlichen und in den 
südlichen Kalkalpen sehr häufig, fehlt aber auch nicht ganz 
in den Centraialpen. Mittelst der verschiedenen Lokalver- 
zeichnisse verfolgen wir ihr Vorkommen in den westlichen 
und nördlichen Kalkalpen auf Jura und Kreide, von Nizza an 
über Dauphine, Savoyen, Genf, das Rhonethal aufwärts bis 
Siders (Sierre) und Leuk, also gerade so weit, als hier die 
Jura-Formation reicht, ferner über das Berner Oberland, 
die Ufer des Vierwaldstättersee's, viele Stellen in Grau- 
bündten, St. Gallen, Appenzell, Vorarlberg, Allgäu (Grün- 
ten). Nord-Tirol, Oberbaiern, Salzburg und Erzherzogthum 
Oestreich, und ebenso in den südlichen Kalkalpen, wo 
stellenweise noch Muschelkalk und Porphyr (Bozen) als 
Unterlage dazu kommt, vom Lago Maggiore an durch Ober- 
italien, Süd-Tirol, Kärnthen südlich von der Drau (Tristach 
bei Lienz, in der Sattnitz, am Loibl). Krain und Istrien bis 
Kroatien, und Dalmatien. Die meisten Beobachter heben 
hervor, dass sie an Kalkfelsen lebe, und L. Pfeiffer, der 
auf seiner Sammelreise von Salzburg bis Triest die Kalk- 



54 Gesellschaft naturf orschender Freunde, Berlin. 



und Central alpen quer durchschnitten hat, sagt ausdrück- 
lich, dass er diese Art nie an anderen Formationen, als 
Kalk, gesehen habe (Archiv für Naturgeschichte, 1841, 
S. 219). Doch findet sie sich auch in den Centralalpen, 
aber nicht so zahlreich und weit verbreitet. Stabile nennt 
mehrere Fundorte in den oberen Thälern der Dora riparia, 
Stura und Dora baltea in Piemont. wo ausser Gneiss und 
krystalliniscben Schiefern nur noch stellenweise Gabbro, 
Melaphyr oder Serpentin vorkommt, ich fand sie bei Chia- 
venna, auf der Passhöhe des Bernina, und bei Trafoi; für 
mehrere Fundorte in Graubündten und in der Umgegend 
von Innsbruck geben Am. Stein 1885 und Gremblich 1879 
ausdrücklich Schieferfels als Unterlage an, wie sie auch 
schon auf dem Brenner und bei Sterzing (hier von Sanitäts- 
rath Bartels) gefunden wurde. In Süd-Europa ist diese 
Art weit verbreitet, auf der pyrenäischen Halbinsel bis 
Lissabon und den Felsen von Gibraltar (Kobelt) und auch 
auf Minorka, in Italien in den Appenninen durch Toscana, 
Umbrien und Calabrien, sowie auf Corsica und Sicilien, 
hier namentlich auf den Kalkbergen der Madonie und bei 
Palermo, auf der Balkanhalbinsel noch in Thessalien, Attika 
und in Morea bei'Nauplia, auf den jonischen Inseln und 
endlich auf Samos an der Küste von Kleinasien. Oestlich 
von den Alpen, noch in Siebenbürgen, „ausschliesslich an 
Kalkfelsen" (Biklz), bei Brünn (Kohlenkalkstein?), in der 
Tatra (Urgebirg, Keuper oder Eocän) und bei Krakau auf 
Jurakalk (Krol 1876). Im Westen der Alpen in der Pro- 
vence bei Montpellier, wahrscheinlich auf Muschelkalk, und 
in den Pyrenäen, aber auch in der Auvergne, weiter nörd- 
lich in Frankreich auf dem Juraboden der Departements 
Cöte d'or, Haute Marne, Nie vre, Sarthe und Maine et Loire, 
aber auch auf silurischer Grundlage im Departement Ille 
et Vilaine. Sie ist auch die einzige unter den fünf hier 
besprochenen Arten, welche noch in England, nördlich bis 
Westmoreland, und Irland vorkommt. Nördlich von den 
Alpen ist sie nicht nur von den Flüssen in die bairische 
Hochebene herabgeschwemmt und hat sich an steilen Thal- 
wänden auf Nagelflueblöcken angesiedelt, so in der Um- 



Sitzung vom 20. Februar 1894. 



55 



gebung von München bei Harlaching und Hessellohe (Aug. 
Schenk diss. 1 838) und bei der Menterschwaige (Joh. Roth 
1854), sondern sie ist auch wiederum an den Kalkfelsen 
des Juragebirges zu Hause, häufig und weit verbreitet im 
Schweizer Jura (Neufschatel, Solothurn, Basel), von wo sie 
auch noch über den Rhein ins Grossherzogthum Baden ein- 
tritt, wie Pomatias septemspiralis (Efringen und Istein, im 
Bezirksamt Lörrach) auf Korallenkalk, weniger zahlreich 
und allgemein im schwäbischen und fränkischen Jura, aber 
doch jetzt schon von einer Anzahl von Fundorten daselbst 
bekannt, so im schwäbischen (der rauhen Alp) Ehingen und 
Zwiefalten (Kreglinger), Urach (Klees 1818 und Wein- 
land), Mösselberg bei Donzdorf (Georg v. Martens 1830), 
Ulm (Clessin), im fränkischen, namentlich an der Süd- 
seite bis Regensburg (Clessin), wahrscheinlich auch bei 
Bamberg (Küster 1852). und auf ihn bezieht sich wohl 
auch, wenn Held sie aus dem „Donaugebirg" in Baiern 
angiebt. Aber auch im Muschelkalk des Maingebietes findet 
sie sich wieder, so bei Schweinfurt (Gust. Schneider 1856) 
und bei Rothenburg an der Tauber. Weiter nördlich sind 
die Fundorte für H. rupestris sehr spärlich, zunächst noch 
zwei im Lahnthal, bei Runkel unterhalb Weilburg (A. Römer), 
wahrscheinlich auf Muschelkalk, und zwischen Ems und 
Lahnstein (Servain) auf devonischem Kalk, ferner am 
Rande des anstehenden Gesteins gegen die norddeutsch- 
niederländische Ebene, bei Namur (Malzine), Silur oder 
Devon, und an Kalkwänden des Kitzelberges bei Ober- 
kaufung, nördlich von Hirschberg in Schlesien, schon von 
Scholz 1843 angegeben und von mir 1886 bestätigt. Diesen 
für Deutschland nördlichsten und ganz isolirten Fundort 
könnte man versucht sein, mit der Tatra in Verbindung zu 
bringen, aber in dem doch schon so vielfach durchforschten 
Riesengebirge ist sie noch Dicht gefunden worden. Ohne 
Zweifel werden sich noch manche andere Fundorte in 
Deutschland ergeben, aber eine einigermaassen kontinuir- 
liche Verbreitung durch Mitteldeutschland kann doch nicht 
angenommen werden. Das Auffinden einzelner Exemplare 



56 



GesellseJuift naturforschender Freunde, Berlin. 



in FlussaDschwenimungen (Wiesbaden durch A. Römer, 
Bonn durch 0. Goldfuss) ist hier absichtlich nicht berück- 
sichtigt, da man nicht wissen kann, von wie weit oben sie 
herabkommen, ebenso die Angabe von Elberlixg. dass 
H. rupestris in einem einzigen Exemplar im Kalktuff bei 
Veile in Jütland vorgekommen sei (Mörch, synops. moll. 
terr. fluv. Daniae, 1884, p. 16), vielleicht doch eine falsche 
Bestimmung, wie Westerland, Sveriges Norges Danmarks 
och Finlands Land och Söttvattens Moll.. 1884. p. 70, ver- 
muthet. 

Dass Thierarten, welche eine ganz bestimmte Boden- 
bildung verlangen, wie Helix presli und rupestris senk- 
rechte Felswände, nicht ganz kontinuirlich verbreitet sein 
können, versteht sich eigentlich von selbst. Aber w r enn die 
Entfernungen der Fundorte von einander so gross sind, wie 
zwischen den nördlichen und südlichen Kalkalpen oder 
zwischen dem Kitzelberg und der Tatra, so fragt man sich 
doch, wie mag das gekommen sein? Sind die heutigen 
Fundorte nur übrig gebliebene Reste einer früheren all- 
gemeineren Verbreitung? Dafür spricht bei Pomatias septcm- 
spiralis. dass diese Art im mittelpleistocänen Sauerwasser- 
Tulf von Canstatt in Württemberg vorkommt, ungefähr halb- 
wegs zwischen dem französischen oder badischen Vor- 
kommen und Kelheim; aber die vier anderen Arten fehlen 
alle in Sandüerger's Land- und Süsswasser-Conchylien 
der Vorwelt. Und sollten die nördlichen und die südlichen 
Kalkalpen je einmal in directem Zusammenhang gestanden 
sein, zu einer Zeit, als schon die jetzigen Schneckenarten 
lebten? Oder reicht die allgemeine Erklärung hin, dass 
von jeder Art zuweilen einzelne Individuen erwachsen oder 
als Eier durch irgend welchen Zufall weit verschleppt 
werden und zwar meist dabei zu Grunde gehen, aber doch 
in einzelnen Fällen eine geeignete neue Wohnstätte finden 
und sich da ansiedeln. Dass der Mensch dazu unabsicht- 
lich beitragen kann, lehrt der Fall mit Helix cingulata am 
Staffelstein (siehe Sitzungsberichte 1888, S. 75), die durch 
Dr. Funk in Bamberg zufällig dahin gebracht worden ist. 



Sitzung vom 20. Februar 1894. 



57 



Herr Matschie besprach die von Herrn Paul Neu- 
mann in Argentinien gesammelten und beobachteten 
Säugethiere. 

Herr Paul Neumann hat in freigebigster Weise die 
von ihm gelegentlich eines halbjährigen Aufenthaltes in 
Argentinien gesammelten zoologischen Objecto der Berliner 
Sammlung als Geschenk überlassen. Unter diesen befinden 
sich neben zahlreichen, von Eingeborenen präparirten Fellen 
mehrere selbst angefertigte Bälge von Säugethieren nebst 
den dazu gehörigen Schädeln, sowie einige Thiere in Alcohol. 
Die Sendung war von werthvollen biologischen Notizen be- 
gleitet, von welchen ich einige der interessantesten bei der 
Zusammenstellung der nachfolgenden Liste benutzt habe. 
Der Beisende hat zunächst Süd-Argentinien, alsdann die 
Provinzen Tucuman und Jujuy bereist. Die einzelnen Fund- 
orte sind folgende: Tornquist am Sance Chico, wenige 
Stunden nördlich von Bahia Bianca und eine Stunde für 
den Reiter südlich von der Sierra de la Ventana (Sierra 
de Curumalan) in Süd-Argentinien, Famailla, westlich von 
Tucuman nahe der Flussscheide zwischen Argentinien und 
Chile in der Kette des Aconquija; Paks a pique. Aival, 
San Lorenzo. San Pedro. Juntas, Garrapatal, Agua Caliente 
in der Provinz Jujuy. Nord- Argentinien, zwischen der Stadt 
Jujuy und der bolivianischen Grenze. Es liegen mir ca. 
40 Objecte in 23 Arten vor, über weitere 19 sind Beob- 
achtungs-Notizen vorhanden. 

1. Cebus azarae Rengg. 3 Felle ad. cT juv. und 
9 juv., ferner der Schädel eines $ ad. Garrapatal, 150 km 
nördlich von Jujuy. 17. Nov. 1893. „An bergigen Stellen 
überall im Urvvalde, aber nicht häufig." 

Uebereinstimmend mit Renggek's Beschreibung (Naturg. 
Säugeth. Paraguay, p. 46) im Allgemeinen. Pelz lang- 
haarig, etwas wollig, dicht; Oberseite graubraun, bei den 
jüngeren Thieren heller als bei dem ausgewachsenen Exem- 
plar; am Schwanz und an der Aussenseite der Beine viel 
dunkler, fast schwarzbraun. Unterseite chamoisfarbig, mehr 
oder weniger mit einem Stich in's Braune. Das alte 
hat 2 Haarbüschel auf dem Kopf; bei allen 3 Stücken 



58 Gesellschaft naturforschender Freunde, Berlin. 



läuft die schwarz-braune Färbung des Oberkopfes nach der 
Stirn zu in eine spitze Schnebbe aus, welche von weisslich 
gelbbraunen Haaren umgeben ist. 

Das ad. scheint sehr alt zu sein, da am Schädel 
nicht nur die Molaren, sondern auch die Incisiven stark 
abgekaut sind, die Crista sehr ausgebildet ist und auf der 
Stirn in eine stark wulstig verbreiterte Auftreibung endet, 
so dass das Gesichts-Profil an der oberen Nase eine 
S-förmige Linie bildet. Ebenso ist das 2 ad. sehr alt, 
hat sehr stark abgekaute Incisiven und Molaren und die 
Lineae semicirculares stehen auf der Stirn nur 1 mm von 
einander. 



Lg. tota: 46, 36, 34. Lg. caudae: def., 38, 36 cm. 
Die Maasse der Schädel sind: 



2. Vespcrtilio chiloensis Waterh. cf in Alcohol. Unter- 
arm 39 mm, Schwanz 37 mm. 

Flughaut von der Basis der Zehen; ein kleiner Haut- 
lappen hinter dem Spornbein; Ohren so lang wie der Kopf; 
Hinterrand der Schwanz-Flughaut ungewimpert. Dach der 
Zuckerfabrik in Famailla. 

3. Nyctinomas brasiliensis Js. Geoff. 2 cTd", 1 2 in 
Alcohol. Dach der Zuckerfabrik in Famailla. „Im Ge- 
birge des Aconquija waren täglich an den Maulthieren Biss- 
wunden von Phyllostominen oder Desmodus zu sehen." 

4. Felis concolor L. und 5. Felis puma Mol. „Bei Bahia 
Bianca selten; frische Fährten daselbst in der Sierra ge- 
sehen; im Waldgebirge bei Famailla häufig; hier röthlich- 
gelbe und silbergraue nebeneinander. Im Museum von La 
Plata aus der Pampa central zwei Exemplare, das eine 
röthlichgelb, das andere silbergrau. Bei Jujuy nur roth- 
gelbe, niemals silbergraue Thiere." „Was Ihre Theorie in 
Betreif des Puma anbelangt (cf. Sitzungsber. Ges. Naturf. 
Freunde, 1892, p. 220—222), so stimmt das genau mit dem 
von mir Beobachteten überein. Die Grenze ist wohl nicht 



Basal-Länge: 
d" 71 mm 

$ 67 „ 



Grösste Schädellänge: 



Grösste Breite: 



9 juv. 57 „ 



101 mm 

92 „ 
88 „ 



73 mm 

63 „ 
54 „ 



Sitzung vom 20. Februar 1894. 



59 



scharf; ich glaube, dass der Uebergang in der Höhe von 
33° ungefähr stattfindet." Ich hatte 1. c. behauptet, 
dass die graue Form nirgends nördlich von 25° s. Br. er- 
wähnt sei, dass der silbergraue Puma als südliche Form 
des gelbrothen sich herausstellen w ird, und dass sein Ver- 
breitungsgebiet Patagonien, das südliche Chile und Süd- 
Argentinien umfassen dürfte. Herr Neumann hat 2 junge 
Thiere der rothgelben Form F. concolor von Jujuy aus ein- 
geschickt; dieselben stammen von der Pirna, dem Hoch- 
plateau an der bolivianischen Grenze. 

6. Felis onca L. ,,Bei Tornquist vor 5 Jahren der 
letzte erlegt. Im Waldgebirge bei Famailla ziemlich häufig, 
auch bei Jujuy gefunden. Variirt sehr stark in der Fär- 
bung." Ein schwarzbraunes Fell von Curumba befindet 
sich im Besitz der Familie des Keisenden. 

7. Felis mitis F. Cuv. 5 verstümmelte Felle von 
Palos a pique und Juntas. „Onza." Ueberall häufig. Herr 
Neumann sah einmal ein Exemplar im Walde, welches 
durch dicken Kopf, langen, dünnen Schwanz und hinten sehr 
überbauten Körper ihm auffiel. Die Indianer jagen diese 
Katzen mit Hunden auf Bäume, von welchen sie herunter- 
geschossen oder herunterlassirt werden." „Die Farben- 
varietäten zeigen in demselben Gebiete alle Mittelstufen 
zwischen dem grauen, schwach gelblichen angeflogenen, mit 
länglichen, schwarz gesäumten Feldern besetzten Kleide, 
und zwischen dem ausgeprägt gelben Kleide mit runden, 
schwarz gesäumten Flecken. 

Von grösseren gefleckten Katzen scheinen in Süd- 
Amerika ausser dem Jaguar 2 Formen zu leben, F.pardalis L., 
mit sehr langen, schwarzumsäumten Seitenflecken im Norden 
und F. mitis Cuv. mit kürzeren, oft runden Seitenflecken, 
im Süden. 

8. F. geoffroiji Orb. und 9. F. guigna Mol. Die ge- 
tüpfelten Tigerkatzen sind im Süden gelbgrau mit breiten 
Punktflecken, in Jujuy zierlicher, mehr grau und mit 
kleineren und feineren Tüpfeln bedeckt, welche Neigung 
zu Rosetten zeigen. Die südliche Form ist F. geoffroiji die 
nördliche resp. westliche, chilenische F. guigna. Bei Tom- 



50 Gesellschaft natur forschender Freunde, Berlin. 



quist ist F. geoffroyi sehr häufig, woher 2 Felle mit Schädeln 
eingeschickt sind von in Kastenfallen gefangenen Exem- 
plaren. F. guigna von Tucuman gleicht der von Jujuy; 
von letzterem Orte liegt ein Fell vor. 

10. Felis pajeros Desm. und 11. F. cdlocolo H. Sm. 
Wie F. geoffroyi zu F. guigna, so scheint F. pajeros sich zu 
F. cdlocolo zu verhalten. Die Pampaskatze ist nach den 
Mittheilungen des Herrn Neumann bei Tornquist einfarbig 
geblich -grau, kaum dunkel gebändert. Die Innenseite der 
Schenkel zeigt einige schwarze Streifen; Bauch und Kehle 
sind weisslich, die Beine und Ohren gelblich. Ein von der 
Pirna bei Jujuy stammendes Fell hat Längsflecken, wie 
F. cdlocolo. In Chile lebt die letztere Form, wie Philippi 
(Arch. Naturg.. 1873, p. 8 ff.) angiebt. 

12. Canis azarae Wied. Bei Tornquist häufig, von dort 
ein Fell und ein Schädel, der mit Hensel' sehen Exem- 
plaren von Rio grande do Sul sehr gut übereinstimmt. 
Nach Neumann' s Erkundigungen soll ungefähr 30 deutsche 
Meilen westlich in der Pampa central eine andere Art vor- 
kommen. 

13. Canis gracilis Burm. Von Famailla westlich von 
Tucuman liegt ein Schädel vor, welcher eine Basallänge 
von 12.8 cm hat. Dies stimmt nach Bukmeisters An- 
gaben (Arch. f. Naturg.. 1876, p. 118) zu seinem gracilis. 
Der Sammler beschreibt diese Form folgendermaassen : 
Kleiner als azarae; Rumpf schwärzlich, viel dunkler als bei 
C. azarae, Kopf röthlich-grau; Beine röthlich; Schwanz fahl- 
gelb mit schwarzer Spitze. C. gracilis dürfte der westliche 
resp. nordwestliche Vertreter von G. azarae sein. 

14. Canis cancrivorus Desm. 2 Felle und 1 Schädel. 
Aival und Juntas in der Provinz Jujuy. Dieser Hund 
scheint C. azarae im Parana-Gebiete und weiter nördlich zu 
ersetzen. Burmeister erhielt ihn von Bolivia. 

15. Lutra paranensis Rengg. Schädel; aus einem 
Nebenflusse des Rio Grande de Jujuy bei Aival; im Rio 
Grande sehr häufig. 

16. Galictis barbara L. Schädelstück bei Agua Caliente 
gefunden. Basilarlänge nach Hensel 90, Totallänge vom 



Sitzung vom 20. Februar 1894. 



61 



Hinterrande des Condylus occipitalis 99. Vielleicht ist die 
westliche Form der Tayra, ähnlich wie die chilenische 
G. vittata, kleiner als die an der Ostküste lebende. 

17. Gdlictis vittata Schreb. „Huron" soll nach den 
Angaben des Herrn Neumann bei Tucuman im Camp nicht 
selten sein. 

18. Mephiüs patagonica Lcht. „Bei Tornquist häufig." 

19. Nasua nasua L. „Lakatero" oder „Tojori." 3 Felle 
von Palos ä Pique. „Immer in kleinen Gesellschaften von 
3—6 Exemplaren auf Bäumen. Am Rio grande de Jujuy 
mehrmals gesehen, fehlt bei Tucuman." Der Pelz ist 
gelbgrau. 

20. Procyon cancrivorus Cuv. „Marjuato." „Sacha 
Mono." An Waldbächen bei Tucuman immer einzeln. Koth 
besteht fast nur aus Krebsschalen und einzelnen Vögel- 
knöchelchen. Bei Jujuy allgemein bekannt. Handförmige 
Spuren im Sande am Wasser. 

21. Säur us spec. „Noassero"-„Nussesser." Nicht ge- 
sehen, aber in einer Berggegend bei Capillas, 25 km nörd- 
lich von Jujuy, in bewaldeten Schluchten zahlreiche von ihnen 
ausgefressene Nüsse gefunden. 

22. Phyllotis griseoflavus Waterh.? „Eine hell-blau- 
graue Maus mit schneew T eissem Bauch fing ich in meinen 
Satteltaschen, als wir an einer sumpfigen Wiese im Walde 
bei Aival campirt hatten." Das betreffende Exemplar 
konnte ich bis jetzt nicht mit genügender Sicherheit bei 
dem ungenügenden Materiale unserer Sammlung bestimmen. 

23. Myopotamus coypus Mol. Bei Tornquist ziemlich 
selten, aber in der nahen Lagune sehr häufig. 

24. Dolkhotis patagonica Shaw. „Bei Tornquist sehr 
selten; zwei Baue sind vorhanden." 

25. Cavia australis Geoffr. „Bei Tornquist stellen- 
weise häufig und dreist, meist aber sehr scheu. In der 
Nähe seiner Höhlen vernimmt man häufig einen Ton. als 
ob mit einem Hammer von unten gegen den Boden ge- 
schlagen würde." 

26. Cavia leucöblephara Bürm. „Cunejo." „Bei Tucu- 
man sehr häufig." Hieher gehört wohl auch die Form, 

2* 



62 



Gesellschaft naturforschender Freunde, Berlin. 



welche bei San Pedro in der Provinz Jujuy die Hecken 
der Dörfer bewohnt und trotz Hunden und Katzen in staunen- 
erregender Anzahl in der Nähe menschlicher Ansiedelungen 
lebt. Leider liegen von beiden Formen keine Exem- 
plare vor. 

27. Lagostomus trichodactylus Brookes. „Viscacha." 
„Bei Tornquist und Tucuman gemein, fehlt bei Jujuy." 

28. Lepus brasiliensis L. „Soll nach Aussage eines 
deutschen Ingenieurs 15 km nördlich von Tucuman vor- 
kommen. " Bei Jujuy drei Stück erlegt, halb so gross wie 
L. Mmidiis, bei Famailla unbekannt. 

29. Basypus sexcinctus L. „Hualacata." Ein junges, 
noch blindes Exemplar in Alcohol. Dasselbe ist 14 Tage 
lang von den Chaco-Indianerinnen an den Brüsten genährt 
worden. San Lorenzo. Lebt im ganzen Urwaldgebiet von 
Jujuy an nördlich." 

30. Euphractus minutus Desm. „Quirquincho." „Im 
freien Camp bei Tucuman und Jujuy häufig". 

31. Euphractus villosus Desm. „Peludo." „Bei Torn- 
quist sehr häufig. Der Camp ist stellenweise so unter- 
wühlt, dass das Reiten fast unmöglich wird. Bei Buenos 
Ayres und Arias in Süd-Cordoba seltener. Fehlt bei Tucu- 
man. Wird auf dem Camp gegessen." 

32. Tatusia hybrida Desm. „ Mulita. " „Soll bei Torn- 
quist selten vorkommen; bei Buenos Ayres in allen Deli- 
catessenhandlungen und feinen Restaurants angeboten. Ueber- 
wiegt bei Arias; bei Tucuman unbekannt." 

33. Tolypentes conurus Is. Geoffr. „Längs der Cor- 
dilleren, bei Tucuman nicht gefunden." 

„Chlarnydophorus truncatus Harl. lebt im zoologischen 
Garten von Buenos Ayres seit 4 Jahren in der Gefangen- 
schaft und befindet sich dort scheinbar sehr wohl. Zwei- 
mal am Tage wird es von dem Wärter aus dem Sande 
seines Behälters ausgescharrt und in einen Napf mit Milch 
und gequetschter Semmel gesetzt, den es ausleckt; sonst 
bekommt es nichts zu essen." 

34. Myrmecophaga jubata L. „Ueberall im ganzen Ge- 



Sitzung vom 20. Februar 1894. 



63 



biete, auch bei Jujuy selten." Ein Schädel von San 
Lorenzo. „Oso hormiguero." 

35. Tamandua tridactyh L. „Oso horin. blanco." „Bei 
Palos ä pique ein im Walde aufgehängtes vertrocknetes 
Exemplar gefunden." Schädel mit Kopfhaut liegt vor. 
Rumpf und Kopf 50 cm lang, Schwanz fehlt. Hellgelb- 
weiss, von jeder Schulter eine schwarze Binde bis zur 
Mitte des Kreuzes. Hinterrücken mit verschwommenen 
schwarzen Streifen. Nur auf der rechten Seite des Rio 
grande de Jujuy. Scheint südlicher nicht vorzukommen. 

36. Dicotyles torquatus Cuv. „Chancho rosillo" und 

37. Dicotyles labiatus Cuv. „Chancho machado". D. tor- 
quatus ist überall häufiger als labiatus und wird öfter erlegt, 
da es, im Gegensatz zu diesem, verfolgt in hohle Bäume, 
Steinhaufen u. s. w. flüchtet und so gefangen werden kann. 
Bei Cafatales in Jujuy wurden 6 Stück unter einem Stein- 
haufen mit Schlingen aus fingerdicken Lianen, welche 
vermittelst gabelförmiger Ruthen sehr geschickt über sie 
geworfen wurden, erwürgt. Im November hat diese Art 
bei Jujuy meist Junge. D. labiatus ist im Gebirge bei Fa- 
mailla und bei Jujuy ziemlich häufig. Beide Arten gehen 
nie in den Camp, sondern leben im Busch und Urwald. 

38. Tapir us americanus Schreb. „Anta." „Im Wald- 
gebiet bei Famailla und Jujuy nicht selten." 

39. Cervus campestris F. Cuv. 2 Felle mit Schädeln. 
ö\ $ und 6 Geweihe von Tornquist. Sehr häufig bei 
Bahia Bianca; wird hier bald ausgerottet sein, da nur 
weibliche Thiere gejagt und gegessen werden; ich sah noch 
Rudel von 100 Stück. Mir wurden weite Strecken gezeigt, 
die noch vor 4 Jahren mit diesen Hirschen dicht bevölkert 
waren. Alle Ricken Ende Juni tragend. 2 Embryonen ein- 
gesendet. Junge weiss gefleckt. Mitte August die ersten 
jungen Thiere. Im Geweih viele Abänderungen; das Sechser- 
geweih ist das gewöhnliche; Spiesser nie gesehen, das Ge- 
weih scheint sehr früh die Gablerstufe zu erreichen, wie 
ein vorliegendes Geweih beweist. 

40. Cervus antisiensis Gerv. Fell von der Puna bei 
Jujuy. 

2** 



64 



Gesellschaft naturfvr sehender Freunde, Berlin. 



41. Cervus rufus III. Ein Schädel von Famailla. 
„Anfang October hoch tragend. Hals scharf abgesetzt, 
schwärzlich -grau; Lippen und Nase schwarzgrau, Kehle 
etwas heller; zu beiden Seiten des Nasenrückens bis zur 
Stirn ein röthlichbrauner, oben breiter werdender Streif; 
ein halbrunder, röthlichbrauner Fleck unter jedem Auge. 
Körper 102 cm lang. Das völlig ausgetragene Junge hatte 
mehr braunen Ton mit 3 Reihen weisser Flecken jeder- 
seits ; auch bei dem ganz jungen Thier sind Hals und Kopf 
scharf abgesetzt grau. Bei Jujuy nur auf den mit wenigen 
Bäumen bestandenen Hügeln bei der Stadt." 

42. Cervus nemorivagus Goldf. $ Fell mit Schädel. 
Famailla. „Ende September nicht tragend. Eckzähne 
im Oberkiefer. Bei Jujuy die häufigste Art. Die beob- 
achteten Exemplare waren bei Jujuy im November brauner 
und w r eniger grau als das bei Tucuman erlegte und präpa- 
rirte Weibchen. Das Sommerfell scheint also mehr hell- 
braun zu sein." 

43. Didelphys azarae Temm. „Im Camp bei Tucuman 
gemein an Bewässerungsgräben." 

44. Didelphys noctivaga Tschudi. Gebirgswald bei 
Famailla. 

Aus der von Herrn Neumann zusammengebrachten 
kleinen Collection kann man folgende Schlüsse ziehen: 

a. Zwischen Tucuman und Jujuy ist die Grenze des 
südargentinisch -patagonischen Gebietes und der tropisch- 
südamerikanischen Subregion. Denn Lepus, Sciurus, Cebus, 
Dasypus, Tamandua sind für Jujuy nachgewiesen, fehlen 
aber schon bei Tucuman. Von Schakalen findet sich hier 
der tropische F. cancrivorus, für den südlichen F. puma tritt 
F. concolor ein. 

b. Westlich von Tucuman beginnt das chilenische Gebiet, 
eine Provinz der südlichen, argentinischen Region. Von 
Canis azarae lebt hier der westliche Vertreter C. gracilis, 
für F. geoffroyi tritt F. guigna, für F. pajeros F. colocolo, 
für Euphractus villosus Fuphr. minutus ein. 



Sitzung vom 20. Februar 1894. 



65 



Herr R. Heymons sprach über die Fortpflanzung der 
Ohrwürmer. 

Bereits seit längerer Zeit ist es bekannt, dass bei dem 
Ohrwurme (Forficula auricularia L.) eine Brutpflege statt- 
findet, indem das Weibchen die abgelegten Eier bis zum 
Ausschlüpfen der Jungen bewacht, und indem auch die 
letzteren noch längere Zeit hindurch bei der Mutter bleiben. 

Beobachtungen hierüber liegen schon aus dem vorigen 
Jahrhundert vor, und es sind die bisherigen Mittheilungen 
von Meinert 1 ) zusammengestellt worden. 

Es ist nicht schwer, auch bei Ohrwürmern, w T elche in 
der Gefangenschaft gehalten werden, diese Brutpflege zu 
beobachten. Der Vortragende hatte zum Zwecke embryo- 
logischer Untersuchungen eine grössere Anzahl von Indivi- 
duen der Forficula auricularia eingesammelt. Bereits im 
Herbste begannen die Thiere zur Fortpflanzung zu schreiten. 
Die Begattung dauerte oft über zwei Stunden und fand in 
Verstecken oder an dunklen Orten statt. Bei der Copula- 
tion berühren sich Männchen und Weibchen nur mit den 
Enden ihrer Hinterleiber. Der penis des ersteren wird in 
die Geschlechtsöffnung des letzteren eingeführt. Die Zan- 
gen der beiden Thiere sind gekreuzt, die Kopfenden nach 
entgegengesetzten Richtungen gewendet. 

Diese Art der Begattung erinnert an diejenige vieler 
Käfer, weicht dagegen von der zahlreicher Orthopteren, 
z. B. Gryllus, Blatta, Decticus u. a. ab. Bei letzteren For- 
men kriecht das Männchen rückwärts schreitend von vorn 
her unter das Weibchen und schiebt seinen Hinterleib auf- 
wärts zur vagina empor. Die Köpfe der beiden Thiere 
sind in diesem Falle nach derselben Richtung gewendet, 
die Begattung selbst dauert höchstens wenige Minuten. 

In der Gefangenschaft beginnt bei Forficula die Ablage 
der Eier bereits Anfang November, sie findet hauptsächlich 
von Ende December bis Anfang Februar statt und dehnt 
sich bis in den März hinein aus. Die Eier werden nicht 
auf einmal abgelegt, sondern an zwei bis drei aufeinander 
folgenden Tagen. 



') Fr. Meinert. Anatomia Forficularum, Kopenhagen 1863. 



(36 Gesellschaft naturforschender Freunde, Berlin. 



Zur Ablage wählt das Weibchen geeignete Orte unter 
Rindenstücken, Steinen u. dergl. aus, oder es trägt später 
die Eier mit seinen Kiefern in selbstgegrabene, nestartige 
Vertiefungen in die Erde. 

Die Brutpflege wird ausschliesslich von den Weibchen, 
niemals aber von den Männchen vollzogen. Es gelingt 
leicht, die Eier von verschiedenen Weibchen mit einander 
zu vertauschen, und die Thiere zum Bewachen der Eier 
fremder Individuen zu veranlassen. Dagegen gelang es 
nicht, einem Weibchen, welches soeben Eier abgelegt hatte, 
solche Eier unterzuschieben, welche schon sehr weit in der 
Entwicklung fortgeschritten waren. Versuche, die Weibchen 
von Forficuh zum Bewachen der Eier anderer Thiere zu 
veranlassen, schlugen gleichfalls fehl. Solche Versuche 
sind mit den Eiern von Spinnen (einer Theridium- oder 
Linyphia - Art) sowie mit denen des Mehlkäfers (Tenebrio 
molitor L.) angestellt worden. Die fremden Eier, welche 
unter die Ohrwurmeier gemengt waren, wurden von den 
Weibchen entweder gefressen oder weggetragen. 

Die Dauer der Embryonalentwicklung ist von der Tem- 
peratur abhängig und unterliegt demgemäss Schwankungen. 
Bei einer Durchschnitts -Temperatur von 10—12° C. dürfte 
sie etwa 5 — 6 Wochen betragen. 

Das Ausschlüpfen der Jungen aus den Eiern vollzieht 
sich ohne Beihülfe der Mutter. Die Eischale wird von dem 
Embryo mittelst eines am Kopfende befindlichen cuticularen 
Eizahnes gesprengt. Bei dem Ausschlüpfen findet gleich- 
zeitig die erste Häutung statt, bei welcher auch der Eizahn 
abgeworfen wird. 

Der Vortragende demonstrirte eine Anzahl von Weib- 
chen mit Eierhäufchen, sowie vor Kurzem ausgeschlüpfte 
Larven von Forficuh auricularia, 

Herr K. Möbius sprach über die Temperatur und 
den Salzgehalt des östlichen Mittelmeeres und die 

dort in grösseren Tiefen gefundenen Echinodermen und 
Polychäten nach dem „Berichte der Commission für Er- 
forschung des östlichen Mittelmeeres. Zweite Reihe. Denk- 



Sitzung vom 20. Februar 1894. 



67 



Schriften der Akad. d. Wiss. in Wien, Bd. LX. — Ferner 
über faunistische und physikalische Untersuchungen 
im Kleinen Belt nach „Report of the Danish biological 
Station, III, by C. G. Joel Petersen, 1893". Besonders 
interessante Ergebnisse lieferten Planktonnetze , welche 
nachts an der schwimmenden Station ausgehängt waren. 

Herr Gustav Tornier sprach über das Fussgewölbe 
in seinen Hauptmodificationen (vorläufige Mittheilung). 

Es ist eine bekannte Thatsache, dass der menschliche 
Fuss bei normaler Structur ein Kuppelgewölbe darstellt, 
das mit nur drei Punkten den Boden berührt: mit der 
Hacke, mit dem Mtsi-Kopf und mit dem des Mtss. Dieses 
Gewölbe wird seiner Structur nach zusammengesetzt: erstens 
aus einer Anzahl Längsbögen, die sämmtlich ihren Ursprung 
in der Hacke haben, ihren Höhepunkt im Tarsus erreichen 
und in den Mts. -Köpfen enden; zweitens nehmen an seiner 
Ausbildung Theil eine Anzahl Transversalbögen. Deren 
erster beginnt in der Mtsi -Basis, steigt steil auf zu dem zwi- 
schen Mtsi- und MtS2-Basis gelegenen Zwischenraum und fällt 
steil ab zur Mts5-Tuberositas lateralis; den zweiten Fuss- 
querbogen bildet der distale Fusswurzel - Abschnitt; den 
dritten Bogen der Ast. und Cal. — Dieses menschliche 
Fussgewölbe ist das Product einer Fussentwicklung, die 
ihren Ursprung aus der Amphibien - Gliedmasse nimmt, 
eine beständige Steigerung erfährt während der Fortent- 
wicklung dieser Gliedmasse durch die ganze Länge des 
Reptilien- und Säugethierstammes und ihren Abschluss erst 
erhält im Menschenfuss. 

Bei den Amphibien sind die fünf Metatarsen Knochen 
von mässiger Länge, sie liegen in einer Horizontalebene 
nebeneinander und berühren sich mit ihren Basen (Fig. I). 
Ihre Vorderflächen von annähernd ovaler Form (Fig. I d) ge- 
lenken mit je einem Knochen des distalen Tarsusabschnitts, 
welche entsprechende Gelenkflächen besitzen und ebenfalls 
in einer Horizontalebene liegen; so gelenkt der nicht se- 
cundär veränderte Mtsi mit dem Ti, der Mts2 mit dem T 2 , 
Mts3 mit T3, MtS4 und 5 mit dem Cub., das entstanden ist 



68 



GesettscJiaft naturfm sehender Freunde^ Berlin, 



durch Verwachsung von T4 und Ts. Diese Tarsusknochen 
wiederum gelenken mit anderen, die das Nav., den Ast. 
und Cal. repräsentiren und ebenfalls in einer Horizontal- 
ebene liegen; der ganze Fuss ruht demnach völlig flach 
dem Boden auf und berührt ihn mit allen Theilen seiner 
Sohle. Die Weiterentwicklung der einzelnen Mts. und der 
mit ihnen gelenkenden Tarsus-Knochen ist nun eine durch- 
aus gleichmässige, man kann sagen fast parallele. Es ent- 
stehen nämlich zuerst an allen Metatarsusbasen an der Unter- 
seite in der Mitte Längsgräten (Fig. II, 1 p) , desgleichen an 
den zugehörigen Tarsusknochen. Haben dieselben in beiden 
Knochenreihen eine bestimmte Grösse erreicht (Fig. III, p), 
dann stossen sie in der Höhe der ursprünglichen Metatarsus- 
Tarsus - Gelenke aneinander unter Ausbildung von Gelenk- 
flächen (also die Mtsi -Gräte an die Ti -Gräte, die des Mts3 an 
die T3- Gräte [Fig. III] u. s. w.); und zwar berühren die Gräten 
sich meistens zuerst nur mit ihren etwas verdickten Plantar- 
rändern (p), was bewirkt, dass in den so vergrösserten Meta- 
tarsus-Tarsus-G elenken die ursprünglich vorhandenen Gelenk- 
flächen (Fig. III, d) von den neu entstandenen (Fig. III, p) 
durch Knochenbuchten (x) getrennt sind, die nicht Gelenk- 
knorpel tragen. Deren Ueberknorpelung findet später eben- 
falls statt und die Metatarsus-Tarsus-Gelenkflächen haben in 
diesem Entwicklungsstadium die Form eines Nagels mit ova- 
lem Kopf und kurzem Stiel (Fig. II, 3 dp). Damit ist die Ent- 
wicklung der Gelenkflächen indess noch durchaus nicht been- 
det: das nächste ist, dass an ihren stielartigen Plantarab- 
schnitten (Fig. II, 3 p) seitliche Ausbuchtungen auftreten, eine 
mediale (pm) und eine laterale (pl). Haben dieselben eine 
bestimmte Grösse erreicht, dann wachsen sie nicht mehr 
nach den Seiten fort, sondern nur nach oben hin (Fig. II, 
4 u. 5) und verschmelzen schliesslich untrennbar mit den 
Dorsalabschnitten der Gelenkflächen (Fig. II, 5 u. Fig. IV); 
dabei ist aber an ihren Dorsalabschnitten die Seitenentwick- 
lung stets so beschränkt, dass die Gelenkflächen nach 
Vollendung des letztbeschriebenen Entwicklungsstadiums 
(Fig. II, 5 u. Fig. IV) die Gestalt eines Vierecks besitzen, 
das nach unten verschmälert ist. 



Sitzung vom 20. Febi'uar 1894. 



69 



Es wurde bereits darauf hingewiesen, dass bei den 
Amphibien särnmtliche Metatarsusbasen in ein und dersel- 
ben Horizontalebene liegen und an einanderstossen (Fig. I); 
würden sie diese Lage auch dann beibehalten, wenn sie sich 
in der bisher beschriebenen Weise fortentwickelt haben 
(Fig. IV), dann würden ihre Plantarabschnitte durch weite 
Zwischenräume von einander getrennt sein; dies ist indess 
nicht der Fall in Folge der Einwirkung der Musc.-peroneus- 
longus-Endsehne auf die Knochen (Fig. IV u. V, pero). Der 
Muse, peroneus longus, der an der Mtsi- u. Ti -Planta in- 
serirt, entlang zieht hinter sämmtlichen Tarsusknochen und 
sich um das Cub. herumwindet, wirkt dadurch wie eine 
Schlinge auf den distalen Tarsusabschnitt und presst bei 
seiner Contraction die einzelnen Tarsusknochen mit ihren 
Plantar-Abschnitten gegen einander (Fig. V). In seiner ent- 
sprechenden Einwirkung auf die Mts. - Basen wird er we- 
sentlich unterstützt durch den Musc.-mtSö-abductor (Fig. IV 
u. V abd), der von der Hacken - Unterseite entspringt und an 
der Mts - Tuberositas lateralis inserirt, der Muskel wirkt 
bei seiner Zusammenziehung dem Seitendruck des Muse, 
peroneus longus entgegen und hilft dadurch die Mts. -Basen 
aneinanderpressen. 

Sobald die fünf Metatarsen mit ihren Köpfen einen 
Transversalbogen bilden, wird einer von ihnen zum Schluss- 
stück des Bogens, während die übrigen zur Ausbildung der 
Bogenschenkel zusammentreten. Es sei schon hier bemerkt, 
dass nicht immer ein und derselbe Mts. zum Bogenschluss- 
stück wird. Nehmen wir an, es bilde der Mts3 den Bogenschei- 
tel, wie es bei den Bären der Fall ist (Fig. V 3), dann behält 
dieser MtS3 seine bisher erworbene Gestalt eines Vierecks bei, 
kann aber noch ausserdem (Fig. V, 3 tp) eine Tuberositas plan- 
taris ausbilden, die rein plantarwärts schaut und im Maxi- 
mum ihrer Entwicklung an ihrer Spitze eine knopfartige Ver- 
dickung trägt; die anderen Mts. erleiden dann aber gewöhn- 
lich noch eine viel weiter gehende Entwicklung, zuerst 
verlieren die beiden zu äusserst liegenden durch interne 
Atrophie ihre äusseren Rückenkanten, der Mtsi die dorsal- 
mediale Kante (Fig. V, 1 z) und der Mtss seine dorsal- 



70 



Gesellschaft natur forschender Freunde, Berlin. 



laterale Kante (Fig. V, 5 z), die ursprünglich viereckigen 
Knochen werden dadurch dreieckig. Hat diese Kanten- 
Atrophie eine oft sehr beträchtliche Grösse erreicht, dano 
beginnt ausserdem noch eine ähnliche Atrophie an den bei- 
den anderen, dem Mts3 näher liegenden Knochen (MtS2 und 4) 
(Fig. V, 2 z), auf diese Weise nimmt die Spannung des 
Bogens mehr und mehr zu; ihr Maximum erreicht sie in- 
dess erst, wenn die atrophirenden Knochen oder wenigstens 
die äussersten von ihnen sich nach der Fusssohle hin noch 
weiter entwickeln. Dies kann in dreifacher Form gesche- 
hen, einmal durch Ausbildung der bereits beschriebenen 
reinen Tuberositas plantaris (Fig. V, 3tp). oder durch Aus- 
bildung einer Tuberositas plantar-medialis oder Tuberositas 
plantar - lateralis (Fig. V, tpmu. tpl), deren Lage durch 
ihre Namen charakterisirt sind. Es giebt Knochen , die zwei 
dieser Tuberositäten besitzen, so haben bei den Bären und 
Musteliniden das Mtsi und Mtss eine Tuberositas plantar- 
medialis und plantar - lateralis (wie in Fig. V, 1 und 5), 
während bei Viverra am MtS5 dieselben, am Mtsi die Tu- 
berositas plantaris und plantar - lateralis vorhanden sind. 
In allen Fällen wachsen wie in Fig. V die am Ti befind- 
liche Tuberositas plantar - lateralis (tpl) und die am Mtss 
entstehende Tuberositas plantar-medialis (5 tpm) schräg ge- 
geneinander und gegen das T3 hin in die Fusssohle hinein, 
sie verengen dadurch die Fusssohle und verstärken ausser- 
dem sehr ihre Bogenspannung. Bei anderen Thieren (Halb- 
affen) ist im Tarsus diese Tuberositas-Entwicklung so stark, 
dass dort unter dem T3 das T2 und Cub. in einer Gelenk- 
fläche aneinander stossen, während das Ti ebenfalls bis dicht 
an das Cub. reicht; man kann sagen, der Tarsusbogen 
schliesst sich hier zu einem Kreis zusammen. 

Zum Beweis meiner früheren Angaben, dass das 
Säugethier-Fussgewölbe in der Querrichtung durchaus nicht 
immer um ein und denselben Mts. eingerollt ist, gebe ich 
dem Text eine Anzahl Abbildungen bei. 

Fig. VIII zeigt den bei Hyaena crocitta vorhandenen 
Tarsus-Querbogen ; sie lässt zugleich erkennen, dass diese 



Sitzung vom 20. Februar 1894. 



71 



Bogenentwicklung nicht immer genau in der bisher beschrie- 
benen Weise geschieht. Den Bogenscheitel bildet das T3 
und MtS3. Das T3 hat einen Dorsal- und Plantar-Abschnitt 
(Fig. VIII, d u. p). dagegen fehlen seinem Plantar-Abschnitt 
die seitlichen Ausbuchtungen ganz, dafür aber haben die 




benachbarten Tarsus -Knochen (das T2 und Cub.) an ihren 
Plantar -Abschnitten um so grössere Ausbuchtungen gegen das 
T3 hin entwickelt, man kann sagen, sie bohren sich mit den- 
selben in das T3 hinein; ausserdem atrophiren dabei gleich- 
zeitig das T2 yon seiner Dorsal-medial-Kante aus und das 
Cub. von seiner Dorsal -lateral -Kante aus so sehr, dass 
beide Knochen scheinbar am T3 hinabgerückt sind und das 
T3 - Dorsum sie nach den Seiten hin gleichsam überdacht. 



72 Gesellschaft natwf or sehender freunde, Berlin. 



Die dadurch von den drei Tarsusknochen erzeugte sehr starke 
Bogenspannuog wird noch wesentlich erhöht durch das Ti, 
das erstens eine Tuberositas plantar-lateralis (tpl) von so be- 
trächtlicher Grösse entwickelt hat, dass sie fast bis zur T3- 
Tuberositas plantaris reicht, und dann zweitens gleichzeitig 
so stark von seiner Dorsal -medial -Kante aus atrophirt ist, 
dass von ihm eigentlich nur noch diese Tuberositas übrig 
geblieben ist; das Ti liegt deshalb fast gar nicht mehr 
neben dem T2, sondern ist scheinbar ganz in die Fusssohle 
hineingerückt. 

Am Macropus-Fuss (Fig. VI) findet die Fuss -Einrol- 
lung um die Mts4-Längsaxe statt. Der Mts4 besteht hier 
aus einem Dorsal- Abschnitt (d), dem Plantar- Abschnitt (p) 
und der zwischen beiden gelegenen Knochenbrücke, die erst 
zum Theil überknorpelt ist (x), ausserdem findet man an 
diesem Mts4 eine Tuberositas plantaris in der Ausbildung 
begriffen (tp), das Cub. ist von der Dorsal-lateral-Kante so 
stark atrophirt, dass es oben vom MtS4 überragt wird; 
ebenso ist das T3 von der Dorsal-medial-Kante sehr stark 
atrophirt, zeigt jedoch deutlich einen Dorsal- und Plantar- 
Abschnitt (d u. p), und eine Tuberositas plantaris mit knopf- 
förmigem Endstück (tp). Das MtS2 und Mtsi sind so stark 
atrophirt, dass sie nahezu senkrecht unter dem Mts4 liegen 
und von ihm oben stark überragt werden. 

Bei den Artiodactylen (Fig. VII) und den Halbaffen findet 
die Metatarsus-Einrollung um eine Axe statt, welche den zwi- 
schen MtS3 und MtS4 befindlichen Zwischenraum senkrecht 
durchzieht. 

Am Hyänidenfuss findet, wie beschrieben worden ist, 
die Tarsus-Einrollung um eine Scheitelebene statt, die durch 
die T3 -Mitte geht. Dasselbe ist an allen Raubthierfüssen 
der Fall; dabei unterscheidet sich indess der Hyänidenfuss 
durch eine stärkere Einrollung der Bogenschenkel sehr 
charakteristisch vom Bärenfuss. Ich werde später nach- 
weisen, dass die stärkere Einrollung des Hyänidenfusses 
dadurch erzeugt wird, dass seine Quer - Bogenbildung be- 
gleitet wird durch Ausbildung einer permanenten Zehen- 
anspreizung an die Fuss-Scheitel-Axe, während bei den 



Sitzung vom 20. Februar 1894. 



73 



Bären die weniger starke Bogenspannung dadurch zu Stande 
kommt, dass die Zehen von der Scheitelebene in permanent 
gewordener Abspreizung stehen. Auch bei den Neuwelt- 
affen und Perissodactylen geht die Fusseinrollungsaxe durch 
das T3, doch zeigt der Perissodactylen -Fuss (speciell der 
der Equiden) in vielen Charakteren ein primitiveres Verhalten 
als die Raubthierfüsse . dies tritt besonders in seinen T3- 
und T2 -Gelenkflächen und in seinem, noch neben dem Kav. 
liegenden Cub. hervor. 

Bei den Altweltaffen findet die Fuss-Einrollung um 
eine Scheitelebene statt, welche in senkrechter Richtung den 
zwischen T2 und T3 befindlichen Zwischenraum durch- 
zieht. - 

Am Menschen-Fuss (Fig. IX) ist die Scheitelebene 
in auffälligster Weise der medialen Fusseite genähert, sie 
geht senkrecht durch die T2 -Medialseite und später durch 
den Mtsi- und Mtsi - Zwischenraum. Das menschliche 
T2 besteht dabei nur aus einem Dorsal- und Plantar -Ab- 
schnitt (du. p). hat also am Plantar- Abschnitt keine seitlichen 
Ausbuchtungen, dafür besitzen das ihm benachbarte Ti und 
T3 an ihren Plantar-Abschnitten (p) seitliche Ausbuchtungen 
von um so grösserer Entwicklung und schieben sich damit 
gleichsam in das T2 hinein. Das Ti ist ausserdem noch 
von seiner dorsal - medialen Kante aus stark atrophirt und 
besitzt dafür als Ersatz eine enorm entwickelte Tuberositas 
plantaris, die mit dem N«v. und Mtsi gelenkt und garnicht 
selten selbständig auftreten kann (das Ectocuneiforme se- 
cundarium nach Grubek); dies geschieht nach meinen Beob- 
achtungen, wenn auf pathologischem Wege der zugehörige 
Mtsi von der Scheitelebene des Fusses eine übertrieben 
starke Abspreizung nach der Fusssohle hin erleidet. — Das 
T3 schiebt sich nicht nur sehr stark in das T2 hinein, 
sondern es ist auch bereits von seiner dorsal - lateralen 
Kante etwas atrophirt und hat als Ersatz dafür eine Tu- 
berositas plantaris ohne Endplatte (Fig. IX, 3 tp). Ganz ab- 
norm stark ist aber das menschliche Cub. atrophirt. verschwun- 
den ist an ihm nicht nur der ganze Dorsalabschnitt, sondern 
es fehlt ihm auch fast ganz der Plantarabschnitt mit seinen 



74 Gesellschaft natur forschender Freunde, Berlin. 



seitlichen Ausbuchtungen, dafür besitzt aber das menschliche 
Cub. als nur ihm zukommende Bildungen eine grosse Tu- 
berositas plantar-medialis, die sich unter das Nav. und T3 
schiebt (Fig. IX, tpm) und eine bis zum Maximum ent- 
wickelte Tuberositas plantar-lateralis (Fig. IX, tpl); der 
menschliche Fuss fällt daher zur Medialseite schwach, da- 
gegen steil zur Lateralseite ab und die Schenkel, des von 
seinen Tarsus-Knochen gebildeten Querbogens, sind von sehr 
ungleicher Länge, der mediale ist auffällig kurz, der late- 
rale um so länger. 

An den soeben beschriebenen Säugethierfüssen erkennt 
man deutlich, dass von ihnen der phylogenetisch höher ste- 
hende, von den anderen tiefer stehenden dadurch unter- 
schieden ist, dass bei ihm die Verticalebene, um welche der 
Fuss einen Querbogen bildet, näher dem medialen Fuss- 
rande liegt, und man kann ferner die Füsse in der Art 
gruppiren, dass sie dieses langsame Medialwärtsrücken 
der Bogen - Scheitelebene deutlich erkennen lassen. Aus 
dieser Fussreihe wird man dann auch die Ursache heraus- 
lesen, welche diese Säugethierfuss- Entwicklung veranlasst 
hat. Bei den niederen Landwirbelthieren (Amphibien, Rep- 
tilien, Monotromen und Beutelthieren) stützt sich der Fuss 
vorwiegend mit seiner Lateralseite auf den Boden, wird 
er in Streckstellung gegen denselben gepresst, dann em- 
pfangen die seiner Lateral seite angehörigen Mts. den Gegen- 
druck des Bodens, und deshalb wird vorwiegend von ihnen 
das Körpergewicht emporgehoben und fortbewegt; ihr fester 
Contact mit dem Boden verhindert sie dabei an jeder Sei- 
tenbewegung, während die medialen Mts. weit weniger 
belastet sind und deshalb gegen die laterale Fussseite hin 
eine Einrollung erfahren können. Schritt für Schritt bildet 
der Säugethierfuss während seiner Phylogenese die Fähig- 
keit aus, bei der Streckung mehr seine mediale Seite 
durch das Körpergewicht zu belasten, dadurch wird seine 
Lateralseite ebenso allmählich entlastet. Nunmehr bilden 
die der medialen Fussseite angehörigen Mts. die Hebel für 
die Fortbewegung der Körperlast, während die lateralen 
Mts. ebenso schrittweise freier beweglich werden und da- 



Sitzung vom 20. Februar 1894. 



To 



durch die Befähigung erlangen, sich gegen die mediale 
Fussseite einzurollen. Es wird daher durch jede Fuss- 
Scheitelebene diejenige Fusspartie bezeichnet, welche vor- 
wiegend als Hebel für die Fortbewegung der Körperlast 
dient. Nebenbei ist zu bemerken, dass es hauptsächlich 
der Muse, peroneus longus ist, der durch eine Steigerung 
seiner Leistungsfähigkeit diese Stellung-Aenderung des Fusses 
erzeugt. 

Wenn ich angegeben habe, dass die oben beschriebe- 
nen Fussformen in einer Reihe angeordnet werden können, 
die deutlich erkennen lässt, aus welchen Ursachen der 
Säugethierfuss - Querbogen seine Modifikationen ausbildet, 
soll damit natürlicherweise durchaus nicht gesagt sein, dass 
diese Fussformen damit als directe Vorfahren des mensch- 
lichen Fusses anzusehen sind, im Gegentheil sind sie 
alle von den zum Menschenfuss werdenden Formen seit- 
lich abgezweigt, was sie alle schon dadurch beweisen, 
dass bei ihnen die von der Fussscheitelebene entfernt lie- 
genden Zehen eine so weit gehende Reduction aufweisen, 
dass sie nicht mehr befähigt sind, zu Stammformen für 
Füsse zu dienen, bei welchen diese Zehen intact vorhanden 
sein müssen; andererseits aber könnte ein oberflächlicher 
Beobachter leicht zu der Idee geführt werden, dass nur 
die starke Verkümmerung der seitlichen Zehen die seit- 
lichen Mts - und Tarsus -Knochen zum Hinabsteigen in die 
Fusssohle veranlasse und dadurch die Fussbogenbildung her- 
vorrufe, und er könnte zum Beweis behaupten, dass die Kno- 
chen an ihren Plantarseiten um ebenso viel an Grösse zu- 
nähmen, wie sie an ihren oberen Seitenkanten an Grösse 
verlieren. Dass eine solche Vermuthung irrig wäre, lehren 
alle diejenigen Säugethierfüsse. deren Tarsus- und Metatar- 
sus-Knochen Querbogen bilden, während ihre Zehen von der 
Fussscheitelebene permanent abgespreizt sind und nicht atro- 
phiren. Unter diesen Füssen steht allen voran der Phociden- 
Fuss, bei ihm bildet der Tarsus einen Querbogen von hoher 
Vollendung, denn in ihm liegt das T2 ganz im T3. ganz unter 
dem T2 das Ti und ganz unter dem Mts* das MtS5 und doch 
sind gerade an diesem Fuss die an der Bogenbildung besonders 



76 Gesellschaft naturforschender Freunde, Berlin. 



betheiligten Zehen, der Di und D5 die weitaus am stärk- 
sten ausgebildeten Zehen. Ferner lehrt dasselbe, freilich 
in etwas anderer Form der Ilydroclioeras- und Dasyprocta- 
Fuss; bei ihnen repräsentirt den ersten Zeh nur das Ti 
und ein Mtsi-Rest, ebenso weisen das T2 und MtS2 starke 
Verkümmerung an der oberen Seitenkante auf, und doch 
hat weder das Ti, noch das T2, noch das T3 irgend eine 
Tuberositas plantaris, weil an diesen Füssen unmittelbar 
unter jenen drei Tarsusknochen das Nav. eine Tuberositas 
plantaris von mächtiger Entwicklung bis zu den Mts. -Basen 
vorschiebt. 

Ich hebe hier noch einmal ausdrücklich hervor, dass 
das Ti, wenn es fast ganz unter dem T2 liegt, nicht unter 
dieses herunter gerückt ist, sondern seine Stellung dadurch 
erworben hat. dass es eine Tuberositas plantar - lateralis 
ausbildete und dann von seiner oberen Seitenkante aus bis 
auf diese atrophirt ist; eine ähnliche Entwicklung haben 
alle anderen Tarsusknochen, sobald sie sich scheinbar unter 
benachbarte Tarsusknochen herunterschieben. Die alsdann 
an den einzelnen Tarsus- und Mts. - Knochen auftretenden 
Plantarabschnitte mit ihren seitlichen Ausbuchtungen, sowie 
ihre verschiedenen Plantar-Fortsätze entwickeln sich dabei, 
wie ich in der vorigen Nummer dieser Zeitschrift angege- 
ben habe, in der Weise, dass an den Knochen inserirende 
Band- und Sehnenfasern von ihnen aus eine Strecke weit 
verknöchern; die Bänder durchziehen der Länge nach die 
Fussunterseite und müssen bei der Fussstreckung eine 
enorme Zugspannung aushalten, die durch den Muse, gastro- 
cnemius und soleus erzeugt wird; diese Längsbänder der 
Fussunterseite haben zweifellos einmal den beiden Muskeln 
als Endsehnenfasern angehört und sind von ihnen erst später 
secundär durch die Hackenentwicklung abgetrennt worden. 
— Durch die Zugspannung können übrigens unter Umstän- 
den aus ein und demselben Band - Abschnitt Knochenfort- 
sätze verschiedener Knochen entstehen, denn es ist auch 
theoretisch leicht einzusehen, dass an einem T2 eine Tube- 
rositas plantar -medialis nicht mehr entstehen kann, wenn 
bereits am Ti eine Tuberositas plantar-lateralis vorhanden 



Sitzung vom 20. Februar 1894. 



77 



ist und daher sind auch die Ti-Tuberositas plantar-lateralis 
des Hyänenfusses und die T2- Tuberositas medialis des 
Bärenfusses homologe Bildungen. 

Es ist bisher nur von denjenigen Fussquerbogen ge- 
handelt worden, die durch Einrollung des Metatarsus und 
des distalen Fussabschnitts entstanden sind. Die Entste- 
hung dieser Bögen wirkt durch den ganzen Fuss fort, durch 
das Nav. und Cub. direct auf den Ast.- und Cal.-Kopf (Fig. X). 
Bei den Amphibien liegt der Ast. -Kopf in ein und derselben 
Horizontalebene neben dem Cal.-Kopf und beide gelenken 
mit dem distalen Fussabschnitt durch ovale Gelenkflächen, 
den Dorsalabschnitten der später vergrösserten Gelenk- 
flächen (Fig. X dm, dt, C). Dann entwickeln sich beide Köpfe 
plantarwärts fort, aber nicht unter Ausbildung selbständiger 
Plantar-Abschnitte mit seitlichen Ausbuchtungen, sondern in 
der Art, dass bei ihnen mit Umgehung der Plantar-Abschnitte 
sofort deren seitliche Ausbuchtungen auftreten (Fig. X pm, 
pt. H). Auch dann, wenn die Gelenkflächen diese . Form 
erlangt haben, also viereckig geworden sind, liegen sie 
noch ganz neben einander. 

Auf dieser Entwicklungsstufe bleibt der Ast. -Kopf ste- 
hen, der Cal.-Kopf wächst weiter plantarwärts fort, indem 
er nunmehr von seinem Dorsum an Masse ungefähr so viel 
verliert, als er an der Planta an Masse gewinnt. Während 
bei vielen Raubthieren (bei manchen Hunden, Bären u. s. w. 
Fig. X, H) am Cal. die Cub. -Gelenkfläche nur besteht aus dem 
Dorsal-Abschnitt. der oben bereits stark verkümmert ist, und 
aus einem Plantar-Lateral-Abschnitt, entwickelt sich bei vielen 
anderen Raubthieren am Cal.-Kopf auch noch die plantar-me- 
diale Ausbuchtung, ferner eine ansehnliche Tuberositas plan- 
taris und Spuren einer Tuberositas plantar-lateralis (tpl), doch 
nur bei wenigen von ihnen gelenkt die Tuberositas plantar- 
lateralis bereits mit dem Cub. Beim menschlichen Cal. 
(Fig. X, M) besitzt die Cub. -Facette keinen ursprünglichen 
Dorsalabschnitt und ebenso wenig die plantar-mediale und 
plantar-laterale Ausbuchtung, dafür hat aber (Fig. X, tpl) das 
menschliche Cal. die Tuberositas plantar-lateralis mit ihrer 
Gelenkfläche für das Cub. zum Maximum ausgebildet und 

2** 



78 Gesellschaft natur forschender Freunde, Berlin. 



gleichzeitig hat sich beim Menschen zwar nicht am Cal. 
aber am Cub. eine Tuberositas plantar - medialis von be- 
trächtlicher Grösse entwickelt, die am Cal. unterhalb des 
Processus anterior gelenkt (Fig, X, tpm) und dadurch be- 
weist, dass in ihr auch die Cal. -Tuberositas plantaris-medialis 
enthalten ist. Die starke Umwandlung des menschlichen 
Cal. -Kopfes kommt dadurch besonders zum Ausdruck, dass 
er gar nicht mehr in der Horizontalebene des Ast. -Kopfes 
liegt, sondern neben dem Ast. -Kopf, aber tiefer als er. Die 
letzterwähnte Thatsache war mir schon bei meinen Unter- 
suchungen über das Cal. -Ast. - Gelenk bekannt, damals 
glaubte ich aber, dass während der Gelenkphylogenese das 
Cal. - Sustentaculum tali am Cal. -Körper emporrücke, weil 
der Ast. -Körper in seinem Medial-Abschnitt an Tiefe verliere; 
dies ist, wie sich jetzt zeigt, ein Trugschluss gewesen. — 
Es entsteht nun die Frage, warum entwickelt sich nicht 
auch der Ast. -Kopf noch stärker in die Fusssohle hinein? 
Dies hat einen sehr einfachen Grund: Die unter dem Ast.- 
Kopf liegenden Bänder, welche den Bändern entsprechen, 
welche am Cal. -Kopf die Tuberositas plantaris, Tuberositas 
plantar-lateralis und plantar-medialis erzeugen, entspringen 
bei allen Thieren nicht am Ast.-Kopf, sondern vom Susten- 
taculum tali und infolge dessen verknöchern sie. wenn es 
geschieht, vom Sustentaculum und nicht vom Ast.-Kopf; in 
solchen Fällen stösst unter dem Ast. - Kopf das Sustenta- 
culum tali an die Nav. -Tuberositas plantaris, wie es bei den 
Pferden und Orijcteropus der Fall ist. 

Es fragt sich nun, welchen Nutzen hat eigentlich die 
Quereinrollung des Fusses? Dies ergiebt sich aus folgender 
Ueberlegung: Diese Fussbögen verdanken ihre Entstehung, 
wie nachgewiesen ist. vorwiegend dem Muse, peroneus lon- 
ifus und Muse, abduetor hallueis, also Streckmuskeln des 
Fusses, und sie müssen deshalb auch bei der Fussstreckung 
von Nutzen sein. Dies ist thatsächlich der Fall. Wenn 
der Fuss zur Fortbewegung auf den Boden oder einen 
sonstigen, Widerstand leistenden Stützpunkt gepresst wird, 
dann wird die in ihm erzeugte Kraft um so vollständiger 
zur Hebung der Körperlast Verwendung finden, je weniger 



Sitzung vom 20. Februar 1894. 



79 



von ihr auf dem Wege zum Stützpunkt verloren geht. Dies 
wird nun in vollkommener Weise dadurch verhindert, dass 
bei der Fussstreckung einige Metatarsen und Zehen be- 
sonders fest auf den Stützpunkt gepresst werden, während 
die anderen den Stützpunkt zu umgreifen streben, es wird 
dadurch einmal der Stützpunkt am Entweichen verhindert 
und dem Fuss wird ausserdem die Möglichkeit genommen, 
durch Seitenschwankungen Kraft zu verlieren. — Besteht 
dabei der Fussstützpunkt aus sehr festem Material: hartem 
Gestein. Aesten und dergleichen, dann liefert schon ein 
kleines Volumen des Stützpunktes der im Fuss erzeugten 
Muskelkraft den zur Körperfortbewegung nothwendigen 
Widerstand, und um dieses geringe Volumen zu umfassen, 
muss der Fuss eine starke Querbogenspannung ausbilden, 
was dadurch geschieht, dass seine Zehen der Scheitelebene 
möglichst genähert werden, es entstehen auf diese Weise 
schliesslich die Füsse mit starker Querbogenspannung und 
mit Zehen, die permanent ihrer Scheitelebene angespreizt 
sind. Die von der Scheitelebene entfernt liegenden Zehen 
haben in diesem Fall fast nur die Aufgabe, den Fuss vor 
Schwankungen zu bewahren, da ein Ausweichen des Bodens 
nicht zu befürchten ist; wird nun der Fuss nachträglich 
durch peripherisches Knochenwachsthum in seinem Inneren 
so umgebildet, dass er schon aus diesem Grunde keine 
Seitenbewegungen, sondern nur reine Streck- und Beuge - 
bewegungen auszuführen vermag, dann werden die seiner 
Scheitelebene fernliegenden Zehen überflüssig und verküm- 
mern auch (extreme Perissodactylen, Artiodact)'len, Halbhuf- 
pfötler, Macropus u. s. w.). Besteht der Fuss-Stützpunkt aus 
sehr w r enig widerstandsfähigen Medien: sehr weichem Boden, 
Sumpf-Erde, Wasser, dann liefert erst ein verhältnissmässig 
grosses Volumen dieses Stützpunktmaterials den zur Be- 
wegung der Körperlast nothwendigen Widerstand. Auch 
dieses Volumen umfasst der Fuss, doch vermag er das nur 
durch Abspreizung der Zehen von seiner Scheitelebene; er 
verliert dadurch aber zugleich die Befähigung, einen starken 
Querbogen auszubilden. Es entstehen auf diese Weise zum 
Schluss Füsse mit schwächerer Querbogenbildung und von 



80 Gesellschaft naturforschender Freunde, Berlin. 



der Scheitelebene permanent abgespreizten Zehen. Da diese 
Füsse stets, auch wenn sie im Innern noch so sehr ge- 
festigt sind, ein grosses Volumen Stützsubstanz umfassen 
müssen, treten bei ihnen Zehenverkümmerungen entweder 
garnicht oder nur in sehr geringem Maasse auf (Schwimm- 
füsse, Wadfüsse, Grabfüsse für weichen Boden, während die 
Grabfüsse für harten Boden Zehenanspreizung zeigen). — Ich 
behalte mir die Ausführung dieser Gedanken für meine zu- 
sammenfassende Arbeit vor. 

Herr W. Weltner sprach über zwei neue Cirripedien 
aus dem indischen Ocean [ScalpeUum, Megalasma). 

1. ScalpeUum squamuliferum n. sp. 

An einem Hyalonema, welches die Expedition des In- 
vestigator im Indischen Ocean 11° 58' N., 88° 52' 17" 0., 
Station 117, in 3200 m Tiefe erlangt hat, und welches der 
Bearbeiter der Spongien jener Ausbeute, Herr Professor 
F. E. Schulze, H. masoni n. sp. nennen will, sitzen an 
der Stelle des Stieles, wo man bei anderen Hyalonemen 
die Palythoen findet, eine Anzahl Cirripedien, die einer 
neuen Art der Gattung ScalpeUum angehören und hier 
näher beschrieben werden sollen. 

Es finden sich an dem Stiel 13 Exemplare des Krebses 
von sehr verschiedener Grösse; sieben Exemplare messen 
24—44 mm Länge, drei (mittelgr,osse) 12—15 mm und vier 
ganz kleine haben 3—4 mm Länge. Die folgende Be- 
schreibung gründet sich auf die Untersuchung je eines der 
grossen und der mittelgrossen Exemplare. 

Diagnose: Capitulum flach, aus 15 Schalenstücken 
bestehend. Scutum, Tergum, Supralaterale, Carina und 
Rostrum gross, letztere beiden einfach gebogen. Das Rostro- 
laterale, Inframediolaterale, Carinolaterale und die Sub- 
carina sind im Verhältniss zu den übrigen Schalentheilen 
klein, sie sind von ziemlich gleicher Grösse und dreieckig. 
Die Umbonen aller Schalenstücke des Capitulums liegen 
am hinteren (in der Stellung, die das Thier im Leben 
meist einnimmt, oberen) Ende. Pedunculus an den ausge- 
wachsenen Exemplaren 3 / 4 der Länge des Capitulums, mit 



81 



9 — 13 Querwülsten, in 
denen je eine oder zwei 
Reihen kleiner kegelför- 
miger oder länglich dreh- 
runder Kalkschuppen lie- 
gen. Am Stiel von Hyalo- 
nema masoniY. E. Schulze, 
Busen von Bengalen, in 
3200 m Tiefe. 

Das Scutum ist vier- 
eckig, die obere Ecke 
spitz, die untere gerundet; 
der Eindruck für den Ad- 
ductor ist tief. 

Das Tergum zeigt eine 
länglich viereckige Ge- 
stalt, das obere und un- 
tere Ende ist spitzwinklig, 
die beiden seitlichen Ecken 
schliessen sehr stumpfe 
Winkel ein. 

Die Carina ist einfach 
gebogen, aussen convex. 
innen tief concav, sie hat 
bei 1172 mm Länge eine 
Breite der Basis von 27* 
mm. Von aussen gesehen 
ist sie dreieckig mit con- 
vexem, basalen Rande. 

Das Rostrum zeigt 
eine stärkere Biegung als 
die Carina und ihre Basis 
ist breiter als bei dieser. 
Am Rostrum beträgt die 
Breite der Basis 372 mm, 
bei einer Länge von 6 mm; 
der basale Rand ist stär- 
ker convex als bei der 



82 



Gesellschaft natur forschender Freunde, Berlin. 



Carina; die Gestalt, von aussen gesehen, ist dreieckig, die 
Aussenseite ist stark convex und in der Mitte mit stumpfer 
Längskante, die Innenseite ist tief ausgehöhlt. 

Die Sub carina hat das Aussehen einer Pfeilspitze, 
dreieckig mit stumpf ausgekerbtem basalen Rande; auf 
der Aussenseite zieht von der Kerbe bis zur Spitze ein 
stumpfer Kiel. 

Das Supralaterale ist viereckig, oben breiter als 
unten, der untere Rand ist convex. 

Das dreieckige, in der Gestalt der Subcarina gleichende 
Rostrolaterale hat eine ziemlich scharfe, nach innen ge- 
wendete obere Spitze. Die Aussenfläche desselben ist convex 
gebogen. 

Das Inframediolaterale dreieckig, der untere Rand 
convex. Die obere Spitze ziemlich scharf und nach innen 
geneigt; aussen auf der Mitte mit stumpfem Kiel. 

Das Carinolaterale dreieckig, der untere Rand ist 
sehr stumpf eingebogen. Die Aussenfläche in der Längs- 
richtung eingesenkt. Die obere Spitze ist ziemlich scharf 
und blickt nach innen. 

Der Pedunculus misst bei den grossen Exemplaren 
an Länge 3 / 4 der des Capitulums, bei den mittelgrossen 
Stücken ist er halb so lang und bei den Exemplaren von 
3—4 mm Länge ist das Capitulum über doppelt so lang 
als der Stiel. Dieser trägt bei den grossen Exemplaren 
9 — 13 Querringe, in denen kleine (ohne Lupe sichtbare) 
Kalkschuppen meist in doppelter, seltener in einfacher Reihe 
liegen. Es kommt auch vor, dass die Schuppen zerstreut 
im Querwulst vertheilt sind. Sie sind fest in der Haut des 
Stieles eingebettet. Ihre Gestalt ist im allgemeinen kegel- 
förmig oder länglich drehrund ; sie liegen schräge, so zwar, 
dass das eine, bei den kegelförmigen dünnere Ende jeder 
Schuppe nach innen, das dickere nach aussen ragt. Bei 
dem einen von mir untersuchten Exemplar hatten die 
Schuppen in allen Ringen ziemlich gleiche Gestalt, die im 
untersten (an der Ansatzstelle an dem Hyalonema) Ringe 
gelegenen waren am grössten; bei dem anderen etwas 
kleineren Exemplare zeigten die Stielschuppen zunächst 



Sitzung vom 20. Februar 1894. 



83 



des Capitulums eine platte, viereckige Gestalt mit ge- 
rundeten Ecken und Kanten. Bei dreissigfacher Ver- 
grösserung erkennt man auf dem Stiel sehr dicht stehende, 
sehr kurze Dörnchen. 

Die Querringe treten an den mittelgrossen (12 — 15 mm 
langen) Thieren weniger scharf hervor, die Schuppen liegen 
hier auch enger bei einander und sind im ganzen regel- 
mässiger angeordnet; sie sind nur wenig kleiner als bei 
den grossen Exemplaren. Bei den ganz kleinen Stücken 
sind die länglichen Schuppen in schräger Richtung über 
den Stiel angeordnet, an dem man keine Ringelung bemerkt. 

Die Oberlippe 1 ) ragt mit ihrem mittleren Theile weit 
über die anderen Mundtheile hervor und ist ungezähnt; der 
Palpus ist stumpf und vorne und aussen mit Borsten ver- 
sehen. 

Die Mandibel tragen auf der einen Seite 5, auf der 
anderen aber 6 — 7 Zähne, indem an Stelle des fünften 
kleinsten Zahnes 2 resp. 3 dünnere stehen. 

Die Maxillen haben einen dreigetheilten Kaurand, 
der mittlere Theil liegt etwas tiefer als die beiden seit- 
lichen. Alle drei sind mit kräftigen langen Dornen bewehrt. 

Die äusseren Maxillen sind aussen convex, innen 
eingebuchtet. Jede Maxille ist am basalen Theile und an 
der Spitze mit langen Borsten besetzt. 

Das erste Paar der C irren steht weit entfernt von 
den übrigen und hat dicke Glieder. Die Aeste des ersten 
und dritten bis sechsten Paares sind gleich lang, die des 
zweiten Paares zeigen eine verschiedene Länge. Die drei 
hinteren Paare tragen an jedem Gliede fünf grosse unge- 
fiederte Borsten an ihrer Innenseite und eine grosse und 
mehrere kleinere an der Dorsalseite. An keinem Cirrus 
habe ich Zähne auf der Innenseite gefunden. 

Die Caudalanhänge sind eingliedrig, kegelförmig; 
sie haben an der Innenseite einen schwachen Borstenbesatz 
und an der Spitze einige längere Borsten. 



l ) Zur Untersuchung der Mundtheile dienten zwei der grossen 
Exemplare. 



84 Gesellschaft naturforschender Freunde, Berlin. 



Der Penis ist lang, etwa von der Länge der Aeste 
des ersten Cirrenpaares und spärlich behaart. 

Unter den bisher bekannten 70 Arten 1 ) des Genus 
Scalpellum lässt sich nach Hoek 2 ) eine Gruppe unterschei- 
den, der folgende Merkmale zukommen: Die Schalentheile 
sind vollkommen verkalkt, die Carina steht nicht frei vor 
und ist einfach (nicht winklig) gebogen, und es ist eine 
Subcarina vorhanden. Zu dieser Gruppe gehören Sc acutum 
Hoek. gefunden in der Nähe der Acoren und der Kermadec- 
Inseln, und Sc. Stratum Aur. 3 ) bei St. Martin im Antillen- 
meer. Hierzu gesellt sich nun Sc. squamuliferum n. sp. aus 
dem indischen Ozean, welches dem Sc. Stratum in der Be- 
schaffenheit des Capitulums sehr ähnlich ist 4 ) und sich von 
ihm häuptsächlich dadurch unterscheidet, dass der Pedun- 
culus bei den älteren Exemplaren Querringe mit je 1 bis 
2 Reihen kleiner kegelförmiger oder länglich drehrunder 
Schuppen trägt, während bei den jugendlichen, 3 — 4 mm 
langen Thieren der Stiel keine Ringelung zeigt und die 
länglich drehrunden Schuppen hier in schrägen Längsreihen 
angeordnet sind. 

Scalpellum squamuliferum ist die erste im eigentlichen 
indischen Ocean gefundene Art dieser weitverbreiteten 
Gattung. 

2. Megalasma carino-dentatum n. sp. 

Zwischen dem oben beschriebenen Scalpellum squam. 
fand sich, am Stiel des Hyalonema sitzend, noch ein anderes 
Cirriped von weisser Farbe. Es ist ein Megalasma und 
steht der einzigen bisher bekannt gewordenen Art, M. stri- 
atum Hoek (Philippinen in 100 und 115 Faden) nahe und 
unterscheidet sich davon vornehmlich durch die viereckigen, 



*) Scalp. stearnsi Pilsbry und calcariferum P. Fisch, sind syno- 
nym; die Bezeichnung stearnsi hat die Priorität. 

2 ) Hoek, Report on the Cirripedia. Report Scient. Res. Voyage 
H. M. S. Challenger, Zool. Vol. 8. 1883. 

s ) Carl W. S. Aurivillius, Neue Cirripedien aus dem Atlantischen, 
Indischen und Stillen Ocean. Oefvers. kongl. Vet. Akad. Förhandl. 
1892, p. 132. 

4 ) Die ausführliche Arbeit von Aurivillius liegt noch nicht vor. 



Sitzung vom 20. Februar 1894. 



85 



kleineren Terga, durch die mit einem Zahn auf der Aussen- 
seite versehene Carina und den kurzen Pedunculus. 

Das Capitulum ist oval, hat gewölbte Seitenflächen 
und ist oben und unten zugespitzt. Länge 6V2 mm, Breite 
3 mm. Stiel kurz, l 1 /* mm lang, geringelt. 

Scut um dreieckig, gewölbt, Schlussrand und carinaler 
Eand stark gekrümmt, der Tergalrand gerade. Vom Schluss- 
rande läuft aussen bis zum gegenüberliegenden Winkel eine 
stark vortretende Rippe über die Schale, welche dadurch 
in zwei ungleiche Hälften getheilt wird. Wachsthumsstreifen 
wie bei 31. striatum verlaufend, die zwischen den Wachs- 
thumsstreifen sichtbare Strichelung zieht senkrecht zu 
letzteren. Der Schlussrand ist breiter als die übrigen 
Ränder und endet etwas unterhalb der oben genannten 
Rippe in einem dicken Knopf, dessen Oberfläche einige Ver- 
tiefungen und Erhabenheiten zeigt, ohne dass zwei deut- 
liche Gruben wie bei striatum ausgeprägt wären. Der unter- 
halb dieses Knopfes liegende Theil des Scutums ist nach 
aussen gebogen, so dass man. von aussen auf die Schale 
gesehen, die Biegungsstelle des unteren Theiles als schwache 
Furche erkennt, diese Furche oder Einsenkung setzt sich 
in eine andere der Carina fort. Gegenüber von dem Knopfe 
liegt am carinalen Rande des Skutums eine kleine Grube. 
Die bei M. striatum Hoek sich findenden undeutlichen Zähne 
am Tergalrande fehlen bei M. car. dent 

Das Tergum ist viereckig, der carinale und der scutale 
Rand verlaufen gerade, der basale Rand ist sehr schwach, 
der Schlussrand mässig gebogen. Der carinale Rand ist 
nicht wie bei M. striatum verdickt. Die Wachsthumsstreifen 
ziehen parallel dem carinalen Rande; die feine Strichelung, 
welche am Scutum sehr deutlich war, ist am Tergum nur 
schwach entwickelt. 

Die Carina ist mässig gebogen, innen tief ausgehöhlt 
und aussen mit einem Kiel versehen. Die Seiten sind 
längs gestreift. In 2 /s der Höhe findet sich auf der Rücken- 
seite ein Zahn, von diesem Zahn an nach oben ist die 
Carina viel dünner als im unteren Theile; dies letzte nach 
oben gehende Drittel erscheint als dünne, stumpf endende 



GeseUsclmft naturforschender Freunde, Berlin. 



Lamelle. Das unterste Drittel der Carina ist breit, bauchig 
aufgetrieben, die inneren Ränder dieses Theiles der Carina 
sind dick und enden oben mit einer scharfen Ecke, von 
hier an nach oben sind die beiden skutalen Ränder dünn. 

Das erste Cirrenpaar steht weit von dem zweiten 
entfernt, seine beiden Aeste sind von ungleicher Dicke und 
Länge und haben je 8 Glieder. Sie stimmen im Bau ganz 
mit M. striatum Hoek, Fig. 9, Taf. II. Das sechste Cirren- 
paar besteht aus Aesten mit je 14 Gliedern, jedes Glied 
mit 5 Paar Borsten auf der Innenseite, deren erstes Paar 
sehr klein ist und mit 3 — 5 Borsten auf der Dorsalseite 
zwischen je 2 Gliedern. Am zweiten Rankenfuss ist der 
vordere Ast etwas kürzer als der hintere. Um das einzige 
Exemplar dieses Cirripeden nicht weiter zu zerlegen, habe 
ich die Mundtheile und die Caud alanhänge nicht untersucht. 



Figurenerklärung. 

Die Fig. 2 und 3 habe ich mit dem Auxanographen von Hilgen- 
dorf, Fig. 4 — 6 mit dem Zeichenapparat von Abbe entworfen. 

Fig. 1. Hyalonema masoni n. sp. F. E. Schulze Manuscr. mit 
Scdlpellum squamuliferum n. sp. am Stiel. Nahezu V* der natürlichen 
Grösse. Der Stock zu dieser Figur (eine Verkleinerung nach der 
Zeichnung von Herrn Maler Krohse) ist mir durch gütige Vermittelung 
von Herrn Prof. F. E. Schulze von Herrn Verlagsbuchhändler 
G. Fischer in freundlicher Weise überlassen worden. 

Fig. 2. Scalpellum squamuliferum n. sp., ein grosses Exemplar. 
Vergröss. 27s. Das Stück war einige Minuten in schwacher Kalilauge 
gekocht, um die einzelnen Schalentheile deutlich sichtbar zu machen. 
Die ^age der letzteren ist beim Kocjien nicht merklich verändert, 
^während der Stiel sehr geschrumpft ist. 

Fig. 3. Dasselbe, die einzelnen Schalenstücke des Capitulum von 
aussen. Vergr. 2%. t tergum, s scutum, sl supralaterale, cl carino- 
laterale, il inframediolaterale, rl rostrolaterale, c carina, sc subcarina, 
r rostrum. 

Fig. 4. Dasselbe. Ein Stück des Pedunculus von aussen. 57a Mal. 
Es wurde von einem der grössten Exemplare (s. Fig. 1) ein Stück des 
Stieles parallel zur Längsrichtung von der Ansatzstelle am Hyalonema 
bis zum Capitulum abgetrennt und gezeichnet. Man erkennt 9 Ringe 
und das basale Stück, in ihnen die kleinen Kalkschuppen. Die an 
den Seiten liegenden Schuppen sind beim Schnitt getroffen und daher 
unvollständig. 

Fig. 5. Dasselbe. Einige Schuppen des Stieles von einem grossen 
Exemplar. 13 Mal vergrössert. 

Fig. 6. Megalasma carino-dentatum n. sp. Rechts das ganze 
Thier von aussen, 5 Mal vergrössert. Die feine Strichelung zwischen 
den Wachsthumsstreifen ist fortgelassen. — Links die Schalentheile von 
innen, etwas mehr als 5 Mal vergrössert; t tergum, s scutum, c carina. 



88 Gesellschaft naturforschender Freunde, Berlin 

. * r"7 /\ 

Im Austausch wurden erhalten: 

ff vv% 

Naturwissenschaft! Wochenschrift (Potonie), VIII, No. 51 
bis 52, IX, No. 1—7. 

Leopoldina, Heft XXIX, No. 21- 24. 

Lotos, Jahrbuch für Naturwissenschaft, Neue Folge, XIV. 
Band. ■ ; , \ N ' 

Bericht über die Verwaltung der natjurhistorischen etc. 
Sammlungen des Westpreussischen 'Provizial-Museüms 
für das Jahr 1893. V 

Jahreshefte des Vereins für Mathematik und Naturwissen- 
schaften in Ulm a.D., VI. Jahrgang. Ulm x893. 

Annalen des K. K. Naturhistorischen Hofmuseums, Wien, 
Bd. VIII, No. 3-4. 

Societatum Litterae, 1893, 7. Jahrg., No. 8—12. 

Helios, 11. Jahrg., No. 6—9. 

Anzeiger der Akademie der Wissenschaften in Krakau. 
1893, November, December; 1894, Januar. 

Földtani Közlöny, XXIII. Kötet, 11 — 12 Füzet. Buda- 
pest 1893. 

Bollettino delle Pubblicazioni Italiane, 1893, No. 192—195. 

Annali del Museo Civico di Storia Naturale di Genova. 
(Serie 2, Vol. Xni.) 

Rendiconto dell' Accademia delle Scienze Fisiche e Mate- 
matiche, Serie 2, Vol. VII, Fase. 8°. Napoli 1893. 

Atti della Societä dei Naturalisti di Modena, Serie III, 
Vol. XII, Anno XXVII. 

Atti della Societä Toscana di Scienze Naturali, Vol. VIII. 

Geologiska Föreningens i Stockholm Förhandlingar, Bd. 15, 
Hafte 7; Bd. 16. Hafte 1. 

Acta Horti Petropolitani, Tom. XIII, Fase. 1. St. Peters- 
burg 1893. 

Annual Report of the Curator of the Museum of Compa- 
rative Zoology at Harvard College for 1892—93. 

Korrespondenzblatt des Naturforschenden Vereins zu Riga, 
XXXVI. 1893. 

Proceedings of the Cambridge Philosophical Society, Vol. 
VIII, Part. IL 



J. F. SUrcke, Berlin W. 



Xr. 3. 



1894 



Sitzungs-Bericht 

der 

Gesellschaft naturforschender Freunde 

zu Berlin 

vom 20. März 1894. 



Vorsitzender: Herr Ascherson. 



Herr STADELMANN sprach über Vespa fruhstorfer i n. sp. 

Herr Gebeimerath Prof. Möbius machte mich auf eine 
Notiz in „Eine botanische Tropenreise von G. Haberlandt, 
Leipzig 1893. p. 235" aufmerksam, worin von einer java- 
nischen Wespe folgendes mitgetheilt wird: 

..Im Urwalde von Java umkreiste mich eine Wespe mit 
scharfem Summen, verlor sich aber bald im Dickicht. Sie 
wird sehr gefürchtet. Ihr Stich soll äusserst schmerzhaft 
und mit tagelanger Anschwellung verbunden sein, selbst 
starrkrampfartige Zustände und mehrtägiges Fieber soll er 
bisweilen zur Folge haben." 

Da mich die Sache interessirte. so wandte ich mich an 
Herrn Fruhstorfer um Auskunft. Derselbe war so liebens- 
würdig, mir die von ihm gesammelten Exemplare dieser 
Wespe zur Verfügung zu stellen und mich auf eine Stelle 
in Junghuhn Java" aufmerksam zu machen, die ich weiter 
unten abdrucken will. Herr Fruhstorfer hat zwar selbst 
nicht ähnliche schlimme Erfahrungen, wie Junghuhn, mit 
dieser Wespe gemacht, bestätigte mir jedoch, dass die Ein- 
geborenen vor dieser Wespe eine grosse Scheu haben und 
alles im Stiche lassen, wenn' sie nur ihr Summen hören. 
Allerdings muss auch die Reizbarkeit dieser Wespe eine sehr 

3 



90 Gesellschaft naturforschender Freunde, Berlin. 



grosse sein, da sie schon auf das geringste Geräusch hin. 
das in der Nähe ihrer Wohnplätze gemacht wird, über den 
Störenfried herfällt. Die besagte Notiz in Jünghuhn „Java II, 
p. 472 (deutsch von Hasskarl. Leipzig 1854)" lautet: „Voll 
Erwartung nach näheren Aufschlüssen über sein Vorkommen 
(des Syenits) verfolgte ich die Kluft und hämmerte, meine 
Krandjangs (Körbe) mit den abgeschlagenen Stücken füllend, 
an den Felsen, als mich, vielleicht durch die Hammerschläge 
in ihrer Ruhe gestört, aus ihren Nestern aufgejagt, ein Schwärm 
von grossen Wespen (Hornissen) überfiel. (Anm.: Wahrschein- 
lich giebt es auf Java verschiedene Arten grosser Wespen 
oder Hornissen, die mehr oder weniger giftig sind; sie werden 
von den Javanen unter dem allgemeinen Geschlechtsnamen 
„Taon" begriffen; von den Sundanesen aber „Enggang" ge- 
nannt. Sie finden sich besonders in felsigen Berggegenden.) 
Sie kamen wüthend auf uns an, und alles Abwehren war 
vergebens, so viel Mühe sich meine javaschen Begleiter auch 
gaben, diesen unerwarteten Feind von mir abzuwehren. Ich 
wurde nur von vieren in den Kopf gestochen; der Schmerz 
war aber so fürchterlich heftig, dass ich fast das Bewusst- 
sein verlor und, von den Javanen geschleppt, kaum so viel 
Kraft behielt, aus der ominösen Felskluft zu entkommen 
und in das höher gelegene Gebüsch an ihrer rechten Seite 
zu entfliehen Hier warf ich mich, aller weiteren Unter- 
suchung für heute entsagend, von Schmerzen gefoltert, nieder 
und verlangte vergebens nach Wasser. Die gestochenen Weich - 
theile des Kopfes waren heftig angeschwollen; etwa 5 Mi- 
nuten nach dem Stiche war Uebelkeit und Erbrechen ein- 
getreten nebst einer Neigung zum Kinnbackenkrampf, dessen 
wirklichen Ausbruch ich vielleicht nur durch eine tüchtige 
Gabe Madeirawein, welche ich trank, unterdrückte." 

„Man glaube nicht, dass diese Angaben übertrieben sind; 
das Gift, welches mit den Stacheln dieser Thiere in den 
Körper gelangt, wirkt äusserst heftig und scheint dem 
Schlangengift nicht unähnlich zu sein." 

„So brachte ich, unfähig zu allen Verrichtungen, zwei 
Stunden hin, bis der mit Betäubung verbundene Schmerz 
sich in ein heftiges Brennen verwandelte." 



Sitzung vom 20. März 1894. 



91 



„Von den Javanen waren nur ein Paar gestochen, die 
fast ebenso sehr wie ich an den Folgen litten." 

Die Wespe stinimt nach den Beschreibungen von Le- 
peletier und Saussure in der Färbung ganz mit V. velu- 
tina Lep. überein. Ich hätte auch diese Wespe ohne weiteres 
zu velutina gezogen, wenn nicht in dem einzigen typischen 
Merkmale, das Saussure neben der Färbung erwähnt, eine 
Abweichung vorhanden wäre. Das Kopfschild ist hier näm- 
lich nicht „coupe presque droit". 

Die Grundfarbe des Körpers ist ein dunkles Choko- 
ladenbraun. Kopfschild, untere Hälfte des Stirndreiecks, 
Augenausschnitt. Schläfe. Mandibeln. mit Ausnahme des 
schwarzen Innenrandes. Unterseite der Antennen, die Tar- 
sen, am vorderen Beinpaare auch theilweise die Schienen 
und Schenkel und das Pronotum zum grössten Theil sind 
hell- bis orangegelb. Die Hinterränder des zweiten 1 ) und 
dritten Abdomiualsegmentes haben oben einen schmalen 
orangegelben Streifen, beim vierten und fünften läuft er den 
Seitenrand entlang und stösst an das vorhergehende Segment 
an. Es bleibt also in der Mitte ein sclrwarfer Streifen übrig, 
der auf den folgenden Segmenten immer kleiner wird, um 
auf dem orangegelben Analsegment vollständig zu fehlen. 
Die Segmente sind unten mit Ausnahme des zweiten und 
dritten fast vollständig gelb. Kopf und Brust sind mit zarten 
dunkelbraunen Haaren besetzt. Der Hinterleib ist oben 
sammetartig tomentirt, mit kurzen blassen Härchen spärlich 
und längeren schwarzen Härchen, die nach vorn länger und 
dichter werden, besetzt. Die Behaarung der Unterseite ist 
neben dem weisslichen Toment gelblich und an den Segment- 
rändern am dichtesten und längsten. Die Flügel sind gelb. 
Kopfschild mässig stark gewölbt und der Vorderrand stark 
geschweift. Die Punktirung ist eine seichte, an den Rändern 
am dichtesten. Die Mandibeln tragen am Innenrande zwei 
Zähne. Das zweite Geisseiglied ist so lang wie das dritte 
und vierte zusammen, aber nur so lang wie das zweite und 
die Hälfte des dritten Hinterfussgliedes zusammengenommen. 



l ) Ich zähle das Mittelseginent als erstes Abdominalsegment. 



92 Gesellschaft naturforschender Freunde, Berlin. 



Der geringste Abstand der Hauptaugen auf dem Seheitel 
beträgt die Länge des zweiten und dritten Hinterfussgliedes. 
Das Dorsulum hat vorn eine bis zur Mitte reichende Rinne. 
Eine tiefe Längsfurche theilt das Schildchen in zwei Theile. 

Sollte es sich jedoch später herausstellen, dass Vespa 
fruhstorferi eine Form von V. velutina ist, trotz der schein- 
baren Verschiedenheit des Kopfschildes, so ist damit dann 
bewiesen, dass die SAUssuRE'sche Eintheilung (Monogr. Guep. 
sol. p. 144) in eine chinesische Stammform und eine indische 
und javanische Varietät nicht aufrecht erhalten werden kann. 
Denn unsere Wespe würde bei ihrer Färbungsübereinstim- 
mung mit der chinesischen Stammform von velutina das Vor- 
kommen dieser auch auf Java lehren. Von der V. fruhstorferi 
liegen mir zwei Weibchen vor, die beide Herr Fruhstorfer 
in den alpinen Theilen von West-Java auf dem Gunung-Gede 
im August 1892 in einer Höhe von 8000 Fuss gefangen hat. 
Die hauptsächlichsten Vertreter der Gattung Vespa auf Java 
sind neben den beiden oben genannten Arten noch Vespa 
cincta F., V. affinis F., V dorylloides Sauss., V. alduini Guer. 
und V. bellicosa Sauss. 

Herr Wandolleck sprach über das Kopfskelett der 
Dipterenfamilie HenopiL 

Die Familie der Henopier bietet so viel Stoff zu inter- 
essanten Untersuchungen, dass ich angefangen habe, sie 
monographisch zu bearbeiten. Es ist dasselbe bereits in 
genauerer Weise von Erichson unternommen worden, aber, 
da der Zeitpunkt der Arbeit schon so weit zurückliegt, so 
scheint eine Nachuntersuchung mit modernen Hülfsmitteln 
und nach modernen Gesichtspunkten wohl am Platze. Schiner 
hat in der Novara-Reise einige Verbesserungen der Einthei- 
lung gegeben, doch hat er nur grössere Gruppen gebildet 
und lässt die feineren Charaktere unberücksichtigt. Da eine 
möglichst befriedigende Eintheilung hauptsächlich nach plasti- 
schen Merkmalen geschehen müsste, so habe ich mich vor 
allem mit dem Chitinskelett beschäftigt. Auch Erichson 
hat hierüber berichtet, und vorzüglich ist es der Kopf, den 
er u utersucht und dessen Verschiedenheiten er für sein System 



Sitzung vom 20. März 1894. 



93 



verwerthet hat. Drei Theile sind hier von Wichtigkeit: die 
Punktaugen, die Fühler, der Rüssel. 

In Betreff der Punktaugen stimme ich mit Erichson 
überein. nicht dasselbe kann ich aber von den Fühlern sagen. 
Ihre verschiedenartige Stellung am Kopfe ist ja klar und 
kann kaum zu Irrthümern Veranlassung geben ; was aber die 
Zahl der Glieder betrifft, so ist Erichson an manchen Stellen 
in einen leicht begreiflichen Irrthum verfallen. Er sagt auf 
p. 138: „Die Zahl der Glieder ist entweder 3 oder 2; im 
ersteren Falle sind die beiden ersten Glieder kurz , das 
dritte länger; im zweiten läuft das zweite Glied in eine 
starke Borste aus, nur bei Pterodontia endigt dasselbe stumpf." 
Zu den Gattungen mit zweigliedrigen Fühlern rechnet er: 
Cyrtus, Psilodera, Thyllis. Philopota, Pterodontia, Acrocera, 
Terphis, Ogcodes. 

Ich habe sämmtliche genannten Gattungen untersucht, und 
zudem dieselben, welche Er. zu Gebote standen, und habe 
gefunden, dass sie alle dreigliedrige Fühler hatten. Das 
erste Glied ist oft sehr klein und napfförmig, so dass es 
leicht mit weniger genauen Hülfsmitteln übersehen werden 
kann. Auch ist der Ausdruck „das zweite Glied läuft in 
eine starke Borste aus" kein gut gewählter, denn die sog. 
Borste ist nur der verschmälerte Theil des zwiebeiförmigen 
dritten Gliedes, der allerdings dem unbewaffneten Auge den 
Eindruck einer Borste macht. Dieser Theil ist an der 
Spitze meist ein wenig verdickt und trägt dort einige kurze 
Tastbörstchen. 

Das interessanteste Organ des Kopfes der Henopier ist 
aber unstreitig der Rüssel. Je nach seiner Ausbildung hat 
Erichson drei Typen unterschieden; er sagt: „In der ersten 
Stufe findet sich ein langer Rüssel, der in seiner Länge und 
Feinheit mit dem der Bombylier die grösste Uebereinstim- 
mung hat." 

„In der zweiten Abstufung findet sich ebenfalls ein Rüssel 
vor, aber nur ein ganz kurzer Stummel, der selbst wenn er 
ausgestreckt ist, kaum sichtbar wird." 

„Die dritte Abtheilung ist ohne Frage die merkwürdigste 



94 



Gesellschaft natur forschender Freunde, Berlin. 



von allen, es findet sich hier nämlich durchaus gar kein 
Rüssel und gar keine Mundöffnung. u 

Ich habe nun aber aus allen drei Gruppen Repräsen- 
tanten untersucht und bin dabei zu wesentlich anderen Re- 
sultaten gekommen, wie Erichson. Von der ersten Abthei- 
lung habe ich präparirt den Rüssel der Gattung: Lasia } 
Cyrtus, Psüodera, Thyllis, Philopota und Eulonchus. Ueber 
den Bau des Rüssels dieser Gattungen sagt Erichson fol- 
gendes : 

„Die Unterlippe ist mit zwei kurzen dickeren Absätzen 
an dem Kopfe befestigt, an der Spitze in zwei schmale 
Lappen gespalten. Die schmalen linienförmigen Maxilleu 
reichen nur bis zur Mitte der -Unterlippe, oder wenig dar- 
über hinaus. Ebenso weit reicht die allmählich zugespitzte 
Oberlippe. Von oben wird die Wurzel des Rüssels von einem 
halbröhrenförmigen Kopfschilde bedeckt. . . Auf diese Weise 
zusammengesetzt, weicht der Rüssel dieser ersten Abthei- 
lung der Henopier von dem aller Dipteren darin ab, dass 
in der Aushöhlung der Unterlippe nur drei Borsten ent- 
halten sind: die Oberlippe und die Maxillen; es 
fehlt die Zunge, die wir sonst selbst da noch finden, wo 
wir auch die Maxillen durch besondere Borsten repräsentirt 
vermissen. 

„Eine zweite Eigentümlichkeit des Mundes dieser He- 
nopier ist noch zu bemerken, nämlich der gänzliche Mangel 
der Maxillartaster. Zwar beschreibt Latreille bei Panops 
diese Organe als zweigliedrig u. s. w. Fabricius, der die 
Zusammensetzung des Rüssels bei Cyrtus (Acrocera F.) sonst 
ganz richtig angiebt, spricht von ungegliederten, fadenförmi- 
gen Tastern am Grunde des Rüssels, Meigen bildet sie so- 
gar ab. — Alle diese Autoritäten konnten nur veranlassen, 
dass ich wiederholt und mit desto grösserer Aufmerksamkeit 
den Bau des Rüssels bei verschiedeneu Arten aller Gattungen, 
welche mir aus dieser Abtheilung zu Gebote standen, unter- 
suchte : ich habe nie etwas gesehen, was ich hätte für Taster 
halten können. Fabricius ist eigentlich wohl der Erste, der 
von Tastern bei diesen Thieren spricht, Meigen ist ihm 
darin nur gefolgt: er sagt ausdrücklich, er habe die Mund- 



Sitzung vom 20. März 1894. 



95 



theile nicht untersuchen können, und wie er die Fabrici* sehe 
Beschreibung derselben wiedergiebt, hat er am Ende auch 
nur nach derselben die Taster auf seine Figur eingetragen. . . 
Es hat Latreille bei der Beschreibung offenbar der Bau 
dieser Theile bei Bomfoßins vorgeschwebt, wenn er sagt, 
dass er im Rüssel vier Borsten vermuthe. wie sie sich bei 
Bomlylius Torfänden; sollte er nicht auch die Taster nach 
der Analogie derselben construirt haben?" 

Der Bau des Rüssels dieser Abtheilung stellt sich nun 
bei genauerer Untersuchung als sehr verschieden von der 
Beschreibung Erichsons dar. Auf das halbröhrenförmige 
Kopfschild, das in seiner Form nur wenig bei den Gattungen 
variirt, folgt zuerst die Oberlippe als massig lange, zuge- 
spitzte, schwach chitinisirte. nach unten offene Halbröhre. 
Auf sie folgt als eine ebenso lange, zugespitzte, nach unten 
offene Halbröhre der Epipharynx, mit dessen Rändern die 
Ränder der Oberlippe ihrer ganzen Länge nach verwachsen 
und so eine nach unten offene Doppelrinne bilden. Diese 
Rinne wird im hinteren Theile zuerst von dem Hypopharynx 
gedeckt, der als zweizipflige stark chitinisirte Platte inner- 
halb des Kopfes beginnend, mit einer sehr schwachen, kurzen, 
zugespitzten, nach oben offenen Rinne heraustritt. Darauf 
folgen die stark chitinisirten Maxillen und zuletzt die Unter- 
lippe, die an dem Kopfe nicht mit zwei kurzen dickeren Ab- 
sätzen befestigt ist. sondern in ihren hinteren häutigen Theil 
querfaltig eingestülpt ist. wodurch leicht Absätze vorgetäuscht 
werden. Sie bildet ein nach oben offenes Halbrohr und kann 
in Folge jener Einstülpung w T eit hervorgestreckt werden. 

Dann spricht Erichsox über den gänzlichen Mangel der 
Maxillartaster. Dass bei der Gattung Eulonchus solche deut- 
lich vorhanden sind, konnte er damals nicht wissen, da diese 
Gattung erst später gefunden wurde, doch leugnet er, wie 
die Citate beweisen, entschieden das Vorhandensein der Taster 
bei Cyrtus. Ich habe nun genau dieselben Stücke wie Erich- 
so» untersucht und habe bei der Präparation des Rüssels 
von Cyrtus sofort deutliche Maxillartaster gefunden. Sie sind 
mit feinen Schuppenhaaren bedeckt, ungegliedert, keulen- 
förmig und tragen an der Spitze 4 Tastbörstchen. Auch bei 



96 Gesellscliaft naturforschender Freunde, Berlin. 



Thyllis crassa finden sich Tasterrudimente. An der Stelle, 
wo bei Cyrtus und Eulonchus die Taster von den Maxillen 
abgehen, zweigen sich hier zwei kleine, aber deutliche Chitin- 
stäbchen ab, die die darüber liegende Haut so hervorwölben, 
dass man zuerst wirkliche Taster vor sich zu sehen glaubt. 
Bei allen anderen Gattungen mit ausgebildetem Rüssel ist 
der hintere Theil der Maxille stets verdickt und diese Ver- 
dickung hört immer an der Stelle auf, wo die Taster ab- 
gehen müssten. Es haben also Latreille, Fabricius und 
Meigen richtig combinirt und Erichson ist im Irrthume. 

Die zweite Form der Mundtheile habe ich bei Ocnaea, 
Pterodontia und Terphis untersucht. Die Theile sind hier in 
hohem Grade reducirt. Die Oberlippe ist zu einer vorn wenig 
ausgerandeten, häutigen, sackartigen Rinne geworden, die 
von unten durch die zu einer schaufeiförmigen, aber beweg- 
lichen Chitinplatte umgebildete Unterlippe gedeckt wird. In- 
nerhalb der Oberlippe bemerkt man ein dachförmiges Organ, 
das ich für den reducirten Epipharynx halte. Rechts und 
links von dem Unterrande der Oberlippe liegt je ein kleiner 
Chitinknoten — die rückgebildeten Maxillen. Die Unterlippe 
ist vorn gerundet und trägt am Rande einige kurze Borsten. 

Die dritte Abtheilung ist nun nichts weiter als der noch 
mehr rückgebildete zweite Typus. Erichson schreibt dar- 
über: „Die Stelle, wo sonst Rüssel und Mundöffnung Platz 
haben, ist mit einer ausgespannten Membran völlig ver- 
schlossen. In der Mitte dieser Membran bemerkt man einen 
feinen hornigen Ring, der sich hinten an der Stelle der Unter- 
lippe etwas erweitert und gegenüber an der Stelle der Ober- 
lippe noch etwas mehr nach innen vortritt, und hier einen 
kleinen Vorsprung zu jeder Seite neben sich hat, der an die 
verkümmerten Mandibeln der Schmetterlinge erinnert. Es 
wäre dies ein Beispiel mehr, wo bei Insekten im vollkom- 
menen Zustande die Function der Nahrungswege vollstän- 
dig aufgehört hat." Im Archiv f. Naturg. 1846 I, p. 288 hat 
Erichson diese seine Angaben widerrufen; er sagt dort: 
.,Ich überzeugte mich nun, dass wirklich ein Rüssel vor- 
handen ist. er ist aber nur sehr kurz, tritt erst hinter jener 
Hautfläche an der hinteren Seite des Kopfes vor und ist 



Sitzung vom 20. März 1894. 



97 



gerade gegen die Vorderhüften gerichtet. Nachdem das Insekt 
eingetrocknet ist, lässt sich von diesem Rüssel keine Spur 
mehr erkennen." Es ist schwer zu verstehen, was Erichson 
mit dieser Notiz gemeint haben kann. Dass ein Rüssel so 
eintrocknet, dass keine Spur mehr von ihm zu sehen ist, 
klingt etwas abenteuerlich, zumal wenn man bei der Prä- 
paration sieht, dass jene Membran, von der er in der Mono- 
graphie spricht, eben die Mundtheile enthält. Die Mundtheile 
bei Ogcodes zeigen sich nun folgendermaassen : Die Ober- 
lippe hat noch vielmehr die Gestalt eines kurzen Sackes 
angenommen. Der Epipharynx und die Reste der Maxillen 
sind verschwunden und die Unterlippe ist zu einem kaum 
wahrnehmbaren Blättchen geworden. Ob wirklich eine Mund- 
öffnung vorhanden ist, lässt sich an dem trocknen Material 
nicht genau sehen, ich hoffe aber in diesem Sommer nach 
Untersuchungen an frischen Thieren diese Frage beantworten 
zu können. 

Herr Jaekel sprach über das Porensystem der Pel- 
matozoen und die Stammesgeschichte der Crinoiden. 



Im Austausch wurden erhalten: 

Natur wissenschaftl. Wochenschrift (Potonie), IX, No. 8—11. 
Leopoldina, Heft XXX, No. 1-2. 

Jahresbericht des Directors des Kgl. Geodätischen Instituts 
für die Zeit vom April 1892 bis April 1893. 

Verhandlungen des Naturhistorisch -Medizinischen Vereins 
zu Heidelberg. Neue Folge. V. Band, II. Heft. 

Vierteljahrsschrift der Naturforschenden Gesellschaft in 
Zürich. XXX Vin. Jahrg., 3. u. 4. Heft. 

Neujahrsblatt herausgegeben von der Naturforschenden Ge- 
sellschaft auf das Jahr 1894. Zürich 1893. 

Naturhistorisches Landesmuseum von Kärnten. Diagramme 
der magnetischen und meteorologischen Beobachtungen 
zu Klagenfurt. Witterungsjahr 1893. 



98 Gesellschaft naturforschender Freunde, Berlin. 



Mittheilungen aus dem Jahrbuche der Königl. Ungarischen 
Geologischen Anstalt. X. Band, 4. u. 5. Heft. Buda- 
pest 1894. 

Bollettino delle Pubblicazioni Italiane, 1894, No. 196 u. 197. 
Rendiconto dell' Accademia delle Scienze Fisiche e Mate- 

matiche, Serie 2, Vol. VIII, Fase. 1 u.2. Napoli 1894. 
La Notarisia. 1893. No. 6. 

Bulletin de la Societe Zoologique de France pour l'annee 

1893. Tome XVIII, No. 1—6. 
Geologiska Föreningens i Stockholm Förhandlingar, Bd. 16, 

Hafte 2. 

Journal of the Royal Microscopical Society, 1894. Part 1. 
London 1894. 

Bulletin of the Museum of Comparative Zoology at Har- 

ward College, Vol. XXV, No. 2—4. 
Proceedings and Transactions of the Nova Scotian Institute 

of Science. Halifax, Nova Scotia. Session of 1891 

bis 1892, II. Ser., Vol. I, Pt. 2. 
Proceedings of the California Academy of Sciences, II. Ser., 

Vol. III, pt. 2. 
Transaction of the Academy of Science of St. Louis, Vol. VI, 

No. 1 — 8. 

Psyche, Journal of Entomology. Vol. VII, No. 213—215. 
U. S. Geological Survey. 11. Annual Report, 1889 — 90, 

Pt. 1. — Geology, Pt. 2. Irrigation. Washington 1891. 
Actes de la Societe Scientifique du Chili, Tome III, 1. u. 

2. Livr. 

Journal of the Asiatic Society of Bengal, Vol. LXII, Part. II, 

No. 3, 1893. Calcutta 1893. 
Memorias y Revista de la Sociedad Cientifica „Antonio 

Alzate", Tomo VII (1893 — 94), No. 3 — 6. Mexico 

1893. 

El Instructor, Jahrg. X, No. 7—10. 



Sitzung vom 20. März 1894. 



99 



Als Geschenke wurden mit Dank entgegengenommen: 

Potonie. H. Pseudo-Viviparie an Juncus bufonius L. (Son- 
derabdr. aus dem r Biolog. Centralblatt", Bd. XI V, 
No. 1.) 1894. 

Forsyth Major. C. J. On Megaladapis Madagascariensis, 
an extinct gigantic Lemuroid from Madagascar; with 
remarks on the associated Fauna, and on its geo- 
logical age. (Sonderabdruck aus Philosophical Trans- 
actions of the Roval Society of London. Vol. 185, 
1894). 

Kurtz. F. Dos Viajes Botänicos al Rio Salado Superior. 
(Sonderabdruck aus Boletin de la Academia Nacional 
de Ciencias de Cordoba. tomo XIII.) Buenos Avres. 
1893. 



J F. SUrcke. BerUn W 



Nr. 4 



1894. 



Sitzungs-Bericht 

der 

Gesellschaft naturforscilender Freunde 

zu Berlin 
vom 17. April 1894. 



Vorsitzender: Herr Dames. 



Herr Otto Jaekel sprach über die Morphogenie und 
Phylogenie der Crinoiden (vergl. Seite 97). 

Trotzdem seit der grundlegenden Monographie J. S. 
Miller" s die Kenntniss der Crinoiden nach den verschieden- 
sten Richtungen hin eine stetige Förderung erfahren hat. 
sind die Ansichten über ihre systematischen Beziehungen 
doch heute noch so wenig geklärt, dass nicht einmal über 
die Fassung ihrer Hauptabtheilungen eine Einigung erzielt 
ist. Die Mehrzahl der Autoren haben sich der Joh. Müller- 
schen Eintheilung der Crinoiden in Tessehta und Articulata 
angeschlossen, nur dass deren Xanien in Palaeocrinoidea und 
Neocrinoidea umgewandelt wurden, mit Rücksicht darauf, 
dass die Vertreter der ersteren Abtheilung dem Palaeozoi- 
cum. die der letzteren den jüngeren Perioden der Erd- 
geschichte angehören. Dieser Trennung waren eine Anzahl 
von Unterschieden zu Grunde gelegt, welche die jüngeren 
Formen im Allgemeinen allerdings in einen auffälligen 
Gegensatz zu dem Gros der palaeozoischen Typen bringen. 
Der complicirte Aufbau des Kelches aus dünnen Platten 
und die bisweilen sehr weitgehende Unterdrückung der Pen- 
tamerie bei den älteren Crinoiden macht bei den jüngeren 
einer weitgehenden Vereinfachung und strengen Durch- 

4 



102 Gesellschaft natur forschender Freunde, Berlin. 

führung der Pentamerie Platz. Aber die fortschreitende 
Kenntniss der fossilen Formen hat uns allmählich mit einer 
ganzen Reihe von Gattungen bekannt gemacht, bei denen 
sich jener Umbildungsprocess nicht erst auf der Grenze 
von Zechstein und Buntsandstein vollzogen hatte; ferner er- 
gaben sich unverkennbare Uebergänge zwischen Formen- 
kreisen jener beiden Abtheilungen, sodass schliesslich ihre 
Scheidung weder klar zu begründen, noch bestimmt durch- 
zuführen war. 

Während so die Gliederung der Crinoiden in Haupt- 
abtheilungen eine offene Frage blieb, war durch die Arbeiten 
F. Roemeks, Wachsmuth & Springers und v. Zittel's 
für die Zusammenfassung der kleineren Verwandschafts- 
kreise eine zuverlässige Grundlage geschaffen worden. In- 
dess auch hier beweisen die stetigen Aenderungen der 
systematischen Anordnung, wie sie z. B. die nacheinander 
erschienenen Schriften von Wachsmuth und Springer auf- 
weisen, dass hier der richtige Weg zur Lösung der Haupt- 
fragen noch nicht betreten sein konnte. Dies muss auch 
von der Eintheilung M. Neumayer's gelten, mit welcher 
derselbe den gordischen Knoten lösen wollte. Seine zwei 
Hauptabtheilungen und deren Untergruppen lassen sich 
jedenfalls in der von ihm gegebenen Form nicht aufrecht 
erhalten, wenn auch seinen Auffassungen manches Richtige 
zu Grunde liegt. 

Unter diesen Umständen erschien es angebracht, die 
Grundlagen, auf denen sich die bisherigen Eintheilungen 
aufbauten, möglichst vorurtheilsfrei zu untersuchen, und 
durch eingehende Studien der einzelnen Organisationsver- 
hältnisse eine objective Beurtheilung des Crinoidenkörpers 
und seiner Umgestaltungen zu ermöglichen. Gelegenheit 
bot mir hierzu die Durcharbeitung der Crinoidensammlung 
des hiesigen Museums für Naturkunde, deren Werth an die 
Namen Leopold v. Buchs, Joh. Müller' s und E. Bey- 
richs geknüpft ist; auch waren zahlreiche Fachgenossen 
des In- und Auslandes so gütig, mich mit werth vollem 
Materiale zu versehen. Diese Untersuchungen Hessen über 
die wichtigeren morphogenetischen Vorgänge in der phyle- 



Sitzung vom 17. Aprü 1894. 



103 



tischen Entwicklung der Crinoiden nicht im Zweifel und 
lieferten dadurch ein Beobachtungsmaterial . dessen allge- 
meinere Bedeutung in entwicklungsgeschichtlicher Hinsicht 
eine umfassende und einheitliche Darstellung des gesammten 
Stoffes wünschenswerth erscheinen lässt. Da diese Arbeit 
aber kaum in Jahresfrist zum Abschluss zu bringen sein 
wird, so möchte ich mir gestatten, an dieser Stelle vor- 
läufig wenigstens die systematisch wichtigen Ergebnisse in 
Kürze zusammenzustellen. 

Als das formbildende Organ des Pelmatozoenkörpers 
erweist sich, wie dies auch ontogenetisch zu beobachten 
ist, das Ambulacralsystem mit seinen fünf radiären Strahlen. 
Die Pentamerie desselben tritt bei den primitivsten Formen 
schon klar hervor, seine gelegentlich vorkommende Unter- 
drückung in der äusseren Gestalt ist sekundärer Natur und 
bedingt durch Anomalien in der Skeletbildung. Das Skelet 
ist ursprünglich unregelmässig und wird erst durch die dem 
Ambulacralsystem innewohnende Pentamerie regulär. Hinder- 
nisse für die pentamere Skeletirung des Körpers bilden 
erstens die interradiale Lage von Enddarm und After, 
zweitens die Kelchporen, welche sich besonders in com- 
plicirterer Ausbildung bei Cystideen einer radiären Aus- 
strahlung der Ambulacra in den Weg stellen, drittens die 
Stielbildung, welche zunächst eine regelmässige Anordnung 
der Platten am aboralen Körperpol verhindert. 

Die Morphogenie der Pelmatozoen beruht wesentlich 
auf zwei Factoren. einerseits auf der Entfaltung der er- 
nährenden ambulacralen Wimperrinnen, welche sich bald 
in Bildung freier Arme geltend macht, andererseits auf den 
passiven Umformungen, welche der übrige Körper zur Her- 
stellung eines Correlations Verhältnisses erfährt. Die gegen- 
seitige Wirkung dieser zwei Factoren äussert sich in den 
verschiedensten Formenreihen in mannigfaltigster und oft 
durchaus analoger Weise. 

Die charakteristische Form erhalten die Crinoiden durch 
drei Eigenschaften, erstens durch ihre Stielbildung, zwei- 
tens durch ihre Arme, und drittens durch die Scheidung 
der Kelchkapsel in eine obere, orale oder ventrale, 

4* 



104 Gesellschaft naturforschender Freunde, Berlin. 

und eine untere, aborale oder dorsale Seite. Diese 
drei Eigenschaften entwickeln sich innerhalb der Cystoideen, 
und lassen sich in verschiedenen Formenreihen in allen Sta- 
dien verfolgen. Die Stielbildung beginnt mit einer unregel- 
mässig skeletirten Aussackung des angehefteten Köperpoles 
und führt schon innerhalb verschiedener Formenkreise der 
Cystideen zu einer Bildung der charakteristischon Stiel- 
glieder und zu einer scharfen Scheidung von Stiel und Kelch. 
Die Entwicklung der Arme und einer Kelchdecke zwischen 
ihnen vollzieht sich sehr viel complicirter. 

Die Entwicklung freier Arme als Träger der ernähren- 
den Wimperrinnen erscheint als die Folge der sitzenden 
Lebensweise der Pelmatozoen. Dieselbe fehlt noch einem 
Formenkreise, den wir auch aus seinen sonstigen Organi- 
sationsverhältnissen heraus für äusserst primitiv zu halten 
genöthigt sind, bei Formen wie Cytaster, Agelacrinus, Gonipho- 
cystites, Cyathocystis, die dadurch als systematische Ein- 
heit in einem scharfen Gegensatz zu allen übrigen arm- 
tragenden Pelmatozoen stehen. Eine Verlängerung der 
Ambulacralrinnen erfolgt bei ihnen nur in primitivster Weise 
durch spirale Eindrehung derselben am Körper {Agelacrinus 
und Gomphocystites). 

Die bei allen übrigen Pelmatozoen eingetretene Aus- 
bildung freier Arme erfolgt auf zw r ei verschiedenen Wegen. 
Entweder sehen wir, wie dies bei den Blastoideen und ihren 
Vorfahren 1 ) der Fall ist. kleine Aermchen in grosser Zahl 
als Seitenäste der radiären Ambulacra entfaltet, oder wir 
sehen die Ambulacra grösstenteils über den Körper er- 
hoben. Das letztere Verhältniss wird angebahnt von den 
Sphaeronitiden, innerhalb deren sich eine Concentrazion der 
Armansätze nach dem Munde zu geltend macht. Während 
hier schon in Folge der ungleichen Spaltung der Am- 
bulacra auf dem Kelch die pentamere Anordnung der Skelet- 



l ) Ausser Mesites rechne ich namentlich hierher zwei neue Formen 
aus dem Untersilur von Reval, welche nur in den langen Ambulacren 
eine regelmässige Anordnung der Plättchen zeigen, die ihrerseits die 
Gelenkflächen für die Aermchen und innerhalb derselben mehrere 

Porenpaare aufweisen. 



Sitzung vom 17. April 1894. 



105 



bildung sehr zurücktritt, verschwindet dieselbe fast gänz- 
lich bei den Caryocystiden. deren Armansätze auf den 
denkbar engsten Raum zusammengedrängt sind. 

Innerhalb der Caryocriniden nun lässt sich in klarster 
Weise verfolgen, wie die bei den ältesten Formen ganz 
zusammengedrängten Armansätze auseinanderrücken. He- 
micosmitiden aus dem tieferen baltischen Untersilur und von 
Cabrieres zeigen die Arme ganz zusammengedrängt, und deren 
Zusammentritt am Munde von einigen wenigen Plättchen 
bedeckt. Bei der von F. Roemer aus höheren Schichten 
von Tenesse beschriebenen und als Caryocrinus Boemeri 
zweckmässig neu zu benennenden Form sind die Arme 
schon etwas auseinander gerückt, so dass sich eine hori- 
zontale Fläche zwischen ihnen bildet. Der After, der bei 
Hemicosmites noch an der Seite des Kelches lag. ist in die 
Höhe der Armansätze heraufgerückt. Bei Caryocrinus or- 
natus Say aus dem oberen Silur von Lockport endlich ist 
eine obere Seite als Kelchdecke wohl entwickelt , und 
scharf von dem unteren, conischen Kelch geschieden. Der 
After liegt hier nun innerhalb der Kelchdecke, aber nicht 
die Kelchporen, welche noch im eigentlichen Kelch ge- 
legen sind. 

Sehr interessante Bildungsvorgänge vollziehen sich in 
der Entwicklung und Vertheilung des Porensystemes. Es 
kann keinem Zweifel unterliegen, dass die Kelchporen der 
Cystideen ebenso wie die in der Kelchdecke der lebenden 
Crinoiden zum Eintritt von Meerwasser in Spalträume des 
Mesenchyms dienen, in denen dasselbe zur Speisung des 
Ambulacralsystems in eine lymphöse Körperflüssigkeit um- 
gewandelt wird. Die Complizirung der Durchtrittscanäle 
im Skelett zu mannigfaltig gebauten Röhrensystemen, wie 
sie bei Cystideen und Blastoideen in mannigfaltigster Weise 
erfolgt, dient immer dem gleichen Zweck wie die Madre- 
porenplatte der übrigen Echinodermen, nämlich der Filtra- 
tion des eintretenden Wassers. Ursprünglich sind die 
Poren auf die ganze Körperfläche vertheilt; mit ihrer Coni- 
plication im Einzelnen vermindert sich ihre Zahl. d. h. die 
Poren lokalisiren sich an mehr oder weniger zahlreichen 



106 Gesellschaft naturforschender Freunde, Berlin. 

Stellen. Bei der Kräftigung des aboralen Kelchskeletes 
als Träger der Arme verschwinden bei den Crinoiden die 
Poren schliesslich ganz aus dem unteren Kelch l ) und rücken 
auf die zwischen den Armansätzen entstandene Kelchdecke. 
Die Bildung einer einzigen der „Madreporenplatte" ähn- 
lichen Siebplatte an der Basis des Analtubus bei Cyatho- 
crinus ist nur als ein vorübergehender Durchgangsprocess 
in dem Entwicklungsgange der Fistulata und Articulata 
J. Müll, aufzufassen, welcher aber seiner Einfachheit 
wegen in der Ontogenie von Antedon in der Bildung eines 
einzigen Rückenporus reproducirt wird. 

Wenn man nun Cystideentypen wie den Caryocri- 
niden und Ascocystiden (Ascocystites Barr.) gegenüber 
den Begriff der Crinoiden systematisch abgrenzen will, so 
kann man dies nur darauf basiren, dass bei den Crinoiden 
die Platten der aboralen Kelchkapsel in ein regelmässiges 
Correlationsverhältniss zu den Armen getreten sind, derart 
dass jeder Arm auf der Mitte einer grossen oder einer 
Anzahl unter einanderliegender Platten ruht, in deren An- 
ordnung das Gesetz der Pentamerie herrschend ist. Nicht 
in Betracht kommen hierbei die zur Bedeckung des End- 
darmes zwischen dem fünften und ersten Radius einge- 
schalteten Analplatten, ebensowenig wie diejenigen Platten, 
welche bei den vielplattigen Crinoiden irregulär zwischen 
allen jenen armtragenden Platten gelegen sind. Ferner 
wird die pentamere Anordnung in dem Verhältniss der 
Arme zum Munde hergestellt, aber die nahezu unerschöpf- 
liche Wandlung, welche sich in den verschiedenen Formen- 
reihen geltend macht, verleiht selbst diesen zuerst ent- 
scheidenden Eigenschaften keinen dauernden und deshalb 
systematisch durchaus gültigen Werth. 

Bei den aberranten schief gewachsenen Calceocriuiden 
geht die pentamere Gleichwerthigkeit der Arme sekundär 
verloren, bei den Triacriniden wird die Anordnung der 
armtragenden Platten der aboralen Kelchkapsel irregulär, 
bei Actinonietra rückt der Mund aus dem Centrum der 



l ) Ausser Porocrinus besitzt z. B. auch Corymbocrinus noch dorsale 
Kelchporen. 



Sitzung vom 17. Apiü 1894. 



107 



Kelchdecke, und bei Hypocrinus rücken die Araiansätze wieder 
so zusammen, dass eine orale Kelchfläche kaum noch vor- 
handen ist, der After aus der Oralfläche herausrückt, und 
die Platten der aboralen Kelchkapsel zahlreiche Poren auf- 
weisen. Auch die an sich sehr charakteristische, kräftige 
Entwiklung der Arme bildet in ihrer Gesammtheit nicht 
ein einziges Merkmal, welches die Crinoiden stets scharf 
gegen die Cystideen und Blastoideen abgrenzt. 

Wie mannigfaltig aber auch der Entwicklungsgang der 
einzelnen Organe sein mag. j edenfall« muss man als ent- 
wicklungsgeschichtliches Ausgangsstadium aller Crinoiden 
das Factum festhalten, dass die Armansätze auseinander- 
rücken und sich im Kreis um den Mund stellen, dass da- 
durch im Kelch eine Scheidung in eine obere orale oder 
ventrale und eine untere aborale oder dorsale Seite ent- 
steht, welche zum activen Träger der Arme wird, während 
jene in ihrer Passivität zum Durchtritt des Afters und der 
Kelchporen dient. Die weitere Gestaltung des Crinoiden- 
körpers hängt wesentlich von der Entwicklung der Arme 
ab. Erst durch die pentamere Anlage der letzteren wird 
der aborale Kelch im pentameren Sinne regulär. Die unteren 
Kelchkränze bleiben davon häufig unbeeinflusst und erscheinen 
vier-, drei- oder zweitheilig. Nur da, wo die Pentamerie 
im Kelch bis in die untersten Täfelchen hinein scharf durch- 
geführt ist, überträgt sie sich auch auf die äussere Form 
des Stieles, während sie in den inneren den Stiel durchziehen- 
den Axialgefässen sehr häufig zu beobachten ist. Der üblichen 
Homologisirung der schliesslich pentameren Kelchelemente, 
z. B. von Marsupites, mit den Scheitelplatten von Echiniden 
fehlt jede morphogenetische Grundlage. 

Unter Zugrundelegung der Auffassung, dass der Aus- 
gang für die Entwicklung der Crinoiden die Herstellung einer 
in pentamerem Sinne erfolgenden Correlation zwischen Armen 
und Kelch ist, werden sofort die beiden Arten der Arm- 
entwicklung verständlich, welche uns thatsächlich in der 
Organisation der Crinoiden von Anfang an entgegentreten. 
Einmal nämlich gehen an 5 Stellen die Ambulacralstämme 
vom Körper ab und sind dann stets von 5 grossen Kelch- 



108 Gesellschaft natur forschend er Freunde, Berlin. 

platten — Radialen — getragen, welche bis auf eventuell 
vorhandene Analplatten einen geschlossenen Kranz bilden 
und auf zwei oder einem alternirend gestellten Kränzen 
(Basalia) stehen. Die letzteren dienen dazu, Druck und 
Spannung von den Armen nach unten auszugleichen und 
können ganz verschwinden, wo sie, wie bei stiellosen For- 
men (Antedoniden oder Saccocoma), jene Function verlieren. 

Der Gegensatz zu dieser Arm- und Kelchbildung findet 
sich bei zahlreichen, wesentlich palaeozoischen Crinoiden, 
bei denen sich durch Spaltung der 5 Ambulacralstämme 
in jedem Radius mehrere zunächst unter einander gleich- 
werthige Arme vom Körper abgliedern und wiederum zu- 
nächst — dieses Verhältniss ändert sich erst allmählich 
bei einigen der jüngsten Formen — in jedem Radialfelde 
eine entsprechende Zahl nebeneinander liegender verticaler 
Plattenreihen zum Träger der Arme wird. Die Zuspitzung 
des Kelches nach dem Stielansatz zu bedingt, dass sich 
die Plattenreihen nach unten durch Auskeilen verringern, 
was in der Weise erfolgt, dass je zwei benachbarte Reihen 
convergiren und auf axillaren Gliedern zusammenstossen. 
Die circulare Vertheilung der radialen Spannungsrichtungen 
über dem Stielansatz geschieht auch hier durch einen oder 
zwei alternirende Basalkränze. 

Wenn man von der selbständigen Entwicklung dieser 
zwei Crinoidentypen ausgeht, so ergiebt sich eine Anzahl 
durchgreifender Verschiedenheiten, und man überzeugt sich 
bei der phylogenetischen Verfolgung der einzelnen Formen- 
reihen sehr bald, dass beide Abtheilungen sicher und leicht 
auseinander zu halten sind, und dass sich dadurch die Auf- 
fassung ihrer morphologischen Charaktere ausserordentlich 
vereinfacht. Allerdings schafft in beiden Abtheilungen das 
Correlationsbedürfoiss bei ähnlicher Armentwicklung nicht 
selten ähnliche Formen, aber solche Fälle sind stets leicht 
als Convergenzerscheinungen zu erkennen, wenn man die- 
selben in ihrem phyletischen Zusammenhange betrachtet. 
Ein Platycrinus zeigt freilich dieselbe Zusammensetzung der 
Kelchplatten wie z. B. Hyocrinus, und seine 5 grossen arm- 
tragenden Platten scheinen auf den ersten Blick dem arm- 



Sitzung vom 17. April 1894. 



109 



tragenden Platten der Fistulata homolog. Betrachtet man 
aber die Entwicklung von Platycrinus aus Marsupiocrinus 
durch Formen wie Culicocrinus, so kann die Deutung seiner 
grossen armtragenden Platten nicht zweifelhaft sein: die- 
selben sind homolog den untersten radialen Platten eines 
vielarmigen und vielplattigen Vorfahren aus der zweiten 
der obigen Abtheilungen. Von einer Homologie mit dem 
typischen Radiale eines Fistulaten kann keine Rede sein. 
Die grosse armtragende Platte von Platycrinus ist nur das 
Anologon jener Radialia ebenso wie der sogenannten Gabel- 
stücke der Blastoideen. 

Auf der anderen Seite verbreitern sich die unter- 
sten Glieder der kräftig entfalteten Arme bei den Po- 
teriocriniden so. dass sich der morphologische Gegensatz 
zwischen den grossen Radialien und den unteren Arm- 
gliedern allmählich verwischt und die Grenze zwischen 
Armen und Kelchkapsel äusserlich nicht mehr sichtbar ist. 
Deswegen bleibt aber doch die unterste der radialen Platten 
das „Radiale" und die darüber liegenden echte „Brachialia". 
Dies gilt dann auch für die Articulata Joh. Müllers, bei 
denen sich unter der zunehmenden Kräftigung der Arm- 
ansätze die Kelchdecke ganz aus ihrer ursprünglichen Ver- 
bindung löst und sich, indem die vorher zur Erweiterung 
des zusammengedrückten Kelches entwickelte Proboscis 
wieder in diesen zurücksinkt, hoch zwischen den Armen er- 
hebt. Die primäre Form des Artikulatenkelches wird, wie über- 
haupt die wichtigsten Etappen dieses Entwicklungsganges, 
auch in der Ontogenie von Antedon und Pentacrinus repro- 
ducirt. Die auf das Palaezoicum beschränkten Articulosa (Arti- 
culata W. Sp.) weisen nun einen ganz analogen Entwicklungs- 
gang auf und man ist auch bei diesen Formen nicht be- 
rechtigt, die unteren Armglieder, auch wenn sie secundär 
in die Kelchwandung gerückt sind, deswegen als Homologa 
der radialen Kelchplatten der Camerata W. Sp. zu betrachten 
und mit der gleichen Bezeichnung zu versehen. Dass bei 
Guettardicrinus , einem Apiocriniden des französischen Dog- 
gers, die Aufnahme interradialer Platten in den Kelch und 
damit eine morphologische Annäherung au die Camerata, 



110 Gesellschaft naturforschender Freunde, Berlin. 

secundär entsteht, konnte niemals ernstlich in Frage ge- 
stellt werden. 

Die beiden sich hiernach ergebenden Unterabtheilungen 
der Crinoiden möchte ich als Pentacrinoidea und Clado- 
crinoidea bezeichnen, die ersteren wegen ihrer in der Arm- 
entfaltung und dem Kelchbau ausgeprägten Fünftheiligkeit, 
die letzteren wegen der Verzweigung (xXd$o$ = Zweig, 
Strauch) ihrer Ambulacra, welche zur Abgliederung zahl- 
reicher Arme vom Kelch führt und auch in der Anordnung 
der armtragenden Kelchplatten das Bild der Verzweigung 
hervorruft. 

Um eine Charakterisirung dieser Formenkreise zu er- 
leichtern, ist zunächst die Aufstellung einer den obigen 
Gesichtspunkten entsprechenden Terminologie der Skelet- 
theile nothwendig. Was zunächst die Bezeichnung der fünf 
Radien betrifft, so folge ich dem in der Zoologie üblichen 
Modus, dass man von der Mittelaxe des Thieres aus den 
rechts vom Anus gelegenen Radius als I bezeichnet und 
dann der Drehung des Darmes folgend nach rechts weiter 
zählt, so dass der links ven dem After gelegene Radius 
der Vte ist und der durch den After gekennzeichnete Inter- 
radius als V— I zu bezeichnen ist. Entsprechend dieser 
Zählweise stelle ich die Analseite (sowie den Radius I) 
nach vorn, was für die Analyse der complicirter gebauten 
älteren Formen noch wesentlich mehr Vortheile bietet, als 
für die lebenden. 

Bei den Pentacrinoiden bezeichne ich die grossen arm- 
tragenden Kelch platten als „Radialia" (R), alle über den- 
selben gelegenen äusseren Arrnglieder'als „Brachialia" (Br), 
auch wenn dieselben secundär zur seitlichen Umgrenzung 
der centralen Weichtheile dienen. 1 ) Die interradial unter 
den Radialien gelegenen Stücke heissen „Bstsalia" (B), die 
alternirend unter diesen gelegenen „Infrabasalia" (I B). 
Die 5 interradial den Mund umstehenden Stücke nenne ich 



*) In meiner Arbeit: Ueber Holopocriniden etc. Zeitschr. d. dtsch. 
geolog. Gesellsch. 1891, Bd. XLI1I, p. 579, habe ich diese Bezeichnung 
noch nicht consequent wie hier angewendet, da mir die vorstehend 
entwickelten Homologieen damals noch nicht klar geworden waren. 



Sitzvng vom 17. April 1894. 



111 



„Oralia" (0), die dieselben mit den Radialien verbindenden 
Plättchen „Suboralia" (SO). 

Im Gegensatz hierzu bezeichne ich bei allen Clado- 
crinoiden die untersten radial gestellten Platten bis zur 
ersten Theilung als „Costalia" (C), die folgenden bis zu 
ihrer nächsten Theilung als „Dicostalia" (DC), die folgen- 
den als „Tricostalia" (T C) etc. Die zwischen den Platten- 
systemen je zweier Radien gelegenen Kelchtheile sind 
„Intercostalia" (I C), die zwischen den Dicostalien ge- 
legenen Platten sind „Interdicostalia" (I D C) u. s. w. 
Durch eine in der Zeile zugesetzte Zahl wie C3 wird die 
Zahl der Platten eines Systemes, durch eine hochgerückte 
Zahl die Höhenlage der Platten einer Art angegeben. Da 
alle radialen Glieder stets in einer Reihe liegen, so be- 
zeichnet bei diesen ein solcher Index zugleich die betref- 
fende Platte selbst. Um hier ein Beispiel zu nennen, be- 
zeichnet C 3 das dritte gewöhnlich axilläre Costale, IC 2 
aber die sämmtlichen Platten, welche in der Höhe von C 2 
liegen. Die Platten der Kelchdecke sind bei den Clado- 
crinoideen nach keinem allgemein gültigen Plane angeord- 
net und können daher keine allgemeinwerthige Terminologie 
beanspruchen. IC1 1 2 2 3 2 bedeutet, dass ein Intercostale 
zwischen C 1 . zwei zwischen C 2 und ebenso viel zwischen 
C 3 liegen. Die Platten des analen Interradius sind durch 
ein zugesetztes A, also AIC. kenntlich zu machen, z. B. 
bei Hexacrimis AIC1 1 . 

So klar sich in phylogenetischer Hinsicht die beiden 
Abtheilungen auseinander halten lassen, so schwer ist es, 
durchgreifende Unterschiede für dieselben als systematische 
Merkmale anzugeben. Man muss dabei den entwicklungs- 
geschichtlichen Begriff einer „primären Kelchkapsel " in 
Kauf nehmen, welche bei der Mehrzahl der lebenden Cri- 
noiden nur noch in deren Jugendzustand vorhanden ist. 
Von dieser gehen bei den Pentacrinoiden im Anschluss 
an 5 in der Regel offene Ambulacralrinnen 5 Arme aus 
und werden von 5 grossen, einen Kranz bildenden Radialien 
getragen. Bei den Cladocrinoiden gehen in jedem Radius 
von verzweigten und jedenfalls bei deu jüngeren Formen 



112 Gesellschaft natur forschender Freunde, Berlin. 



fest überdachten Anibulacralcanäleii mehrere Arme aus, 
welche auf abwärts convergirenden Reihen kleiner Platten 
ruhen. Bei den Cladocrinoiden sind primär interradiale 
Kelchplatten vorhanden und werden nur sekundär aus den 
unteren Theilen des Kelches verdrängt, bei den Pentacri- 
noiden fehlen dieselben ursprünglich und treten nur unter 
besonderen Umständen sekundär in nachpaleozoischer Zeit 
in den Verband des aboralen Kelches ein. Im Analinter- 
radius, d. h. zur Bedeckung des aufsteigenden Enddarmes 
liegen die Platten hier häufig schräg vom Radius V. aus 
nach oben ansteigend, während bei den Cladocrinoiden dies 
nicht der Fall ist, sondern der Interradius V — I nur ver- 
breitert erscheint durch Einschaltung einer verticalen Platten- 
reihe. Die Platten der Kelchdecke (auch die des Analtubus) 
sind bei den Cladocrinoideen unregelmässig im Sinne der 
Pentamerie angeordnet, während bei den Pentacrinoiden 
5 Oralia mindestens in der Jugend die Kelchdecke pentainer 
gestalten. 

Ein durchgreifender Unterschied zeigt sich in der Ent- 
wicklung der Arme. Bei den Cladocrinoiden sind die- 
selben meist zweizeilig wie bei den Blastoideen und C} r sti- 
deen, aber zum Unterschied von den letzteren giebt jedes 
Armglied einen kleinen, rechtwinklig abgehenden Seiten- 
zweig, eine echte „Pinnula 44 ab. Bei weitgehender Kräfti- 
gung der Arme, wie bei den Carpocriniden, werden die- 
selben bisweilen einzeilig, wobei dann das einzelne Glied 
nicht selten jederseits zwei Pinnulae abgiebt. Ein solcher 
Vereinfachungsprocess lässt sich in den Seitenarmen der 
Melocriniden oder den Hauptarmen der Rhodocriniden phy- 
logenetisch verfolgen. Die obere und untere Gelenkfläche 
der Glieder sind einander stets parallel. 

Die Arme der Pentacrinoiden sind ursprünglich ein- 
zeilig und tragen niemals echte Pinnulae. Ihre Erweiterung 
erfolgt durch Gabelung, wobei die Aeste zunächst einander 
gleichwerthig sind und erst sekundär verschieden werden, 
indem sich die innersten (oder äussersten) Aeste stärker 
entwickeln und zu Trägern der Nebenäste werden. Indem 
die letzteren klein und gleichmässig gestellt werden, er- 



Sitzung vom 17. April 1894. 



113 



halten sie den Charakter von Pinnulis, sind aber stets an 
der Art ihrer Abzweigung als Seitenäste „Ramuli" zu er- 
kennen. Jedes Glied kann hier immer nur einen Seiten- 
zweig tragen. Erst die volle Entwicklung der Pinnulae-ar- 
tigen Ramuli führt hier durch seitliche Zusammendrängimg 
der Armglieder zur Zweizeiligkeit und zwar nur innerhalb 
der Poteriocriniden und einiger jüngerer Formen. Bei höherer 
Entwicklung der Arme kommt es hier zur Bildung eines 
intraskeletären Axialcanales in den Armgliedern. 

Ich will im Folgenden versuchen, eine Uebersicht über 
die phylogenetische Entwicklung und den Inhalt der beiden 
Abtheilungen zu geben, und beginne mit der älteren und 
entschieden primitveren Ordnung der 
Cladocrinoidea. 

So scharf sich auch die jüngeren Familien der Clado- 
crinoidea, wie namentlich die Platycriniden, Actinocriniden 1 ) 
und Melocriniden von einander absondern, so schwer ist 
es, die älteren Formen, wie z. B. Archaeocrinus, Beteocrinus, 
Xenocrinus u. a. auf die später erst klar geschiedenen Ent- 
wicklungsreihen zu vertheilen. Man hat meines Erachtens 
diese Schwierigkeit nicht gelöst, sondern nur umgangen, in- 
dem man jene z. Th. schon recht verschieden gebauten 
Formen in besondere Familien stellte. Es scheint, dass 
die für die Gliederung der jüngeren Familien jedenfalls 
sehr wichtige Anordnung der Basaltafeln und ihres Ver- 
hältnisses zu den Costalia bezw. Intercostalia prima erst all- 
mählich ihre systematisch verwertbare Constanz erlangt hat, 
und dass namentlich bei älteren Formen ziemlich regel- 
lose Verschmelzungsvorgänge der dem Stiel aufruhenden 
Plättchen eintraten. Derartige Fälle erschweren naturge- 
mäss eine Beurtheilung dieser Crinoiden sehr und machen 
vor der Hand eine Darstellung dieser Verhältnisse ohne 
Abbildungen und eingehende Besprechungen unmöglich. 

Ganz allgemein zeigt sich in den verschiedensten For- 
menreihen eine allmähliche Vereinfachung der unteren Kelch- 

*) Ich nehme diese und die nächst genannte Familie in einem 
engeren Sinne, als dies namentlich von Seiten Wachsmuth's und 
Springer s geschehen ist. 



114 



Gesellschaft naturforschender Freunde, Berlin. 



kapsel l ) und eine Erstarrungder Kelchdecke zu einem festen 
Gewölbe, ebenfalls unter Reduction ihrer Plattenzahl. Die 
ausschlaggebenden systematischen Charaktere liegen daher 
besonders in der Anordnung der Basalia. dem Bau des 
Analinterradius und der Ausbildung und Stellung der Arme. 

Wenn ich mir trotz der obengenannten Bedenken einige 
vorläufige Bemerkungen zu der letzten von Wachsmuth 
und Springer gegebenen Anordnung der Gamerata erlauben 
darf, so würde es mir zweckmässig scheinen, die Abaco- 
criniden mit Einschluss von Tolypeltts und Corymbocrinus 
als Ausgangspunkt der Melocriniden im engeren Sinne und 
Calyptocriniden zu betrachten und diese drei von den Acti- 
nocriniden zu trennen. Letzteren würde ich u. A. die Carpo- 
criniden und Barrandeocrinus unter- und Formen wie Briaro- 
crinus, Stelidiocrinus , Fatelliocrirms und Macrostylocrinus 
nebenordnen als Parallelreihen, welche ebenso wie die 
Hexacriniden und Platycriniden oder die Glyptasteriden und 
Rhodocriniden wesentlich nur durch die verschiedene Ent- 
wicklung des Analinterradius von einander geschieden wären. 
Der leider noch ganzisolirte JJintacrinus kann wohl vorläufig bei 
den Rhodocriniden untergebracht werden; Acrocrinus stellt 
jedenfalls einen ganz degenerirten Typus dar, der sich wohl 
von Actinocriniden abgezweigt haben mag. 

Pentacrinoidea, 

Von der primären Kelchkapsel gehen 5 Arme aus, 
welche von 5 grossen Radialen getragen werden. Die 
Ambulacralrinnen werden von Reihen kleiner Plättchen ein- 
gefasst; zwischen denselben liegen auf der Oralseite der 
primären Kelchkapsel 5 Oralia. Die ursprünglich und in 
der Regel einzeiligen Arme gabeln sich dichotomisch oder 
durch Abgabe kleiner Seitenzweige, besitzen aber keine 
echten Pinnulae. Der Enddarm steigt vom Radius V nach 
rechts oben auf, die bei den älteren Formen vorhandenen 
Analplatten sind dementsprechend meist schräg interponirt. 

Die bisher bekannt gewordenen Pentacrinoideen, deren 
Erhaltungszustand eine Beurtheilung ihres gesammten Skelet- 
baues gestattet, lassen sich, wie ich glaube, zweckmässig 



*) Eine Ausnahme macht der später genannte Acrocrinus. 



Sitzung vom 17. April 1894. 



115 



in 5 Unterordnungen zerlegen, die ich als Fistulata, Costata, 
Larvata, Articidosa und Articidata bezeichnen möchte. Die 
Fistulata bilden den Ausgangspunkt für die vier übrigen 
Abtheilungen, welche selbstständige, z. Th. parallele Ent- 
wicklungsrichtungen einschlagen. Die erstgenannten treten 
im tiefen Untersilur auf, die Costata, Larvata und Articulosa 
im oberen Silur, die Articulata an der oberen Grenze des 
Palaeozoicums. In den jüngeren Formationen erhalten sich 
neben ihnen nur die Costata. Aus diesen beiden Abthei- 
inngen gehen die höchst entwickelten Pelmatozoen hervor. 

Die Fistulata möchte ich etwas anders definiren. als 
dies Wachsmuth & Springer und J. A. Bather gethan 
haben. Vor allem möchte ich Werth darauf legen, dass 
die primäre Kelchkapsel dauernd erhalten bleibt, und die 
5 grossen Radialia den wesentlichsten Antheil an ihrer 
seitlichen Umwandung haben, und dass die Arme ge- 
gabelt sind. 

Den Typus dieser Unterordnung bilden die Cyatho- 
eriniden, von deren typischen Formenkreisen vor allem 
die Poteriocriniden und durch diese auch die Articulaten 
Joh. Müllers abstammen. Ausser den Gyaihocrinites, 
DenärocriniteSy Botryocrinites und Euspirocr indes möchte ich 
namentlich folgende Gattungen als Typen von Unterfamilien 
hierher stellen: Forocrinus, Crotalocrinus, Lophocrinus, Codia- 
crinas, Hypocrinus und Marsupites. Die Poteriocrinidae, 
die im Carbon einen so erstaunlichen Formenreichthum 
entwickeln, dürften von den Botryocriniten herstammen und 
sich durch regelmässige Entfaltung ihrer Ramuli und die 
Kräftigung ihrer Armansätze noch am besten von ihren 
älteren Verwandten unterscheiden. Sie bilden eine morpho- 
logisch ziemlich eng umgrenzte Familie, in der nur wenige 
Formen, wie Zeacrinus, Cromyocrinus , sich etwas weiter von 
dem Gross der Poteriocriniten im engeren Sinne entfernen 
und vielleicht die Aufstellung besonderer Unterfamilien 
rechtfertigen. 

Als eiue frühzeitig entwickelte, aber schnell aberrirende 
Reihe erscheinen dielleterocrinidae, worunter ich diejenigen 
Fistulaten zusammenfassen möchte, in denen die Arme 



116 



Gesellschaft naturfor -sehender Freunde, Berlin. 



schnell zu einer hohen Entfaltung gelangen, aber das Cor- 
relationsverhältniss derselben zum Kelchbau in der Regel 
nicht hergestellt wird. Aus diesem Missverhältniss resul- 
tiren z. Th. sehr irregulär gestaltete Typen, wie die Ano- 
malocriniten und Calceocriniten. Aber auch bei denen, 
welche regelmässig gebaut sind, wird das anscheinend zu 
höherer Entwicklung nothwendige Verhältniss. dass jeder 
Arm auf einem Radiale ruht, in der Regel nicht erreicht. 
Unter diesen Umständen ist eine grosse Incon stanz des 
Kelchbaues für diesen Kreis charakteristisch. Die Arme 
entwickeln sich allgemein ziemlich hoch, sie gabeln sich 
häufig, haben verästelte Seitenzweige und verdicken sich 
nach unten so. dass sie sich selbst über die erst viel später 
entfalteten Poteriocriniden erheben und vor allem auch ihre 
Kelchkapsel dadurch wenig hervortreten lassen. Wo diese 
äusserlich ihre Individualisirung verliert, entwickelt sich 
gewöhnlich ein grosser Analtubus. Gerade der Umstand, 
dass sich diese Charaktere hier so früh entwickeln, um 
ebenso schnell wieder zu verschwinden, lässt diesen For- 
menkreis leicht von den vielfach ähnlichen Cyathocriniden 
und Poteriocriniden trennen, in denen jene Entfaltung später, 
langsamer und im anderen Verhältniss zu dem Kelch 
erfolgt. 

Den Ausgangspunkt bilden hier die Heterocriniten mit 
Gattungen wie Iocrinus, Heterocrinus, Ectenocrinus. Ohio- 
crinus. Von ihnen möchte ich sowohl die Anomalocriniten 
wie die Calceocriniten als aberrante Typen ableiten. Die 
Gattung Belemnocrinus könnte einem aufsteigenden Ast dieser 
Entwicklungsreihe angehören. 

Als Larvata möchte ich die Familien der Haplocrini- 
den.Triacriniden, Gasterocomiden, Cupressocriniden und Sym- 
bathoeriniden zusammenfassen. Dieselben stimmen darin über- 
ein, dass ihre Arme ungetheilt sind aber fast die ganze Breite 
desKelchumfanges einnehmen und die Stielglieder in der Regel 
sehr hoch sind, dass ferner die stets in ihrer primären 
Gestalt erhaltene Kelchkapsel sehr einfach gebaut ist, die 
Kelchdecke in der Hauptsache aus 5 Oralien gebildet ist, 
und der Kelch der analen Platten entbehrt. Die Kelch- 



Sitzung vom 17. April 1894. 



117 



kapsei ist meist dünnwandig und nimmt dann die centralen 
Weich theile vollkommen in sich auf; nur bei extremer Ver- 
dickung des Skeletes bildet sich ein Analtubus. Sehr 
charakteristisch ist für diesen Formenkreis die unregel- 
mässige Entwicklung seines Kelchskeletes, welches in Piso- 
crinus und Triacrinus typisch hervortritt und in Formen wie 
Calycanthocrinus, Catillocrinus und Mycocrinus seinerseits 
wieder zu einer unter den Pentacrinoiden einzig dastehenden 
Vermehrung der armtragenden Platten und der Arme selbst 
führt. Veranlassung zu diesem eigenartigen Umgestaltungs- 
process der Kelchkapsel gab wahrscheinlich ein ursprüng- 
liches Verhältniss des Kelchbaues, wie es die älteren Hetero- 
criniden in der Theilung der Radialia aufweisen, und wel- 
ches innerhalb der Larvata auch bei den Haplocriniden 
erhalten ist. Die reguläre Zusammensetzung des Kelches 
bei den Cupressocriniden möchte ich auf die kräftige, zur 
Regelmässigkeit drängende Entfaltung dieses Formenkreises 
schieben, und unter dem gleichen Gesichtspunkt den Con- 
solidirungsapparat wie L. Schultze wirklich nur als Stütz- 
skelet für die Armmuskulatur betrachten. Die sonst uner- 
klärlich apentamere Anlage des Axialkanales im Stiel bei 
äusserer Regularität des Skeletes wird bei einer Ableitung 
der Cupressocriniden von den Triacriniden verständlich. 

In ihrer Gliederung möchte ich wesentlich den Anschau- 
ungen Wachsmüth's und Springer' s, sowie F. A. Bather's 
folgen und vier Familien als Ilaplocrinidae, Triacrinidae (Pisocri- 
nus, Triacrinus, Calyeanthocrinus, Catillocrinus, Myrtillocrinus), 
Gasteroconidae, Cupressocrinidae und Symbaihocrinidae (Symbatho- 
crinus, Stylocrinus, Stortingocrinus, Lageniocrinus) unterscheiden. 

Als Costata fasse ich diejenigen Formenkreise zu- 
sammen, in denen die Arme alternirende Seitenäste ab- 
geben, welche ungetheilt sind und z. Th. zur Aufnahme der 
Geschlechtsstoffe dienen, und bei denen der in der Regel 
dünnwandige geräumige Kelch nur aus einem Kranz grosser 
Radialien und einem dreitheiligen oder einheitlich ver- 
schmolzenem Basalkranz besteht. Analia und Proboscis 
fehlen. Die Kelchdecke ist sehr einfach aus 5 Oralien 
und eventuellen Soboralien gebildet. 

4* 



Hg Gesellschaft naturforschender Freunde, Berlin. 



Die Gostata sind der einzige Formenkreis, welcher sich 
neben den hochentwickelten Articulaten bis zur Gegenwart 
behauptet hat, und dies ist besonders deshalb interessant, 
weil die Organisation seiner Vertreter sich z. Th. recht 
weit von der der höchst entwickelten Pentacrinoiden ent- 
fernt. Es sind im Allgemeinen zierliche Formen, die 
ruhige Meerestiefen lieben und für diese vielleicht sogar 
vortheilhafter organisirt sind, als die Articulaten. 

Den Ausgangspunkt für die Entwicklung der Gostata 
bilden vielleicht die untersilurischen, aber leider sehr un- 
vollständig gekannten Hybocriniten mit Hybocrinus und 
Hoplocrinus, wenigstens zeigt ihr Kelchbau auffallende Be- 
ziehungen zu den echten Vertretern dieser Unterordnung. 
Als solche möchte ich eine neue im Ober-Silur und Devon 
verbreitete Familie bezeichnen, welche ich demnächst an 
anderer Stelle charakterisiren werde, l ) und welche den besten 
Uebergang bildet zu den jüngeren Formen, welche bisher 
z. Th. recht isolirt erscheinen. Diese dürften sich in 
die Familien der Plicatocrinidae, Rhizocrinidae, Hyocrinidae 
und Saccocomidae eintheilen lassen. Auch der unvollständig 
gekannte Goccocrinus ist vorläufig hier einzureihen. 

Die Unterordnung der Articulosa (— Articulata W. sp.) 
bildet eine interessante Parallelreihe zu den Articulata Joh. 
Müller' s. Auch bei ihnen führt die kräftige Entwicklung 
der 5 Arme zu einer Auflösung der primären Kelchkapsel, 
welche ganz analog derjenigen bei den Articulaten erfolgt. 
Die Entwicklung der Arme selbst vollzieht sich dagegen 
ganz anders als bei den letztgenannten, und verleiht ihnen 
dadurch einen ganz besonderen morphologischen Charakter. 
Dieselben sind einrollbar und ihre Längserweiterung wird 
entweder durch eine gleichartige, bisweilen häufig wieder- 
holte Gabelung oder durch die Abgabe von Seiteuästen 
herbeigeführt, welche indess niemals, wie bei den Articu- 
lata, die Bedeutung von Pinnulis erlangen. Die Einrollbar- 
keit der Arme zusammen mit deren kräftiger Gestaltung 
führt zu einer sehr differenzirten Ausbildung ihrer Gelenk- 



J ) Dames und Kayser. Palaeont. Abhandig. 



Sitzung vom 17. April 1894. 



119 



flächen und zu einer weitgehenden Plasticität des gesainmten 
Kelches. Indem sich die unteren Armglieder wie bei den 
Articulaten verbreitern und sammt den Radialien und Ba- 
salien kräftig verdicken, führen sie ebenso wie bei den 
Articulaten eine Loslösung der Kelchdecke aus dem ur- 
sprünglichen Verband der primären Kelchkapsel herbei. 
Dieselbe erhebt sich auch hier zwischen die proximalen 
Theile der Arme und wird der Beweglichkeit des Kelches 
entsprechend zu einer fein getäfelten biegsamen Decke. Bei 
einem Exemplar von Ichthyoerimis von Dudley. an dem ich sie 
zur Hälfte in natürlicher Lage freilegen konnte, ist sie aus 
kleinen schwach sculpturirten Plättchen zusammengesetzt 
und reicht etwas über die zweite Gabelung der Arme. 
Diese Kelchdecke gleicht auffallend den (über den Arnbu- 
lacralrinnen) geschlossenen Kelchdecken von lebenden Co- 
matuliden und Pentacriniden. wie sie sich in diesem Zu- 
stande auch fossil finden. Das Vorkommen grösserer Plätt- 
chen in der Mitte . wie es Wachsmuth und Springer bei 
Tajcocrimis beschreiben, würde sein Analogon z. B. in der 
Kelchdecke von Holoer inus Wagneri finden. 

Die enge phyletische Zusammengehörigkeit dieses For- 
menkreises macht sich auch darin geltend, dass abgesehen 
von einzelnen Anomalien zwei Basalkränze. ein oberer 
von 5. ein unterer von 3 Stücken, vorhanden sind. 

In der Anordnung der Analplatten tritt bei verschie- 
denen Formen die Verwandtschaft mit den Fistulaten noch 
klar hervor, indem die für die Cyathocriniten charakte- 
ristische Interpolation z. B. regelmässig bei Lecanoerhnis 
und Pycnosaccus. seltener bei Taxocrinus wiederkehrt. 

Die Articidosci sind in geringer Arten- und Individuen- 
Zahl vom Ober-Silur bis zum Kohlenkalk verbreitet (Uinta- 
crinus kann ich nicht, wie Wachsmuth und Springer an- 
nehmen, als hierher gehörig betrachten.) 

Ich unterscheide innerhalb der Articuhsa drei Familien, 
als Leeanocrinidae, Iehthyocrhüdae und Taxocrinidae. 

Die Lecanocriniden sind dadurch ausgezeichnet, dass 
ihre Kelchkapsel noch den Cyathocrinidencharakter auf- 
weist, während ihre sehr verbreiterten Arme sich nur wenig 

4** 



120 Gesellschaft naturforschender Freunde, Berlin. 



dichotomisch spalten und überhaupt dünn und schwach ent- 
wickelt sind. 

Die Ichthyocriniden besitzen insofern einen sehr eigen- 
tümlichen Bau der Arme, als diese sich sehr regel- 
mässig gabeln und den Raum um den Kelch herum voll- 
kommen ausfüllen, so dass die geschlossenen Armzweige 
einander vollkommen parallel erscheinen. Die Armglieder 
bleiben dabei dünn und zierlich. 

Die Taxocriniden stellen das Extrem der articulosen 
Entwicklung dar, indem ihre Arme ungemein kräftig und 
beweglich werden und sich in mannichfaltiger Weise ver- 
gabein und verzweigen. Die primäre Kelchkapsel erscheint 
hier vollkommen aufgelöst; die Kelchdecke liegt hoch 
zwischen den Armen, schiebt sich aber basalwärts zwischen 
dieselben ein, so dass solche Plättchen der Kelchdecke 
secundär das Aussehen und die Function von Tntercostalien 
erlangen, ein Vorgang, den wir in späterer Zeit bei Arti- 
culaten wiederholt sehen. 

Die Articulata im Sinne Joh. Müller's, dem die nicht 
hierher gehörigen jüngeren Crinoiden noch unbekannt waren, 
umfassen fünf Familien, welche sich ziemlich schnell von 
einander absondern. 1) Die Encriniden, welche durch 
Stemmatocrinus von Poteriocriniden abstammen; 2) die 
Pentacriniden, welche schon im unteren Muschelkalk ausser 
anderen unzweifelhaften Vertretern einen Stammtypus in 
in JDadocrinus aufweisen. Die drei übrigen Familien, die 
Apiocriniden, Comatuliden und Holopocriniden (Eugenia- 
criniden) scheinen sich von den Pentacriniden abgezweigt 
zu haben, obwohl schon in der Trias Stielreste bekannt 
sind, welche anscheinend in die Familie der Apiocrini- 
den gehören. Jedenfalls jüngerer Entstehung sind die Co- 
matuliden und Holopocriniden, wie ich an anderer Stelle 
nachzuweisen versuchte. 

Bei den Articulata tragen alle freien Armglieder, sowohl 
die der Haupt- wie die der Nebenäste, kleine Ramuli, die 
„Pinnulae" der älteren Autoren. Ihre primäre Kelchkapsel 
ist nur noch im Embryonalleben erhalten, im ausge- 
wachsenen Zustande ist dieselbe aufgelöst, indem sich ihre 



Sitzung vom 17. April 1894. 



121 



Decke ziemlich hoch zwischen die Arinansätze erhebt. Das 
Skelet der Articulaten besteht fast nur noch aus Armen; 
die kräftige Entfaltung derselben führt zu einer möglichst 
weitgehenden Vereinfachung der Kelchelemente. Die Analia 
verschwinden vollständig aus dem Kelch, was schon bei 
Stemmatocrinus und Erisocrinus der Fall ist, und die ur- 
sprünglich vorhandenen, von den Poteriocriniden ererbten 
zwei Basalkränze werden mehr und mehr reducirt. In den 
Pentacriniden und Comatuliden ist die Entwicklung der 
Pelmatozoen zu einem normalen Correlationsverhältniss 
und damit zu einem gewissen Abschluss gelangt. Antedon 
reproducirt in ihrer Ontogenie die wichtigsten Etappen 
dieser normalen Entwicklungsreihe der Crinoiden. 

Herr Matschie legte drei neue Säugethiere (Her- 
pestes, Pediotragus, Ghrysochloris) von Ostafrika vor. 

In einer dem Königl. Museum für Naturkunde als Ge- 
schenk überwiesenen Sendung von Säugethieren , welche 
Herr Oscar Neumann in Usandawe und Nord-Ugogo ge- 
sammelt hat, befinden sich zwei Formen, welche neu sind 
und einer Beschreibung bedürfen. Eine dritte, neue Art 
sammelte Herr Dr. Stuhlmann. 

Her pestes neumanni spec. nov. 
H. ochraceo-luteus, pilis unicoloribus, in dorso medio, 
nucha, vertice castaneo acuminatis; caudae apice laete 
castanea. Lg. tota: 61 cm; caudae 27 cm. <J 27. Aug. 1893. 
Hab. Tisso, Ugogo septentrionalis, Africae orientalis. Kis. : 
„Lukwiro". 

Dieser kleine Hcrpestes ist H. gracilis und sanguineus 
ähnlich, unterscheidet sich aber von beiden durch den völ- 
ligen Mangel einer Bindenzeichnung im Haarkleid 
und durch die kastanienbraune Schwanzspitze. In 
der allgemeinen Färbung hat er grosse Aehnlichkeit mit 
H. ochraceus Gray in der Taf. VIII Proc. Zool. Soc. 1848; 
der Farbenton entspricht ungefähr dem Ochraceous-Buff 
mit Ochraceous gemischt auf Ridgway's Taf. V, No. 7 
und 10 (Nomenclature of Colors 1886). Er ist ockergelb. 



122 Gesellsclmft naturforschender Freunde, Berlin. 

Auf der Mittellinie des Körpers sind alle Haare schmal 
kastanienbraun gespitzt, so dass vom Scheitel bis zur 
Schwanzwurzel eine röthlich-braune Sprenkelung entsteht. 
Im letzten Drittel der Schwanzlänge werden die Haare 
dunkler und sind an der Schwanzspitze kastanienbraun, 
z. Th. mit schwarzen Haarspitzen. Die Füsse haben die 
Farbe der Körperseiten und des Schwanzes. 

Die Haare des Schwanzes gleichen in ihrer Anordnung 
und Länge der Abbildung bei H. ochraceus; das Wollhaar 
ist ebenso wie die Basis der Stichelhaare hellisabellgrau. 
Das Haarkleid ist ziemlich lang und dicht. Sohlen der 
Hinterfüsse nackt. 

Der Schädel von II. neumanni zeigt folgende Unter- 
schiede von 9 mir vorliegenden Schädeln von II. gracilis: 
Bei allen gracilis- Schädeln verläuft der Processus zygoma- 
ticus des Schläfenbeins nach vorn in eine Spitze, bei dem- 
jenigen von neumanni ist er vorn abgestutzt; die Höhe des 
Jochbogens an dem oberen vorderen Ende des Proc. zygo- 
maticus oss. temp. ist bei allen gracilis- Schädeln geringer 
als die grösste Länge des letzten Molaren, bei dem Schädel 
von II. neumanni dagegen viel grösser. Der letzte Molar 
ist bei H. neumanni kürzer und schmaler als bei H. gracilis. 

Maasse des Schädels nach Proc. Zool. Soc. 1882 p. 65: 
Länge 65 mm; Breite 34 mm; Gaumenbein-Länge 34 mm; 
Gaumenbein -Breite 15 mm; Entfernung des Vorderrandes 
der Praemaxilla von der Mitte zwischen den hinteren Enden 
von PM 4 23 mm; Basicranial-Axe 22 mm; Länge von M 2 
3,4 mm; grösste Breite desselben, am Aussenrande gemessen, 
1,9 mm. 

Pediotragus neumanni spec. nov. 
P. cinnamomeo-brunneus , in dorso medio saturatior, 
subtus albus. Lg. tot. 72; 85 cm; caudae 4; 7,5 cm; tarsi 
8,2; 8,7 cm. <? juv. 25. Aug. 93; Tisso, Ugogo, Afr. Orient.; 

Njangani 35° 1. or.; 4° 50' 1. austr. Juli 93. Kis.: „Don- 
doro". 

Diese kleine Antilope unterscheidet sich von P. tragu- 
lus Lcht. , welcher sie durch die Abwesenheit der After- 
zehen und die Gestalt des Gehörns nahesteht, durch kürzere 



Sitzung vom 17. Api-ü 1894. 



123 



Ohren (ca. 11 cm lang), Fehlen der dunklen Hufeisen- 
zeichnung auf dem Scheitel und der schwarzen Nasen- 
zeichnung, sowie durch abweichende Körperfärbung. Der 
Kopf ist hellockerfarbig, ungefähr wie in Ridgway „Tawny 
Ochraceous" auf PI. V, No. 4, die Beine ockerfahl (1. c. 
PI. V, No. 10 „Ochraceous-Buff", die Körperseiten rehbraun 
mit einem Stich ins Röthliche, die Rückenmitte satter röth- 
lich. beim erwachsenen Thiere weiss bestäubt. Man kann 
alle Farben des Thieres aus gebrannter Terra sienna, mehr 
oder weniger verwaschen, erhalten. Die weissliche Be- 
stäubung entsteht durch die ganz schmalen hellen Haar- 
spitzen, während der übrige Theil des Haares bis auf die 
fahlisabellgraue Basis röthlich lederfarben ist, fast Ridg- 
way's „Tawny" (PI. V, No. 1) entsprechend. Der Schwanz 
hat oben die Farbe des Rückens und ist unten mit weissen 
Haaren durchsetzt; Bauch und Innenseiten der Beine weiss; 
Brust fast rein isabellfarben. Die Hörner sind glatt, un- 
geringelt und etwas nach vorn gebogen, wie bei tragulus. 

Der Schädel von P. neumanni ist ungefähr so gross 
wie derjenige von tragulus und demselben sehr ähnlich. 
Die Entfernung des unteren Orbitalrandes von dem oberen 
Rande des Processus zygomatico-orbitalis des Maxillare ist 
bei P. neumanni gleich der Breite dieses Fortsatzes, bei 
P. tragulus viel grösser als diese. Die vom hinteren Rande 
der Thränengrube hart unter dem Infraorbitalrande zu dem 
Temporal-Fortsatz des Jugale verlaufende Crista ist bei 
P. neumanni kaum angedeutet, bei P. tragulus scharf und 
deutlich sichtbar. Der hinterste obere Molar ist bei P. neu- 
manni viel länger als der vorletzte, bei tragulus ungefähr 
ebenso lang. 

Maasse des Schädels: Entfernung des Basion vom 
Vorderrande der Alveole des vordersten Molaren 91,5 mm; 
Länge der Hörner 114 mm; Abstand derselben an der Basis 
29 mm, an den Spitzen 41,5 mm. 

Chrysochloris stuhlmanni spec. nov. 
Chr. äff. leucorhinae Huet 1885, fusco brunnea, nitore 
viridi, lateribus capitis aureo nitentibus; genis macula al- 



124 Gesellschaft natur forschender Freunde, Berlin, 



bida ornatis; naso nudo duplo latiore quam longo; unguibus 
anterioribus angustis; molaribus supra et infra utrinque 
senis, inferiorum cuspis posterior interna distincta; fossa 
temporalis sine vesicula, cuspis posterior dentis incisivi 
secundi minima. Lg. tota: 110—115 mm; unguis tertiae: 
10 mm; latitudo eiusdem ad basin 4 mm; olecranum ad 
unguis basin: 13,7 mm; pedis 12 mm, tibiae 13 mm; Hab. 
Ukondjo und Kinjawanga, Africae centralis. „Kingiri" Wa- 
kondjo. 4. L 92, 6. 1. 92, 13. VI. 91. 1 d", 2 9 2. 

Der von Herrn Dr. Stuhlmann entdeckte Goldmaul- 
wurf unterscheidet sich von seinen nächsten Verwandten 
durch die sehr schmale Klaue des dritten Fingers, welche 
kaum doppelt so breit ist als diejenige des zweiten, durch 
die breite nackte Nase, welche derjenigen von obtusirostris 
ähnlich ist, durch die Färbung, welche auf dem ganzen 
Körper dunkelgraubraun ist mit rein grünem, an den Kopf- 
seiten goldigem Reflex und einem gelblichweissen Fleck 
auf den Wangen. Das Wollhaar ist blaugrau. 

Die nackte Nase sieht ungefähr so aus, wie die Ab- 
bildung No. la und 1b auf Peters' Tafel (Reise n. Moss., 
XVIII). Der convexe Theil, welcher sich über den Nasen- 
löchern erhebt, ist doppelt so lang wie hoch und durch 
eine tiefe Querfalte von dem schmalen, in der Mitte etwas 
verbreiterten warzigen Gürtel getrennt, welcher die Nase 
von dem behaarten Theile des Gesichtes trennt. Zwischen 
beiden Nasenlöchern verläuft eine verticale Falte, jederseits 
3 feine convergirende Falten auf dem Nasenknorpel, je 2 
ganz flache Falten unter jedem Nasenloche. In die Nasen- 
höhle springt von aussen und oben je eine Warze vor. 

Länge des nackten convexen Nasentheils 7 mm, Breite 
desselben 3 mm, Länge des warzigen oberen Nasenrandes 
8,75 mm, Breite desselben in der Mitte 2,25 mm, an den 
Seiten 1,75 mm. 

Die Klaue des dritten Fingers ist flach und sichel- 
förmig, zwischen dem 2. und 3. Finger eine starke Längs- 
falte. Fusssohlen blass fleischfarben, Krallen dunkler. 
Der Schädel hat 40 Zähne; die Breite desselben erreicht 
nicht die Entfernung des Basion von den Spitzen der vor- 



Sitzung vom 17. April 1894. 



125 



deren Incisiven, während bei obtusirostris beide Maasse 
gleich sind. Der Schädel der neuen Art ist demjenigen 
von rutilans auf Tafel XI No. 5 des Monograph of the In- 
sectivora I sehr ähnlich, unterscheidet sich aber von dem- 
selben sowohl durch die grössere Anzahl der Zähne, als 
auch durch den längeren Gesichtstheil, welcher vom Vorder- 
rande des Foramen infraorbitale bis zum Gnathion ebenso 
lang ist, wie die Entfernung des Hinterrandes dieses Fo- 
ramen von dem Punkte, wo die Quercrista des Hinterkopfes 
den Jochbogen trifft. Auf der Unterseite des Schädels ver- 
laufen die Gaumenbeine ungefähr so, wie bei aurea auf 
Tafel XI, No. la, nur springt die Mitte des freien Randes 
spitzwinklig vor, wie bei 2 a auf derselben Tafel. 

Bemerkenswerth ist, dass der hintere Nebenzacken des 
2. Incisiven sehr klein und undeutlich ist, während sonst 
die übrigen Zähne denen von obtusirostris ähnlich sind. 
Maasse des Schädels nach Proc. Zool. Soc, 1882, p. 65: 
Länge: $ 21,5, 24 mm; Basallänge nach Thomas 
(Marsupialia, p. VIII): 20; Breite: $ 15,5, cf 16; Palatal- 
länge: $ 11, & 12; Entfernung des Basion von der Spitze 
der vorderen Incisiven: $ 16. d* 17; Entfernung des Vor- 
derrandes des Foramen infraorbitale vom Gnathion: $> 8,7, 
9 mm; Länge der Zahnreihe: 9 9, (f 9,9 mm; Breite 
des knöchernen Gaumens zwischen den 2. Molaren: 3,25 mm. 

Die Fundorte für diesen Goldmaulwurf sind folgende: 
Fuss des Runssöro bei Karevia in Ukondjo, 13. VI. 1891, 
Emin coli., Fell mit Schädel; Kinjawanga, 950 m über 
dem Meer; westlich vom Issango-Semliki-Fluss, ungefähr 
unter 0° 27' 30" n. Br. und 29° 50' östl. Länge, dicht an 
der Südgrenze des Urwaldgebietes. Stühlmann coli. 
$ Schädel, $ Skelet, Kopf davon in Alcohol. 

Herr H. Virchow legte vor Tafeln, die Entwicklung 
des Dottersackkreislaufes des Huhnes betreffend. 

Herr F. E. SCHULZE sprach über fossile Muskel- 
querstreifung an Coelacanthinen nach Präparaten des 
Müncheuer Museums. 



126 Gesellschaft natur forschender Freunde, Berlin 



Herr W. Dames sprach über die Herkunft der Schild- 
kröten von Landthieren. 

Herr P. ASCHERSON machte einige Bemerkungen über 
die Verwandtschafts-Verhältnisse der mitteleuro- 
päischen Garices monostachyae (Gruppe Psyllopho- 
rae Loisl.). 

Diese Gruppe, welche nach unserem jetzigen Kenntniss- 
stande noch nicht entbehrt werden kann und jedenfalls die 
Bestimmung sehr erleichtert, ist keine natürliche, da sie 
Arten von sonst sehr verschiedenem Bau, und wie daraus 
zu schliessen, verschiedenem phylogenetischen Ursprung 
enthält. Für einige Arten ist die Verwandtschaft mit For- 
men anderer Gruppen, namentlich der Heterostachyae Fr., 
bereits erkannt worden. So wies schon Treviranüs in 
Ledebour's Flora Rossica IV. (1852, p. 268, 306) darauf 
hin, dass C. obtusata Liljebl. (C. spicata Schk., nec Spr.) 
in allen wesentlichen Merkmalen, ausser dem Blüthen- 
stande, mit C. supina Wahlenb. übereinstimmt. Später 
haben sich G. Reichenbach (Bot. Zeit, von Mohl und 
v. Schlechtendal, XIX, 1861, p. 246, 247), A. Garcke (Ver- 
handl. Bot. Ver. Brandenb. III, IV ]1862], p. 157-159) 
und der Vortr. (a. a. 0. p. 276, 277) für die specifische 
Identität beider Formen ausgesprochen. 1 ) Neuerdings hat 
indess der schwedische Botaniker L. M. Neüman in einer 
sorgfältigen, in den Botaniska Notiser 1887, p. 21—30 ver- 
öffentlichten Studie (von der nur zu bedauern ist, dass sie, 
in schwedischer Sprache abgefasst, nur einem beschränkten 
Leserkreise zugänglich ist) nachgewiesen, dass der bisher 
nicht beachtete morphologische Aufbau und die anatomische 

') Der hervorragende böhmische Florist L. Celakovsky (Prodr. 
d. Flora Böhmens S. 68, 1867) hat, wie der Erfolg lehrt, mit Recht 
diese Identification unbeachtet gelassen. Ebenso lässt Christ (Bull. 
Soc. Bot. Belg. XXXV. [1885], II, p. 14, 19) beide Arten getrennt, 
obwohl er sie (1. c. XXVII. II, p. 165) unter Anerkennung der nahen 
Verwandtschaft neben einander stellt. Dagegen vertritt Aua. Schulz 
in einem gleichzeitig mit dem NEUMAN'schen erschienenen Aufsatze 
„Zur Morphologie der Cariceae" (Berichte d. Deutsch. Botan. Gesell- 
schaft [1887] p. 40) die REiCHENBACHSche Ansicht. 



Sitzung vom 17. April 1894. 



127 



Struktur von Stamm und Blatt bei beiden Formen erheb- 
lichere Verschiedenheiten zeigen, als die früher allein in 
Betracht gezogenen Blüthentheile. Immerhin weist nament- 
lich auch die Anatomie eine grosse Uebereinstimmung zwi- 
schen beiden Arten nach. Ein ähnliches Verhältniss findet 
zwischen der in der arktischen Zone wie in den Alpen ver- 
breiteteren, auch an einem einzigen Orte des mährischen 
Gesenkes vorkommenden C. rupestris Bell, und der im 
Norden Europas, Asiens und Nordamerikas vorhandenen 
C. pedata (L.) Wahlerb. statt, worauf Vortr. (vgl. Christ 
in Bull. Soc. Bot. Belg. XXVII [1888], II, p. 164) hinge- 
wiesen hat. In diesen beiden Fällen ist es zweifellos, 
dass eine einährige Art so nahe mit einer mehrährigen ver- 
wandt ist, dass eine gemeinsame Abstammung derselben 
nicht von der Hand zu weisen ist; jedenfalls ist diese Ver- 
wandtschaft eine weit nähere, als die der einährigen Art 
mit irgend einer anderen der Gruppe Monostachyae. Ein 
dritter hierher gehöriger Fall betrifft die einährige C. ursina 
Dewey, welche im arktischen Amerika, Spitzbergen und 
dem arktischen Russland, vielleicht (nach Fries) auch im 
skandinavischen Lappland vorkommt, und in den Blüthen- 
Merkmalen mit der mehrährigen arktisch-alpinen C. bicolor 
Bell, übereinstimmt. Ob in diesen drei als sicher anzu- 
nehmenden Fällen die mehrährige Form durch weitere Dif- 
ferenzirung aus der einährigen oder die einährige durch 
Reduction aus der mehrährigen Art entstanden ist, ist 
a priori nicht zu entscheiden. G. ursina kann füglich bei 
ihrem zwerghaften Wüchse als eine an ihrem hocharktischen 
Fundorte entstandene Kümmerform der C. bicolor betrachtet 
werden, von deren mehreren Aehrchen das an der typischen 
Pflanze gipfelständige, auch hier androgyne (an der Basis männ- 
liche), allein übrig geblieben ist. Dies war schon die An- 
sicht von Fries 1 ) (Summa Veg. 1846) p. 234 und Trevi- 
ranus (1. c. p. 285); und Christ (L c. XXVII. H, 166) 
stellt wenigstens beide Arten neben einander. 2 ) Dagegen 

*) Dieser Schriftsteller beruft sich auf die gleichlautende Ansicht 
des amerikanischen Agrostographen Tuckerman. 

2 ) Aug. Schulz betrachtet in der oben citirten interessanten 
Studie (p. 40) die homo- und heterostachischen Arten als aus den 



128 Gesellschaft naturforscJiender Freunde, Berlin. 

scheint die geographische Verbreitung in den beiden ersten 
Fällen für die erstere, wie in dem letzten für die letztere Er- 
klärung zu sprechen. Das Areal der C. ursina ist jeden- 
falls geringfügig gegen das der C. bicolor und steht in 
nahem Anschluss mit dem der letztgenannten Art. Da- 
gegen sind C. obtusata und C. rupestris weiter verbreitet, 
als bezw. C. supina und G. pedata; namentlich macht der 
Bezirk der C. obtusata, welche im arktischen Nord-Amerika, 
West- Sibirien, auf der Insel Oeland, im südlichsten Schwe- 
den (Ähus in Schonen, wo der genannte Neuman sie 1886 
auffand) und im Bienitz bei Leipzig wächst, ganz den Ein- 
druck, als ob er die zersprengten Reste eines einstmals 
ausgedehnten und zusammenhängenden Areals darstelle. 
Besonders auffällig ist die Spärlichkeit des Vorkommens in 
den besterforschten Florengebieten Europas. Es hat fast 
ein Jahrhundert gedauert, bis zu den beiden seit dem letz- 
ten Decennium des vorigen Jahrhunderts bekannten Wohn- 
bezirken auf Oeland und in Sachsen ein dritter hinzu- 
gekommen ist. Neuman spricht allerdings (a. a. 0. p. 29) 
die Hoffnung aus, dass die Lücke zwischen Sachsen und 
der Ostsee noch durch einzelne neue Funde ausgefüllt 
werden könnte; zuzugeben ist, dass das unscheinbare 
Pflänzchen leichter zu übersehen ist als zwei andere Relict- 



monostachischen, welchen er wegen ihrer geringen Zahl und fehlen- 
den oder geringen Variationsfähigkeit ein höheres Alter zuschreibt, 
hervorgegangen. Vortr. hat gegen diesen Satz nichts einzuwenden, 
wenn statt „den monostachischen" gesetzt wird „monostachischen". 
Das von Schulz angenommene höhere Alter kommt der zuletzt vom 
Vortr. besprochenen Artengruppe (C. pyrennica etc.) sicher zu; für 
die übrigen scheint es ihm nicht so zweifellos. Die geringe Varia- 
tionsfähigkeit gilt nicht für die Gruppe der C. dioeca, in der sich 
recht intricate Formen befinden. Das ungemein häufige Vorkommen 
monoecischer Exemplare bei dieser Art und C. Davalliana scheint 
Vortr. dagegen zu sprechen, dass dieselben etwa direct von der von 
Schulz angenommenen dioecischen Urform abstammen. C. obtusata 
erklärt Schulz selbst (allerdings unter der Voraussetzung ihrer spe- 
cifischen Identität mit C. supina) nicht für eine Stammform, sondern 
für eine atavistische Rückschlagsform, wie sie, wie er meint, auch bei 
anderen mehrährigen Arten vorkomme. Weshalb sollte das nicht auch 
bei anderen der zuerst vom Vortr. besprochenen Arten möglich sein? 
Der Zweck dieser Zeilen ist der, zu zeigen, dass die Monostachyae 
in ihrem gegenwärtigen Bestände keine phylogenetische Einheit, son- 
dern eine künstliche Abtheilung sind. 



Sitzung mm 17. April 1894. 



129 



pflanzen, deren Verbreitung mit der der genannten Garex 
eine frappante Aehnlichkeit besitzt: den beiden bekannten 
Steppen-Artemisien A. laciniata Willd. und A. rupestris L. 
Die erstere ist in West-Sibirien, auf Oeland, zwischen 
Stassfurt und Bernburg, bei Artern und neuerdings im 
Marchfelde Nieder-Oesterreichs gefunden, überall (ausser 
an dem letztgenannten Fundorte) von der letzteren beglei- 
tet, welche ausserdem noch im östlichsten europäischen 
Russland, in Esthland, Kurland und auf den Inseln Oesel 
und Gottland, angeblich auch einmal 1815 in der Nähe 
von Dannenberg in der Provinz Hannover gesammelt wor- 
den ist. Dagegen bewohnt C. supina ein zusammenhängen- 
des Gebiet, das den grössten Theil des östlicheren Mittel- 
europas und Südrussland, die Kaukasusländer, Songarei 
und Sibirien umfasst, innerhalb dessen sie stellenweise an 
dicht gehäuften Fundorten (wie um Halle, Potsdam, Span- 
dau, im märkischen Oderthaie) und in zahllosen Individuen 
auftritt. Ausserdem ist sie auch, wie C. obtusata, im arkti- 
schen Amerika gefunden. Hier spricht also alles dafür, 
dass C. obtusata die ältere, C. supina die jüngere Form ist; 
auch bei C. rupestris deutet ihr Auftreten in der arktischen 
Region einer-, den Hochgebirgen Mitteleuropas andererseits, 
darauf hin, dass diese Art schon vor der letzten Eiszeit 
existirte, während C. pedata ausschliesslich nordisch ist. 

Zweifelhaft ist es, ob die dem Vortragenden nicht zu Gebot 
stehende kaukasische C. phyllostachys C. A. Mey. überhaupt, 
wie dies durch Treviranus (1. c. p. 269) geschehen ist, den 
Carices monastachyae beigezählt werden kann. Sie würde 
unter denselben durch ihren robusten Wuchs und durch 
den von laub artigen Bracteen unterbrochenen Blüthenstand 
völlig vereinzelt stehen. Nach Boissier (Fl. Or. V, 407) 
ist dieser Blüthenstand aber nur scheinbar einährig; die 
Axillarsprosse dieser laubartigen Tragblätter sind nicht 
blosse weibliche Blüthen (genauer Aehrchen zweiter Ord- 
nung), sondern wirkliche (zusammengesetzte) 1— 2blüthige 
weibliche Aehrchen. Jedenfalls ist C. phyllostachys, wie 
Treviranus andeutet, nahe verwandt mit der im Mittel- 
meergebiet und westlichen Mitteleuropa verbreiteten C. ven- 
tricosa Cüst. (C. depauperata Good.). 



130 Gesellschaft mturfor sehender Freunde, Berlin. 



Unsicher ist die Verwandtschaft der beiden in Mittel- 
europa verbreitetsten Arten der Gruppe, 0. dioeca L. und 
C. Bavalliana Sm. , denen sich wohl die arktisch -alpine 
C. capitata L. anschliessen dürfte. Eine Uebereinstimmung mit 
C. dioeca L. in der Tracht und in manchen Merkmalen 
findet Vortragender nur bei C. microstaehya Ehrh. . einer 
in Skandinavien, Finnland und Norddeutschland, überall 
nur an sehr vereinzelten Orten 1 ) beobachteten, neuerdings 
von manchen ihrer früher festgestellten Fundorte, so z. B. 
in Schlesien (vgl. Fiek, Flora von Schlesien, 1881, p. 481) 
verschwundenen Art. Dieselbe unterscheidet sich aber so- 
fort durch ein in der Gattung taxonomisch schwer wiegen- 
des Merkmal, den deutlich zweizähnigen Schnabel des 
Fruchtschlauchs. Andererseits glaubte Vortr. an C. mi- 
crostaehya schon in seiner Flora von Brandenburg, I. Abth., 
p. 789 (1864) einige Uebereinstimmung mit C. diandra Roth 
(C. teretiuscula Good.) zu bemerken und sprach die Ver- 
muthung hybriden Ursprungs aus. Das sporadische Vor- 
kommen würde damit in Einklang stehen, könnte aber auch 
auf eine im Schwinden begriffene Relict-Art deuten. Jeden- 
falls wäre ein genaues Studium der merkwürdigen Pflanze 
seitens eines Botanikers, der dieselbe lebend am Fund- 
orte beobachten kann, sehr erwünscht. Die in den Merk- 
malen der genannten jedenfalls nahestehende G. Gaudiniana 
Guthn. wird neuerdings (vgl. Christ, L c. XXIV, II, p. 20) 
für einen Bastard von C. dioeca L. und C. echinata Murr. 
(C. stellulata Good.) erklärt; auch eine analoge C. Bavalli- 
ana X echinata (C. Paponii Muret) wird von Christ a. a. 0. 
anerkannt. Der vor einem Menschenalter von Sendtner 
(Flora, 1851, p. 737) und Sauter (Hausmann, Flora von 



*) Für andere norddeutsche Fundorte ist nicht einmal das frühere 
Vorhandensein zweifellos. So wird in den sonst so sorgfältig bear- 
beiteten Conspectus Florae Europaeae von C. F. Nyman p. 778 (1882) 
immer noch der Fundort „Bremen" aufgeführt, obwohl schon 1866 
F. Buchenau (Abh. Naturw. Ver. Bremen p. 41) denselben als höchst 
zweifelhaft bezeichnet hatte. Als einzigen sicheren Fundort in Nord- 
deutschland möchte Vortr. für die Gegenwart nur den bei Tilsit 
(Heidenreich!) bezeichnen, 



Sitzung vom 17. April 1894. 



131 



Tirol, p. 1500 [1854] l ) aufgestellten Deutung der C. Gau- 
diniana als einer mehrährigen G. dioeea, welche auch in 
Prantl's Excursionsflora von Bayern, 1884, p. 76 wieder- 
kehrt, kann Vortr. dagegen nicht beistimmen, so will- 
kommen eine solche Erscheinung, falls thatsächlich vor- 
kommend, auch für die gegenwärtige Betrachtung sein würde. 
Vortr. hat allerdings Sendtner's Exemplare von Tölz in 
Oberbayern nicht gesehen; aber den von Sendtner erwähn- 
ten Proben von Bregenz (Sauter), mit denen die übrigen 
von ihm genau verglichenen Exemplare vom Hengster 
(C. B. Lehmann) und Kappel im Ct. Zürich (Jäggi) über- 
einstimmen, sind von G dioeea durch zahlreiche und wichtige 
Merkmale verschieden. Die Blätter von G Gaudiniana 
sind bis nahe unter der Spitze tief -rinnig, unterseits 
scharf-flügelartig gekielt, an den Rändern und am Kiel rauh; 
bei G dioeea verschwindet die Rinne weit unter der Spitze, 
der Grad der Rauhigkeit ist sehr veränderlich, stets aber 
schwächer als bei der genannten Form; ein deutlicher Kiel 
ist nicht vorhanden, der Querschnitt unterseits abgerundet. 
Die Unterschiede der Schläuche gehen aus den sorgfältigen 
Beschreibungen bei Koch (Synopsis ed. II, 862, 871 [1844] 
und Bockeler (Linnaea XXXVIII [1874] p. 562, 622 deutlich 
hervor. Die Schläuche von G Gaudiniana sind deutlicher 
in einen ziemlich langen, oberseits abgeflachten, am Rande 
viel rauheren Schnabel verschmälert, ohne deutliche Ner- 
ven, und überragen schon unreif 'die Deckschuppe weiter, 
als dies bei C. dioeea der Fall ist. Alle diese Merkmale 
würden sich sehr gut durch die Einwirkung der G. echinata 
erklären. 

Immerhin würde auch die hybride Abstammung auf 
eine Verwandtschaft der G dioeea L. mit Arten aus der 
Gruppe der Homostaehyae Fr., zu denen beide oben ge- 
nannten Arten gehören, hindeuten, eine Verwandtschaft, die 



l ) Die von Hausmann erwähnten angeblich mit C. Gandiniana 
auf einem Rhizom gewachsenen Halme von C. dioeea sind vermuthlich 
verkümmerte C. Gandiniana mit nur einem (vermuthlich männlichen!) 
Aehrchen, wie sie auch anderwärts vorkommen, 



132 Gesellschaft naturforschender Freunde, Berlin. 

auch im Hinblick auf die Merkmale wahrscheinlicher ist, als 
die mit den Heterostachyae. 

Nach Ausscheidung dieser Artengruppen, welche sicher 
oder möglicher Weise unter der grossen Mehrzahl der 
mehrährigen Carices nähere Verwandte besitzen, als unter 
den übrigen Monostachyae, bleiben einige Arten übrig, für 
die eine solche Verwandtschaft nicht bekannt, auch kaum 
wahrscheinlich, vielmehr die einährige Bildung als typisch 
und ursprünglich anzunehmen ist. Unter diesen nimmt in 
erster Linie C. pyrenaica Wahlenb. unser Interesse in An- 
spruch. Die zerstückelte Verbreitung (Cantabrisches Ge- 
birge, Pyrenäen, südliche Karpaten, Vitos und Rilo in Bul- 
garien, Tscharantasch im Lasischen Pontus (nördliches Klein- 
asien), Kaukasus, Rocky Mountains in Nord- Amerika, Neu- 
seeland) charakterisirt diese Art als ein Relict aus einer 
ziemlich weit zurückliegenden Epoche; Engler (Versuch 
einer Entwicklungsgeschichte der Pflanzenwelt, II, 160, 167) 
unterstützt diese Anschauungsweise treffend durch den Hin- 
weis auf die beträchtliche Anzahl naher Verwandten, die 
diese Art in den verschiedensten Gegenden der Erde 
(Nord- und Süd-Amerika, arktische Zone, Algerien, Kau- 
kasus, Himalaya, Ceylon, Australien) besitzt. Allein auch 
morphologisch ist diese Art durch ein Merkmal ausgezeichnet, 
das sie von der grossen Mehrzahl der übrigen, dem Vortr. 
bekannten europäischen Arten trennt. 1 ) Bei diesen steht 
der Schlauch, welcher bekanntlich, wie dies Kunth zuerst 
nachwies, zugleich das Vorblatt des Aehrchens zweiter 
Ordnung (als solches durch zwei Kiele gekennzeichnet) und 
das Tragblatt der weiblichen Blüthe ist, unmittelbar in der 
Achsel des spelzenartigen Tragblatts des secundären Aehr- 
chens, der sog. Deckschuppe. Bei C. pyrenaica aber streckt 
sich das sonst unentwickelte Internodium der Achse des 



a ) Von der bekannten C. gracilis Curt. {acuta L. z. T.) wird 
eine var. pedicellata Peterm. erwähnt, bei der das „Stielchen" halb 
so lang sein soll als der Schlauch. Vortr. kennt diese möglicher 
Weise eher als Monstrosität zu bezeichnende Form nicht aus eigener 
Anschauung. 



Sitzung vom 17. April 1894. 



133 



secundären Aehrchens zu einem etwa 1 mm Länge erreichen- 
den Stielchen, welches zuletzt mit dem Schlauche abfällt. 
Die nächsten Verwandten dieser Art in Mitteleuropa sind 
wohl C. microgfeckin Wahlenb. und die diesen sehr nahe 
stehende C. paueiflora Lightf., Arten, deren zugleich nor- 
dische und alpine Verbreitung (die letztere geht auch quer 
durch Nord-Amerika, von Sitcha und Vancouver bis Neu- 
fundland und Pensylvanien) auf ein beträchtliches geolo- 
gisches Alter deutet. Die erstere Art besitzt auch, wie 
bekannt, ein auffälliges Merkmal, welches gleichfalls als 
atavistisch anzusprechen ist. Wie bei C. pyrenaica die 
Achse des secundären Aehrchens unter, so ist hier die 
über dem Schlauch befindliche, bei den meisten Arten 
spurlos verkümmerte Achse als ein langer, aus dem Schlauch 
hervorragender borsten- oder grannenförmiger Fortsatz ent- 
wickelt. Eine deutliche Ausbildung dieses Achsenendes, 
wenn auch nicht bis zu dieser Grösse, findet sich auch bei 
manchen anderen Arten, wie bei C. obtusata, supina, puli- 
caris, capitata und bei der seltsamen mediterranen C. ambi- 
gua Lk. (C. oedipostyla Duv.-Jouve). Es scheint dem 
Vortr. deshalb sicher verfehlt, wie es auch Aug. Schulz 
erschienen ist, diese Art deshalb von ihren nächsten Ver- 
wandten zu trennen und in die tropische Gattung Uncinia 
Pers. zu stellen, in der dies Achsenende gleichfalls und 
zwar in Form einer weit längeren, an der Spitze haken- 
förmig umgebogenen, als Klettapparat fungirenden Borste 
entwickelt ist. Ferner schon steht die bekannte C. puli- 
caris L. em., die sich von den drei vorher genannten drei- 
narbigen Arten schon durch die Zweizahl der Narben unter- 
scheidet. l ) 

Diese vier Arten werden, im Gegensatz zu den vorher 
besprochenen, aus den Gruppen der C. obtusata, rupestris 
und dioeca durch ein gleichfalls sonst nicht wiederkehrendes 
Merkmal verbunden; die Deckschuppen fallen hier sofort 



; ) Nach Bockeler (a. a. 0. p. 575) sollen indess bei C. pyrenaica 
(und bei C. rupestris) öfter 2 Narben vorkommen. 



134 GesellscMft naturforschender Freunde, Berlin. 



nach dem Verwelken der Narben ab, während sie sonst stets 
bis zur Fruchtreife stehen bleiben und häufig das Ausfallen 
der Schläuche überdauern. Vortr. glaubt daher auch den 
taxonomischen Werth dieses für die nach seiner Meinung 
eigentlichen und ursprünglichen Monastachyae charakterisit- 
schen Merkmales höher veranschlagen zu müssen, als es 
bisher geschehen ist. 



Im Austausch wurden erhalten: 

Naturwissenschaft!. Wochenschrift (Potonie), IX, No. 12 —15. 
Leopoldina, Heft XXX, No. 3 — 4. 

Sitzungsberichte der Königl. Preuss. Akad. d. Wissenschaften, 
No. XL — LIII. 

Helios, 11. Jahrg.. No. 10—12. 

Socieatum Litterae. 8. Jahrg., No. 1 — 3. 

Schriften des Naturwiss. Vereins des Harzes in Wernigerode. 
8. Jahrg., 1893. 

Verhandlungen des naturforschenden Vereins in Brünn. 
XXXI. Bd., 1892. 

IX. Bericht der meteorolog. Commission des naturforsch. 
Vereins in Brünn. Ergebnisse der meteorolog. Beob- 
achtungen im Jahre 1891. 

Abhandlungen, herausgegeben vom naturwissensch. Vereine 
zu Bremen. XIII. Band, 1. Heft. 

Ueber Einheitlichkeit der botan. Kunstausdrücke und Ab- 
kürzungen, von Franz Buchenau. Extra-Beilage zum 
13. Bande der Abhandlungen des naturwiss. Vereins 
zu Bremen. 

Anzeiger der Akademie der Wissenschaften in Krakau. 
1894, Februar. 

Földtani Közlöny. XXIV. Kötet, 1.— 3. Füzet. Buda- 
pest 1894. 

Bollettino delle Pubblicazioni Italiane, 1894, No. 198 u. 199. 
Atti della Societa Toscana di Scienze Naturali. Memorie. 
Vol. XIII. Pisa 1894. 



Sitzung vom 17. April 1894. 



135 



Atti della Societa Toscana di Scienze Naturali. Processi 

Verbali. Vol. IX. Pisa 1894—96. 
Geologiska Förenings i Stockholm Förhandlingar, Bd. 16. 

Hafte 3. 

Transactions of the Cambridge Philosophical Society. 
Vol. XV. Part. IV. 

Bulletin of the Museum of Comparative Zoology at Har- 
vard College, Vol. XXV, No. 5—6. 

Psyche, Journal of Entomology. Vol. VII, No. 216. 

El Instructor, Jahrg. X, No. 11 u. 12. 



J F. St»rcke, BerUn W, 



Nr. 5. 1894. 



Sitzungs-Bericht 

der 

Gesellschaft naturforsckender Freunde 

zu Berlin 
vom 22. Mai 1894. 



Vorsitzender: Herr Dames. 



Herr F. E. Schulze legte einige aus Hexactinelliden 
hergestellte Artefakte von der Philippinen -Insel 
Cebu vor. 

Bei Gelegenheit der diesjährigen Jahresversammlung 
der Deutschen Zoologischen Gesellschaft in München hatte 
Herr Professor Rich. Hertwig die Güte, mir eine Collec- 
tion trockener Hexactinelliden zu zeigen, welche von der 
Philippinen-Insel Cebu stammen. Neben mehreren für die- 
sen bekannten Hexactinelliden - Fundort typischen Formen 
wie Lophocalyx philippinensis J. E. Gray, Scleroihamnus clausi 
Marshall, Euplectella aspergillum Owen und Hyalonema Sie- 
boldi J. E. Gray befanden sich darunter auch einige nicht 
sofort erkennbare Stücke. Auf meine Bitte vertraute mir 
Herr Prof. Rich. Hertwig diese letzteren zum Zwecke 
einer näheren Untersuchung und Bestimmung an. 

Eines derselben besteht aus einem etwa 10 cm langen, 
daumendicken und etwas gekrümmten, festen, rundlichen 
Stiele, dessen unregelmässig verbreiterte Basis einer festen 
Unterlage aufgesessen haben muss und an einer Stelle noch 
eine Trochus- Schale von Groschenstückgrösse angewachsen 
zeigt. Aus dem abgebrochenen oberen Ende ragen mehrere 
spannenlange, stricknadeldicke Kieselnadeln hervor, welche 

5 



138 Gesellschaft naturfw seilender Freunde, Berlin. 



durchaus den Wurzelschopfnadeln von Hyalonema Skboldi 
gleichen und zweifellos in das etwas poröse und eine un- 
deutliche Längsfaserung zeigende, feste Schwammskelet hin- 
eingesteckt sind. 

Das ganze Stück ist mit einer lockeren dünnen Hülle 
von etwa fingerlangen, haarähnlichen, seidenglänzenden Kie- 
selnadeln umgeben, welche ganz den Nadeln des Wurzel- 
schopfes von Euplectella aspergillum gleichen. 

Dass diese Faserhülle mit dem stielförmigen Schwamm- 
körper selbst ebensowenig etwas zu thun hat, wie die oben 

Figur 1. 




Sitzung Vom 22. Mai 1894. 139 



Figur 2. 




hineingesteckten Hyalonema- Schopf nadeln, sondern absicht- 
lich zur künstlichen Umkleidung desselben verwandt ist, 
kann keinem Zweifel unterliegen. 

Die genauere mikroskopische Untersuchung des Schwamm- 
körpers ergab, dass es sich um den Stiel einer bei der Insel 
Cebu schon viederholt gefundenen Hexactinellide , Gratero- 
morpha Meyeri J. E. Gray, handelt. 

Interessanter als diese wahrscheinlich auf einen Betrug 
kauflustiger Sammler berechnete künstliche Vereinigung von 
Hexactinelliden- Bruchstücken verschiedener Art erschienen 
mir 5 gleichartige, klossförmige Gebilde von der Grösse 

5* 



140 Gesellschaft naturforschender Freunde, Berlin. 

einer kleinen Faust, welche aus einer lockeren, atlasglän- 
zenden, urnenförmigen Faserhülle von 3—5 mm Dicke und 
einem von derselben fest umschlossenen, nur an der Ober- 
seite frei vorliegenden Klumpen einer kreideähnlichen, 
weissen, pulverigen, lose zusammenbackenden Masse be- 
steht. (Siehe die Figur 1.) 

Die Fasern der äusseren, unten halbkugelig gerundeten 
Hülle ragen über den Seitenrand des inneren kugeligen 
Klumpens in Form eines Randsaumes von einigen Centim. 
Höhe frei empor und zeigen hier eine Anordnung in locki- 
gen Bündeln und Flocken. 

Der innere Klumpen, aus dessen pulverförmiger Masse 
hie und da kleine Bruchstücke von Kieselnadeln sowie von 
leiter- oder gitterartigen Gerüsten hervorragen, zeigt an 
seiner oben ganz frei vorliegenden Fläche eine mittlere 
flache, dellenförmige Vertiefung. (Siehe die Figur 2.) 

Bei der mikroskopischen Untersuchung der äusseren 
Faserhülle stellte es sich alsbald heraus, dass dieselbe aus- 
schliesslich aus solchen Kieselnadeln besteht, wie sie den 
Basalschopf von Euplectella aspergillum bilden. Ich fand 
sowohl ganz glatte Ankernade] n, deren unteres Ende von 
4 im Kreuz gestellten, schwach emporgekrümmten, ziemlich 
langen, drehrunden Ankerstrahlen mit durgehendem Central- 
kanale besteht, als auch Anker, an deren kolbigem unteren 
Endknopfe 4 oder 8 kurze, zurückgebogene, platte Anker- 
zähnchen ohne Centralkanal stehen und welche im unteren 
Schafttheile mit Widerhäkchen reichlich besetzt sind. 

Eine genauere mikroskopische Analyse der sehr ver- 
schieden grossen Bröckel, aus welchen der innere Klumpen 
pulveriger Masse besteht, lehrte, dass dieselben sämmtlich 
nichts anderes als zertrümmerte Skelettheile von Euplectella 
aspergillum sind. 

Das ganze klossförmige Gebilde besteht demnach aus 
einem Klumpen zerstossener und zerriebener Kieselskelet- 
stücke von Euplectella aspergillum, welcher unten und seit- 
lich umgeben ist von einer dünnen, urnenförmigen Hülle 
locker verfllzter Basalschopfnadeln desselben Schwammes. 

Es entsteht nun die Frage, ob auch diese 5 unterein- 



Sitzung vom 22. Mai 1894. 



141 



ander gleich erscheinenden Stücke ähnlich dem oben be- 
schriebenen Crateromorpha - Stiele mit seinen Verzierungen 
künstlich von Menschenhand hergestellt oder etwa auf na- 
türlichem Wege im Meere selbst, etwa durch Wasserwirbel, 
entstanden sein können. Letztere Möglichkeit scheint mir 
jedoch so gut wie ausgeschlossen, da es zwar denkbar 
wäre, dass ein Klumpen zerriebener Euplectella-Bruchstücke 
durch Zusammenspülen und Wasserwirbel formirt sein 
könnte, aber kaum denkbar ist, dass ein solcher Ballen 
dann noch mit einer lockeren Hülle von Basalschopfnadeln 
desselben Schwammes umkleidet wäre. Wohl aber liegt 
die Annahme nahe, dass auch hier Objecte vorliegen, welche 
von erfinderischen Köpfen zum Verkaufe an Liebhaber und 
Sammler von Naturalien künstlich hergestellt sind. 

Uebrigens könnte man hier auch an die Möglichkeit 
denken, dass diese sehr gleichartig hergestellten Ballen 
pulverisirter Kieselmasse zu technischen Zwecken, etwa 
zum Abschleifen rauher Holzflächen, gewerbsmässig her- 
gestellt und benutzt werden. 

Herr K. Möbius sprach über die neue französische 
Austernzucht. 

Er besuchte im April d. J. Austernbänke und Zucht- 
anstalten bei Auray und Vannes in der Bretagne, die 
Austernteiche (Claires) bei Marennes und Tremblade und 
das Bassin von Arcachon südlich von Bordeaux. Die 
Buchten und Flussmündungen der Bretagne und die tiefen 
Rinnen des Bassins von Arcachon enthalten natürliche 
Austernbänke, welche nur schonend befischt werden dürfen, 
damit sie den Zuchtanstalten Austernbrut liefern können. 
Dachziegel, welche mit Cement überzogen werden, dienen zum 
Einfangen der Austernschwärmlinge. Man bringt sie erst in 
der Schwärmzeit (im Juli) ins Wasser, damit die Austern- 
larven die Ziegel ohne Schlick- und Pflanzenbesatz finden, 
wenn sie sich darauf niederlassen. Im Sommer 1893 hatten 
sich die Ziegel so dicht mit jungen Austern besetzt, dass man 
im April 1894 ungewöhnlich viele davon ablösen konnte. 
Dies geschieht durch Stahlmeissel, mit welchen man den Ce- 



142 Gesellschaft naturfvr seilender Freunde, Berlin. 

mentüberzug nebst den ansitzenden Austern abstösst. Diese 
werden in Sieben unter Wasser von den Cementbrocken geson- 
dert und dann in flache Kästen gebracht, deren Boden und 
Deckel aus getheerten Drahtgittern besteht, damit sie von 
Seesternen, Taschenkrebsen und anderen Austernfeinden 
nicht erreicht werden können. Aus den Schutzkästen wer- 
den sie erst dann in Austernteiche versetzt, wenn ihre Scha- 
len gross genug geworden sind, um den Feinden Widerstand 
zu leisten. Im Bassin von Arcachon und den Buchten der 
Bretagne werden viel mehr junge Austern geerntet, als dort 
marktgross gezogen werden können; man verkauft deshalb 
viele Millionen nach Marennes und Tremblade an der Mün- 
dung der Seudre, nach Holland und nach England. In den 
Austernparks und Zuchtteichen wird bei jeder Ebbe gear- 
beitet. Ungewöhnlich starke Bewegungen des Wassers und 
niedrige Temperaturen in der Schwärmzeit und im Winter 
können die Erfolge der künstlichen Austernzucht sehr be- 
einträchtigen. Vortragender legte einen mit jungen Austcru 
besetzten Ziegel von Arcachon vor. auf dem sich auch zahl- 
reiche Würmer (Spirorbis ucmtüoides) niedergelassen hatten 
und Photographien von Austernparks mit Schutzkästen und 
Austernteichen, deren Dämme aus Ulexzweigen und Sand 
bestehen. 

Herr STADELMANN sprach über Strongylus circum- 
einetus, einen neuen Parasiten aus dem Labmagen des 
Schafes. 

Im Heft 11 der Zeitschrift für Fleisch- und Milch- 
Hygiene vom Jahre 1893 that ich eines Wurmes Erwäh- 
nung, der in seiner Lebensweise mit Strongylus ostertagi 
Stiles (convolutus Ostertag) übereinzustimmen scheint, d. h. 
der ebenso wie letzterer in linsenförmigen Wucherungen 
der Magenschleimhaut wohnt. Ich gab diesem bis jetzt 
immer noch hypothetischen Wurm den Namen Str. vicarius 
und stützte meine Benennung darauf, dass ich thatsächlich 
in einem Knötchen einen Wurm fand, der sich von ostertagi 
durch das Fehlen der Glocke auszeichnete und auch sonst 
von den bekannten Schafmagen-Strongyliden abwich. Bisher 



Sitzung vom 22. Mai 1894. 



143 



waren alle meine Nachforschungen nach diesem Parasiten 
leider vergeblich, sodass ich schon öfter annahm, das Opfer 
einer Täuschung geworden zu sein. Wenngleich es mir nun 
nicht gelungen ist, den gesuchten Wurm aufzufinden, so 
hatten meine fortgesetzten Untersuchungen von Schafmägen 
doch den Erfolg, andere mindestens ebenso interessante 
Thatsachen feststellen zu können. Denn einerseits bin ich 
in der Lage, das von Stiles für Str. ostertagi zuerst in 
Amerika beobachtete Vorkommen beim Schafe auch für 
Deutschland bestätigen zu können, andererseits fand ich 
einen Parasiten auf, der trotz vieler übereinstimmender 
Merkmale doch so viele andere Eigenschaften aufzuweisen 
hat, dass das Aufstellen einer neuen Art gerechtfertigt er- 
scheint. Sämmtliche Schafmägen bezog ich vom hiesigen 
Schlachthofe. Ich suchte mir immer diejenigen aus, welche 
die charakteristischen Merkmale der ostertagi- Invasion auf- 
wiesen. In einem Magen, der noch durch die besonders 
charakteristische Röthung auffiel, fand ich die ganze Schleim- 
haut mit Nematoden übersäet, die sämmtlich der Gattung 
Strongylus angehörten. Es waren dies Str. contortus, oster- 
tagi und der neue Parasit. Letzterer ist dem Str. ostertagi 
sehr ähnlich und kann bei oberflächlicher Betrachtung 
leicht mit demselben verwechselt werden. Zumal er auch 
im Besitze der so auffallenden Vulvaglocke ist. Die Länge 
der Weibchen, denn nur von diesen will ich aus noch näher 
zu erörternden Gründen hier vorläufig sprechen, beträgt 
durchschnittlich 11 mm. Sie waren schlank, drehrund und 
maassen in der Körpermitte 0,144 mm. Die ziemlich starke 
Cuticula war hellgelb braun und Hess die einzelnen Organe 
des Thieres deutlich erkennen. Der Kopf ist von einer 
sehr kleinen Kapsel umgeben, die sich deutlich vom übri- 
gen Körper absetzt. Papillen Hessen sich um den Mund 
nicht nachweisen. Die äussere Cuticula ist quergestreift 
und zeigt eine deutliche Längsstreifung, die jedoch nicht so 
dicht wie bei ostertagi ist. Der Darm verläuft ziemlich 
gerade und ist meist von einer dunkleren Masse angefüllt, 
im mittleren Theile ist er undeutlich zu sehen, da er dort 
von den mächtig entwickelten Geschlechtsorganen verdeckt 



144 Gesellschaft naturforschender Freunde, Berlin. 

ist. Der Ösophagus ist 0,624 mm lang und endet in einen 
Bulbus, der jedoch nicht scharf abgesetzt ist, sondern sich 
allmählich nach vorn zum Schlünde verjüngt. Der Darm 
endet in einen After, der 0,189 mm vom Schwanzende ent- 
fernt ist. Die Vulva ist auch von einer aus einer Dupli- 
catur der äusseren cuticularen Schicht bestehenden Glocke 
überdeckt, die im Wesentlichen mit der von ostertagi über- 
einstimmt, nur ist sie oben etwas stärker zusammengezogen 
und der Rand in Folge dessen ein mehr geschweifter. An 
ihrer Ursprungsstelle zeigt sich eine deutliche Trennungs- 
linie, von derselben bis zur Spitze misst sie 0,27 mm. 
Die Vulva selbst stellt einen queren Schlitz dar, der senk- 
recht zur Körperaxe steht, sie ist 2,16 mm vom Schwanz- 
ende entfernt. Von der Vulva geht eine sehr kurze Va- 
gina in das Innere, von der aus quer gestellt je ein Uterus 
nach vorn und hinten zieht. An diese schliessen sich die 
Oviducte und die Ovarien, deren Anfangstheile ungefähr in 
der Mitte des Körpers liegen. Die Geschlechtsorgane zie- 
hen beinahe bis zur Höhe des Bulbus. Die Oviducte und 
Uteri waren von Eiern angefüllt, die eine zur Axe schräge 
Stellung hatten und theilweise Entwicklungsstadien, theil- 
weise schon fast entwickelte Embryonen bargen. Die 
Merkmale, die nun eine leichte Unterscheidung von oster- 
tagi ermöglichen, befinden sich am Schwanzende. Der 
Schwanz von ostertagi läuft allmählich in eine leicht ge- 
schwungene Spitze aus, die ohne be- 
Figur l. Figur 2. sondere Kennzeichen ist. Bei circum- 
cinctus findet sich jedoch kurz vor 
dem Ende eine deutliche Anschwel- 
lung, die sich scharf vom Hinterende 
absetzt. Diese Anschwellung zeigt 
eine deutliche Ringelung, und zwar 
konnte ich durchschnittlich 4 — 6 ge- 
schlossene Ringe unterscheiden. Nach 
hinten zu schliessen sich noch einige 
undeutliche, auch nicht vollständig 
geschlossene Ringe an. Am lebenden Thier ist diese Rin- 
gelung am deutlichsten. In nebenstehenden Figuren sind 




Sitzung vom 22. Mai 1894. 



145 



diese Schwanzenden der beiden in Frage kommenden Wür- 
mer abgebildet, Fig. 1 stellt das von ostertagi, Fig. 2 das 
von circiuncinctus dar. Die Frage, ob die Entwicklung 
dieses Wurmes ebenso wie die von ostertagi vor sich geht, 
konnte ich nicht entscheiden, wenngleich es mir wahrschein- 
lich ist. Denn ich fand diesen Wurm ebenso wie ostertagi 
auf der Schleimhaut und sämmtliche Knötchen, die ich 
untersuchte, leer. Nicht einmal Larven, wie es meist 
bei den von mir untersuchten Rindermägen der Fall war. 
konnte ich auffinden. Die Frage, welches von den ver- 
schiedenen Männchen, die ich im Magen fand, zur vorlie- 
genden Art gehört, will ich noch offen lassen. 

Zum Schlüsse sei es mir noch vergönnt, auf verschie- 
dene verwandtschaftliche Beziehungen, welche unsere Art 
zu anderen Strongyliden hat. näher einzugehen. Der nächste 
Verwandte unserer Art ist ohne allen Zweifel ostertagi, aber 
auch zu contortus und ev. fäicollis lassen sich nähere Be- 
ziehungen auffinden und zwar in Bezug auf die Vulva- 
glocke und ähnliche Bildungen, die ich schon an anderer 
Stelle mit der das männliche Hinterleibsende umgebenden 
Bursa verglichen habe. Die äusseren Copulationsorgane. 
als solche kann man wohl ohne Weiteres diese Bursa-ähn- 
iichen Bildungen ansehen, bilden bei ostertagi und eircum- 
cinctus eine aus einem Stücke bestehende Glocke, während 
sie bei contortus dreitheilig sind. Bei contortus befindet sich 
jederseits vom sogenannten fingerförmigen Fortsatz eine 
glockenförmige cuticulare Bildung, die netzförmig gestreift 
erscheint. Während die glockenförmigen Bildungen voll- 
ständig hyalin und nur von der äussersten cuticularen 
Schicht gebildet sind, ziehen in den fingerförmigen Fortsatz 
die übrigen Schichten und die Subcuticula in Form eines 
Stranges hinein und bilden gleichsam eine Bursalrippe. Bei 
älteren Exemplaren und befruchteten Weibchen sind häufig 
die beiden Seitenglocken abgefallen, sodass dann nur der 
fingerförmige Fortsatz übrig bleibt. Ein ähnliches Abfallen 
der Bursa, in diesem Falle der ganzen, berichtet schon 
Müller von Str. paradoxus (Müller, Die Nematoden der 
Säugethierlungen etc., Deutsche Zeitschrift für Thiermedicin 



146 Gesellschaft naturforschender Freunde, Berlin. 



etc., XV, p. 295). Bei ostertagi und circumcinctus habe ich 
dies jedoch nie beobachtet, was wohl darin seinen Grund 
hat, dass hier die Ansatzstelle der Bursa eine viel grössere 
als bei den anderen genannten Arten ist. Von fdcicollis 
beschreibt und bildet Molin (II sottordine degli Acrofalli, 
p. 512, tab. XXVIII, fig. 7) ein dem fingerförmigen Fort- 
satz ähnliches Gebilde ab. Ob es sich wirklich um einen 
solchen handelt, oder ob hier auch eine Glocke vorhanden 
ist, kann ich nicht entscheiden, da mir frisches Material 
zum Vergleich nicht vorlag und die mir zu Gebote stehen- 
den RuDOLpm'schen Stücke zur Entscheidung dieser Frage 
nicht mehr die genügende Handhabe bieten. Merkwürdiger- 
weise thut Schneider in seiner Nematoden - Monographie, 
sowie auch die neuesten Autoren dieses Gebildes gar keiner 
Erwähnung, trotzdem schon Rudolphi (Ent. Hist. nat. II. 
p. 218) schreibt: „Vulva in quadam a caudae apice distantia 
sub tuberculo latet." Eine Verwechselung mit circumcinctus 
ist schon durch den Wohnsitz fast und durch die Triebe- 
cephalus- artige Form von fdicollis völlig ausgeschlossen. Ein 
einigermaassen gutes Unterscheidungsmerkmal zwischen 
ostertagi, circumcinctus einerseits und contortus andererseits 
bietet auch der Enddarm. Während er bei letzterer Art 
vom After gerade emporsteigt, ist er bei den beiden ersten 
geschwungen. Auch das Vorkommen der Widerhaken-ähn- 
lichen Bildungen am vorderen Körpertheil von contortus und 
f'dicollis lässt kaum Irrthümer zu. Die speciellen Unter- 
schiede zwischen ostertagi und circumcinctus sind oben des 
Näheren ausgeführt. 

Herr Otto Jaekel sprach über sog. Faltenzähne und 
complicirtere Zahnbildungen überhaupt. 

In einem Beitrag zur Histologie der Faltenzähne pa- 
laeozoischer Stegocephalen brachte kürzlich *) H. Credner 
eine eingehende Darstellung der Mikrostructur dieser Zahn- 
bildungen von Sclerocephalus und sprach sich bei dieser 

x ) Abhandlungen der math.-phys. Classe der kgl. sächs Gesellsch. 
der Wissensch., Bd. XX. No. 4. Leipzig 1893. 



Sitzung vom 22. Mai 1894. 



Gelegenheit über einige allgemeinere Punkte bezüglich der 
Histogenese und der Homologie dieser Gebilde aus. Er 
betrachtet die Faltenzähne als eine Summe verschmolzener 
Einzelzähne, wie sie sich isolirt noch auf den Gaumen- 
knochen von Sclerocepliahs finden. 

Ich wende mich zunächst zur Besprechung des ersten 
Punktes, der Frage, ob jene Faltenzähne als Einzelzähne 
mit secundär eingefalteteo Seiten oder als ein Aggregat ur- 
sprünglich getrennter Zähne aufzufassen seien. H. Cred- 
xer ist letzterer Ansicht; nach ihm 1 ) „erweist sich jeder 
derselben als polysynthetisch, d. h. als das Product 
der Verschmelzung der Pulpen einer vielzähligen 
Gruppe von Zahn anlagen. In der Zahnspitze, dem 
phylogenetisch jüngsten und ontogenetisch ältesten Theile 
des Zahnes, ist diese Concrescenz am weitesten ge- 
diehen und ihr Ursprung von einer Summe von Zahn- 
anlagen verwischt." „Weiter hinab beginnt sich die ur- 
sprüngliche Vielzahl der Anlage durch die Gliederung der 
Pulpa zu Einzelpulpen vermittelst symmetrisch aufgebauter 
Kadiärwände. den Dentinfalten, bemerklich zu machen (Pli- 
cidentin)". Auch die Ausstülpungen, mit denen jene Dentin- 
falten seitlich in einander greifen, betrachtet Credner als 
Einzelzähne. „Dieselben verrathen die Invidualität ihres 
Ursprungs durch Secundärfäcber von Dentinröhrchen, deren 
jeder einem der mit einander verschmolzenen Zahnkeime 
entstammt." Wir sehen also die Theorie in extenso durch- 
geführt und müssten danach einen complicirter gebauten 
Faltenzahn z. B. von Mastodonsaurus oder von Dendrodus 
als ein Aggregat vieler Hunderte, ja Tausende von Einzel- 
zähnen betrachten. 

Wäre diese Autfassung richtig, so müssten drei That- 
sachen zu beobachten sein. Erstens müsste sich phy- 
logenetisch eine allmähliche Concrescenz von Zäh- 
nen dadurch erweisen, dass innerhalb einer Thior- 
abtheilung mit Faltenzähnen die älteren Formen 
sehr viel mehr Zähne besitzen als die jüngeren, 



>) 1. c. p. 545 [71]. 



148 Gesellsclmft natui forschender Freunde, Berlin. 



besonders dann, wenn die Zähne der älteren we- 
niger complicirt gebaut sind als die der jüngeren. 
Zweitens müsste der Verschmelzungsprocess phy- 
logenetisch Fortschritte machen, d.h. bei den Zäh- 
nen jüngerer Formen müsste der ursprüngliche 
polysynthetische Ursprung innerhalb eines Zahnes 
immer mehr verwischt werden. Drittens müsste 
ontogenetisch der zuerst gebildete Theil des Zah- 
nes die ursprüngliche Synthese klarer erkennen 
lassen als die später gebildeten Theile des Zah- 
nes. Diese Entwicklungsgesetze haben eine zu allgemeine 
Gültigkeit, als dass wir berechtigt wären, ohne die zwin- 
gendsten Gründe in diesem Falle eine Ausnahme von den- 
selben anzunehmen. 

Betrachten wir zunächst die phylogenetische Entwick- 
lung von Faltenzähnen. Dieselben finden sich besonders 
typisch in drei Formenkreisen, den echten Crossopterygiern, 
den Labyrinthodonten und den Ichthyosauriern. Die Ver- 
treter der ersten Abtheilung treten fast zu gleicher Zeit im 
Devon auf, sodass ihre Altersunterschiede wenig auffallend 
sind ; wir sehen aber, dass Osteolepis, der jedenfalls zu den 
ältesten Crossopterygiern gehört und wenig eingefaltete 
Zähne besitzt, keine wesentlich grössere Zahl von Kiefer- 
zähnen besitzt als seine Verwandten mit ungemein compli- 
cirten Faltenzähnen. Osteolepis hat nach den Abbildungen 
Panders in einem Kieferast etwa 25 Zähne, Holoptychius 
(Dcndrodus) etwa 75. Ein Zahn von Osteolepis würde bei 
seiner schwachen Faltung nach der Credner' sehen Auffas- 
sung etwa aus 15 Primärzähnen bestehen, ein solcher von 
Holoptychius etwa aus 15 000 1 ). Osteolepis müsste also nach 
jener Theorie etwa 3000 mal mehr Zähne gehabt haben, 
als er thatsächlich hat. Von Holoptychius liegen nach dem 
Catalog von A. Smith Woodward alle ihrem Alter nach 
bestimmten Formen im Oberdevon mit Ausnahme einer ein- 
zigen aus dem Unterdevon stammenden Art, und diese ist 

*) Ich zähle in einem Querschnitt etwa 1000; die Höhe der darin 
angeschnittenen „Einzelzähne" ist so gering, dass deren sehr viele in 
jeder Falte über einander liegen. 



Sitzung vom 22. Mai 1894. 



149 



Holoptychius paucidens Ag.! Unter den von den Osteo- 
lepiden abzuleitenden Rhizodonten zeigen gerade einige ihrer 
jüngsten Vertreter in der productiven Steinkohle eine für 
diese Familie ganz besonders starke Einfaltung ihrer mächtig 
entwickelten Fangzähne. 

Die Labyrinthodonten zeigen im Perm noch eine ziem- 
lich geringe Einfaltung ihrer Zähne, ihre triadischen Nach- 
kommen, zugleich die jüngsten Vertreter dieser Abtheilung, 
erreichen dagegen die höchste Complication der Faltenzähne, 
ohne dass die Zahl ihrer Zähne eine merkliche Verminde- 
rung erfahren hätte. 

Der erste Vertreter der Ichthyosaurier ist Mixosaurus 
aus dem Muschelkalk, der an der Basis seiner Zähne 
eine sehr geringe seitliche Einfaltung zeigt, während bei 
dem höchstentwickelten Ichthyosaurus die Zähne im Quer- 
schnitt ein äusserst complicirtes Bild aufweisen. Hinsicht- 
lich der Zahnzahl ergiebt sich auch hier das diametral Ent- 
gegengesetzte von dem. was nach der Theorie anzunehmen 
wäre, denn Ichthyosaurus hat bei sehr weit eingehenderer 
Einfaltung der Zähne eine sehr viel grössere Zahnzahl als 
Mixosaurus. 

Auch die ontogenetische Entwicklung der Faltenzäbne 
spricht gegen deren polysynthetische Entstehung. Eine di- 
recte Beobachtung über die Entwicklung jener typischen 
Labyrinthodonten-Zähne lässt sich freilich nicht mehr vor- 
nehmen, und auch über recente Entwicklungsvorgänge ähn- 
licher Art liegt meines Wissens keine Untersuchung vor, 
aber jedenfalls können wir das sehen, dass das ontogene- 
tische Reproductionsgesetz phylogenetischer Zustände hier 
auf den Kopf gestellt sein müsste. wenn jene Theorie 
richtig wäre. Denn zuerst bildet sich an einem Zahn durch 
eine Einstülpung seitens des Epithels die Spitze (bezw. die 
Spitzen, wenn der Zahn mehrspitzig ist). Erst in dem 
Maasse, wie der Kiefer wächst und der Zahnentfaltung 
Raum lässt, bilden sich die unteren Theile des Zahnes 
nach, und zwar nun innerhalb der ersten Kappe bezw. so, 
dass das zahnformende Epithel nur mehr seitwärts au den 
Zahn herantritt. Hier kann es durch Faltenbildung sehr 



150 Gesellschaft natur forschender Freunde, Berlin. 



wohl Falten im Zahn hervorrufen, aber niemals können 
sich innerhalb der ersten Schmelzkappe weitere Epithel- 
kappen und dadurch selbständige Zahnkeime entwickeln. 
Dass das Epithel sich an der Basis eines Zahnes mehr und 
mehr einfalten kann, ist nicht nur sehr oft zu beobachten, 
sondern auch sehr leicht verständlich, und wenn wir nach 
einem Grunde für diese Erscheinung suchen, so möchte ich 
hier auf zwei Gesichtspunkte hinweisen. Erstens ist bei 
dem lebhaften Zahnersatz, den wir im Allgemeinen bei nie- 
deren Wirbelthieren finden, wahrscheinlich die Wucherung 
der Epithelzellen um den Zahnkeim herum ebenfalls eine 
lebhafte und dieses deshalb zu Faltenbildungen geneigt. 
Zweitens scheinen mir eine Reihe von Erscheinungen dafür 
zu sprechen, dass bei niederen Wirbelthieren die Grössen - 
entwicklung der Dentinröhrchen in engeren Grenzen liegt 
als bei den höhereu Wirbelthieren. Nur diesem Umstände 
dürfte es zuzuschreiben sein, dass sich bei niederen Wirbel- 
thieren so vielfach Vasodentin entwickelt. In diesem Falle 
findet man in der Regel in der Zahnspitze Dentin einheit- 
lich um eine einfache Pulpa bezw. einen Mittelkanal ange- 
ordnet; im unteren, erweiterten Theil des Zahnes zerlegt 
sich die Pulpa in ein Strauchwerk von Kanälen, deren 
jeder sich mit einem Mantel kurzer Dentinröhrchen unigiebt. 
Bei den höher entwickelten Thieren bleibt der Zahnkeim, 
die Pulpa, einheitlich, und da die Leistungsfähigkeit im All- 
gemeinen von der Dicke des äusseren Dentinmantels ab- 
hängig ist, so wird dieser nach Kräften verdickt. Ist nun 
in solchem Falle bei der Vergrösserung des Zahnes nach 
unten das Maximum der Grössenentwicklung der Dentin- 
röhrchen erreicht, so giebt es nur zwei Möglichkeiten, ent- 
weder der Dentinmantel bleibt dünn im Verhältniss zu der 
Erweiterung des Zahnes, oder er faltet sich ein. Während 
im ersteren Falle der Zahn sehr an Widerstandskraft ver- 
lieren würde, kann er bei dem letzteren Auswege kräftig- 
weiter wachsen, ohne seine Festigkeit wesentlich zu beein- 
trächtigen. Wird freilich durch Hypertrophie dieser Ein- 
faltung der Bau sehr complicirt. so dürfte seine Leistungs- 
fähigkeit wieder auf diejenige entsprechend grosser Vasoden- 



Sitzung vom 22. Mai 1894. 



151 



tinzähne zurücksinken. Mit der höchsten Complication solcher 
Zähne schliesst jedesmal der phylogenetische Entwicklungs- 
process plötzlich ab. Die Thiere. welche in der genannten 
Richtung die höchste Entwicklungsstufe erreichen . ster- 
ben plötzlich aus. ohne Nachkommen zu hinterlassen. Der 
ganze Bildungsprocess der Faltenzähne erscheint sonach als 
ein provisorisches Aushülfsmittel derjenigen Thierformen, 
deren Dentinentwicklung anderenfalls die Ausbildung gros- 
ser kräftiger Zähne noch nicht gestattete. Wie man aber 
auch über die Ursachen dieses Processes denkeü mag, 
jedenfalls sind jene Dentinfalten echte Falten, die sich in 
einen ursprünglich einheitlichen Dentinmantel einstülpen 
und nach unten zu immer schärfer ausprägen. 

Nach alledem glaube ich gegenüber der Ansicht H. 
Credner s an der älteren Auffassung festhalten zu müssen, 
dass die Faltenzähne als einheitliche Zähne zu 
betrachten sind, deren Falten secundär entstanden. 

Wenn ich in der genannten Arbeit Cuednek's die An- 
merkimg auf pag. 547 [73] lese, so möchte ich glauben, 
dass er mit seiner Annahme lediglich eine in unserer Zeit 
wiederholt vertretene Theorie stützen wollte, dass die mehr 
spitzigen Zähne der Säugethiere als Zahnaggregate zu be- 
trachten seien. Ich halte für sehr wohl möglich, ja sogar 
wahrscheinlich, dass bei mehrspitzigen Zähnen die Keime 
der obersten Spitzen ursprünglich getrennt angelegt werden 
und erst bei weiterer Verkalkung des Zahnes nach unten 
verschmelzen; aber ich halte es mindestens für sehr ge- 
wagt, daraus den Schluss zu ziehen, dass sich z. B. die 
mehrhöckerigen Zähne der Säugethiere phylogenetisch aus 
mehreren conischen Zähnen entwickelt haben. Die Palaeon- 
tologie bietet jedenfalls . hierfür keine Beweise, wohl aber 
zahlreiche Thatsachen. die dagegen sprechen. Die compli- 
cirtest eingefalteten Zähne zeigt gegenwärtig der Elefant, 
sein Vorfahr ist unzweifelhaft das ausgestorbene Mastodon. 
Innerhalb dieser Entwicklungsreihe können wir nur ver- 
folgen, dass eine Vermehrung der Zahnlamellen unter gleich- 
zeitiger Verminderung der Zahnzahl stattgefunden hat, wäh- 
rend die Zahl der Zitzen-tragenden Querwülste sämrntlicher 



152 Gesellschaft naturforschender Freunde, Berlin. 

Zähne eines Kiefers von Mastodon nicht halb so gross ist 
als die Zahl der Lamellen in den Seitenzähnen z. B. von 
Elephas primigenius. Wie will man sich mit jener Theorie 
überhaupt erklären, dass verschiedene Arten derselben Gat- 
tung oft eine so verschiedene Zahl von Höckern auf den 
Zähnen aufweisen, wenn man jedem derselben eine stammes- 
geschichtliche Bedeutung zumessen will? Nachdem W. 
Dames den Nachweis erbrachte, dass die Zahnwale ihre 
Zähne gegenüber ihren landbewohnenden Vorfahren er- 
heblich vermehrt haben, ist es doch unmöglich, anzu- 
nehmen , dass die seitlichen Höcker eines Zeuglodon - Zah- 
nes ebenso vielen ursprünglich getrennten Zähnen ihrer Vor- 
fahren entsprechen. Man braucht auch nur die Verhält- 
nisse bei den Selachiern zu betrachten, um sich zu über- 
zeugen, wie schnell sich solche Höckerbildungen einstellen 
können. Rhynchöbatus djeddensis besitzt glatte Zahnkronen 
und sein nächster Verwandter, Rhynchöbatus ancylostoma, bei 
gleicher Zahnzahl kräftige Querhöcker auf den Zähnen. 
Aber gerade die an sich so klaren Zahnbildungen der Se- 
lachier sollen die Beweise für jene Hypothese liefern. So 
sollen die 6 grossen Zähne im Unterkiefer von Notidanus 
aus so viel Zähnen verschmolzen sein, als sie Spitzen 
tragen. Dass diese Annahme unzulässig ist, ergiebt sich 
daraus, dass sich bei einzelnen jüngeren Arten die Zahl 
der Spitzen auf den grossen Zähnen sehr erheblich ver- 
mehrt, ohne dass sich die Zahnformel ändert, d. h. die Zahl 
der grossen Zähne verringert. Wenn C. Röse 1 ) annimmt, 
dass die Zahnplatten von Dipnoern aus soviel Zähnen be- 
stehen als sie aufsitzende Pulpalkanäle besitzen, so über- 
sieht er ganz , dass die Zahnplatten der palaeozoischen 
Dipnoer zahlreiche wohl geschiedene Höcker und Spitzen 
aufweisen, deren jeder eine ganze Anzahl solcher Pulpal- 
kanäle in sich vereinigt. Wenn hier ein Verschmelzungs- 
process vorliegen soll, so könnte man nur jene einzelnen 
Höcker als die ursprünglich getrennten Individuen auffassen, 



*) Anatomischer Anzeiger, VII, 1892. 



Sitzmig vom 22. Mai 1894. 



153 



niemals aber deren unter einander anastomisirende Pulpal- 
kanäle. 

Nach dem hier Gesagten muss ich mich natürlich auch 
gegenüber der zweiten von H. Credner vertretenen An- 
sicht ablehnend verhalten, dass die einzelnen Elemente 
jener Faltenzähne homolog seien den kleinen Zähnchen, 
welche auf den Gaumenknochen isolirt auftreten. Bezüg- 
lich der letzteren und der Auffassung der Gaumenknochen 
überhaupt möchte ich noch hervorheben, dass mir deren 
völlige Gleichstellung mit den Schuppen der Ganoiden nicht 
zulässig erscheint. Das Charakteristische der letzteren ist 
ihre Schmelzbedeckung, welche erst bei ihren jüngeren Ver- 
tretern, die zu den Teleostiern überleiten oder aussterben, 
verloren geht. H. Credner stützt sich nun darauf, dass 
der jenen Gaumenknochen fehlende Schmelz auch den Ga- 
noiden fahle, da H. Klaatsch 1 ) nachgewiesen habe, dass 
der Schmelz der Ganoiden nicht epithelialer Entstehung 
und deshalb kein Schmelz sei. Dass diese Auffassung auf 
einem Irrthum beruhen musste. erschien mir von vornherein 
zweifellos; ich glaube aber aus einer persönlichen Bespre- 
chung mit Herrn Klaatsch auch mit Sicherheit entnehmen 
zu können, dass er jene Ansicht nicht aufrecht erhalten 
wird. Man braucht nur an einem Querschnitt durch eine 
gut erhalteue Ganoidschuppe im polarisirten Licht die An- • 
lagerung der Schmelzlagen an die Dentinsubstanz zu beob- 
achten, um sich von der Echtheit des Schmelzes bei Ganoid- 
schuppen zu überzeugen. Demgemäss kann meines Erach- 
tens auch von einer engeren Homologie jener Gaumen- 
knochen und der Schuppen der Ganoiden nicht gesprochen 
werden. Es scheint, dass überall da, wo sich Schuppen- 
bildungen oder Hautknochen sehr in der Fläche ausdehnen, 
die Betheiligung des Epithels an ihrer Verkalkung aufhört. 



J ) Morphol. Jahrb., XVI, 1890, p. 97. 



154 GesellscMft naturforschender Freunde, Berlin. 



Im Austausch wurden erhalten: 

Naturwissensch aftl. Wochenschrift (Poto*nie), IX, No. 16 — 20. 
Leopoldina, Heft XXX, No. 5 — 6. 

Sitzungsberichte der Physikal.-medicin. Societät in Erlangen, 

25. Heft, 1893. 
General -Doubletten-Verzeichniss des Schlesischen Botan. 

Tausch-Vereins, XXVI. Tauschjahr 1893—94. 
Vierteljahrsschrift d. naturf. Gesellsch. in Zürich, XXXIX. 

Jahrg., 1. Heft. 
Anzeiger der Akademie der Wissenschaften in Krakau, 

1894, März. 

Anualen des k. k. Naturhist. Hofmuseums, IX. Bd., No. 1. 
Wien 1894. 

Földtani Közlöny. XXIV. Kötet, 4.-5. Füzet. Buda- 
pest 1894. 

Bollettino delle Pubblicazioni Italiane, 1894, No. 200 u. 201. 
Indici del Bollettino delle Pubblicazioni Italiane nel 1891. 
Firenze 1891. 

Tijdschrift Neederl. Dierk. Ver., IL Serie, Deel 4, Afd. 2. 
Videnskabelige Meddelelser for Aaret 1893. Kjöbnhavn. 
Geologiska Förenmgs i Stockholm Förhandlingar, Bd. 16, 
Hafte 4. 

Annales de la Faculte des Sciences de Marseille, Tome III, 

Fase. IV. Marseille 1893. 
Proceedings of the Zoolog. Society of London for 1893, 

Part IV. 

Transactions of the Zoolog. Society of London, Vol. XIII, 
Pt. 8. 

Journal of the Royal Microscopical Society, 1894, Part. 2. 

London 1894. 
Tufts College Studios, No. 1. March. 1894. 
Journal of the Elisha Mitchell Scient. Society, Vol. X, 

Part I. Raleigh, N. 0. 1893. 
Psyche, Journal of Entomology. Vol. VII, No. 217. 
Actes de la Societe Scieutif. du Chili, Tome III, 3. Livr. 

Santiago 1894. 

Memorias y Revista de la Sociedad Cientifica „Antonio 
Alzate", Tomo VII, No. 7—10. 



J. F. SUrcke, Berlin W„ 



Nr. 6. 1894. 

Sitzungs-Bericht 

der 

Gesellschaft naturforschender Freunde 

zu Berlin 
vom 19. Juni 1894. 



Vorsitzender (in Vertretung) : Herr P. Ascherson. 



Herr Otto Jaekel legte eine Platte mit Encrinus 
Garnalli Beyr. vor und bemerkte dazu Folgendes. 

Vor Kurzem erwarb die geologisch - paläontologische 
Sammlung des kgl. Museum für Naturkunde eine Platte aus 
dem unteren Muschelkalk von Freiburg in Thüringen, auf 
welcher 17 Exemplare des Encrinus Carnalli Beyr. in 
äusserst günstiger Erhaltung liegen. Diese bisher im deut- 
schen Muschelkalk so selten gefundene, durch ihre violette 
Färbung leicht kenntliche Crinoidenform muss in Freiburg 
a. d. Unstrut in sehr grosser Individuenzahl gelebt haben, 
wenigstens ist in dem letzten Jahre daselbst in den Kalk- 
brüchen eine Bank aufgedeckt worden, welche zum Theil 
nahezu besät ist mit den Exemplaren genannter Art. An- 
dere Fossilien sind zwischen den Crinoiden selten, nur 
Eindrücke von Ophiuren finden sich gerade auf unserer 
Platte in grösserer Zahl. 

Die Gesteinsplatte besteht aus einem reinen, ziemlich 
dichten Schaumkalk, dessen Oberfläche ockergelblich bis 
rostbraun gefärbt ist und unstreitig die Oberfläche eines 
einstigen Meeresgrundes darstellt, auf welchem sich jene 
Crinoiden angesiedelt hatten. Auf diesem Boden finden 
sich verschiedene scharf ausgeprägte Schlepp- und Kriech- 

6 



156 Gesellschaft natur forschender Freunde, Berlin, 

spuren, ferner sind die von den Ophiuriden hinterlassenen 
Eindrücke in der gebräunten Oberfläche vollkommen scharf. 
Die sich schon hieraus ergebende Folgerung, dass jener 
Meeresboden bis zu einem gewissen Grade erhärtet sein 
musste. ehe sich weitere Schichten auf ihm ablagerten, 
wird dadurch bestätigt, dass die Crinoiden sich mit kegel- 
förmiger Wurzel auf dem Boden anhefteten. Dies ist immer 
nur auf festem Boden der Fall, während sonst in w r eichem 
Grunde eine strauchartige Verzweigung des unteren Stiel- 
endes zur Fixation der Crinoiden dient. Dadurch ist ein 
wichtiger Schlüssel zur Beurtheiluug der Sedimentation der 
betreffenden Schicht gegeben. Hier musste der Boden un- 
streitig zur Zeit der Ansiedelung der Crinoiden eine ziem- 
liche Festigkeit erlangt haben, was für die Art der Bildung 
submariner Kalkschichten nicht ohne Interesse ist. Die 
Sedimentation muss dabei jedenfalls in der Weise vor sich 
gegangen sein, dass das Meerwasser über dem Boden nur 
sehr wenig suspendirte Kalkpartikelchen enthielt, wenn sie 
nicht überhaupt nur auf chemischem Wege durch Nieder- 
schlag festen Kalkes auf dem bereits vorhandenen Boden 
erfolgte. Jedenfalls muss das Wasser also über dem Bo- 
den relativ klar und rein gewesen sein. 

Ueber dieser besprochenen Kalkbank lag eine gelb- 
liche lehmige Schicht, als ich die Platte erhielt, nur 
in der geringen Mächtigkeit von einigen Millimetern; sie 
dürfte vielleicht an Ort und Stelle im Steinbruch dicker 
gewesen sein. Von dieser Lehmschicht wurden nun alle 
Organismen an ihrer Oberseite überdeckt, während sie mit 
ihrer Unterseite meist unmittelbar in den dichten Kalk des 
Untergrundes eingebettet sind. An anderen mir vorliegen- 
den Platten aus der gleichen Bank sind die Kronen gänz- 
lich in der Lehmschicht eingeschlossen. Unmittelbar über- 
zog die Crinoiden eine schmutzig -grünliche, dünne, thonige 
Schicht, welche sich sehr leicht von ihren Skelettheilen 
entfernen liess und auch zu deren vorzüglicher Erhaltung 
viel beigetragen haben mag. 

Mit der Ablagerung dieses lehmigen Schlammes muss- 
ten sich die ökologischen Verhältnisse für die Bewohner 



Sitzung vom 19. Juni 1894. 



15? 



des vorher reinen Wassers sehr wesentlich und jedenfalls 
nicht zu ihrem Vortheile äudern. Namentlich ist nicht an- 
zunehmen, dass Crinoiden bei der eigenthümlichen Art ihrer 
Ernährung in stark verschlammtem Wasser leben können. 
Die hieraus sich ergebende Folgerung, dass dieselben bei 
der Ablagerung der Lehmschicht schnell gestorben seien, 
erlangt meines Erachtens dadurch eine sehr beweiskräftige 
Stütze, dass in der betreifenden Bank Individuen der ver- 
schiedensten Altersstadien liegen. Die zahlreichen kleinen 
Individuen sind jedenfalls nicht klein gebliebene Krüppel- 
formen, sondern echte Jugendformen, wie sich besonders 
aus der Stellung des Basalkranzes ergiebt. Die Annahme, 
dass diese Jugendformen eines natürlichen Todes gestorben 
seien, ist durchaus unwahrscheinlich; und somit bleibt als 
das einzig Wahrscheinliche nur die Annahme übrig, dass 
die plötzlich eingetretene Verschlammung des Meeresbodens 
die ganze Crinoidencolonie zu gleicher Zeit zum Absterben 
brachte. 

Die Bildung der grünlichen unmittelbaren Umhüllungs- 
schicht der Crinoiden muss, da sie sonst auf der Platte 
fehlte , durch die Crinoiden selbst hervorgerufen sein und ist 
nur dadurch u. zw. sehr einfach zu erklären, dass die Crinoi- 
den bei ihrer Verwesung Fette absonderten, welche von 
der die Cadaver umgebenden Lehmschicht aufgesaugt wur- 
den. Fettkügelchen finden sich ja in grosser Zahl in den 
Weichtheilen und besonders in den Armen lebender Cri- 
noiden; und ausserdem bildeten sich bei der Verwesung 
der Weichtheile Fettsäuren, welche von der die Cadaver 
umhüllenden, wenig durchlässigen Lehmschicht festgehalten 
wurden und deren Umwandlung in eine klebrige, jetzt 
schmutzig -thonig erscheinende Substanz bedingten. 

Nun zeigt sich aber bei den Crinoiden unserer Platte 
noch eine weitere Erscheinung, die in ihren Folgen sehr 
wichtig geworden ist. An 9 von 17 Kronen sind die oben 
gelegenen Arme abgelöst und bisweilen in toto, meist in 
einzelnen Stücken eine Strecke weit von dem Kelch auf 
dem Bodeu verstreut. Da diese auffallende Erscheinung 
au der Mehrzahl der Kelche zu beobachten ist. so kann sie 



158 Gesellschaft natnrfor sehend er Freunde, Berlin. 

nicht als Zufall betrachtet werden, sondern niuss eine gemein- 
same Ursache haben. Diese kann aber nur darin zu suchen 
sein, dass die aus der einhüllenden Schlammschicht heraus- 
ragenden Theile der bereits verwesten Crinoiden durch 
Strömungen abgelöst und ein Stück weit verschleppt wur- 
den. Da sich Comatuliden-Larven nur in ruhigem Wasser 
ansiedeln, so werden wir annehmen dürfen, dass das Meer- 
wasser zu Lebzeiten der Crinoiden von localer Circulation 
abgesehen ruhig war, und jene Strömung erst mit der Ver- 
schlammung eintrat. Der schnelle Wechsel kalkiger und 
mergeliger Schichten in unserem deutschen, in der Nähe 
der Küste gebildeten Muschelkalk macht ja sowieso die 
Annahme häufiger Strandverschiebungen unerlässlich, und 
so können die obigen Auffassungen der beobachteten Er- 
scheinungen wohl in keiner Weise befremden. 

Die besprochene Ablösung der oben gelegenen Arme 
von den Kronen hat nun die für das Studium jener Cri- 
noiden äusserst erfreuliche Folge gehabt, dass dadurch 
an einer Reihe von Exemplaren die Kelchdecken in aus- 
gezeichneter Weise freigelegt worden sind. In einigen wie 
in der beistehend skizzirten Krone (Fig. 1) hat die Kelch- 




Figur l. 



Sitzung vom 19. Juni 1894. 



159 



decke ihre ursprüngliche Lage beibehalten und ist nur 
durch das Zusammensinken der Krone etwas in Falten ge- 
legt. In anderen Fällen ist sie nach ihrer Ablösung von 
den fortgeführten oberen Armen in sich zusammengesunken 
und mehr oder weniger flach auf der nach unten gewen- 
deten inneren Kelchfläche ausgebreitet. Sie liegt demnach 
in sehr verschiedenen Lagen vor und zeigt dadurch ohne 
weiteres, dass ihr jede Starrheit fehlte und sie trotz ihrer 
Verkalkung lederartig biegsam war. Ihre Skeletirung be- 
steht aus einem dünnen Pflaster sehr kleiner, kaum milli- 
metergrosser Kalkplättchen , deren Grösse sich ungefähr 
gleich bleibt. An zahlreichen Stellen sieht man deutlich, 
wie sich die Decke an den Armen erhebt und in deren 
Saumplättchen übergeht. Sämmtliche Kelchdecken sind 
über dem Mund und den Ambulacralrinnen geschlossen, 
wie dies auch bei anderen fossilen Kelchdecken von Arti- 
culaten der Fall ist 1 ) und auch bei lebenden Comatuliden 
nicht selten zu beobachten ist. Ich glaube, dass sich na- 
mentlich bei solcher Verschlammung des Meeresbodens der 
Mund und die Ambulacralrinnen fest verschlossen, und jeden- 
falls dürfte dies der einzige Zustand sein, in welchem sie 
in sich Halt genug besassen, um bei der Verwesung der 
Weichtheile in Zusammenhang zu bleiben. Auch das Skelet 
der Kelkdecke ist, wie das aller übrigen Skelettheile, violett 
gefärbt. 

An einigen der Kelchdecken gelang es mir nun ohne 
grosse Mühe, auch den Analtubus frei zu legen. An dem 
einen der Exemplare ragt er frei als kurzer Schlauch über 
die vollständig erhaltene Decke hervor. Seinen Bau sieht 
man am Besten an dem nebenstehend in 3facher 
Grösse abgebildeten Fragment einer Kelchdecke 
(Fig. 2). Der Analtubus ist, wie besonders an 
diesem Exemplare deutlich zu sehen ist, in 
Figur 2. e i ne Anzahl — ungefähr 8 — fingerförmiger 
Falten zusammengelegt, welche die Afteröffnung umschlie- 




l ) Jaekel. Ueber Kelchdecken von Crinoiden. Diese Sitz.-Ber., 
1891, No. 1, p. 9. 



160 Gesellschaft naturforschender Freunde, Berlin. 

ssen. Eine Täfelung ist in diesen Fingern nicht mehr zu 
bemerken, sodass dieselben wie einheitliche Skeletstücke 
erscheinen. Dass sie das aber waren, ist deshalb nicht 
anzunehmen , weil sich der Afterschlauch ohne scharfe 
Grenze in die Kelchdecke fortsetzt und, wie bei lebenden 
Formen, beim Austritt der Faeces elastisch erweiterte. 
Jedenfalls aber erfolgte immer der Schluss unter gleich - 
massiger Faltenbildung, sodass diese Falten eine morpho- 
logische Constanz erlangten. Die Feinheit der Täfelung und 
die spätere Infiltration kohlensauren Kalkes in die im Bo- 
den eingebetteten Skelettheile der Echinodermen erklären 
es, dass im fossilen Zustande die Grenzen solcher winzig 
kleinen, fest an einander liegenden Plättchen verschwinden. 

Als ich nach diesen Funden das grosse Material 
der anderen Arten von Encrinus in unserem Museum auf 
erhaltene Spuren der bisher vermissten Kelchdecke hin 
musterte, fand ich nun eine solche auch bei einem Exem- 
plar von Encrinus Schlotheimi von Weenfen in Braunschweig, 
allerdings in einem recht ungünstigen Erhaltungszustande. 
Auf der betreffenden Platte liegen zwei Exemplare, davon das 
eine in seitlicher, normaler Lage. Die Krone des anderen liegt 
mit ausgebreiteten Armen auf der Schichtfläche, die Ventral- 
seite nach unten gewendet. Indem nun von diesem Exem- 
plar der Kelch abgelöst oder beim Brechen der Platten 
abgesprengt wurde, ist die dem Boden aufliegende Kelch- 
decke freigelegt und von innen sichtbar geworden. Ihr 
Erhaltungszustand lässt nur soviel mit Sicherheit er- 
kennen, dass sie mit sehr kleinen Plättchen getäfelt und 
biegsam war. Da die Verkalkung anscheinend kräftiger 
war als bei Encrinus Carnalli und auch nur eine flache 
Falte die normale Wölbung der Kelchdecke unterbricht, so 
dürfte die letztere solider und weniger biegsam, im Uebri- 
gen aber der unseres E. Carnalli gleich gewesen sein. E. 
liliiformis wird sich entsprechend seiner nahen Verwandt- 
schaft mit E. Schlotheimi und seiner kräftigen Skeletbildung 
näher an diesen als an E. Carnalli angeschlossen haben. 

Mit diesen Funden ist nun endlich die lang ersehnte 
Kelchdecke von Encrinus bekannt geworden, uud wie man 



Sitzung vom 19. Juni 1894. 



161 



sieht, unterscheidet sich dieselbe in einigen Punkten so- 
wohl von denen der übrigen Articulaten, wie auch im Be- 
sonderen von denen des Dadocrinus und Holoer intis aus dem 
Muschelkalk. 

Bei Holoerinas l ) finden sich besonders in der Mitte der 
Kelchdecke relativ grosse Platten von unregelmässiger, 
meist länglich ovaler Form. Bei Badoerinns ist dieselbe 
zwar noch nie vollständig beobachtet, aber nach den mir 
vorliegenden Stücken glaube ich mit Sicherheit annehmen 
zu dürfen, dass sie von massig grossen, unter sich ziemlich 
gleichen, flachen Plättchen bedeckt war. Dass dieser Bau 
der Kelchdecke für die älteren Pentacriniden charakteri- 
stisch war. beweist das in meinem Besitz befindliche und 
hier früher beschriebene 2 ) Exemplar von Extracrinus fos- 
silis aus dem unteren Lias von Lyme Regis. Bei diesem 
zeigt aber der Analtubus noch interessante Beziehungen zu 
den Fistulaten. Wie ich 1. c. hervorhob, sind bei Extra- 
crinus die einzelnen Skeletstücke in verticale Reihen ge- 
ordnet und besitzen auch die ganz eigenartige Sculptur der 
entsprechenden Theile bei Poteriocriniden. Während sich 
die Täfelung der Kelchdecke bei einigen Pentacriniden so- 
wie bei Apiocriniden in der Entwicklung relativ grosser, 
dünner Plättchen erhält, reducirt sie sich bei anderen Pen- 
tacriniden und namentlich Comatuliden in der Weise, dass 
die Kalkplättchen zu kleinen Körnchen verkümmern, oder 
isolirt werden, und die Kelchdecke schliesslich im extremen 
Falle, wie besonders bei Arten von Actinometra, zu einer 
glatten lederartigen Haut wird. Im Bau des Analtubus 
sind die Poteriocriniden -Charaktere bei den recenten Arti- 
culaten verloren gegangen. Dieselben zeigen einen ein- 
fachen wie die Kelchdecke skeletirten Schlauch, dessen 



l ) R. Wagner. Ueber Encrinus Wagneri Ben. aus dem unteren 
Muschelkalk von Jena. Zeitschr. d. deutsch, geol. Gesellschaft, Berlin 
1887, Bd. XXXIX, p. 822. — Jaekel. üeber Holoer inus W. u. Sp. 
aus dem unteren Muschelkalk. Diese Sitz.-Ber. , 1893, No. 8, p. 203 
und 204. 

a ) Diese Sitz.-Ber., 1891, No. 1. 



162 Gesellschaft natur forschender Freunde, Berlin. 

Endöffnung von freien, fingerförmigen Stücken, oder im ge- 
schlossenen Zustande von festeren Falten umgeben ist. 

Die Kelchdecke von Encrinus unterscheidet sich hier- 
nach nicht unerheblich von denen des Hölocrinus, Bado- 
crinus, Extracrinus und Apiocrinus, also allen älteren Arti- 
culaten. deren Kelchdecken man überhaupt kennt, und lässt 
eine Differenzirung erkennen, wie sie innerhalb der Penta- 
criniden und Comatuliden erst in nachliassischer Zeit er- 
reicht wurde. Encrinus zeigt daher im Bau seiner für die 
Systematik stets wichtigen Kelch decke eine weitgehende 
Specialisirung und wird dadurch aus dem Zusammenhang 
mit den älteren Articulaten noch mehr gelöst. Die extreme 
Zweizeiligkeit der Arme, die Einbiegung der Unterseite des 
Kelches und die dadurch herbeigeführte Rückbildung des 
oberen Basalkranzes lassen ja die typischen Arten von En- 
crinus sowie den Stemmatocrinus ccrnuus Trd. aus dem 
Obercarbon auch in ihrem äusseren Aussehen leicht von 
Hölocrinus, Dadocrimis. den Pentacriniden und Apiocriniden 
unterscheiden. Dass sie aber bei dieser Selbstständigkeit 
gegenüber den letzteren besser mit den Fistulaten, wie 
Wachsmuth und Springer wollen, zu vereinigen wären, 
als mit den Articulaten. das wird gerade auch durch den Bau 
der Kelchdecke von Encrinus auf das Klarste widerlegt. 
Dieselbe zeigt gar keine Anklänge mehr an die wichtigsten 
Charaktere der Poteriocriniden, weniger noch, wie gesagt, 
als die älteren Pentacriniden. Somit glaube ich auch diese 
Verhältnisse als einen neuen Beleg dafür betrachten zu 
können, dass die Encriniden (Encrinus und Stemmatocri- 
nus) echte und bereits hoch specialisirte Vertreter der Ar- 
ticulata sind. 

Herr F. E. SCHULZE giebt einen kurzen Bericht über 
den Bau von Limnocnida taganicae Günther nach 
den Untersuchungen von R. T. Günther. 



J F. BUrcke, Berlin W 



Nr. 7 



1894 



Sitzungs-Bericht 

der 

Gesellschaft naturforschender Freunde 

zu Berlin 
vom 17. Juli 1894. 



Vorsitzender: Herr Schwendener. 



Herr K. MÖBIUS theilte mit, dass Dr. Erich Haase, 
Ehrenmitglied der Gesellschaft Naturforschender Freunde, 
Direktor des Kgl. Siamesischen Museums in Bangkok, am 
25. April 1894 im dortigen Hafen gestorben sei, als er im 
Begriff war, nach Deutschland zurückzukehren, und gedachte 
der anregenden Vorträge, die der unermüdliche Arthropoden- 
forscher vor seiner Reise nach Siam in den Sitzungen der 
Gesellschaft gehalten hatte. 

Herr VON MARTENS sprach über die von Dr. Böhls 
in Paraguay gesammelten Mollusken, insbesondere 
einige Varietäten von Odontostomus striatus, unter 
Vorzeigung der interessanteren Stücke. Während die Säuge- 
thiere und Vögel dieses Landes schon im ersten Drittel 
unseres Jahrhunderts durch Azara (Reise 1787 — 1801, 
Publikationen 1801—1810) und Rengger (1830) näher be- 
kannt geworden sind und diese Arbeiten vielfach den Aus- 
gangspunkt auch für die Kenntniss der südbrasilischen 
Thiere gebildet haben, ist es mit den Land- und Süss- 
wasser-Mollusken umgekehrt gegangen, wir kennen die süd- 
brasilischen schon seit geraumer Zeit, zuerst durch Mawe, 
Spix, Bescke u. A., dann durch Orbigny und neuerdings 

7 



154 Gesellschaft natur forschender Freunde, Berlin. 



durch R. Hensel, H. v. Ihering, K. Nehring und K. Rohde, 
während über diejenigen, welche im Staat Paraguay vor- 
kommen, bis jetzt nur wenige und zum Theil irrthümliche 
Angaben bekannt sind. Es dürfte daher um so mehr ge- 
rechtfertigt sein, die von Dr. Böhls daselbst gesammelten 
Arten hier aufzuführen: 

A. Landschnecken. 

Homalonyx unguis Fer. 

llelix (Solaropsis) heliaca Orb., Barranca de la Novia (am 
rechten Ufer des Paraguayflusses, 23° S. Br.) an 
Baumstämmen. 

Bulimus öblongus Müll., von dieser in Südamerika weit 
verbreiteten Art wurden nur kleine Formen ge- 
funden, theils ziemlich bauchig (45 mm dick auf 
75 Länge), theils schlanker (38 dick auf 65 Länge), 
die Mündung nahezu so lang als die ganze 
Schale dick. 

Odontostomus striatus Spix, Barranca de la Novia, unter 
altem Holz, vier verschiedene Formen zusammen, 
vgl. weiter unten. 

— pupoides Spix mit dem vorigen zusammen. 
Bulimulus sporadicus Orb., San Salvadore, an Gräsern; 

junge Stücke auch bei San Bernardino, ebenfalls 
an Gräsern. 

— hebecus Orb. 

— papyraecus Mawe. 

B. Süsswasser-Mollusken. 
AmpuTlaria canaliculata L am. var. insularum ORB.,Tagatiya- 

Fluss (linker Nebenfluss des Paraguay). 
Planwbis helophilus Orb. 
Gastalia quadrilatera Orb. 
Castalina psammmca Orb. (Unio). 

Unio Burronghianus Lea, ungewöhnlich gross, 94 mm 
lang, 64 hoch, 40 im Querdurchmesser. 

— pardllelepipedus Orb. 

— hylaeus Orb. 

— Ffeifferi Dunk. 



Sitzung vom 17. Juli 1894. 



165 



Leih Castelnaudi Hupe. 

Anodonta Wymani Lea. 

Corbicula Paranensis Orb. 
Alle diese Arten sind schon durch frühere Forscher 
theils aus den nördlicheren, zu Brasilien gehörigen, theils 
aus den südlicheren Theilen des grossen Stromgebiets des 
Laplata bekannt geworden;' ähnliche kleine Formen des 
Bulimus oblongns, sowie Bulimulus sporadicus und papyraceus, 
Planorbis helophilus, Ampidlaria canalkulata var. insularum. 
Leih Castelnaudi auch aus demjenigen Theil von Süd-Bra- 
silien, der näher am atlantischen Ocean liegt und dessen 
Flüsse diesem direkt zufliessen, namentlich von der Pro- 
vinz Rio Grande do Sul. Schon mit der Umgebung von 
Rio Janeiro finde ich nur Eine Art gemeinsam, nämlich 
Bidimulus papyraceus, wohl aber manche durch nahe ver- 
wandte vertreten, so z. B. //. heliaca im Gebiet des Parana 
und Paraguay durch II brasiliana bei Rio Janeiro. Odon- 
tostomus striatus wird von Spix auch aus der „Provincia 
Sebastianopolitana" angegeben, womit entweder der Be- 
zirk der Stadt S. Sebastiao am untern Parahyba oberhalb 
S. Fideles oder (weniger wahrscheinlich) die Insel S. Se- 
bastiao an der Küste der Provinz S. Paulo gemeint ist. 
Früher schon in Paraguay gefunden waren von den hier 
aufgeführten Arten Helix heliaca und Bulimus öblongus 
durch K. Rohde (vgl. unsere Sitzungsberichte vom Juli 
1885 S. 148), von andern Arten Ampulhria lineata Spix 
und scahris Orb. durch denselben, Anodonta trapezialis, 
Leih trapezialis und Georgina nach Castelnau, der aber 
wahrscheinlich den Fluss, nicht das Landgebiet meint. 
Ausserdem führen drei Arteu in der systematischen Literatur 
den Namen von Paraguay, sind aber nicht auf dem Boden 
dieses Staats gefunden, nämlich Helix Paraguayana Pfr., 
gleich elevata Orb., welche letzterer in seinem Reisewerke 
nur aus der Umgebung von Montevideo angiebt, Monocon- 
dylaea Paraguayana Orb. aus dem Parana bei Itaty, etwas 
oberhalb Corrientes, gerade an der Südgrenze von Para- 
guay, und Odontostanus striatus var. Paraguayanus Ancey 
1892 von Corumba am Paraguayfluss in der brasilischen 

7* 



166 Gesellschaft naturforschender Freunde, Berlin. 



Provinz Mattogrosso. Die Vaterlandsangabe Paraguay für 
Helix costellata bei Pfeiffer, mon. hei. II, p. 101, „Monte- 
video, republ. Paraguayensi orientdli", Reeve, Fig. 638, 
..Montevideo,- Eastern, Paraguay" und Castelnau, voy. Moll., 
p. 15, ist wohl nur Versehen für Uruguay, da alle sich 
auf Orbigny berufen, der sie nur von der Banda orientalis 
bei Montevideo angiebt. Ob seiner Zeit von Azara oder 
Rengger in Paraguay gesammelte Conchylien in irgend 
einer öffentlichen oder Privatsammlung vorhanden seien, 
darüber habe ich bis jetzt nichts erfahren können. 

Von Odontostomus striatus finden sich unter den von 
Dr. Böhls zusammen eingesandten Stücken viererlei For- 
men, welche sich folgendermassen unterscheiden: 

a) Bohlst n., der längste, 48—50 mm lang und nur 
12—13 dick im Querdurchmesser mit Einrechnung der 
Mündung, also sehr schlank, die Mündung 12 mm lang 
und einschliesslich des Columellarrandes 9 breit, 13 bis 
14 Windungen, mit schwachen Vertikal streifen, Färbung 
weisslich grau mit ziemlich hellbraunen, mehr oder weniger 
breiten Zickzackstriemen. 

b) Paraguayanus Ancey, etwas kürzer und dafür 
dicker, 41 — 41 V2 mm lang, HV2 — 12 72 dick, 12 bis 
1272 Windungen; entspricht so ziemlich dem Od. Wagneri 
var. paraguayana Ancey in Journal of Conchology VII. 3, 
Juli 1892, p. 93, von Corumba, 40 lang, 12 breit. 

c) Spixi (Orb.), kürzer, aber noch ziemlich dick, die 
BoHLs'schen Exemplare 33 mm lang und 107* dick, 10 bis 
IO72 Windungen (die Original -Abbildung von striatus Spix 
bei Wagner, test. brasil., Taf. 14, Fig. 2, 30 lang und 
10 dick, von der brasilischen Provinz S. Paulo, Figur 
bei Reeve, conch. ic, Bd. V, Bulimus, Taf. 38, Fig. 232, 
34 mm lang. 10 72 dick). Entspricht Orbigny' s Pupa Spixii, 
var. major ; voy. Am. mer. Mollusques, p. 320, 32 mm 
lang und 12 breit, von Chiquitos und Corrientes, sowie 
den von Rohde bei Corumba in Mattogrosso gesammelten 
Stücken. 

d) Wagneri Pfr., kurz und schlank, die BoHLs'schen 
Exemplare 26—31 mm lang und nur 9 dick, IO72 bis 



Sitzung vom 17. Juli 1894. 



167 



II 1 /* Windungen: entspricht der Pupa Spixii var. minor 
bei Orbigny a. a. 0.. 30 mm lang und 7 breit, von Chi- 
quitos. und der Beschreibung und Abbildung Ton Bulimus 
Wagneri bei Pfeiffer in mon. Helic, II, p. 85. und in 
der neuen Ausgabe von Chemnitz. Emkums, Taf. 45. 
Fig. 1 und 2, 31 mm lang und 5 dick. 

In Farbe und Skulptur sehe ich keine wesentlichen 
Unterschiede zwischen diesen vier Formen, die Skulptur 
besteht aus schwachen Vertikalstreifen, welche auf den 
mittleren Windungen öfters etwas deutlicher hervortreten, 
als auf den oberen und auf den untersten. Dagegen zeigen 
die Zähne an der Mündung einige Verschiedenheiten, die 
aber nicht regelmässig mit denen in der Form zusammen- 
treffen; so zeigt sich ein kleinerer Zahn oberhalb des immer 
an dem Aussenrand vorhandenen mehr oder weniger aus- 
gebildet, an 2 Exemplaren unter 6 der Form b und an 
einem von 2 der Form c. dagegen an keinem der Form a 
und der Form d. obwohl von letzterer 9 ausgebildete Stücke 
vorliegen; dieser zweite Zahn kommt also nur bei den zwei 
relativ bauchigen Formen vor. aber auch hier an der 
Minderzahl der Exemplare. In ähnlicher Weise findet sich 
eine schwache schmale Falte im Innern der Mündung, nahe 
hinter dem Zahn des Aussenrandes. ähnlich den Gaumen- 
falten bei Pupa und ClausUia. bei 2 unter den 9 Stücken 
der Form d, aber bei keiner andern. Dieselbe Falte finde 
ich noch bei einem von 4 Stücken der Form c. bei Co- 
rumba durch Rohde gesammelt, und bei einem andern un- 
bekannten Fundortes. Axcet giebt an. dass bei seiner 
var. paraguayana von Corumba der unterste Zahn fehle, 
also nur 3 Zähne in der Mündung vorhanden seien; solche 
Exemplare finden sich nicht unter den von Dr. Böhls ge- 
sammelten, während doch die unter b beschriebenen in 
Form und Grösse gut zu AxCErs Beschreibung passen; 
auch ist bei keinem der im Berliner Museum sonst vor- 
handenen Stücke von 0. striatus dieser Zahn oder sonst 
einer der vier normalen abwesend. 

Pfeiffer hat mit der Benennung Bulimus Wagneri 
ursprünglich nicht eine von B. striatus Spix verschiedene 



168 Gesellschaft naturforschender Freunde, Berlin. 

Form oder Art bezeichnen wollen, sondern nur den Art- 
narnen umändern, da schon ein älterer Bulimus striatus 
King von 1833 vorhanden ist. Aber dieser gehört nach 
der gegenwärtigen Umgrenzung der Gattungen zu Bulimulus 
oder, vielleicht Otostomus, jedenfalls nicht zu Odontostomus, 
und kommt daher für diese Gattung nicht in Betracht, auch 
abgesehen davon, dass der Artname striatus allein, freilich 
nach den damaligen Ansichten auf Pupa bezogen, in dem 
Werk von Spix- Wagner 1827 früher veröffentlicht ist, als 
der von King. Später aber, im vierten Band seiner Mono- 
graphie, S. 437, trennt er seinen B. Wagneri als eigene 
Art von striatus Spix und giebt Unterschiede in Form und 
Skulptur an, die ersteren zeigen diesen B. Wagneri als 
der obigen Form d entsprechend, die Unterschiede in der 
Skulptur kann ich an den mir vorliegenden Stücken nicht 
erheblich finden; vielleicht sind solche an Exemplaren 
anderer Herkunft stärker. 

Bemerkenswerth ist, dass die vier bezeichneten For- 
men mit einander und mit einer speziellen Fundortsangabe 
von Dr. Böhls eingesandt wurden, also von demselben 
Fundorte sind, und doch lassen sich alle die ausgewachsenen 
Exemplare und die Mehrzahl der unausgewachsenen leicht 
auf den ersten Anblick in diese vier Gruppen sondern. 
Es sind also nicht Lokalvarietäten im gewöhnlichen Sinne 
des Wortes, durch das Vorkommen in einem geographisch 
etwas verschiedenen Gebiete bedingt, und nach dem Grund- 
satze mancher schärferen Spezialisten unter den Mala- 
kologen, wie z. B. Ad. Schmidt, müsste man eben des- 
halb vier eigene Arten daraus machen, weil sie unterein- 
ander vorkommen, also unter denselben äusseren Einflüssen, 
und doch sich von einander unterscheiden, diese Unter- 
schiede also nicht den äusseren Einflüssen der Umgebung 
zuzuschreiben seien. Aber die angegebene Anzahl der Stücke 
ist doch zu klein, um das Vorhandensein weiterer Zwischen- 
glieder und Abstufungen auszuschliessen und es ist wohl 
auch denkbar, dass zwar alle im Verlauf von einem oder 
wenigen Tagen in einem gewissen beschränkten Umkreis 
von einer oder wenigen Meilen gefunden wurden, aber doch 



Sitzung vom 17. Juli 1894. 



169 



nicht gerade alle an derselben Stelle, und bei Thieren mit 
so beschränkter Ortsbewegung, wie die Landschnecken sind, 
bleibt dabei immer noch die Möglichkeit, dass die einen 
an relativ günstigeren Stellen lebten, als die andern, mehr 
Feuchtigkeit, grösseren Reichthum oder andere Auswahl von 
Nahrung hatten. Ja, es ist auch denkbar, dass sexuelle 
Verschiedenheiten im Spiele sind, denn wenn auch die Pul- 
monaten im Allgemeinen beide Geschlechter in demselben 
Individuum vereinigt zeigen, so könnten doch bei einzelnen 
Arten die eine Geschlechtsfunktion in einigen Individuen 
stärker ausgebildet sein, als die andere, ja diese mehr oder 
weniger ganz verdrängt haben, wie es unter den Muscheln, 
z. B. bei der Gattung Pecten nachgewiesen ist, und ein 
solcher Unterschied könnte sich dann auch in der Schale 
ausprägen, wie es an einigen Arten von Vivipara, TJnio und 
Anodonta der Fall ist. Damit könnte zusammenhäugen, 
dass die 4 Formen 2 Paare bilden: a und d schlank, 
b und c von grösserem Umfang, aber auch a und b absolut 
grösser, c und d kleiner. Es existiren in der Literatur 
einzelne Angaben, welche irgend einer Pulmonatengattung 
getrenntes Geschlecht zuschreiben, allerdings soviel ich 
weiss, alle nur vermuthungsweise , ohne direkten ana- 
tomischen Nachweis; vielleicht haben doch Fälle der ange- 
deuteten Art dazu Anlass gegeben. Wenn eine Form als 
eigene Art bezeichnet wird, so sagt man damit, es sei an- 
zunehmen, dass sie schon seit einer grösseren Reihe von 
Generationen getrennt von den nächstverwandten bestehe 
und nur unter sich fortgepflanzt werde. Wo das aber so 
zweifelhaft ist, wie in diesem Falle, dürfte es vorzuziehen 
sein, sich mit 3 Namen zu helfen; dadurch werden die Ab- 
stufungen der Uebereinstimmung näher bezeichnet, als wenn 
man aus jeder solchen Form eine eigene Art innerhalb 
einer grössern Gattung macht, wodurch Arten von sehr 
verschiedengradigem Unterschied wie gleichwerthig neben 
einander zu stehen kommen, oder als wenn man aus jedem 
kleinsten Formenkreis gleich eine eigene Gattimg macht, 
wie die neuere französische Schule, wodurch die Ueber- 
sichtliehkeit in etwas weiterem Kreise, der grosse Vortheil 



170 Gesellschaft naturforschender Freunde, Berlin, 



der Linke' sehen Namengebung. für jeden Zoologen, der 
nicht ganz spezieller Fachmann in dieser Thierklasse ist, 
wieder verloren geht. 

Herr Hilgendorf legte vor eine briefliche Mittheilung 

des jüngst verstorbenen Staatsraths Prof. J. Marcusen 
in Bern über ein neues Cumaceen-Genus Eocuma, Farn. 
Cumadae, aus Japan. 

Den Familiencharakteren entsprechend besitzt Eocuma 
sowohl beim d 1 als 9 Schwimmpalpi an dem 3. Kiefer- 
fuss- und am 1. Thoracalbeinpaare ; die andern Thoracal- 
beine tragen auch beim <$ in dieser Farn, keine Schwimm- 
palpen, dagegen besitzen die <f an den 5 ersten Abdominal- 
segmenten Schwimmfüsse (die 9 keine). Beide Geschlechter 
haben am letzten (6., da das Telson fehlt) Abdominal- 
segment die stylförmigen Anhänge, die von einem sehr 
kurzen Stiel abgehen, der äussere Stylus ist bei Eocuma 
zwei-, der innere eingliedrig und am Ende jedes Stylus 
sitzt ein länglicher, etwas gekrümmter Nagel. 

Von den 5 Thoracalsegmenten sind 4 frei (wie bei 
Cuma, Cyclaspis), der erste ist (an der oberen Seite) voll- 
ständig mit dem Kopfschilde verwachsen. Kopf und Thorax 
zusammen kürzer als der Schwanz, auch abgesehen von 
dem Schwanzstyl. 

Das auffallendste bei dem japanischen Thierchen ist 
sein Kopfschild (incl. das 1. Thoracalsegment); er ist breit, 
flach, vorn abgestutzt und zeigt an den Seiten des vorderen 
Randes eine kurze Hervorragung (vorderes Horn), und etwas 
vor der Hälfte des Kopfschildes, das hier breiter als vorn 
ist, jederseits am äusseren Rande ein etwas grösseres Horn 
(hinteres), das nach aussen und unten gekrümmt ist. Der 
Kopfschild ist so flach und horizontal ausgebreitet, 
wie bei keiner andern Cumacee; dies und ausserdem 
der Mangel eines Pseudo -Rostrums bilden Unterschiede 
gegenüber der sonst ähnlichen Gattung Cyclaspis, (C. corni- 
gera Sars 1879). Ein weiterer zeigt sich im Verhalten des 
3. Kiefer- und des 1. Thoracalbeinpaares. Letzteres ist 
verhältnissmässig ungeheuer lang, und da an der Unterseite 



Sitzung vom 17. Juli 1894. 



Iii 



des Kopfbrustschildes alles sehr flach und horizontal aus- 
gebreitet ist, so sind es auch die Basalglieder des 
1. Thoracalbeins (6gliedrig), und sie haben das Eigen- 
thümliche, bei keiner anderen Cuniacee vorkommende, mit 
ihren Rändern in der Mittellinie aneinanderzu- 
stossen; der vordere Rand beider Basalstücke zusammen 
bildet ausserdem einen halbkreisförmigen Ausschnitt, in 
welchem der hintere Rand der Basalglieder des 3. Kiefer- 
beinpaares (= 2. Gnathopod) sich hineinlegt. Das 2. Tho- 
racalbeinpaar ist sehr klein (ögliedrig), das 3. viel länger 
als das 2.; die nachfolgenden (4. und 5.) verkürzen sich 
dann allmählich wieder. Das 1. Thoracalbein hat einen 
Schwimmtaster, der sehr klein und nur zum Theil sicht- 
bar ist; so ist auch der des 3. Kieferbeins winzig und ganz 
versteckt, er geht vom hintersten Theil des Basalgliedes 
ab, der aber über dem Basalglied des 1. Thoracal- 
beines liegt. 

Die Art benennt Vf. Eocuma lülgendorfi n. sp. Sie 
wurde mit 2 anderen Cumaceen bei Enosima in der Tiefe 
von 12 Faden von Hilgendorf mit dem Schleppnetz 
erbeutet. 

Derselbe liefert einige Ergänzungen zu der vorher- 
gehenden Mittheilung, betreffend die Eocuma hilgen- 
dorfi Marc us en unter Vorlegung der neuen Form. 

Die dem Prof. Marcusen seiner Zeit übergebenen 
Exemplare waren sämmtlich Weibchen. Unter nachträg- 
lich aufgefundenen 2 Exemplaren fand sich aber glücklicher 
Weise ein Männchen. Ich untersuchte dasselbe auf Wunsch 
des Verstorbenen und machte ihm noch vor kurzem Mit- 
theilung darüber, weiss aber nicht, ob derselbe sie noch 
hat lesen können. 

Wichtig ist, dass die Existenz von 5 Paaren Pleopoden 
beim d* nachzuweisen war, wodurch die Stellung in der 
Familie Cumadae gesichert erscheint. (M. vermuthete schon 
richtig diese Zahl; ich habe in der Redaktion seiner obigen 
Mittheilung dies Faktum als bereits constatirt behandelt ) 

Das Männchen zeichnet sich vor dem Weibchen durch 



172 



Gesellschaft natur forschender Freunde, Berlin. 



den Besitz deutlicher Augen aus. Das grösste ist das vorn 
befindliche unpaare Medianauge, hinter ihm und etwas 
lateral folgen zwei kleinere Augen, und noch weiter seit- 
lich, aber etwas mehr nach vorn, stehen 2 noch kleinere 
Punktaugen, sodass die Gesammtzahl sich auf 5 beläuft. 

Endlich ist auch an dem Basalglied des 1. Thoracal- 
fusses eine Abweichung vom 9 zu beobachten. Die Glie- 
der beider Seiten stossen nicht bloss an ihrer vorderen 
Ecke, sondern noch auf eine weitere Strecke in der Mittel- 
linie aneinder. 

Die nach dem Briefe Marcusens vom 2. Nov. 1893 
schon seit längerer Zeit fertige ausführliche Arbeit nebst 
den Zeichnungen wird hoffentlich bald veröffentlicht werden 
können. 

Derselbe legte weiter vor eine neue Characiniden- 
gattung, Petersius, aus dem Kinganiflusse in Deutsch- 
Ostafrika, und sprach über die sonstigen von Dr. Stuhl- 
mann dort gesammelten Fische. 

Die mässig lange Rückenflosse steht etwas hinter der 
Bauchflosse, ihr Anfang etwas näher dem Hinterkopf als 
der Schwanzflosse, Afterflosse ziemlich lang. Körper ob- 
long, comprimirt. mit ziemlich grossen Schuppen. Bauch- 
kante gerundet. Maul ziemlich klein. Maxillarzähne fehlen ; 
die Zähne im Intermaxillare in zwei Reihen, die der vor- 
deren Reihe klein, etwas comprimirt, nur mit Spuren von 
Nebenzacken, in die Lücken der Hinterreihe eingerückt; 
die Zähne der Hinterreihe comprimirt, mit zahlreichen 
Seitenzacken, nicht mahlzahnartig. Zähne des Unterkiefers 
in einer Reihe, comprimirt (von hinten nach vorn, wie die 
oberen) mit Nebenzacken. Alle Zähne kräftig, wenig zahl- 
reich. Nasenlöcher dicht neben einander, dazwischen eine 
Klappe. Kiemenöffnungen weit, die Kiemenhäute nur wenig 
weit mit einander, nicht aber mit dem Isthmus verwachsen. 
Kiemendornen nur an der Basis breiter, sonst borsten- 
formig. 

Die Gattung gehört danach zu den Tetragonopterinae 
und dürfte zwischen Alestes und Tetragonqpterus ihren Platz 



Sitzung vom 17. Juli 1894. 



173 



finden. Von Alestes weicht sie ab durch die reducirten 
vorderen und durch die comprimirten hinteren Zähne des 
In terra axillare, sowie den Mangel des Zahnpaares hinter 
den Unterkieferzähnen. Habitus und Vaterland (Afrika) 
stimmen gut zu Alestes. Tetray onopterus \ auf welche ameri- 
kanische Gattung der Schlüssel für die Characiniden in 
Günther' s Catalogue führen würde, hat meist eine längere 
Analis (nur bei 1 Species auch 21 Strahlen); das Maxillare 
trägt einige oder zahlreichere Zähne; die Vorderreihe der 
Intern) axillarzähne ist gut ausgebildet und von der Hinter- 
reihe durch eine Lücke geschieden, in welche die Reihe 
der Unterkieferzähne eingreift. Der Körper ist meist höher. 

Petersius conserialis n. sp. D. 9 (10), A. 21," L. 1. 33, 
L. tr. 7/2 1 /2. Körperhöhe in Länge (o. C.) 2 2 /3mal, die 
Kopflänge 3 3 /4inal. Der Unterkiefer überragt die Ober- 
kinnlade und das Maul ist schräg nach oben gerichtet. 
Das obere Kopfprofil concav. Augendurchmesser 3 72 mal 
in der Kopflänge. Schnauzenlänge gleich Augendurchmesser. 
Die Ventralis inserirt sich mitten zwischen Schnauzenspitze 
und Anfang der Schwanzflosse. Die Brustflosse reicht bis 
zur Ventralbasis, die Ventralis fast bis zum After. Die 
Höhe der Rückenflosse bleibt meist etwas hinter der Kopf- 
länge zurück. Die Höhe der Analis gleich halber Körper- 
höhe. Die Zahl der Zähne beträgt oben in der Vorder- 
reihe 4 (jederseits 2). in der Hinterreihe 8, unten 8. Die 
Zahl der Spitzen eines Zahnes steigt bis 7. 

Farbe silbrig, Rücken hell graugrün; Flossen hell, die 
Caudalis hinten schwärzlich, so auch die Vorderkante der 
D. und P. Vor der C. ein grosser schwarzer Seitenfleck, 
der sich in die C. hineinzieht. 

Mehrere Exemplare 9—16 cm lang. 

Dass eine nach Peters benannte Gattung in der Zoologie 
noch fehlt, könnte auffallend erscheinen, erklärt sich aber 
dadurch, dass in der Botanik schon seit lange zu Ehren 
des hochverdienten Sammlers und Forschers der Name 
{Petersia) vergeben wurde, was nach den früher befolgten 
Grundsätzen die nochmalige Benutzung in der Zoologie 
ausschloss. 



174 



Gesellscliaft naliir forschender Freunde, Berlin. 



Herr Rawitz trug vor: Bemerkungen zur histo- 
logischen Pärbetechnik. 

In der industriellen Färberei mit Anilinstoffen unter- 
scheidet man zwei besondere Färbungsmethoden, die als sub- 
stantives und adjectives Verfahren bezeichnet werden. 
Bei Anwendung des ersteren Verfahrens wird der zu 
färbende Stoff ohne weitere Vorbehandlung, als die zur 
Reinigung von Fett, Schmutz etc. noth wendige, in die Farb- 
flotte gebracht und nach bestimmter Zeit aus derselben 
herausgenommen. Bei der adjectiven Methode wird der zu 
färbende Stoff, weil die Farbstoffe von ihm nicht ohne 
weiteres angenommen werden, einem Vorbeizverfahren 
unterworfen. Erst nach der Beize kommt der Stoff in die 
Farbflotte und nunmehr bildet sich zwischen Farbe und 
Beize ein sogenannter Farblack, der den Stoff gleichmässig 
durchdringt. Substantiv färbbar mit Anilinen sind Wolle 
und Seide, also Stoffe thierischer Abkunft, adjectiv müssen 
stets Baumwolle und Papierstoffe, also Derivate des Pflan- 
zenkörpers, gefärbt werden. Bei meinen Untersuchungen 
über Zellstrukturen und Zelltheilung habe ich nun aus be- 
stimmten Voraussetzungen die Methoden der adjectiven An- 
wendung der Aniline bei thierischen Organen versucht und 
bin dabei zu einigen Resultaten gelangt, über die ich hier 
vorläufig berichten will. 

Die basischen Aniline, Safranin und Fuchsin, sind bei 
substantiver Verwendung exquisite Kernfarbstoffe, während 
die Zellsubstanz von ihnen gar nicht oder nur sehr schwach 
gefärbt wird. Wenn man diese Aniline an Schnitten, welche 
von einem in Flemming' schem Chromosmiumsäureeisessig- 
Gemisch fixirten Materiale angefertigt wurden, adjectiv 
verwendet, so erzielt man eine Umkehrung der Färbung, 
indem nämlich nunmehr die Zellsubstanz den Farbstoff an- 
nimmt, während der Kern ihn ablehnt. Ich nenne diese 
Erscheinung Inversion der Färbung. Die Beize für die 
genannten Aniline besteht in einer Verwendung von Tannin 
und Brechweinstein und zwar bringt man die Schnitte zu- 
nächst kalt für 24 Stunden in eine 20procentige Tannin- 
lösung, dann nach gutem Abspülen in eine lprocentige 



Sitzung vom 17. Juli 1894. 



175 



Brechweinsteinlösung, in welcher sie bei etwa 37° Celsius 
2—3 Stunden verweilen, und dann nach sorgfältigem Aus- 
wässern in eine auf die gewöhnliche Weise hergestellte 
Safranin- oder Fuchsinlösung. Nach 24 Stunden werden 
die Präparate in Alcohol ausgezogen oder nach flüchtigem 
Wässern in eine 2 72 pro centige Tanninlösung für 24 Stunden 
gelegt, damit der Ueberschuss von Farbstoff wieder ge- 
löst wird. 

Die so erzielte Inversion der Färbung lieferte mir 
vorzügliche Resultate bei Untersuchung des ruhenden 
Salamanderhodens. Es treten hier nämlich Attractions- 
sphäre und Centrosoma als sehr intensiv gefärbte Theile 
der Zelle mit einer Deutlichkeit hervor, die mit anderen 
Methoden nicht zu erzielen ist, während der Kern schmutzig- 
braun — eine Folge des angewandten Tannins — er- 
scheint. Ich behalte mir vor, über die Resultate, welche 
die Untersuchung von solcher Art hergestellten Präparaten 
zeitigt, bei einer anderen Gelegenheit zu berichten. 



Im Austausch wurden erhalten: 

Naturwissenschaftl. Wochenschrift (Potonie), IX, No.21 — 28. 
Leopoldina, Heft XXX, No. 7 — 8. 

Sitzungsberichte der Kgl. Preuss. Akademie der Wissen- 
schaften zu Berlin, 1894, No. I— XXIII. 

Abhandlungen der Kgl. Preuss. Akademie der Wissen- 
schaften zu Berlin aus dem Jahre 1893. 

Berliner Entomolog. Zeitschr. 39. Bd. (1894), 1. Heft. 

Verhandlungen des naturwissenschaftl. Vereins in Hamburg 
1893. Dritte Folge, I. 

Mittheilungen aus dem Naturhist. Museum in Hamburg. 
XI. Jahrg., 1893. 

Mittheilungen des Vereins für Erdkunde zu Leipzig, 1893. 

Verhandlungen des naturhist. Vereins der preuss. Rhein- 
lande, Westfalens und des Reg. -Bezirks Osnabrück. 
50. Jahrgang. Fünfte Folge: 10. Jahrgang, 2. Hälfte. 
Bonn 1894. 



176 Gesellschaft naturforschender Freunde, Berlin. 



Verhandlungen des Botanischen Vereins der Provinz Branden- 
burg. 35. Jahrg., 1893. Berlin 1894. 

Schriften der Physik. - Oeconom. Gesellschaft zu Königs- 
berg i./Pr. 34. Jahrg., 1893. 

XXXIX. Bericht des Vereins für Naturkunde zu Kassel 
über die Vereinsjahre 1892—94. 

42. und 43. Jahresbericht der Naturhist. Gesellschaft zu 
Hannover für die Jahre 1891/92 und 1892/93. Han- 
nover 1894. 

Dreizehnter Bericht des Botan. Vereins in Landshut (Bayern) 
über die Vereinsjahre 1892—93. 

Berichte der Bayerischen Botan. Gesellschaft zur Erforschung 
der heimischen Flora. Bd. III. München 1893. 

Zwölfter Bericht der Naturwissenschaftl. Gesellschaft zu 
Chemnitz (vom 1. Juli 1889 bis 30. Juni 1892). 

Anzeiger der Akademie der Wissenschaften in Krakau, 
1894, April, Mai. 

Bericht der Lese- und Redehalle der Deutschen Studenten 
in Prag über das Jahr 1893. 

Jahresbericht der Kgl. Böhm. Gesellschaft der Wissen- 
schaften für das Jahr 1893. Prag 1894. 

Sitzungsberichte der Kgl. Böhm. Gesellschaft der Wissen- 
schaften, Math em.- Naturwissenschaftl. Klasse. 1893. 
Prag 1894. 

52. Bericht über das Museum Francisco-Carolinum. Linz 1894. 
Jahrbuch des Ungarischen Karpathen- Vereins. XXI. Jahrg., 

1894. Iglö 1894. 
Bollettino delle Pubblicazioni Italiane, 1894, No. 202—204. 
Rendiconto dell'Accademia delle Scienze Fisiche e Mate- 

matiche di Napoli. Serie 2, Vol. VIII. Napoli 1894. 
Atti della Societä Toscana di Scienze Naturali. Processi 

Verbali, Vol. IX. Firenze (März-Mai) 1894. 
Bulletin de la Societe imperiale des Naturalistes de Mos- 

cou, 1893, No. 4. 1894, No. 1. 
Bulletin de la Societe Geologique de France. III. Serie, 

Tome 21 (Extrait). 1894. 
Proceedings of the Zoolog. Society of London, 1894, 

Part. I. 



Sitzung vom 17. Juli 1894. 



177 



Journal of the Royal Microscopical Society, 1894, Pt. III. 
London 1894. 

Psyche, Journal of Entomology. Vol. VII, No. 218 — 221. 

The XXII. Annual Report of the Zoological Society of 
Philadelphia. 1894. 

Proceedings of the Academy of Natural Science of Phila- 
delphia, 1893, Part II. 

Bulletin of the American Museum of Natural History. 
Vol. V, 1893. New-York 1893. 

Geology of the Boston Basin by W. Crosby. Vol. I. 
Boston 1893. 

Proceedings of the Boston Society of Natural History. 
Vol. XXVI. 

Memoirs of the Boston Society of Natural History. Vol. IV, 
No. XI. 

Smithsonian Report, 1891. Washington 1893. 

Boletin de la Academia Nacional de Ciencias en Cordoba, 

Tomo XII, Entrega 1. Buenos Aires, 1890. 
Journal of the Asiatic Society of Bengal. Vol. LXII, 

Part II, No. 4. Calcutta 1893. 
Journal of the Asiatic Society of Bengal. Part II, Title, 

Page und Index for 1893. Calcutta 1893. 

Als Geschenk wurde mit Dank entgegengenommen: 
Kurtz, F. in Cordoba. 1. Ueber Pflanzen aus dem nord- 
deutschen Diluvium. — 2. Eine neue Nymphaeacee aus 
dem unteren Miocän von Sieblos in der Rhön. (Separata 
aus dem Jahrbuch der Kgl. Preuss. geolog. Landes- 
anstalt für 1893.) Berlin 1894. 
Philippi, R. A. Plantas nuevas Chilenas. Santiago 1894. 



J. F. BUrcVe, Berlin W. 



V 



Nr. 8. 1894. 

Sitzungs-Bericht 

der 

Gesellschaft naturforschender Freunde 

zu Berlin 

vom 16. October 1894. 



Vorsitzender: Herr Waldeyer. 



Herr Nehring sprach über Säugethiere von den Phi- 
lippinen, namentlich von der Palawan-Gruppe. 

Nachdem ich in der Sitzung vom 17. Juni 1890 vor 
dieser Gesellschaft einige Säugethiere der Philippinen, 
welche Herr Consul Dr. 0. v. Moellendorff in Manila 
der mir unterstellten Sammlung hatte zugehen lassen, be- 
sprochen habe, bin ich heute in der angenehmen Lage, 
über eine neue, sehr interessante Sendung desselben Herrn, 
welche mir vor Kurzem aus Manila zuging, berichten zu 
können. 

1. Phloeomys pallidus Nehring. 

Es liegen mir zwei ausgestopfte Bälge vor, nebst 
einem Skelet, welches zu dem grösseren der Bälge ge- 
hört. Fundort: Insel Marinduque, südlich von Luzon 
gelegen. — Herr Dr. von Moellendokff schreibt mir über 
die Bälge Folgendes: „Nach der Färbung sowohl von der 
schwarzbraunen Form, die Sie als typische Phloeomys Cn- 
mingi Waterh. bestimmt haben, als auch von den Scha- 
denberg 'sehen Thieren aus NW - Luzon sehr verschieden. 
Ich habe 4 Stück lebend erhalten, von denen 2 noch leben, 
und noch 4 andere gesehen, welche sämmtlich ganz über- 
einstimmend in der Färbung waren. Ich bemerke übrigens, 

8 



180 



Gesellschaft naturforschender Freunde, Berlin. 



dass Prof. Steere mir schon 1889 ein in Marinduque er- 
worbenes Fell desselben Thieres zeigte. " l ) 

Hinsichtlich der Färbung des Haarkleides stimmen die 
beiden mir vorliegenden Bälge im Grossen und Ganzen mit 
derjenigen Form von Phloeomys überein, welche Gervais in 
Voyage de la Bonite, Zoologie, I, Paris 1841, p. 43—50 
besprochen und Tafel 8 abgebildet bat. Ich habe in dem 
oben citirten Sitzungsberichte unserer Gesellschaft p. 105 
vorgeschlagen, diese Form, welche auch gewisse Abwei- 
chungen in der Schädelgestalt zeigt, als Phloeomys pallidus 
gegenüber der typischen Form zu unterscheiden. Herr 
Hofrath Dr. A. B. Meyer in Dresden hat freilich hiergegen 
opponirt 2 ), und zwar auf Grund der von ihm beobachteten 
Variabilität der Färbung mancher Museums-Exemplare, so- 
wie namentlich derjenigen Individuen, welche Schadenberg 
aus NW-Luzon nach Dresden gebracht hat ; wenngleich ich 
die von Meyer angeführten Gründe bis zu einem gewissen 
Grade für die von Luzon stammenden Exemplare an- 
erkennen muss. so glaube ich doch, dieselben für die 
von Marinduque stammenden nicht als ohne Weiteres 
zutreffend ansehen zu können, da nach Moellendorff 
alle 9 Exemplare, welche ihm von dort bekannt ge- 
worden sind, gleichfarbig waren. Wir haben hier also 
mindestens eine Localform! Man kann annehmen, dass 
eine Färbung, welche auf der Hauptinsel Luzon nur gele- 
gentlich oder sporadisch auftritt, auf der kleinen Insel Ma- 
rinduque die Herrschaft erlangt hat und constant gewor- 
den ist. 

Die Färbung des Haarkleides zeigt sich am Rumpfe, 
von weitem gesehen, im Allgemeinen weisslic^; dieses 
kommt daher, dass die Grannenhaare durchweg weisse, 
etwa 10—15 mm lange Spitzen haben. Bei genauerer 
Betrachtung findet man folgende Beschaffenheit des Haar- 
kleides: Dasselbe setzt sich aus graden, glänzenden 

*) Prof. Steere erwähnt in seiner List of the Birds and Mammals 
collected by the Steere Expedition to the Philippines, Ann Harbor, 
1890, p. 29 nur kurz: „Phloeomys Cumingi, Marinduque." Nehring. 

2 ) „Zoolog. Garten", 1890, p. 199. 



Sitzung vom 16. October 1894. 



181 



Grannenhaaren und aus schwach gekräuselten, glanzlosen, 
ziemlich groben Wollhaaren zusammen. Letztere sind meist 
vod mattbrauner Farbe, doch finden sich bei genauem Zu- 
sehen auch einzelne weissliche Wollhaare darunter. Die 
Grannenhaare sind meistens an der Basis mattbraun, an 
der Spitze weiss gefärbt; nur der Kopf und der Schwanz 
weichen deutlich in der Färbung gewisser Theile ab; näm- 
lich die Umgebung des Maules, der Nase und der Ohr- 
muscheln sind mit braunen Grannenhaaren bewachsen. 
Am Schwänze zeigt der Anfang noch die Färbung des 
Rückens, der übrige Theil des Schwanzes ausser der Spitze 
ist schwarz oder schwarzbraun, die Spitze aber etwa 2 — 5 cm 
lang 1 ) mit weissen Haaren besetzt. 

Im Allgemeinen erscheint das Weisse bei dem von 
Gervais abgebildeten Exemplare gleichförmiger und stärker 
hervortretend, als bei den vorliegenden Exemplaren, bei 
welchen die mattbraune Farbe des Wollhaares nicht völlig 
von den weissen Spitzen der Grannenhaare bedeckt wird, 
ja, an der Brust sogar vorherrscht. 

In Bezug auf die weisse Färbung der Schwanzspitze 
weichen die beiden vorliegenden Exemplare (und nach den 
Angaben Moellendorff's vermuthlich auch die übrigen 
Marinduque -Exemplare) von dem in Voyage de la Bonite 
abgebildeten Individuum ab, welches keine weisse Schwanz- 
spitze zeigt; ich glaube aber nach dieser Abbildung an- 
nehmen zu dürfen, dass letzterem die Schwanzspitze über- 
haupt fehlt. (Siehe a. a. 0., Tafel 8. Vergl. auch meine 
unten folgenden Bemerkungen über das Skelet.) 

Was den vorliegenden Schädel des einen Marinduque- 
Exemplars 2 ) anbetrifft, so beweisen die stark abgenutzten 
Backenzähne und manche andere Kennzeichen, dass er von 
einem sehr alten Exemplare herrührt. Der von Gervais 
a. a, 0.. Tafel 7, Fig. 3—6 abgebildete Schädel rührt da- 
gegen von einem Exemplare mittleren Alters her, wie die 
Backenzähne beweisen. Trotzdem stimmen beide Schädel 



*) Bei dem grösseren Exemplare nur 2 cm, bei dem kleineren 
4 — 5 cm lang. 

2 ) Das andere Exemplar ist ohne Schädel. 

8* 



182 



Gesellschaft naturfor seilender Freunde, Berlin. 



in gewissen wesentlichen Punkten überein und weichen 
darin von dem mir vorliegenden Schädel der schwarz- 
braunen typischen Form ab ; dieses gilt namentlich von der 
Form der Nasenbeine und von der Umgebung des Foramen 
infraorbitale. Die Nasenbeine des Phl pallidus sind, wenn 
man nach den vorliegenden Schädeln urtheilen darf länger 
und zugleich an ihrem hinteren Ende wesentlich breiter 
als die des Phl cumingi 1 ), auch zeigen sich ihre Grenzen 
gegen die Stirn- und Oberkieferbeine abweichend gebildet; 
besonders aulfallend aber erscheinen die Unterschiede, 
welche in der Umgebung des spaltförmigen Eingangs in das 
Foramen infraorbitale hervortreten, zumal wenn man die 
Schädel beider Arten von der Seite betrachtet. 

Nach den in der Mammalogie heutzutage befolgten 
Grundsätzen scheinen mir die angeführten Abweichungen 
genügend, um Phl pallidus von Phl cumingi als Art oder 
mindestens als Varietät zu unterscheiden. In den Dimen- 
sionen linde ich keine Unterschiede, abgesehen von denen, 
welche durch verschiedenes Lebensalter bedingt werden. 
Was die im Dresdener zoologischen Museum befindlichen 
Exemplare anbetrifft, welche meist durch Herrn Dr. Schaden- 
berg in NW.-Luzon gesammelt worden sind, so muss ich 
auf Grund eigener Anschauung zugeben 2 ), dass dieselben 
eine starke Variabilität in der Färbung des Haarkleides 
zeigen. Aber es spricht doch Manches dafür, dass die vor- 
liegende Form von der Insel Marinduque wegen ihrer con- 
stanten Abweichungen, welche Moellendorff an neun 
Exemplaren gleichmässig beobachtet hat, nebst der ent- 
sprechenden Form aus Luzon, sofern sie dort an bestimmten 



l ) Ausser dem Schädel der mir unterstellten Sammlung konnte ich 
in Folge der Freundlichkeit des Herrn P. Matschie den zu einem 
montirten Skelet gehörigen Schädel eines Plü. cumingi aus dem hiesigen 
Museum für Naturkunde vergleichen; derselbe zeigt die starke Ver- 
schmälerung des hinteren Theils der Nasenbeine sehr deutlich. 

') Eines der von Schadenberg gesammelten Exemplare sah ich 
vor wenigen Wochen lebend im Dresdener zoologischen Garten, die 
anderen ausgestopft im dortigen zoologischen Museum. Letztere 
wurden mir durch Herrn Dr. Heller (in Abwesenheit des Herrn Hof- 
raths Dr. A. B. Meyer) freundlichst zugänglich gemacht. 



Sitzung vom 16. October 1894. 



183 



Localitäten für sich auftritt, als eine besondere Art abzu- 
trennen ist. 

Allerdings ist es auffallend, dass die beiden in Voyage 
de la Bonite beschriebenen Exemplare in der Provinz Nueva 
Exoica. nordöstlich von Manila, erbeutet worden sind, 
während das von mir vor 4 Jahren beschriebene schwarz- 
braune Exemplar, das dem von Watebhouse beschriebenen 
Typus entspricht, aus der Provinz Laguna, südöstlich von 
Manila, stammt; letzteres steht also geographisch den 
Marinduque-Exemplaren näher, als die beiden ersterwähnten. 
Offenbar bedarf es noch genauerer Beobachtungen und Fest- 
stellungen über die geographische Verbreitung der Gattung 
Thloemnys auf den Philippinen, sowie über die Frage, wie 
viele Arten innerhalb dieser Xager-Gattung anzunehmen 
sind. Jedenfalls ist es sehr interessant, dass Moellex- 
dorff für die Insel Marinduque das Vorkommen der vor- 
liegenden Form an 9 Exemplaren festgestellt hat, mag man 
darin nun eine besondere Art oder Varietät oder blosse 
Farben-Abweichung sehen. Ohne Zweifel sind schon viele 
andere Säugethier-Arten auf Grund von weit geringeren 
Abweichungen unterschieden worden. Wie mir scheint, 
haben wir in den Marinduque-Exemplaren ein Beispiel von 
Species-Bildung durch Migration oder Separation. 

Die Länge des Körpers von der Nasenspitze bis zur 
Schwanzwurzel beträgt an dem grösseren (älteren) Marin- 
duque-Exemplare 480 mm, an dem kleineren (jüngeren) 
440 mm, die Länge des Schwanzes bei ersterem 380 mm. 
bei letzterem 360 mm. 1 ) Die Totallänge des zu Nr. 1 ge- 
hörigen Schädels beträgt 85, die „Basilarlänge" (Hensel) 
68,5 mm, die Jochbogenbreite 45 mm, die Länge der Nasalia 
in der Mittellinie 30, die der Frontalia 28 mm. Man ver- 
gleiche meine Maassangaben a. a. 0.. p. 102 und 104. 

Das mir vorliegende Skelet von Marinduque zeigt 
ausser den 7 Halswirbeln 14 rippentragende, 5 Lenden- 
wirbel, 5 Kreuzwirbel und 29 Schwanzwirbel, wobei zu 



l ) Das eine Exemplar wird auf Wunsch des Herrn Dr. v. Moellen- 
DORff dem hiesigen Museum für Naturkunde einverleibt werden. 



184 



Gesellschaft naturfor sehender Freunde, Berlin. 



bemerken ist, dass das 14. Rippenpaar nur rudimentär 
(etwa IV2 cm laug) entwickelt erscheint. Das aus Luzon 
durch Jagor mitgebrachte Phloeomys-Skelet des hiesigen 
Museums für Naturkunde, welches Herr P. Matschie mir 
freundlichst zugänglich gemacht hat, zeigt ausser den 7 Hals- 
wirbeln 13 rippentragende, 6 Lenden-, 5 Kreuz- und 
28 Schwanzwirbel. Das von Gervais a. a. 0. besprochene 
Skelet hatte 13 rippentragende. 6 Lenden- und angeblich 
nur 18 vertebres „sacro-coccygiennes" aufzuweisen. Letztere 
Angabe muss auf einem Irrthum beruhen, da ein so be- 
deutender Unterschied von 18 und 34 resp. 33 sacro-cau- 
dalen Wirbeln innerhalb der Gattung Phloeomys nicht an- 
genommen werden kann. Wie Herr Matschie mir mündlich 
mittheilte, hat das im Dresdener Zoologischen Garten lebende 
Exemplar von Phloeomys sich ein ansehnliches Stück des 
Schwanzes abgebissen ; man darf vermuthen, dass nicht nur 
das von Gervais a. a. 0., Tai 8, abgebildete ältere Exem- 
plar, sondern auch das jüngere, dessen Skelet a. a. 0., p. 47, 
besprochen ist, die Schwanzspitze eingebüsst hatte. Daraus 
würde sich dann auch das Fehlen der weissen Haare an 
der Spitze des Schwanzes bei den betr. Exemplaren er- 
klären. 

2. Tupaja ferruginea Raffl. 

Balg einer Tupaja-Syecies von einer der Calamianes- 
Inseln. — Nach Vergleichung des in dem hiesigen Museum 
für Naturkunde vorhandenen, nicht sehr reichhaltigen Ma- 
terials, welches mir Herr P. Matschie freundlichst zugäng- 
lich machte, sowie unter möglichster Berücksichtigung der 
bezüglichen Litteratur bin ich zu der Ansicht gelangt, dass 
der vorliegende Balg zu T. ferruginea gehört. Nach Everett 
kommen auf der „Palawan-Gruppe" T.javanica und T. ferru- 
ginea vor 1 ), ohne dass Everett genauer angiebt, ob diese 
Arten von ihm auch für die Calamianes-Inseln festgestellt 
worden sind. Oldfield Thomas hat kürzlich eine neue 
Tupaja-Art aus West-Mindanao (T. Everetti) und mehrere 
neue Tupaja- Arten aus Nord-Borneo (T. picta, T. montana, 



>) P. Z. S., 1889, p. 223. 



Sitzung vom W.October 1894. 



185 



T. melanura) beschrieben 1 ). Mit keiner dieser Thomas sehen 
Arten ist die vorliegende identisch; insbesondere weicht sie 
auch von T. Everetti ab. Dagegen finde ich in allen wesent- 
lichen Punkten eine deutliche Uebereinstnnrnung mit der 
Beschreibung, welche Blaxford von T. ferruginea giebt 2 ). 

Es sind zwar in der Färbung der Schwanzhaare einige 
Differenzen gegenüber der genannten Beschreibung vor- 
handen; doch lege ich denselben kein speeifisches Gewicht 
bei, so lange mir nur ein Exemplar vorliegt. 

Kopf und Rumpf messen an dem Balg 220 mm, der 
Schwanz incl. der an der Spitze stehenden, verlängerten 
Haare 190, ohne diese Haare 150 mm. 

3. Bubalus moellendorffi, n. sp. Fig. 1—3. 

Eine anscheinend neue Büffel- Art wird durch einen 
wohlerhaltenen Schädel von der zu den Calamianes ge- 
hörenden Insel Busuanga repräsentirt. Herr Dr. von 
Moellexdorff schreibt mir darüber: „Schädel eines (an- 
geblich) wilden Büffels von der Insel Busuanga, Calamianes- 
Gruppe. Die Einwohner versichern, dass der dortige Büffel 
ursprünglich wild ist, was bei der Nähe der Insel Mindoro, 
wo der unzweifelhaft wilde Tamarao lebt, nicht unwahr- 
scheinlich ist. In der Grösse steht er in der Mitte zwischen 
dem B. mindorensis und dem Cimarron, dem wilden Büffel 
von Luzon. Was den letzteren anbetrifft, so bin ich jetzt 
völlig überzeugt, dass er eine ursprünglich wilde Rasse 
darstellt. Dagegen ist es mir jetzt sicher, dass der Ihnen 
1890 übergebene Schädel nicht zu derselben gehört, sondern 
von einem verwilderten Exemplare des gewöhnlichen Büffels 
stammt. Ich hoffe, Ihnen einen Schädel des Cimarron noch 
besorgen zu können. Die Möglichkeit, dass auch der Cala- 
mianes-Büffel nur verwildert ist. liegt natürlich vor; viel- 
leicht gelingt es. an dem Schädel genügende Unterschiede 
nachzuweisen, um dieselbe auszuschliessen. a 

Thatsächlich finden sich an dem vorliegenden, einem 



1 ) Ann. and Mag. Nat. Hist., 1892, Yol. IX., 6. Ser., p. 250 ff. 

2 ) Blanford, Fauna of Brit. India, Mammalia, 1888, p. 210 f. 



186 Gesellschaft naturf wischender Freunde, Berlin. 

völlig ausgewachsenen Individuum zugehörigen Schädel 1 ) 
eine Anzahl von Charakteren, welche dafür sprechen, dass 
derselbe nicht nur einem wirklich wilden Büffel, sondern 




Fig. 1. Schädel des Bubcdus moellendorfß Nhrg. von der Insel Busuanga. 
Vs nat. Gr. Nach der Natur gezeichnet von Herrn Dr. G. Rörig 2 ). — 
Fig. 2. Der letzte Praemolar (pl Hensel) des rechten Oberkiefers, 
von der Kaufläche gesehen. */> nat - — Fig. 3. Derselbe Zahn, 
von der Gaumenseite gesehen. 7« nat. Gr. 

auch einer besondern, meines Wissens noch nicht beschrie- 
benen Species angehört. Dass es sich um ein wirklich 

1 ) Alle Zähne gehören dem definitiven Gebiss an und zeigen durch- 
weg einen mittleren Grad der Abkauung, wie man ihn zu odontologischen 
Studien gern hat. Nach dem Gehörn halte ich den Schädel für männlich. 

2 ) Herr Dr. G. Rörig, Assistent an der mir unterstellten zoolog. 
Sammlung der Kgl. Landw. Hochschule, hat die obige Zeichnung als 
eine geometrische hergestellt und dabei den Schädel so gelegt, dass 
man verhältnissmässig viel von dem Hinterhaupte incl. der Condylen zu 
sehen bekommt. 



Sitzung vom 16. October 1894. 



187 



wildes Thier handelt, schliesse ich aus den ausserordent- 
lich kräftigen, markierten Formen des Schädels. Alle die 
Kennzeichen, welche Rütimeyer in seinen Arbeiten über 
prähistorische Hausthiere als charakteristisch für die Schädel 
und Knochen der wirklich wilden Thiere gegenüber den 
gezähmten bezw. verwilderten anführt, lassen sich hier be- 
obachten. In der mir unterstellten Sammlung befinden sich 
mehrere Schädel von erwachsenen, unzweifelhaft wilden 
Exemplaren afrikanischer Büffel, welche in voller Freiheit 
gelebt haben und auf der Jagd erlegt sind; dieselben unter- 
scheiden sich in Bezug auf die Energie der Formverhältnisse 
und in der Beschaffenheit der Knochenstructur durchaus 
nicht von dem vorliegenden Schädel. Derjenige Büffelschädel, 
den Herr von Moellexdorff 1890 als den eines angeb- 
lich wilden Büffels von Luzon unserer Sammlung zugehen 
liess, und welchen ich damals (a. a. 0., p. 101) auf seine 
Angabe hin als v Bubalus keräbau ferus* bezeichnete, er- 
scheint neben dem Busuanga-Schädel nicht als der eines 
wirklich wilden Exemplars, so dass ich dem nunmehr 
modificierten Urtheile Moellendorffs über jenen Schädel 
beistimme; doch schreibe ich ihn nicht einem verwilderten 
Exemplare des „gewöhnlichen" Büffels (B. buffelus — B. 
indicus), sondern des Kerabau (B. herabau) zu. 

Was die spezifischen Charaktere anbetrifft, so scheinen 
mir dieselben eine nahe Verwandtschaft mit dem sog. 
Tamarao, dem Zwergbüffel von Mindoro, anzudeuten. 
Dieses gilt namentlich von der Bildung der unteren Backen- 
zähne, die (abgesehen von dem Talon des m 3, welcher 
eine isolierte dreieckige Schmelzinsel zeigt) nur ein ver- 
grössertes und vergröbertes Abbild der entsprechenden Zähne 
unseres Tamarao- Schädels darstellen. Beide Gebisse har- 
monieren auch in dem Punkte, dass die unteren Prämolaren 
fast ganz ohne Cement-Belag sind und auch die Molaren 
nur einen relativ dünnen Cement-Belag zeigen. 

Sehr auffällig und abweichend erscheint mir die Form 
des letzten oberen Praemolars (p 1 Hessel). Wie 
Fig. 2 und 3 deutlich erkennen' lassen, zeigt dieser Zahn 
an seiner Gaumenseite einen stark entwickelten accessori- 



188 Gesellschaft naturfw 'sehender Freunde, Berlin. 



sehen Pfeiler (a), der auf der Kaufläche als accessorische 
Schmelzfalte sich geltend macht. Diese Bildung findet sich 
völlig symmetrisch auch an dem entsprechenden Zahne des 
linken Oberkiefers. Hierdurch weicht das Gebiss des vor- 
liegenden Busuanga-Büffels stark ab von den Gebissen der 
sonstigen zahlreichen Büffel, welche ich vergleichen konnte. 
Ich fand bei anderen Büffeln an dem betr. Zahne entweder gar- 
nichts von jener accessorischen Schmelzfalte, oder nur eine 
sehr schwache Andeutung einer solchen *); daher halte ich mich 
für berechtigt, in jener eigentümlichen Bauart des p 1 sup. 
(Hensel) einen besonderen Species-Charakter des Busuanga- 
Büffels zu erkennen, so lange nicht nachgewiesen ist, dass 
es sich hier nur um eine singulare, individuelle Abweichung 
handelt. 

Auch die Schneidezähne bieten im Vergleich zu den 
mir sonst vorliegenden Büffeln manche Besonderheiten dar; 
doch lassen sich die letzteren ohne Abbildungen kaum hin- 
reichend klarstellen, so dass ich mich hier vorläufig mit 
dieser Andeutung begnügen muss. ' 

Die Bildung der Hörner erinnert stark an diejenige 
des Tamarao von Mindoro; nur sind die Hörner plumper 
gebaut und mit den Spitzen mehr abwärts gerichtet. Der 
Querschnitt ist, abgesehen von den Spitzen, deutlich drei- 
kantig. Auffallend scharfkantig erscheinen die knöchernen 
Hornzapfen; die beiden Vorderkanten derselben sind so 
scharf entwickelt, dass sie fast völlig rechtwinklig aussehen, 
wie ich dieses in gleicher Ausbildung noch nicht an einem 
andern Büffelschädel beobachtet habe. Unser Tamarao- 
Schädel zeigt eine ähnliche, doch weniger scharfkantige Ent- 
wicklung der Hornzapfen. 

Die Bullae auditoriae sind von derselben Form, wie 
beim Tamarao, d. h. rundlicher und dicker, als bei den 
mir vorliegenden Schädeln von Bub. indicus. Dagegen ist 



*) Eine solche Andeutung zeigt unser Schädel von Bub. mindo- 
rensis und einer unserer Schädel von Bub. arni; aber es bleibt doch 
noch ein grosser Unterschied zwischen einer schwachen Ausbuchtung 
des Schmelzblechs und der stark ausgebildeten Schmelzfalte, welche 
der betr. Zahn des Busuanga-Büffels zeigt. 



Sitzimg vom 16. October 1894. 



189 



die Stirn stärker gewölbt und fällt nach der Occipitalfläche 
steiler ab. als bei Bub. mindorensis, ähnelt also mehr der 
Stirnbildung des B. Indiens. Trotzdem bleibt eine deut- 
liche Aehnlichkeit im Schädelbau des Busuanga- und des 
Mindoro-Büffels erkennbar. Ueber die Dimensionen giebt 
die nachfolgende Tabelle Auskunft. 



Messungs-Tabelle. 
Die Maasse sind in Millimetern angegeben. 





Bubalus 


Bubalus 




moellendorffi 


mindorensis 




ad. 
Landw. 
Hochsch. 


L. H. 
Berl. 


r? ad. 
Z. M. 
Dresden 


1. Basallänge des Schädels v. Unter- 








rande d. For. magnum ab . 




353 


352 


2. Totallänge des Schädels v. den 








Condvlen ab 


469 


381 


380 


3. Breite am Hinterhaupt, nahe über 








d. meat. audit. ext 


211 


171 




4. Breite an den Jochbogen . . . 


204 


163 


165 


5. Breite an den Intermaxillaria . . 


101 


76 




6. Umfang eines der Hörner, an der 










320 


290 


270 


7. Länge eines der Hörner, aussen, 










500 


380 


400 


8. Länge der oberen Backenzahn- 








reihe 


141 


106 


107 


9. Länge der unteren Backenzahn- 








reihe 


150 


117 


121 


10. Länge der oberen Molaren (m 1, 








m 2, m 3) 


88 


62 




11. Länge der unteren Molaren (m 1, 








m 2, m 3) 

12. Länge einer Unterkieferhälfte vom 


96 


68 










vordersten Punkte der Symphyse 








bis zum Hinterrand des Condylus 


398 


320 


327 



Obgleich ich über das Aeussere des Busuanga-Büffels 
vorläufig ohne Kenntniss bin, so schlage ich doch vor, ihn 
auf Grund des vorliegenden Schädels als besondere Art zu 
unterscheiden und dieselbe zu Ehren des Entdeckers als 
r Bubalus moellendorffi" zu bezeichnen. Hoffentlich 
gelingt es Herrn Dr. von Moellendokff, bald noch weiteres 



190 Gesellschaft natu) forschender Freunde, Berlin. 

Material von dieser Art, welche vermuthlich nicht auf die 
Insel Busuanga beschränkt ist, zu beschaffen. Da der Ta- 
marao von Mindoro offenbar eine einheimische wilde Art 
ist, so liegt meines Erachtens gar kein genügender Grund 
vor, das Vorhandensein von sonstigen wilden Büffel-Arten 
auf den Inseln des malayischen Archipels zu bezweifeln. 
Warum sollte das Genus Bubalus dort nicht mehrere, gut 
unterscheidbare Arten entwickelt haben, wie dieses inner- 
halb des Genus Sus in deutlichster Weise geschehen ist? 

4. Tragulus nigricans 0. Thomas. 
Skelet eines in der Gefangenschaft gestorbenen Tra- 
gulus von der Insel Baläbac. Vergl. meine frühere An- 
gabe a. a. 0., p. 101 f. und Oldfield Thomas, Ann. and 
Mag. Nat. Hist., 1892, Bd. 9, p. 254. Genaueres über 
diese neue Art gedenke ich demnächst mitzutheilen. 

5. Sus barbatus var. palavensis Nehring. 
(Sus ahaenobarbus Huet.) 

Vertreten durch den Schädel eines erwachsenen Keilers 
aus der Gegend von Taitai auf der Insel Palawan (Paragua). 

In meiner Arbeit über Sus celebensis und Verwandte x ) 
habe ich p. 22 auf Grund eines durch Dr. Platen auf 
Palawan erlangten weiblichen Wildschweins (vertreten durch 
Haut und Skelet) eine besondere kleine Varietät des Bart- 
schweins (S. barbatus) aufgestellt, wobei ich namentlich die 
barbatus-ähriliche Bildung der Gaumenbeine betont habe. 
Erst vor Kurzem ist mir bekannt geworden, dass der 
Pariser Zoologe Huet schon 1888 in der Zeitschrift „Le 
Naturaliste", Januarheft, p. 5 f., ein Wildschwein von Pala- 
wan beschrieben hat, und zwar unter dem Namen: „Sus 
ahaenobarbus 11 . Da Huet selbst die grosse Aehnlichkeit 
mit Sus barbatus betont, so fällt seine Art aller Wahr- 
scheinlichkeit nach mit der von mir als S. barbatus var. 
palavensis beschriebenen Form zusammen. Wenn man sie 
als selbständige Art ansieht, so muss sie nach dem Gesetze 



l ) Abhandlungen und Berichte des K. zool. u. anthrop.-ethnogr. 
Museums zu Dresden, 1888/89. Verlag von R. Friedländer, Berlin, 



Sitzung vom 16. October 1894. 



191 



der Priorität Sus ahaenobarbus Huet heissen; ich kann sie 
aber vorläufig nicht als selbständige Art anerkennen, da die 
von Huet betonten Schädel-Unterschiede theils unzutreffend 
sind, theils zu einer specifischen Abtrennung nicht aus- 
reichend erscheinen, und ziehe deshalb die von mir 1889 
aufgestellte Bezeichnung des Palawan- Wildschweins vor. — 
Genaueres soll demnächst an einem andern Orte veröffent- 
licht werden; hier will ich nur betonen, dass auch der von 
Moellendorff übersandte Keilerschädel, wie der 1889 von 
mir beschriebene weibliche Schädel in der Bildung der 
Gaumenbeine durchaus die Charaktere von S. barbatus zeigt. *) 
Die Basallänge des betr. männlichen Schädels beträgt 
305 mm, die Profillänge 358, die Jochbogenbreite 145 mm. 
Die Gaumenbeine erstrecken sich in der Mittellinie um 
38 min über das Ende von m 3 sup. hinaus. 

6. Sus barbatus var. calamianensis Nehring. 
(Sus calamianensis Heüde.) 

Vertreten durch den Schädel eines erwachsenen Keilers 
und durch den Balg (mit Schädel) eines neugeborenen oder 
wenige Tage alten Frischlings, beide Objecte von der Insel 
Culion (Calamianes-Gruppe). 

Auch dieses Wildschwein steht nach seiner Schädel- 
bildung und namentlich nach der Form seiner Gaumenbeine 
mit S. barbatus in naher verwandtschaftlicher Beziehung. 
In der Grösse harmoniert es mit dem Palawan- Schweine. 
Von dem Wildschweine, welches auf den eigentlichen Phi- 
lippinen (Luzon, Mindoro etc.) verbreitet ist und von mir 
in mehreren Publikationen beschrieben wurde 2 ), ist das- 
jenige der Calamianes -Inseln durchaus verschieden; besonders 

*) Ueber das Verhältniss zu der von mir früher aufgestellten Art 
Sus longirostris (Borneo und Java) werde ich mich in der in Aussicht 
genommenen specielleren Abhandlung aussprechen, ebenso über die 
kürzlich von Herrn Dr. von Spillner (Halle a. S.) publicirte Arbeit, 
welche sich mit S. barbatus und S. Iwigirostris eingehend beschäftigt. 

2 ) Sitzgsb. unserer Gesellschaft, 1886, p. 83—85; 1888, p. 10 f. 
Ferner in „Sus celebensis u. Verwandte", p. 14 — 17 nebst Taf. I., 
Fig. 3, 3 a— 3d; Fig. 4. Taf. IL. Fig. 4. Speciell über das Mindoro- 
Wildschwein siehe meine Angaben im „Zoolog. Anzeiger", 1891, 
p. 457—459. 



192 Gesellschaft natur forschender Freunde, Berlin. 



auffallend und leicht erkennbar erscheint der Unterschied 
in der Gauinen- bezw. Choanenbildung, wie eine Vergleichung 
' des vorliegenden Schädels eines männlichen Mindoro-Wild- 
schweins auf den ersten Blick lehrt. 

Heude hat in seinen „Memoires concernants l'hist. nat. 
de Chine", Bd. L. 1888 (einer Publication, welche mir nur 
theilweise zugänglich ist) neben sehr zahlreichen 
anderen, neuen Wildschwein-Arten, welche wohl kaum die 
Anerkennung der europäischen Zoologen finden werden, auch 
ein T S. calamianensis* unterschieden. Vor einigen Monaten 
schickte derselbe mir einen Ausschnitt aus dem im Er- 
scheinen begriffenen 2. Bande des genannten Werks, nämlich 
pag. 221 f. riebst Taf. XL., wo er auf S. calamianensis genauer 
eingeht. Offenbar handelt es sich um dieselbe Form, wie 
die mir vorliegende. Heude hat sie frageweise mit meinem 
S. longirostris identificirt. Indem ich mir vorbehalte, hier- 
über an einem anderen Orte mich näher auszulassen, be- 
trachte ich vorläufig das Calamianes-Wildschwein als eine 
dem Palawan-Wildschweine nahe stehende Varietät des 
Bartschweins. Dasselbe mit dem Palawan-Wildschweine 
völlig zu identificieren . verhindern mich einige Differenzen 
der Schädel- und Gebissbildung, auf die ich an einem andern 
Orte eingehen werde. l ) 

Die Basallänge des vorliegenden Schädels von Culion 
beträgt 315, die Profillänge 360, die grösste Breite an den 
Jochbogen 147 mm. 

Die unteren Eckzähne sowohl des Palawan-, als auch 
des Calamianes-Keilers zeigen den Querschnitt, welcher für 
S. barbatus, S. longirostris etc. charakteristisch ist. Siehe 
meine bezüglichen Angaben und Abbildungen in diesen 
Sitzungsberichten, 1888, p. 9 ff. 

In Bezug auf den vorliegenden Balg des Calamianes- 
Frischlings bemerke ich, dass derselbe eine sogenannte 



l ) Ich hoffe, mich dort auch über Sus Marchei Huet auslassen zu 
können; vorläufig bin ich über dasselbe noch im Unklaren geblieben, 
zumal mir eine Insel „Laguan", welche Huet als Heimath jener 
Art angegeben hat, nicht bekannt ist. Sollte etwa die Provinz Laguna 
auf Luzon gemeint sein? 



Sitzung vom 16. October 1894. 



193 



Livree aufweist, d. h. Längsstreifen nach Art der Frisch- 
linge unseres europäischen Wildschweins; doch sind gewisse 
Abweichungen vorhanden. Es sind sieben Längsstreifen 
auf dem Rücken erkennbar, vier dunkle und dazwischen 
drei helle (gelbliche). Unter den dunkeln Längsstreifen tritt 
der mittelste, welcher sich über das Rückgrat entlang zieht, 
auffallend stark und lang hervor; die anderen Längsstreifen, 
sowohl die dunkeln, als auch die hellen, erscheinen ziemlich 
matt, namentlich die seitlichen. 

Schlussbemerkungen. 
Die mir vorliegenden Objecte bestätigen die Ansicht, 
welche A. H. Everett in seinem interessanten Aufsatze 
über die zoogeographischen Beziehungen der Insel Palawan 
und einiger benachbarten Inseln (P. Z. S., 1889, p. 220 ff. 
nebst Tafel 23) dargelegt hat. Die Säugethier-Fauna der 
„Palawan-Gruppe" (incl. der Calamianes) steht in sehr 
nahen Beziehungen zu der von Borneo, wenngleich sie 
politisch zu den Philippinen gerechnet wird. Die Mindoro- 
Strasse bildet für die meisten Säugethiere eine wichtige 
zoogeographische Grenze. (Siehe meine Bemerkungen über 
das Mindoro-Wildschwein im „Zoolog. Anzeiger", 1891, 
p. 457 ff.) Die Philippinen im engern Sinne lassen dagegen 
hinsichtlich ihrer Säugethierfauna manche nahe Beziehungen 
zu Celebes erkennen. 

Herr MATSCHIE sprach über Procavia syriaca (Schreb.). 
Ein Exemplar dieser Art lebte längere Zeit im Berliner 
Zoologischen Garten und wird jetzt im Kgl. Museum für 
Naturkunde aufbewahrt. Ich habe die Eingeweide desselben 
untersucht und folgende Abweichungen von den durch 
George 1 ) gegebenen Beschreibungen und Abbildungen ge- 
funden: Die Portio cardiaca des Magens ist nicht kugelig, 
sondern länglich oval; zwischen dem Blindsack und dem 
zweifachen Caecum lässt sich ein kleinerer kurzer Blind- 
darm nachweisen; die Vasa deferentia vereinigen sich 



x ) M. George. Monographie anatomique des Manimiferes du Genre 
Daman. Ann. Sc. Nat. ser. VI. tom. 1. 1874. Art. Nr. 8. 260 Seiten. 



194 Gesellschaft naturforschender Freunde, Berlin. 



zwischen der Harnblase und dem Penis; die Prostata- 
Drüsen sind ungestielt, stark traubig, ungefähr halb so 
gross wie die Harnblase und reichen bis zur halben Höhe 
dieses Organs. 

George arbeitete an Pr. capensis; ich weiss nicht, ob 
die von mir angegebenen Unterschiede individueller Natur 
sind oder als eigenthümliche Species-Charaktere aufgefasst 
werden müssen. 

Derselbe legte hierauf neue Säugethiere aus den 
Sammlungen der Herren Zenker, Neumann, Stuhl- 
mann und Em in vor und beschrieb dieselben: 

In einer Sendung von Säugethieren , welche der ver- 
diente Leiter der Yaunde-Station , Herr G. Zenker, ge- 
sammelt hat. befinden sich mehrere interessante Formen. 
Die Yaunde-Station liegt ungefähr unter 11° 41' östl. L. 
und 3° 49' südl. Br. im südlichen Kamerun-Gebiete. 

1. 

Idiurusgeh. nov. (Bio; 6'jpd — mit eigentümlichem Schwanz). 

Genus nov um Rodentium, habitu Anomal uri; patagium 
et uropatagium a metatarso; cauda corpore longior, supra 
brevipilosa, pilis raris longissimis per tres series longitudi- 
nales obsita — subtus glabra, ciliis per tres series longi- 
tudinales pectinata — ad apicem penicillata. 

Die äussere Erscheinung des leider nur in einem ein- 
zigen Exemplare vorliegenden Idiurus erinnert an diejenige 
der Anomalurus- Arten. Die Krallen der Finger und Zehen 
sind ebenso zusammengedrückt, zwischen den Gliedmassen 
ist eine Flatterhaut ausgespannt, wie bei jenen, und an der 
Unterseite des Schwanzes befinden sich nahe der Schwanz- 
basis dicke, hornige Schuppen. 

Im Einzelnen hat Idiurus mit Anomalurus folgende 
Merkmale gemeinsam : Gestalt der Ohren, Nasenlöcher, Bart- 
haare, der Flatterhaut im Allgemeinen, die Art der Be- 
haarung des Körpers und die Gestalt der Finger und Zehen. 

Dagegen unterscheidet sich Idiurus in folgender Weise: 

Die Nase springt knopfförmig vor. 



Sitzung vom 16. October 1894. 



195 



Die vier Finger sind ungefähr gleich lang, der Daumen 
ist nur als nagelloser Ballen angedeutet. An der Hand- 
fläche stehen vier Ballen hinter der Basis der Finger, von 
denen der innerste am kleinsten ist; neben dem äussersten 
stehen zwei kleine runde Ballen untereinander. Unter diesen 
sieht man einen kleineren Wulst und an der Handwurzel 
jederseits eine breite Schwiele, von denen die innere dicht 
unter dem Daumenrudiment sitzt und kleiner als die 
äussere ist. 

Von den Zehen ist die erste die kürzeste, die übrigen 
sind ungefähr gleich lang. An der Fusssohle bemerkt man 
sechs Ballen hinter der Basis der Zehen, von denen der 
äusserste und der innerste die kleinsten sind. Auf der 
Tibialseite steht ein langer Wulst, welcher bis zur Hacke 
reicht und mitten auf der Sohle sieht man zwei kleine, 
runde, centrale Ballen unter einander. EinAussenwulst 
an der Fibularseite fehlt. Die Fusswurzel ist nackt. 

Die Körperflatterhaut erstreckt sich zwischen Ober- 
und Unterarm und von diesem bis zur Aussenseite des 
Metatarsus; sie wird wie bei Anomalurus durch eine vom 
Olecranon ausgehende Knorpelspange gestützt. Die Schwanz- 
flughaut dehnt sich einerseits bis an den Aussenrand 
der Fuss wurzel, andrerseits bis dahin über den Schwanz 
aus, wo die Subcaudalschuppen anfangen und umhüllt den 
Schwanz bis auf Vß seiner Länge. 

Der Schwanz ist ohne Quaste ungefähr um die 
Hälfte länger als der Körper mit dem Kopf, mit der 
Quaste noch einmal so lang als derselbe. Die Schwanz- 
basis wird wie bei Anomalurus von der dichtbehaarten 
Flughaut bedeckt; auf der Unterseite umschliesst hinter 
derselben noch -i mm weit eine faltige Haut dieselbe. 
Hinter dieser stehen auf der Unterseite ungefähr 15 schiefe 
Reihen von je 3—4 kleinen rundlichen, kaum 1 mm 
langen Hornplatten, unter denen einzelne kurze Borsten 
hervorragen. Dann verschwinden die Schuppen allmählich, 
die Unterschwanzhaut zeigt nur noch parallele Querfalten, 
welche nach hinten zu schwächer werden. Von der faltigen 
Haut an zieht sich bis zur Schwanzspitze jederseits auf der 

8* 



196 Gesellscliaft naturfor seilender Freunde, Berlin. 



Unterseite ein Kamm starker, vorn V/2— 2 mm langer 
Wimpern, die dicht nebeneinander stehen und nach hinten 
an Grösse zunehmen; ein ähnlicher Kamm beginnt auf der 
Mitte der Unterseite dicht hinter den Hornschuppen und 
hört vor dem letzten Schwanzdrittel auf; in demselben sind 
die Wimperhaare kürzer und auf der Mitte der Länge am 
stärksten. Der seitliche Wimperkamm geht an der Schwanz- 
spitze in eine pinselförmige Schwanzquaste über, deren 
Haare 30 mm lang sind. 

Die Oberseite des Schwanzes ist kurz behaart und 
mit je einer Reihe von 30 — 40 mm langen, in kurzen 
Zwischenräumen aufrecht stehenden Haaren auf der Mitte 
und den beiden Seiten besetzt. 

Die Flatterhaut wird am Rande von ganz kurzen Haaren 
bedeckt. 

Der Schädel von Idiurus zeigt folgende Eigentüm- 
lichkeiten : 

Infraorbital foramen gross, nicht rundlich wie bei 
Anomalurus, sondern länglich oval, sein Längsdurchmesser 
grösser als die Länge der oberen Molarenreihe, sein Unterrand 
sehr schmal und dünn. Der Jochbogen beginnt in der 
Höhe des kleinen rundlichen Foramen incisivum 
weit vor den Molaren. Backzähne j, klein, abgerundet 
quadratisch mit ziemlich parallelen Querfurchen. 
Obere Incisiven stark zusammengedrückt, dreimal so tief 
wie breit, an der Unterseite scharf rechteckig abgekaut, vorn 
gelblich-orange; untere Schneidezähne ebenfalls stark zu- 
sammengedrückt. Eine Parietal crista ist nicht deutlich; 
Stirnbein ohne Postorbitalfortsatz; Unterkiefer mit hohem 
Kronfortsatz, der mit dem Gelenkfortsatz so durch 
eine Knochenbrücke verbunden ist, dass ein Fenster ent- 
steht; der Angulus entspringt in der Fortsetzung der unteren 
Knochendecke der Schneidezahnalveole. 

Fibula mit der Tibia in der unteren Hälfte verwachsen. 
13 Paar Rippen. 

Diese merkwürdige Form unterscheidet sich von Ano- 
malurus durch den sonderbar behaarten Schwanz, die eigen- 
thümlich angeordneten Hornschuppen, durch andere An- 



Sitzung vom 16. October 1894. 



197 



heftung der Flatterhaut. Im Schädelbau weicht sie ab durch 
stark zusammengedrückte Incisiven. länglich ovales Infra- 
orbitalloch, durch den Bau des Jochbogens und die Fenster- 
bildung im Unterkiefer. 

Ueber die verwandtschaftlichen Beziehungen von Idiurus 
ist vorläufig nicht viel zu sagen. Mit den Hystricomorphen 
hat er nichts zu thun. weil sein Unterkieferwinkel in. der 
Fortsetzung der unteren Knochendecke der Schneidezahn- 
alveole entspringt; von den Myoinorphen unterscheiden ihn 
die in der oberen Hälfte getrennten Unterschenkelknochen 
und die Anzahl der Molaren (y). von den Sciuromorphen 
das grosse Infraorbitalloch und die vollständige Verwachsung 
der Unterschenkelknochen im unteren Ende. Wir müssen 
also Idiurus zu Myoxus, Anomdlurus und Dipas in die von 
Zittel vorgeschlagene Familie Protrogomorpha stellen. Der 
weit vor den Molaren eingelenkte Jochbogen und das Fenster 
im Unterkiefer weisen auf eine gewisse Verwandtschaft mit 
Dipus hin; die Zähne und die allgemeine Schädelform er- 
innern an Myoxus und die äussere Erscheinung des Thieres 
gleicht der von Anomdlurus. 

Eine genauere anatomische Untersuchung des Idiurus 
hoffe ich demnächst zu veröffentlichen. 

Idiurus zenkcri Mtsch. spec. nov. 

So gross wie eine kleine Hausmaus (M. musculus L.). 
Rücken und Oberseite der Flatterhaut mit dichten, weichen, 
isabellbraunen. am Grunde schwarzgrauen Haaren bedeckt; 
unterseits aus gelbgrau und dunkelgrau gemischt, an der 
Flughaut mehr silbergrau. Rand der Flughaut auf der 
Oberseite und ganze Unterseite derselben kurz dunkelgrau 
behaart. Schwanzhaare im ersten Drittel gelblich, im 
übrigen dunkelbraun; Oberseite des Schwanzes schwärzlich - 
grau. — Schnurrhaare halb so lang wie der Körper, die 
oberen schwarzbraun, die unteren gelblichbraun. Hand- 
wurzel auf der Aussenseite mit einem Kamm starker Haare, 
Fusswurzel mit mehreren Büscheln langer, feiner Härchen. 
Nägel gelbbraun. Nase mit hellbraunen kurzen Haaren 
bedeckt, Ohren fein dunkel behaart. Hände und Füsse 

8** 



198 



Gesellschaft naturfor seilender Freunde, Berlin. 



kurz gelblichbraim behaart. Lippenbehaarung wie bei 

Anomalurus. 

Schädel: Aehnlich Myoxus im Umriss, aber mit stark 
vorspringendem, zusammengedrücktem schmalen Nasentheil: 




Idiurus^zenkeri Mtsch. 
Nach der Natur gezeichnet von Anna Held. 



Sitzung vom 16. October 1S94. 



199 



Nasalia reichen bis in die Höhe des vorderen Jochbogen- 
randes und sind hinten ohne Spitze; sie greifen vorn ver- 
breitert auf die seitliche Nasenwand über; Frontalia un- 
gefähr vorn geradlinig, hinten und über den Augenhöhlen 
flach ausgerundet, etwas länger als breit, ohne wie bei 
Anomalnrus über die Augenhöhle vorzuspringen. Parietalia 
ohne Crista; Interparietale dreimal so lang wie breit, hinten 
geradlinig, vorn sehr stumpfwinklig begrenzt. Auf den Fron- 
talen sind jederseits drei wulstige Erhöhungen bemerkbar, 
von welchen die mittlere der bei Anomdlurus vorhandenen 
in Form und relativer Grösse entspricht. Jochbogen un- 
gefähr wie bei Anonialurus, aber am Proc. zyg. oss. temp. 
scharf abgesetzt und in der unteren Begrenzung des Infra- 
orbitalforamens stabförmig verschmälert; diese Knochen- 
brücke reicht nach unten bis dicht neben das rundliche, 
kleine Foramen incisivum in eine Linie mit dem inneren 
Rand der Zahnreihe. Infraorbitalforamen gross, elliptisch. 
Gaumenbein fast doppelt so breit wie die Zahnreihe, hinten 
ähnlich wie bei Anomalunts , der hintere ovale Einschnitt 
desselben erreicht die Höhe des vorletzten Molar. Auf dem 
fleischigen Gaumen drei parallele Querfalten. Unterkiefer in 
der allgemeinen Form wie bei Anomalurus, aber kürzer, 
mit sehr scharf zusammengedrückten Incisiven und einer 
Knochenbrücke zwischen den Proc. coronoideus und con- 
dyloideus, welche unterhalb der Spitze des Proc. coron. be- 
ginnt und bis dicht an die Gelenkfläche für den Oberkiefer 
reicht. 

Obere und untere Schneidezähne gelblichorange, 7— 8mal 
so lang wie breit, vorn glatt. Obere Molaren in fast paral- 
lelen Reihen, pm 1 3 /± so gross als der erste resp. der un* 
gefähr gleich lange zweite Molar, m 3 um die Hälfte kleiner. 
Dieselben sind sehr stark abgekaut; alle mit 2 Querleisten 
und 3 flachen Quergruben, m 3 nur mit 1 Querleiste und 
2 Gruben. Die Molarenreihe ist von der unteren Wurzel 
des Processus zygomaticus resp. von dem Incisivforamen 
ungefähr um die eigene Länge entfernt und nimmt noch 
nicht den sechsten Theil der Basallänge ein. 

Im Unterkiefer ist der Praemolar der kleinste Zahn, 



200 Gesellschaft naturforschender Freunde, Berlin. 



ra 3 nur wenig kleiner als m 2 und dieser — mi, die Zeich- 
nung der Zähne gleicht derjenigen im Oberkiefer. 

Maasse: Kopf und Körper 65 mm; Schwanz 100; 
do. mit Endpinsel 130; Hinterfuss 15; Ohr 12.5; Tibia 24; 
Hinterfuss bis zur Vorderseite der vorderen Sohlenballen- 
reihe 11; Schwanzwurzel bis zur ersten Hornschuppe 16; 
Nasenspitze bis zum oberen Lippenrande 7,5. 

Schädel: Basallänge 17 mm; Nasalia 5; grösste Breite 
derselben 3,25; grösste Länge des Schädels 22; Höhe des 
vorderen oberen Nasalrandes über dem Unterrande der 
Schneidezahnalveole 8,75; Entfernung desselben vom vor- 
deren unteren Rande des Infraorbitalforamen 7; grösste 
Länge des Jochbogens 10; geringste Breite der Frontalia 6; 
Länge derselben 9; Länge der Parietalia 7; des Inter- 
parietale 3; Breite desselben 9,25; grösste Breite des 
Schädels 13; Länge des Forameu incisivum 1 mm; der 
oberen Molarenreihe 2.8; Entfernung der äusseren Ränder 
der beiden Reihen 3,5; der inneren Ränder derselben 2; 
Entfernung des pin 1 vom Gnathion 6, von der Bulla 6; 
hinterer Gaumenrand bis zum Gnathion 8,5; Höhe des 
Foramen infraorbitale 4.1; Breite desselben 1,75; Entfernung 
der hinteren oberen Ränder derselben von einander 8; 
Entfernung der unteren Aeste des Proc. zygomaticus am 
Foramen incisivum von einander 2. — Unterkiefer: grösste 
Länge des Knochens 11,5; von der Spitze des Schneide- 
zahns bis zum Condylus 14; bis zum Proc. angularis 12,9; 
bis zum hinteren Eude der Symphyse 7.25; von dort bis 
zur Spitze des Proc. coronoideus 9,8, bis zum Condylus 10,5; 
Entfernung des unteren Randes des Angulare von der Spitze 
des Proc. coron. 8; schmälste Stelle des Unterkiefers bei 
der Molarenreihe 3,5; Länge der unteren Molarenreihe 2,5 mm. 
Das vorliegende Exemplar ist ein sehr altes Weibchen. 

2. 

Scotonycteris gen. nov. 
(axoTo$ Dunkelheit, vuxxeptg Fledermaus). 
Genus novum Pteropodidarum ; dentes incisivi ^\ 
canini \\ molares |-; index unguiculatus; cauda minima; 
patagium ab hallucis basi ad dorsi latera. 



Sitzung vom 16. October 1894. 



201 



Von fruchtfressenden Fledermäusen leben in der orien- 
talischen Region 5 Gattungen: Pteropus, Xantharpyia, Cynop- 
terus, Eonycteris und Carponycteris. Für Afrika sind be- 
kannt: Eponiophorus, von Pteropus durch die geringe Zahl 
der Molaren unterschieden, Xantharpyia . Leiponyx , wie 
Eonycteris ohne Index-Kralle, aber nur mit 4 oberen Mo- 
laren, und Megdloglossus. nahe verwandt mit Carponycteris, 
jedoch mit anderer Anheftnng der Flughaut an den Zehen. 
Eine Cynopterus ähnliche Fledermaus mit einer Kralle am 
zweiten Finger und an die erste Zehe angehefteter Flug- 
haut war noch nicht aus der aethiopischen Region bekannt, 
ausser der von Peters beschriebenen Cynonycteris grandi- 
dieri. Diese Form kenne ich nicht; sie hat Molaren und 
8,5 mm langen Schwanz, gehört also sicher nicht zu der 
von mir zu beschreibenden Form. Die von Herrn Zenker 
gesammelte Fledermaus hat eine Kralle am zweiten Finger; 
der Schwanz ist äusserlich nicht sichtbar; die Flughaut 
heftet sich an den Rücken der ersten Zehe an. Man kann 
diese Form mit Cynopterus vergleichen, obwohl sie durch 
den Mangel eines Schwanzes und durch das Gebiss von 
demselben sich gut unterscheidet. 

Eponiophorus hat weniger Molaren als Pteropus, Lei- 
ponyx weniger als Eonycteris', ebenso ist auch bei Scoto- 
nycteris eine Reduktion in der Zahl der Backzähne gegen- 
über dem asiatischen Cynopterus zu bemerken. 

Scotonycteris sieht aus wie ein kleiner Eponiophorus', 
die Nasenlöcher, die senkrechte Lippenfurche, die Ohren, 
die Gestalt der Gliedmaassen sind sehr ähnlich ; der Meta- 
carpus des Mittelfingers ist etwas grösser als der zweite 
Finger ohne Kralle, etwas kleiner als dieser mit Kralle. 
Die Flughaut heftet sich an die Seite des Körpers und an 
den Rücken der ersten Zehe an. Der Schwanz ist nur als 
spitzes Knötchen zu fühlen; die Schwanzflughaut ist unter- 
halb des Afters 5 mm breit. 

Bezahnung: Inc. \\ can. -[^-; pm -^-; m -^E^- 

Von Eponiophorus, welcher ebenso viele Zähne wie 
Scotonycteris hat. unterscheidet sich dieselbe durch die An- 



202 Gesellschaft naturf or sehender Freunde, Berlin. 

heftuug der Flughaut an die erste Zehe, durch die stärker 
gekrümmten Caninen und dadurch, dass der hinterste Zahn 
in beiden Kiefern im Querschnitt rund und bedeutend kleiner 
als der vorletzte Zahn ist. 

Scotonycteris zenkeri Mtsch. spec. nov. 

Behaarung dicht wollig. Auf der Nase bis zur Stirn 
eine scharf abgesetzte weisse Längsbinde, am hinteren Augen- 
winkel jederseits ein weisser runder Fleck. Rücken und 
Kopf gelblich weissgrau, schmutzig braun verwaschen; jedes 
Haar weisslich braun mit dunkelbrauner Basis und schmutzig 
rostbrauner Spitze. Bauch gelblich weissgrau; Flanken 
und Körperseiten graubraun; Flughaut dunkelbraun, oben 
bis zu einem Drittel der Länge des Unterarmes und Unter- 
schenkels dünn braun behaart, auf der Unterseite nur am 
Ellenbogen mit dünner gelbgrauer Behaarung. Daumen 
sehr lang. Krallen schwarz. 

Auf dem Gaumen steht zwischen den starken krummen 
Eckzähnen eine nach hinten etwas ausgebogene Falte; ferner 
hinter dem 2,5 mm langen Diastema neben den vorderen 
Ecken der 3 Molaren je eine schwach nach vorn gewölbte 
Falte und eine weitere ähnliche hinter dem letzten Back- 
zahn. Diese 4 Falten haben ungefähr gleiche Abstände. 
Hinter diesen folgen zunächst zwei schwache, nach vorn 
ausgebogene gezähnelte Falten, dann ein 2 mm breites 
freies Feld und dahinter 5 nach vorn winklige gezähnelte 
Falten, deren letzte die kleinste ist. Die Zunge gleicht in 
der Form und Gestalt der von Epomophorus pusillus, aber 
die zugespitzten Papillen an den Seiten sind länger und 
auch die drei nach hinten gerichteten Zähnchen der Pflaster- 
platten auf dem Mittelfelde sind stärker entwickelt. 

Die vier oberen Schneidezähne stehen in gleichen Ab- 
ständen von einander, sind spitz kegelförmig und haben un- 
gefähr gleiche Grösse. Die Caninen sind fangzahnförmig 
gekrümmt; zwischen diesen und den Molaren befindet sich 
ein grosses Diastema, pin 1 ist etwas grösser als pm 2 , m 1 
halb so gross wie pm 2 und ziemlich rund im Querschnitt. 
Im Unterkiefer stehen die Incisiven in 2 Reihen. Die 



Sitzung vom 16. October 1894. 



203 



mittleren sind kleiner als die etwas nach hinten stehenden 
äusseren Schneidezähne, pnii ist ebenso hoch, aber etwas 
breiter als die mittleren unteren Incisiven; pm 2 ist der 
grösste Molar. pm 3 und rui sind ungefähr gleich gross und 
abgerundet quadratisch, m 2 ist rund im Querschnitt und 
so gross wie pm t . 

Die Ohren sind etwas länger als die Mundspalte, oval 
abgerundet. Das einzige Exemplar, welches mir vorliegt, 
ist ein Weibchen mit starken Brustwarzen. Der Schädel 
ist dem von Epomophorus ähnlich. 

Maasse: Kopf und Körper 65 mm; bis zur Mitte der 
Schwanzflughaut 77; Öhr 17; Daumen mit Kralle 24; 
von der Flughaut bis zur Krallenspitze 15; Unterarm 53; 
Index-Finger ohne Kralle 35; 3. Finger: Metacarpus 35.5; 
1. Glied 25; 2. Glied 32; 4. Finger: Metacarpus 35; 
1. Glied 19; 2. Glied 19; 5. Finger: Metacarpus 37; 

I. Glied 17.5; 2. Glied 18; Tibia 21; Fuss ohne Kralleu: 

II. 5; mit Krallen 12. 

Schädel: Grösste Länge 25.5; Basallänge 24; grösste 
Breite 28; Länge der Nasalia 7,5; Breite der Stirnbeine 
zwischen den Augen 5.3; Entfernung der Spitzen der Proc. 
postorbitales von einander 9; Diastema 2,5; Länge der 
Keine der oberen Molaren 5; Gnathion bis zum Hinter- 
rande von m 1 10.2; Entfernung der Aussenränder von 
m 1 8.2; Entfernung der Spitzen der oberen Caninen 5; 
Länge der unteren Zahnreihe von dem Vorderrande der 
Alveolen der mittleren Incisiven bis zum Hinterrande von 
von m 2 11. 

$ ad. Yaunde Station. Zenker coli. 

3. 

Unter den von Herrn Oscar Neumann gesammelten 
und in hochherziger Weise dem Königl. Museum für Natur- 
kunde als Geschenk überlassenen Säugethieren befinden sich 
u. a. mehrere in Alcohol conservirte und einige trocken 
präparirte Mäuse, welche ich mit keiner der bekannten Arten 
zu vereinigen im Stande bin. Ich benenne sie deshalb dem 
Forscher zu Ehren: 



204 Gesellschaft naturf ersehender Freunde, Berlin. 



Mus neumanni Mtsch. spec. nov. 

Mus. äff. dorsali A. Sm., sed sine linea dorsali media 
nigra, digito antico externo unguiculato, auribus ferrugineis. 

Hab. Burunge prope Irangi; Massai Nyika inter Mgera 
et Irangi. 0. Neumann. coli. 6 ex. 

Grösse von M. dolichurus. Haare der Oberseite denen 
von dorsdlis sehr ähnlich, vielleicht noch etwas weniger 
weich; sie sind am Grunde dunkelbraun und vor der 
schwarzen Spitze fahlbraun. Zwischen ihnen stehen zahl- 
reiche schwarze Haare. So erscheint der Rücken braun, 
bald fahler, bald satter, mit dunkler Sprenkelung. fast 
genau wie bei dorsalis, nur etwas fahler. Die Ohren sind 
rostbraun behaart (bei dorsalis tief röthlich orange), reichen 
angelegt nicht bis zum Auge und sind ziemlich rund. Hände 
und Füsse hellgelblichbraun; Schnauzenspitze ockerbraun; 
ein Ring um das Auge hellröthlichbraun. Haare vor der 
Schwanzbasis bei dem ältesten Exemplar stark roströthlich 
überflogen. Schwanz oben dunkelbraun, unten graubraun, 
dicht, aber fein behaart, so dass man die Schwanzringe 
noch gut erkennen kann, von denen 20 auf einen Centi- 
meter gehen. Schwanz ungefähr so lang wie der übrige 
Körper, meistens etwas kürzer. Unterseite und Oberlippe 
weiss, etwas grau überflogen. 

Ueber die Anzahl der Saugwarzen vermag ich nichts 
zu sagen, da alle untersuchten Exemplare Männchen sind. 
Vorderfüsse mit 4 bekrallten Zehen, einer Daumenwarze, 
5 Handtellerwarzen und 2 grösseren Metacarpalwülsten. 
Füsse mit 5 bekrallten Zehen, 4 Sohlen- und einer Meta- 
tarsalwarze. Die 3 inneren Zehen und die beiden äusseren 
Zehen je gleich lang. 

Der Schädel ist im Profil, im Bau und in der An- 
ordnung der Zähne wie derjenige von dorsalis; die Iuter- 
orbitalgegend ist jedoch nicht so stark eingeschnürt. 

Kopf und Köper 91 — 124 mm; Schwanz 90—105; 
Hinterfuss: 24; Entfernung der Hacke vom Vorderrand 
des letzten Sohlenhöckers 11; Ohr vom Schädel zur 
Spitze 13. 



Sitzung vom 16. October 1894. 



205 



Schädel: Basallänge 24—26 mm; bis zum Vorder- 
rand des Interparietale vom Gnathion 23,5—26,5; Nasalia: 
Länge 9,75—11; Breite 3 -3,9; grösste Breite des Schädels 
14,75 — 15,5; Interorbitalbreite 4,9 — 5; Breite zwischen den 
Aussenecken der Infraorbitalforamina 7,5—8; Interparietale: 
Länge 8 — 10; Breite 3,3—3,9; Jochbogen vorn 4—4,9 breit; 
Gaumen-Länge 14—15; Diastema 6,3 — 6,9; Breite der 
oberen Molaren 6; Breite von in 1 2. 

Die hübsche Mus neumanni verhält sich zu Mus dor- 
salis ähnlich, wie Mus abessinicus zu Golunda fallax. In 
der Färbung stehen sie sich ausserordentlich nahe; G. fcdlax 
hat wie dorsalis einen Nagel an der Aussenzehe, abessinicus 
wie neumanni eine Kralle an derselben; fallax ist abessinicus 
sehr ähnlich in der Färbung, dorsalis ahm neumanni. G. fallax 
hat stets tief gefurchte Zähne, abessinicus zuweilen schwach 
gefurchte; dorsalis und neumanni glatte Zähne. 

Burunge liegt unter 36° östl. Länge und 5° 10' südl. 
Breite in Deutsch-Östafrika. nahe Irangi; die Massai Nyika 
liegt genau östlich von Burunge. 

4. 

Pachyura leucura Mtsch. spec. nov. 
(Crocidura albicauda Noack, Jahrb. Hamb. Wissensch. Anst. IX, 
1891, p. 45., nec. Peters.) 

Pachyura laete cinnamomeo-grisea, subtus laete cinerea, 
pedibus cinereis; cauda alba. 

Hab. Zanzibar; zwischen der Küste und dem Victoria- 
See auf der G. A. Fischer' sehen Route. 

Einen weissen Schwanz hat auch albicauda Ptrs. 
(v. d. Deckens Reisen, Säugeth., p. 7, Taf. IV), aber diese 
Spitzmaus ist eine Crocidura mit 8 Zähnen im Oberkiefer 
und ausserdem sieht das Gebiss von leucura ungefähr so 
aus wie das von petersi bei Dobson, Monogr. Insect., 1890, 
Taf. XXVIII, No. 17; nur steht i 3 nicht dicht neben pm 4 , 
sondern ist von demselben durch den kleinen, ganz nach 
innen gerückten pm 1 getrennt und der Basalzacken von i 1 
ist fast so hoch wie i 3 . 



206 Gesellschaft naturf orscheiider Freunde, Berlin. 



Entfernung von i 3 und pm 4 = 7 mm. Körper 90—110, 
Schwanz 60 -80 mm. 

Oberseite hell zim metgrau, Beine und Unterseite hell- 
grau; Schwanz ziemlich dicht weiss behaart; die langen 
Stichelhaare weiss. 

Herr Professor Dr. Noack hat ein von Stühlmann 
auf Zanzibar gesammeltes Exemplar, welches ich durch die 
Güte des Herrn Professor Dr. Kraepelin untersuchen durfte, 
als Croc. albicanda Ptrs. bestimmt. Crocidura albicauda 
hat 8 obere Zähne jederseits und wie die Abbildung (1. c, 
Taf. IV) zeigt, ein ganz anders gebildetes Gebiss. Das 
Exemplar von Stuhlmann ist eine Pachyura. 

Hinsichtlich der genaueren Beschreibung dieser Art 
verweise ich auf die von Herrn Noack gegebenen Mit- 
theilungen (1. c, p. 45). l ) 



l ) Hierbei möchte ich bemerken, dass nach Vergleichung des in 
der oben erwähnten Arbeit behandelten Original-Exemplares von Stuhl- 
mann es sich herausgestellt hat, dass Crocidura aequatorialis INoack 
(1. c, p. 46) = Croc. yracilipes Ptrs. ist. Ausserdem muss Phyllorhina 
rubra Noack (Zool. Jahrb., VII, 1893, p. 586) eingezogen werden, 
weil sie auf einen Balg von Phyll. caffra Sund, mit ausgestülptem 
Schwanz begründet ist, dessen letzte Wirbel noch in der Schwanz- 
spitze sitzen, während der Rumpf mit den übrigen Schwanzwirbcln 
beim Präpariren entfernt wurde. Auch die Zool. Jahrb., II, 1888, 
p. 272 beschriebene Phyllorhina commersoni var. marungensis ist nur 
deshalb verschieden von commersoni, weil der Nasenaufsatz bei den 
trocken präparirten Objecten etwas eingetrocknet ist. 

Dagegen ist Crocidura //.schert Pgktch. keineswegs mit albicauda 
Ptrs. oder gar mit meiner leucura identisch, wie (1. c, Jahrb. Hamb. 
Wiss. Anst., IX, p. 145) angenommen wird. („Mit Crocidura albicauda 
identisch und daher als Art einzuziehen ist Crocidura ßscheri Pagen- 
Stecher. Es kann über die Identität, welche Pagenstecher selbst 
gesehen haben würde, wenn er die Beschreibung der von ihm gar 
nicht erwähnten Crocidura albicauda verglichen hätte, absolut kein 
Zweifel herrschen.") Croc. ßscheri hat einen 48 mm langen Schwanz 
bei einer Körperlänge von 92 mm, ist unten schneeweiss und oben 
blaugrau mit bräunlichem Schimmer. Eine Verwechslung mit albicauda 
oder leucura ist schlechterdings schwer möglich, weil Croc. albicauda 
oben braun, unten grau ist und bei 110 mm Körperlänge einen 
70 mm langen Schwanz hat, leucura Mtsch. aber oben zimmet- 
grau, unten hellgrau ist und einen mindestens 60 mm langen Schwanz 
besitzt. 



Sitzung vom 16. October 1894. 



207 



Herr VON Martens zeigte mehrere neue Süsswasser. 
Conohylien aus Korea vor. welche Dr. Gottschje vor zehn 
Jahren während seiner Reisen in jenem Lande gesammelt 
und später dem zoologischen Museum in Berlin überlassen 
hat, im Anschluss an eine frühere Mittheilung in der Sitzimg 
vom 18. Mai 1886, Sitzimgsberichte S. 76—80. Die Süss- 
wasserfaima scheint in diesem Lande sehr reich zu sein, 
namentlich die Gattung Mdania und Unw, welche Messen- 
des Wasser lieben, entsprechend der unebenen Beschaffenheit 
des Binnenlandes: wie nicht anders zu erwarten war. 
schliessen sich die Formen einerseits an chinesische, an- 
dererseits an japanische an. manche so sehr, dass sie nicht 
wohl als davon verschiedene Arten gelten können, mehrere 
Beispiele davon sind schon in der oben erwähnten früheren 
Mittheilung angegeben, hierzu kommt nun noch eine Melanie 
mit schwacher Spiralskulptur, welche sich nicht leicht von 
der vielgestaltigen M. Uberlina A. Goüld aus Japan trennen 
lässt. Dagegen sind Melanien mit scharf ausgeprägter 
knotiger Skulptur, wie sie hier in mehreren Arten vorkommen, 
in Japan noch gar nicht, in China nur sehr einzeln ge- 
funden und müssen daher als besonders charakteristisch für 
Korea gelten. Eigen thumlich ist, dass bei mehreren derselben 
diese Skulptur im Laufe des individuellen Wachsthums in 
ähnlicher Weise sich verliert und verwischt, wie bei vielen 
Unionen. Die neuen Arten lassen sich etwa folgen derniassen 
charakterisiren : 

1. Melanin nodiperda. 

Testa oblonga, subturrita, decollata, striatula, plicis ver- 
ticalibus bi- vel trinodosis (in anfr. penultimo 13) obscure ful- 
vofusca; anfr. superstites 3— 5, ultimus plicis obsolescentibus. 
cingulo peripherico elevato subnodoso et cingulis basalibus 
2 sublaevibus sculptus; apertura V* vel 2 /s testae decollatae 
occupans, ovata, parum obliqua. margine externo tenui. 
subarcuato, membranaceo-limbato , basali et columellari re- 
cedentibus, incrassatis, albis, fauce coerulescente. Long. 
24—31, diam. 12— 14 1 /«, apert. long. IOV2— I3 l /t, lat. 
7 — 8 V2 mm. 



208 Gesellschaft natur forschender Freunde, Berlin. 



Imjingang, Yongsongpo am Sejingang und Hatanggyöng 
am Naemingyang, Korea, Dr. Gottsche. 

Die Knoten auf den Falten der vorletzten und dritt- 
letzten Windungen stehen so, dass gleich unterhalb der Naht 
ein kleiner und schwacher steht, die zwei andern aber gleich 
gross sind und ungefähr gleich weit von einander wie von 
der nächstobern oder nächstuntern Naht stehen. Auf der 
letzten Windung schwinden die Falten und Knoten mehr 
und mehr, die obern Knoten verbinden sich zu einem der 
Naht nahen, schmalen Spiralgürtel, die beiden andern bleiben 
mehr isolirt, in der Regel noch deutlich auf der ersten Hälfte 
und verlieren sich fast ganz auf der zweiten Hälfte der 
Windung; dagegen tritt ein deutlicher Spiralgürtel in der 
Peripherie auf, vom obern Gürtel der Mündung an beginnend, 
der auf den früheren Windungen durch die untere Naht 
verdeckt war; dieser Gürtel trägt anfangs mehr oder weniger 
regelmässige Knoten, verliert dieselben aber gegen die 
Mündung zu; unterhalb desselben, in der untern Hälfte, sind 
noch zwei erhabene Spiralgürtel ohne Knoten. 

Mel. Gottschei (Sitzungsberichte d. Gesellsch. naturf. 
Freunde 1886, S. 78) unterscheidet sich von dieser Art 
dadurch, dass die oberste Knotenreihe die stärkste ist, 
während die zwei folgenden schon auf der drittletzten 
und vorletzten Windung mehr miteinander verschmelzen, 
ferner dadurch, dass die einzelnen Windungen langsamer 
an Umfang zunehmen und die Gestalt der ganzen Schale 
mehr cylindrisch als eiförmig ist. 

Als Varietäten möchte ich einzelne Stücke von gleichem 
Fundort bezeichnen, bei welchen auf der vorletzten und 
drittletzten Windung je nur Ein starker Knoten auf jeder 
Falte vorhanden ist, und zwar scheint diese Abänderung 
auf zweifache Weise entstanden: bei dem einen Stück ist 
dieser Knoten auf der vorletzten und drittletzten Windung 
wie aus 2 dicht übereinderstehenden zusammengesetzt, also 
die zwei stärkeren Knoten der typischen Form hier zu- 
sammengerückt, bei dem andern Stück sind oberhalb des 
starken Knotens noch zwei schwächere, also der zweite 
bei der typischen Form dem dritten gleich hier schwächer 
geworden. 



Sitzung vom 16. October 1894. 



209 



Var. uniserialis. 
Nur eine Reihe starker Knoten auf der drittletzten und 
vorletzten Windung, der untern der typischen Form ent- 
sprechend, die beiden andern Reihen fehlend oder schwach 
ausgebildet. Die vorliegenden zwei Exemplare noch nicht 
ganz erwachsen, das 'grössere ohne obere Knoten, 21 mm 
lang, 11 breit, Mündung 10 lang, 6V2 breit. Imjingang, 
Dr. Gottsche. 

Var. connectens. 
Mehr cylindrisch-gethürmt von der Form der M.Gottschei, 
aber die Knoten der obersten Reihe doch kleiner als die 
der beiden andern Reihen; die entsprechenden Knoten dieser 
beiden Reihen verbinden sich zuweilen zu einer Vertikal- 
falte, während au demselben Individuum die Mehrzahl ge- 
trennt bleibt. 

a) Länge 32, Breite 14 mm; Mündung 13 lang, 8 breit; 
5 Windungen erhalten. 

b) Länge 31, Breite 12 mm; Mündung IOV2 lang, 
7 breit; 5 Windungen erhalten. 

c) Länge 31, Breite 12 mm; Mündung 12 lang, 7 breit; 
6V2 Windungen erhalten. 

d) Länge 29, Breite 13 mm; Mündung 13 lang, 
77» breit; 5 Windungen erhalten. 

Saejang-kori am Tatunggang, 10 Ii oberhalb Singei 
(a, b) und Pungdung (c, d), Korea, Dr. Gottsche. 

Var. pertinax. 

Abgekürzt, eiförmig. Spitze kariös, aber nicht ganz ver- 
loren, Knoten auf der vorletzten Windung in 3 Reihen, die 
der obersten kleiner, die der dritten Reihe öfters von der 
Naht halb verdeckt; auf der letzten Windung 5—6 Knoten- 
reihen, die drei oberen denen auf der vorletzten Windung 
entsprechend, die zwei, selten 3 anderen der Unterseite an- 
gehörig; meist sind diese Knoten bis zur Mündung hin noch 
deutlich, seltener mehr oder weniger geschwunden. Die 
Exemplare, an denen die Spitze noch deutlich zu erkennen, 
haben 6 Windungen; Länge 21. Breite 1372 mm; Mündung 
12 lang. 8 breit. 



210 



Gesellschaft natur forschender Freunde, Berlin. 



Saejang-kori, mit der vorigen zusammen geschickt, 
aber ohne Uebergänge zu derselben. 

Mel Aubryam Heude aus China scheint dieser Art 
nahe zu stehen. 

2. Melania graniperda. 

Testa ovato-oblonga, modice decollata, plicis verticalibus 
6— 8-nodulosis 16 — 18 in anfractu antepenultimo et penul- 
timo, cingulis elevatis augustis 13—15, saepius subnodulosis, 
prope aperturam plerumque obsolescentibus in anfr. ultimo 
sculpta, fusca; anfr. superstites 3—4, regulariter ambitu 
crescentes. sutura superficiali, ultimus basi rotundatus; aper- 
tura 7a longitudinis testae decollatae superans, subverticalis, 
Heute ovata, intus coerulescens, margine externo leviter con- 
cavo nigrolimbato, basali latiuscule rotundato, vix produeto, 
columellari sat arcuato, dilatato, albo vel flavescente, fusco- 
limbato. 

a) Long. 21. diain. II 1 /«! apert. long. 11. diam. 7 mm 

b) „ 20, ;i 12 „ „ 11 72 , 672 „ 

c) „ 18, „ 13 „ „11 „ 7 „•„ 
(bei c nur 272 Winduugen). 

Nampvöng (a) und Imjingang(b. c), Korea. Dr. Gotische. 

Aehnlich einer kleineren Varietät der M. Goreana, wie 
solche bei Chölloug und Kuangju vorkommt, aber Knötchen 
und Gürtel zahlreicher, erstere mehr in Vertikalreihen ge- 
schieden, deren Abstände von einander grösser sind, während 
die Knötchen von oben nach unten dicht aneinander liegen 
und dadurch Vertikalfalten bilden; bei M. Goreana ist die 
Entfernung eines Knötchens vom nächsten in vertikaler 
Richtung fast ebenso gross, wie in der Richtung der Spirale. 

3. Melania quinaria. 

Testa oblonga, subturrita, decollata, striatula, plicis 
verticalibus in anfr. penultimo, circa 20, 4-nodosis, saepius 
obsolescentibus, fuscescenti-nigra; anfr. superstites 3, ultimus 
plicis tri-vel bi-nodosis, obsolescentibus, basi cingulis ele- 
vatis quinque (peripherico incluso) sculptus; apertura di- 
midiam testae decollatae partem subaequans, ovata, paruni 



Sitzung vom 16. Octöber 1894. 



211 



obliqua, margine externo tenui. subarcuato, submembranaeeo- 
limbato. basali et columellari recedeutibus. incrassatis. albis, 
fauce coerulescente. 

Long. 26, diam. 12, apert. long. 13, lat. 7 mm. 

Paikchi und Singei. Korea. Dr. Gottsche. 

Stebt in vielen Beziehungen der nodiperda nahe, aber 
die Knoten erhalten sich in der Regel wenigstens in zwei 
Reihen bis nahe an die Mündung und die Unterseite zeigt 
5 erhabene glatte Gürtel (den peripherischen miteingerechnet). 

4. Melania tegulata. 

Testa turrita, apice decollata, striatula. costis obtusis 
subarcuatis circa 20 in anfr. penultimo saepe obsolescentibus 
et linea spirali prominula paulo supra suturam in- 
feriorem in quovis anfractu sculpta, opaca nigra; anfr. 
superstites 4—5, ultimus costulis spiralibus obtusis. in 
superiore parte plus minusve obsoletis. in basi 5 (inclusa 
peripherica) magis distinctis sculptus; apertura 2 /s longitudinis 
totius testae aequans, ovata, parum obliqua. margine externo 
tenui, arcuato, basali et columellari recedeutibus, incrassatis, 
pallide coeruleis, fauce plumbeo-coeruleo. 

Long. 26, diam. 10, apert. long. 10. lat. 6 mm. 

Chiksan, Korea, Dr. Gottsche. 

Die Skulptur variirt insofern sehr, als zuweilen deut- 
liche etwas gebogene Falten auf allen Windungen bis zur 
vorletzten und undeutlich auch noch auf der letzten vor- 
handen sind, bald auch schon undeutlich oder kaum ange- 
deutet auf den früheren Windungen; auch der Grad der 
Biegung derselben variirt. Konstant ist die etwas vor- 
stehende Spirallinie nahe über der unteren Naht an jeder 
Windung; wenn die Rippen deutlich ausgeprägt sind, endeu 
sie hier nach unten plötzlich abbrechend. Nicht selten findet 
sich oberhalb dieser Linie eine zweite ähnliche auf der 
vorletzten Windung, die aber von den Rippen meist durch- 
setzt wird, doch nicht immer. 

Steht unter den in Korea gefundenen Arten ziemlich 
isolirt. 



8** 



212 Gesellschaft naturforschender Freunde, Berlin. 



5. Melania multicincta. 

Testa elongata, subturrita, apice eroso, cingulis elevatis 
angustis, 6 in anfr. penultimo conspicuis, 11 in ultimo usque 
ad basin, sculpta, interstitiis verticaliter striatis, fulvo-fusca; 
anfr. superstites 6—7, regulariter ambitu crescentes, sutura 
sat profunda, anfr. ultimus basi modice attenuatus ; apertura 
l ]$ totius longitudinis fere aequans, vix obliqua, intus 
coerulescens. margine externo concave arcuato. tenui, mar- 
gine basali subangulatini producto, coluniellari valde arcuato. 
dilatato, albido, fusco-limbato. 

Long. 31—33, diam. 12, apert. long. 12, lat. 672—7 mm. 

Yongsongpo und Chöllong, Korea, Dr. Gottsche. 

6. Melania succincta. 

Testa subcylindrica. turrita, decollata, striata, cingulis 
spiralibus parum elevatis 4 in anfractu penultimo, superiore 
magis distante. sculpta, nitida, olivaceo-fusca; anfr. 
superstites 4. ultimus cingulis iufra supremum obsolescen- 
tibus, et cingulis basalibus 5 (peripherico incluso) sculptus; 
apertura 2 /& testae decollatae longitudinis aequans, ovata, 
parum obliqua, margine externo tenui, arcuato, columellari 
et basali recedentibus, incrassatis, albis, fauce coerulescente. 

Long. 24, diam. 11, apert. long. 10 l /2, lat. 5 mm. 

Kwangju, Korea, Dr. Gottsche. 

Nahe verwandt mit M. Gottschei, die auch ebenda vor- 
kommt, aber durch den Mangel der kuotigen Vertikalan- 
schwellungen (mindestens schon auf der drittletzten und vor- 
letzten Windung) und die grössere Anzahl der Basalgürtel 
unterschieden. 

7. Melania extensa. 

Testa subcylindrica, turrita, decollata, costis verticali- 
bus subrectis crassiuseulis a sutura superiore ad inferiorem 
extensis non interruptis, circa 15 in anfr. penultimo et 
sulcis nonnullis spiralibus sculpta, nitida, laete fulva; 
anfr. superstites 4—5, plani, sutura sat profunda, ultimus 
costis obsolescentibus, basi cingulis obtusis circa 7 (peri- 
pherico incluso) sculptus; apertura 2 / 5 longitudinis testae 



Sitzung vom 16. October 1894. 



213 



decollatae aequans, ovata, parum obliqua, margine externo 
tenui, arcuato. nigrolimbato. basali porrecto, columellari 
recedente, subincrassato, albo, fauce coerulescente. 

Long. 20, diam. 7Va> aperturae long. 8, lat. 4 mm. 

Kwangju, Korea, mit der \ origen zusammen. Xampyöng 
und Chöngju, 36° 40' N. Br.. im südlichen Korea. Gottsche. 

Bei einigen Exemplaren sind die Rippen schon auf der 
vorletzten Windung nur in der Nähe der oberen Xaht scharf 
ausgeprägt und schwinden nach unten zu; bei einzelnen 
Stücken von Chöngju werden die Spiralfurchen stärker und 
machen, dass auf der letzten Windung die Verticalrippen 
dadurch etwas knotig werden; von der nordchinesischen 
canceUata unterscheiden sich solche Exemplare immer noch 
leicht durch die ebenen nicht knotigen Rippen. Eigenthüm- 
lich ist allen die lebhaft gelbbraune Farbe. — Als var. laevior 
möchte ich eine Form bezeichnen, welche Dr. Gottsche 
zwischen Champyöng und Okkwa sammelte; bei dieser sind 
die Rippen auch schon auf den oberen Windungen sehr schwach 
ausgebildet, zuweilen fast ganz fehlend, ihre Zahl mehr un- 
regelmässig, Spiralstreifen oberhalb der Naht meist gar 
nicht vorhanden; die braune Grundfarbe oft durch einen 
schwärzlichen Ueberzug verdeckt. 

8. Melanin paucicincta. 

Testa conoideo-oblonga, apice decollata, leviter striatula, 
fuscescenti-virens, fascia fusca unica peripherica picta; anfr. 
superstites 4, regulariter crescentes, convexi, sutura pro- 
funda, ultimus rotundatus, paulo infra fasciam penultimi 
descendens. basi sensim attenuatus et costulis nonnullis 
spiralibus obsolescentibus sculptus; apertura paulum obliqua. 
*/i testae decollatae fere aequans, margine externo tenui. 
concave sinuato, basali producto, obtuse angulato, colu- 
mellari valde arcuato. albo. incrassato. 

Long. 19, diam. 9, apert. long. 97a, lat. 5 7* mm. 

Wiwon, im nördlichsten Theil von Korea, Dr. Gottsche. 

Zuweilen tritt an der letzten Windung ganz unten noch 
ein zweites Band auf, doch selten vollständig ausgebildet, 
oder es tritt auch dicht unter der Naht noch ein Band auf ; 
an andern Stücken fehlen alle Bänder. 



214 Gesellschaft natur forschender Freunde, Berlin. 



9. Melania Ovulum. 

Testa globoso-ovata, decollata, inaequaliter striatula 
vel le viter et distanter costulata. striis spiralibus obtusis 
subelevatis perlevibus sculpta, opaca brunneo- virescens, 
interdum fasciis paruru distinctis nigris picta; sutura modice 
impressa; anfr. superstites 2 — 3, ultimus plerumque vari- 
cibus nonnullis nigris notatus. basi laevis; apertura 2 /s longi- 
tudinis testae decollatae occupans, paulum obliqua, margine 
externo tenui, nigrolimbato, superne non sinuato, basali et 
columellari recedentibus, incrassatis, albis, fauce pallide 
caerulea, saepius fusco-maculata. 

Long. 19, diam. 13; apert. long. 13, lat. 9 mm. 

Ikujang bei Thosan, Korea, Dr. Gottsche. 

Stellt sich zunächst neben M. gldbus (Sitzungsberichte 
d. Gesellsch. naturf. Freunde, 1886, S. 79). 

10. Unio acrorrhynclius. 

Testa elongata, compressa, periostraco subsericeo nigro- 
fusco, nitidulo, antice bre viter rotundata, postice partim 
tuberculis subperpendicularibus elongatis inter se parallelis 
sculpta et in rostrum longum acutum superne carina ele- 
vata leviter descendente et usque in apicem excurrente 
munitum producta; umbones depressi, excoriati. Facies 
interna pallide rubescente-margaritacea vel flavorubens, 
posterius tuberculis externis leviter notata. Dentes car- 
dinales valvae sinistrae duo trigoni subaequales rugosi, 
anterior antrorsum porrectus, valvae dextrae anterior parvus, 
compressus, margini dorsali subparallelus; posterior late 
trigonus, rugosus; dentes laterales elongati. rectilinei, v. 
sinistrae duo, leviter ruguloso-asperi, v. dextrae unicus, 
leviter transverse sulculosus. Impressio muscularis antica 
magna, rotunda, margini antico pervicina, linea palliaris 
antice latiuscula, foveolata, dein simplex. 

Long. 1272, alt. 34, diameter sub verticibus 15, rostri 
usque ad 20 mm. Vertices in 7 6 longitudines siti, liga- 
mentum usque ad 4 /e longitudinis extensum. 

Fluss Naemigang bei Hatanggyöng und in einem Zu- 
fluss des Imj ingang, Korea, Dr. Gottsche, dort mit mehr 



Sitzung vom W.October 1894. 



215 



bläulicher, hier mit lebhaft lachsfarben röthlich-gelber 
Innenseite; etwas kleiner und verhältnissmässig schlanker 
in Kwanchongang bei Pukchan, nördlich von Naga-Naju. 

Verwandt mit dem chinesischen ü. Grayanus Lea und 
dem japanischen U, oxyrhynchus Marts., grösser und ver- 
hältnissmässig stärker zusammengedrückt als diese beideu. 
nicht so schlank wie U. Grayanus und in der allgemeinen 
Gestalt dem oxyrhynchus ähnlicher, aber länger und ver- 
hältnissniässig mehr gleichmässig zugespitzt, mit stärker 
ausgeprägtem Kiel und Skulptur. 

11. Unio Gottschei. 

Testa oblonge-elliptica. compressa, periostraco sub- 
sericeo, fusco (in junioribus fulvo) antice bre viter et sub- 
anguste rotundata, postice expansa et tuberculis in media 
verrucaeformibus, posterius elongatis et divaricatim in mar- 
ginem eradiantibus. adulta aetate obsolescentibus sculpta. 
m argine dorsali posteriore sat arcuato. margine postico 
rostrum obtusum subdeflexum truncatum formante. margine 
ventrali in junioribus sat. in adultis vix arcuato. Vertices 
subtumidi. decorticati. Facies interna albo-margaritacea, 
• medio fulvescens. Dentes cardinales fere longitudinaliter 
siti, subparalleli, valvae sinistrae duo. auterior inferior 
gracilis, laevis, posterior crassior. subtrigonus, longitudinaliter 
sulcatus. valvae dextrae unicus crassus, rugosus; dentes 
laterales leviter arcuati. sublaeves, elongati, v. sinistrae 
duo, inferior postice subduplicatus, v. dextrae unicus. Im- 
pressio muscularis antica longitudinaliter oblonga, rugosa; 
linea palliaris saepe transversim striolata. 

Specimen maximum long. 120, alt, ad vertices 45. 
alt. posterior 63, diam. 36 mm. 

Specimen medium long. 82, alt. ad vertices 35, alt. 
posterior 46, diam. 25 mm. 

Vertices in */& longitudinis siti. Ligamentum usque 
ad 3 /s longitudinis extensum. 

Söul, Amnokgang bei Wiwon und Pukchang, Korea. 
Dr. Gottsciii;. 

Nahe verwandt mit dem chinesischen U. Lcai Gray, 



216 Gesellschaft natur forschender Freunde, Berlin. 



aber durch das mehr abgerundete und etwas längere vordere 
Ende, dessen Rand nach unten sich voller ausrundet, zu 
unterscheiden, während bei der chinesischen Art der Vorder- 
rand gleich unterhalb des vordem Muskeleindrucks stärker 
nach hinten sich wendet. 

12. Unio verrucifer. 

Testaoblongo-elliptica, paulumtumida. solida. periostraco 
griseo - viridi , seriebus verrucarum subconfluentium antice 
arcuatim ascendentibus, postice acutangule terminatis usque 
ad medium testae sculpta, antice rotundata. postice elongata, 
subrostrata, pliculis radiantibus compressis sat numerosis 
sculpta; margo ventralis rectus, margo posterior superne 
valde descendens. inferior sat ascendens. Facies interna 
albomargaritacea, medio carneoflavescens. Dentes cardinales 
sat crassi, crenati. valvae sinistrae anterior multo longior, 
valvae dextrae superior gracilis, parvus; dentes laterales 
validi, modice elongati, subrecti, rugosi. 

Long. 37, alt. 18, diam. 12. Vertices in 3 /5 longitudinis 
siti; ligamentum usque ad 3 ,U longitudinis extensum. 

Fluss Hangang im mittleren Korea. 

Der chinesische U Douglasiae Gray (Murchisonianus - 
Lea) steht dieser Art nahe, ist aber nach hinten mehr ver- 
längert und daher auch die Wirbel verhältnissmässig mehr 
nach vorn, die Höhe verhältnissmässig geringer. 

13. Unio pliculosiis. 

Testa elliptico-oblonga , tumida, periostraco nitidulo 
fusco vel nigricante, antice breviter rotundata, postice elon- 
gata, obtuse subrostrata, pliculis sparsis radiantibus brevibus 
compressis, regione umbonali rugis subparallelis , saepius 
interruptis antice plerumque oblique descendentibus, postice 
fulminatis sculpta; margo ventralis in junioribus rectus, in 
adultis leviter sinuatus; margo posticus superior modice 
descendens, medius subtruncatus, inferior paulura ascendens. 
Facies interna caerulescenti-margaritacea. Dentes cardinales 
compressi, crassiusculi, valvae sinistrae anterior magis elon- 



Sitzung vom IG. October 1894. 



217 



gatus, valvae dextrae duo subparalleli , inferior crassior; 
dentes laterales longi, paulum arcuati, laeves. 

a) Long. 45, alt. 22, diam. 15 mm. Vertices in 
1 /i longitudinis siti, ligamentum usque ad 2 /s longitudinis ex- 
tensum. 

b) Long. 33. alt. 15, diam. 10 V2 mm. Vertices in 
2 /7 longitudinis siti. ligamentum usque circa ad 2 ß longitudinis 
extensum. 

Singei (a) und zwischen Okkwa und Changpyöng (b), 
ersteres im südlichen, letzteres im nördlichen Theil von 
Korea. Dr. Gottsche. 



Im Austausch wurden erhalten: 

Natur Wissenschaft! Wochenschrift (Potonie). IX, No.29 —41. 
Leopoldina, Heft XXX, No. 9 — 16. 
Societatum Litterae, 8. Jahrg., No. 4 — 9. 
Helios, XII. Jahrg., No. 1—6. 

Sitzungsberichte der Kgl. Preuss. Akademie der Wissen- 
schaften zu Berlin, 1894, No. XXIV-XXXVI1I. 

Polhöhenbestimmungen im Harzgebiet, ausgeführt in den 
Jahren 1887—1891. Veröffentlichung des Kgl. Preuss. 
Geodät. Instituts. Berlin 1894. 

Verwaltungsbericht über das Märkische Provinzial-Museum 
für 1893/94. Berlin 1894. 

71. Jahresbericht der Schlesischen Gesellschaft für vater- 
ländische Cultur. Breslau 1894. 

20. Jahresbericht des Westfälischen Provinzial-Vereins für 
Wissenschaft und Kunst für 1891. Münster 1892. 

XVIII. Jahresbericht der Gewerbeschule zu Bistritz. 
Bistritz 1893. 

Naturwissenschaftlicher Verein der Provinz Posen. Zeit- 
schrift der Botanischen Abtheilung. I. Heft. Posen 1894. 

Bericht über die Senckenbergische naturforschende Gesell- 
schaft in Frankfurt a. M. 1894. 

Abhandlungen der Naturhistorischen Gesellschaft zu Nürn- 
berg. X. Band. IL Heft. 



218 Gesellschaft naturforschender Freunde, Berlin. 



Schriften der Naturforschenden Gesellschaft in Danzig. 

Neue Folge. VIII. Bd., III. und IV. Heft. Danzig 1894. 
Jahreshefte des Vereins für vaterländische Naturkunde in 

Württemberg. 50. Jahrg. Stuttgart 1894. 
Vierteljahrschrift der Naturforschenden Gesellschaft in Zürich. 

39. Jahrg. 2 Heft. 
Mittheilungen aus der Zoologischen Station zu Neapel. 

11. Bd.. 3. Heft. Berlin 1894. 
Annalen des K. K. Naturhist. Hofmuseums. Bd. IX., 

Nr. 2. Wien 1894. 
Verhandlungen und Mittheilungen des Siebenbürgischen 

Vereins für Naturwisschaften in Hermannstadt. XLIII. 

Jahrg. 

Földtani Közlöny. XXIV. Kötet. 6.-8. Füzet. Buda- 
pest 1894. 

Bollettino delle Pubblicazioni Italiane, 1894, No. 205—210. 
Rendiconto deirAccademia delle Scienze Fisiche e Mate- 

matiche di Napoli. Serie 2, Vol. VIII. Napoli 1894. 
Atti della Reale Accademia delle Scienze Fisiche e Mate- 

matiche di Napoli. Serie 2, Vol. VI. Napoli 1894. 
Archiv für die Naturkunde Liv-, Ehst- und Kurlands. 

II. Serie. B «nd X, Liefg. 3 u. 4. Dorpat 1893, 1894. 
Sitzungsbericht der Naturforscher-Gesellschaft zu Dorpat. 

X. Bd.. II. Heft. 1893. 
Bulletin de l'Acadeniie Imperiale des Sciences de St. Peters 1 

bourg. Nouv. Serie IV. (XXXVI.), No. 1 und 2. 
Tijdschrift der Nederlandsche Dierkundige Vereenigung. 

2. Serie, Deel IV., Aflering 3. Leiden 1894. 
Verhandelingen der Koninklijke Akademie van Wetenschappen. 

Deel II. u. III. Amsterdam 1894. 
Verslagen der Zittingen van de Wis- en Natuurkundige Af- 

deeling der Kon. Akademie van Wetenschappen van 

27 Mei 1893 tot 21 April 1894. Amsterdam 1894. 



J F SUrcke, Berlin W. 



Nr. 9. 1894. 

Sitzungs-Bericht 

der 

Gesellschaft naturforschender Freunde 

zu Berlin 
vom 20. November 1894. 



Vorsitzender (in Vertretung): Herr F. E. Schulze. 



Herr NEHRING sprach über Sus Marchei Hüet und 
Tragulus nigricans Thomas. 

Als Nachtrag zu dem, was ich in der letzten Sitzung 
unserer Gesellschaft (v. 16. Oct. 1894) über gewisse Säuge- 
thiere der Philippinen vorgetragen habe, erlaube ich mir 
Folgendes mitzutheilen. 

1. Sus Marchei Hüet = S. celebensis var. philippensis 
Nehring (S. philippensis Meyer). 
In dem Aufsatze, welchen Hüet in der Zeitschrift „Le 
Xaturaliste", 10. Jahrg., No. 20, v. 1. Januar 1888, ! ) ver- 
öffentlicht hat, und auf welchen schon im letzten Sitzungs- 
berichte unserer Gesellschaft, p. 190 und 192, von mir 
hingewiesen ist, wurde von dem genannten Autor neben 
S. ahaenobarbus von Palawan (= S. barbatus var. palavensis 
Nhrg.) noch eine zweite neue Art aufgestellt, nämlich Sus 
Marchei. Als Heimath dieses Wildschweins wird an drei 
verschiedenen Stellen jenes Aufsatzes „Laguan* ange- 
geben. Ich habe aber schon a. a. 0., p. 192, Note, die 
Vermuthung ausgesprochen, dass jene Angabe irrthümlich 
und dass thatsächlich die Provinz Laguna auf Luzon ge- 

l ) Herr Dr. F. Karsch war so freundlich, mir die genannte Zeit- 
schrift, welche hier in Berlin sehr schwer zu bekommen ist, zu leihen. 
In der Kgl. Bibliothek wird dieselbe nicht gehalten. 

9 



220 



Gesellscliaft naturfw sehender Freunde, Berlin. 



meint sei. Diese Vermuthung hat sich inzwischen als 
richtig bewährt. 

Nachdem eine an Herrn Huet gerichtete Anfrage ihre 
Adresse nicht erreicht hatte, war Herr Prof. Milne Edwards 
so freundlich, mir durch Herrn E. de Pousargues vom 
Museum d'hist. nat. in Paris nähere Auskunft über Sus 
Marchei zugehen zu lassen. Danach lautet die von dem 
Sammler (Herrn Marche) selbst herrührende Etiquette: 
„Sanglier de Jala-Jala, Lagouna, Lucon." Hiermit ist 
also die Herkunft von der Insel Luzon, und zwar aus der 
südöstlich von der Hauptstadt Manila gelegenen Provinz 
Laguna sicher festgestellt. 

Wenn hiernach schon die Annahme nahe lag. dass 
S. Marchei Huet identisch sei mit S. philippensis Meyer 
(= S. celebensis var. phüippensis Nehring), so wurde dieses 
noch vollständig bestätigt durch die Angaben, welche Herr 
E. de Pousargues mir auf meine Bitte in liebenswürdigster 
Weise über den Schädel des betr. Wildschweins von Yala- 
Yala zugehen liess. Hiernach ist die Bildung der Choanen- 
Partie ebenso beschaffen, wie bei den durch mich schon 
früher beschriebenen Wildschweinen von Luzon und Min- 
doro; auch die übrigen Formverhältnisse des Schädels 
stimmen in allen wesentlichen Punkten überein. Siehe 
die unten folgende Messungstabelle! 

Ich hatte schon beim ersten Anblick der Schädel-Ab- 
bildungen des Huet sehen Aufsatzes die Vermuthung nicht 
zurückdrängen können, dass die zu Sus Marchei gehörigen 
Figuren mit denen von S. ahaenobarbus irrthümlich ver- 
wechselt seien; durch die freundlichst mitgetheilten Maass- 
angaben des Herrn de Pousargues ist mir jene Ver- 
muthung zur Gewissheit geworden. Alle Maasse, welche 
sich thatsächlich auf den Schädel von S. Marchei beziehen, 
harmoniren sehr gut mit der HuET'schen Abbildung des 
Schädels von S. ahaenobarbus, passen aber nicht auf die betr. 
Abbildungen des Schädels von S. Marchei, und umgekehrt. l ) 

l ) Auch sind an beiden Schädeln die Schoitelleisten einander 
keineswegs so sehr genähert, wie es nach den Abbildungen scheint; 
bei 8» Marchei sind sie an der schmälsten Stelle der Parietalia 28 mm 
von einander entfernt, bei S. ahaenobarbus 21 mm. 



Sitzung vom 20. November 1894. 



221 



Ausserdem sind die von Huet a. a. 0., p. 7. mitge- 
theilten Schädelraaasse wenig exact und enthalten zu- 
gleich offenbare Fehler; namentlich ist die Jochbogenbreite 
von S. ahaenobarbus und S. barbatus ohne Zweifel ver- 
wechselt worden. 

Auch darf der Umstand nicht verschwiegen werden, 
dass das Original-Exemplar des Huet' sehen Sus ahaeno- 
barbus noch nicht völlig erwachsen ist ; denn nach Angabe 
des Herrn de Pousakgues sind die letzten Molaren (m3) 
noch nicht ganz aus ihren Alveolen hervorgebrochen, und es 
wird namentlich an m3 sup. der letzte Höcker noch vom 
Kieferknochen bedeckt. Dagegen ist der Schädel von 
Sus Marchei der eines völlig ausgewachsenen Keilers. 

Hiernach scheint es mir wichtig, die Angaben Huet's 
durch nachfolgende Messungen zu berichtigen. 



Messungs- Tab eile. 
Die Messungen sind mit dem Tasterzirkel ausgeführt und in 
Millimetern angegeben. 







1. 


2. 


3. 


4. 


5. 






Sus 
Marchei 
£ ad. 


Sus 
celeb. 
var. 
philip- 
pensis 
ad. 


Sus 
celeb. 
var. 
philip- 
pensis 
<f ad. 


Sus 
almeno- 
barbus 
med. 


Sus 
barb. 

var. 
palav. 
c/ad. 






Luzon 


Luzon 


Luzon 


Palawan 


1. Basallänge des Schädels v. d. 














Mitte des unt. Randes d. For. 














magn. oeeip. bis Vorderrand 














eines der Intermaxillaria 


267 


259 


252 


290 


305 


2. 


Profillänge des Schädels v. d. 
Mitte d. Parietal-Kammes bis 
Vorderrand eines der Inter- 
















323 


315 


297 


330 


358 


3. 


Grösste Breite des Schädels 














an den Jochbögen .... 


135 


136 


129 


125 


145 


4. 


Grösste Breite a. d. Flügelfort- 














sätzen d. Parietal-Kammes . 


74 


86 


74 


59 


61 


5. 


Erstreckung d. Palatina über 
das Hinterende des m 3 sup. 














hinaus, i. d. Mittellinie gemess. 


14 


12 


9 


27? 


38 


6. 


Länge der oberen Backen- 
















98 


89 l ) 


92 


107 


104 



*) Dieses Exemplar hat eine relativ kurze obere Backenzahnreihe. 

9* 



222 



Gesellschaft natur forschender Freunde, Berlin. 



Wenn man vorstehende Tabelle mit den ausführlichen 
Angaben in meiner Abhandlung über „Sus celebensis und 
Verwandte" l ) vergleicht, wird man unschwer zu dem rich- 
tigen Urtheil über S. Marchei gelangen. Diese Art ist 
identisch mit S. philippensis A. B. Meyer, welche ich be- 
reits in dem Sitzungsberichte unserer Gesellschaft vom 
18. Mai 1886. p. 83 f.. auf Grund des im Dresdener 
Zoolog. Museum vorhandenen Materials kurz charakterisirt 
und später in der grösseren Abhandlung über „Sus celebensis 
und Verwandte" als S. celebensis var. philippensis genauer 
besprochen habe. 

Sehr willkommen ist die Abbildung, welche Huet von 
seinem S. Marchei a. a. 0. publicirt hat, da sie, so viel 
ich weiss, das Aeussere von S. philippensis zum ersten Male 
darstellt. Ich gebe sie hier in verkleinertem Maasstabe 
nach einer Copie des Herrn Dr. G. Rörig wieder. Aus der- 



Fig. 1. 




Bus Marchei Huet = 8. celebensis var. philippensis M Nhrg. 
(& philippensis A. B. Meyer). Insel Luzon, Provinz Laguna. 
Nach Huet copirt von Dr. G. Rörig. 



selben ergiebt sich eine grosse Aehnlichkeit mit Sus cele- 
bensis, wenngleich in der Färbung einiger Partien des Haar- 



x ) Erschienen bei Friedländer und Sohn, Berlin 1889, in rlen 
Abh. u. Berichten d. Kgl. zoolog. Museums in Dresden. 



Sitzung vom 20. November 1894. 



223 



klcides gewisse Unterschiede vorhanden sind. Nach Huet 
ist die Färbung des ganzen Haarkleides gleichmässig 
schwarz, ! ) während bei Sus celebensis der Wangenbüschel 
und eine Querbinde an der Schnauze von gelblicher Farbe 
zu sein pflegen; doch kommen, wie meine specielleren An- 
gaben in n 8us celeb. u. Yerw. : \ p. 7 f.. zeigen, auch unter 
den Celebes -Wildschweinen manche Exemplare vor. deren 
Haarkleid fast einfarbig schwarz erscheint. 

Wichtiger als die etwaigen kleinen Abweichungen in 
der Färbung des Haarkleides sind die Uebereinstimmungen. 
welche sich in den Hauptcharakteren des Wildschweins der 
eigentlichen Philippinen (Luzon. Mindoro etc.) mit dem 
Celebes -Wildschweine zeigen. Dahin rechne ich ausser 
den Eigentümlichkeiten des Schädels und des Gebisses 
vor Allem das Vorhandensein einer Gesichts warze am 
Schnauz entheile des erwachsenen Männchens, sowie die 
Entwicklung eines sogenannten Wangen büscheis. 2 ) 

Nach meiner Ansicht ist das Wildschwein der 
eigentlichen Philippinen (mit Ausschluss der Palawan- 
Gruppe) nur eine Varietät des Celebes-Schweins, 
wie ich dieses schon in ..Sus. celeb. u. Verw." dargelegt habe. 

2. Tragulus nigricans 0. Thomas. 

Von dieser neuen Species. welche der bekannte Mauinia- 
loge Oldfield Thomas in London 1892 nach einem jugend- 
lichen Exemplare der Steere" sehen Expedition aufgestellt 
hat. 3 ) besitzen wir durch Herrn Dr. 0. v. Moellexdorff 
schon seit 1890 ein wohlerhaltenes erwachsenes Männchen 
im ausgestopften Zustande, sowie seit Kurzem das Skelet 
eines noch nicht ganz ausgewachsenen Exemplars. 4 ) Beide 



x ) Vergl. auch meine Beschreibung der Haut eines alten männ- 
lichen Wildschweins von der Insel Mindoro im „Zoolog. Anzeiger", 
1891, p. 457—459. 

2 ) Dieser Wangenbüschel ist allerdings bei unserem Mindoro-Keiler 
nur schwach, doch halte ich dieses für eine individuelle Abweichung, 
zumal da das Luzon-Wildschwein einen deutlichen Wangenbüschel zeigt. 

3 ) Ann. and Mag. Nat. Hist., 1892, Bd. 9, p. 254. 

4 ) Vergl. unseren Sitzungsbericht v. 17. Juni 1890, p. 101 und v. 
16. Oct. 1894, p. 190. 



224 Gesellschaft naturforschender Freunde, Berlin. 



stammen, ebenso wie das Londoner Exemplar, von der 
Insel Balabac. 

Das erwachsene Exemplar der mir unterstellten Samm- 
lung ist sehr schön im Haarkleide und zeigt starke, her- 
vorragende Canini in den Oberkiefern. (Fig. 2, siehe bei a.) 
Die Färbung des Haarkleides entspricht in den wesent- 
lichen Punkten der Beschreibung, welche 0. Thomas von 
dem Original-Exemplar der Species geliefert hat. Besonders 
charakteristisch für die Species ist die Gestalt und Fär- 
bung der hellen und dunkeln Streifen an der Kehle und 
der Vorderseite des Halses. Da 0. Thomas keine Ab- 
bildung zu seiner Beschreibung geliefert hat, erlaube ich 
mir, hier nachstehend eine Zeichnung zu veröffentlichen, 



Fig. 2. 




Tragulus nigricans Thomas. Von der Insel Balabac. 
Vorderseite des Halses und der Brust. Originalzeichung von Dr. G. Rörig. 

a der Caninus. b der braune Fleck am Unterkiefer, c das braune 
Querband an der Kehle, d der schwarzbraune Zwischenstreifen am 
unteren Theile des Halses. 



Sitzung vom 20. November 1894. 



225 



welche mein Assistent. Herr Dr. G. Roma, von der Vorder- 
seite unseres Exemplars entworfen bat. 

Diese Zeichnung lässt die Gestaltung der weissen 
Kehl- und Bruststreifen deutlich erkennen. Besonders 
charakteristisch für die Species ist der Umstand, dass die 
beiden seitlichen weissen Streifen, welche bei Trag, napu 
Fr. Cur. zusammenhängend von den Unterkieferästen bis 
zur Brust verlaufen, hier durch eine relativ breite, braune 
Querbinde (c) unterbrochen werden, so dass die weisse 
Zeichnung der Unterkieferpartie von den 3 weissen Streifen 
am unteren Theile des Halses ganz abgetrennt erscheint. 
Diese letzteren 3 weissen Streifen werden durch ziemlich 
breite, schwarzbraune, fein hellbraun gesprenkelte Zwischen- 
streifen (d) von einander getrennt. Der ganze Rücken, so- 
wie die Seiten des Rumpfes zeigen sich schwarz überflogen, 
da die Spitzen der betr. Haare schwarz sind. 

In einigen nebensächlichen Punkten, welche wahr- 
scheinlich von dem Lebensalter abhängen, weicht unser 
Exemplar von dem Londoner Original-Exemplar ab. Tho- 
mas sagt, dass die Haare des Rückens und der Seiten des 
Rumpfes an ihrer Basis weiss seien; an unserem Exem- 
plar ist dieses nicht der Fall, sondern die Basis der betr. 
Haare ist gelblich-grau. Thomas erwähnt nichts von 
den braunen Flecken (b) rechts und links von dem nackten 
Fleck, der sich zwischen den Unterkieferästen findet. Nach 
Thomas sind die beiden weissen Unterkieferstreifen von 
einander vollständig getrennt; an unserem Exemplar laufen 
sie hinter dem nackten Fleck etwas zusammen. Nach 
Thomas sind die beiden dunkeln Zwischenstreifen (d) am 
unteren Theile des Halses „deep jet-black"; bei unserem 
Exemplare erscheinen sie schwarzbraun, sehr fein hellbraun 
gesprenkelt. (Diese Sprenkelung ist übrigens nur bei ge- 
nauem Zusehen zu erkennen.) Ferner findet sich unterhalb 
der 3 weissen Streifen und der beiden schwarzbraunen 
Zwischenstreifen nicht ein breites „blackisch" Band, son- 
dern dieses Band ist an unserem Exemplar im Allgemeinen 
bräunlich, wie die Querbinde c; nur die Mitte erscheint 
etwas dunkler. 



226 Gesellschaft naturforschender Freunde, Berlin. 



Tragulus nigricans ist bisher, so viel ich weiss, nur 
von der Insel Balabac bekannt; doch darf man wohl ver- 
muthen, dass diese Art nicht auf Balabac beschränkt ist. 
Die mir unterstellte Sammlung besitzt 2 jugendliche Tra- 
#Äs-Bälge, welche Fr. Grabowski aus Südost-Borneo mit- 
gebracht hat; dieselben zeigen in manchen Punkten der 
Färbung des Haarkleides eine deutliche Annäherung an 
Tr. nigricans von Balabac. 

Herr F. E. SCHULZE sprach über eine Arbeit von 
Th. Beer, betreffend die Akkomodation des Fischauges. 

Herr Fritz SCHAUDINN sprach über Haleremita cumu- 
lans n. g. n. sp., einen neuen marinen Hydroidpolypen. 

In den Seewasser-Aquarien des hiesigen zoologischen 
Instituts lebt in grosser Individuenzahl ein Hydroidpolyp, 
der meines Wissens noch nicht beschrieben worden ist, 
der aber in doppelter Hinsicht besonderes Interesse bean- 
sprucht; erstens wegen seiner einfachen Bauverhältnisse und 
zweitens wegen seiner eigenartigen Knospenbildung. 

Der Polyp lebt solitär und ist nackt, d. h. er bildet 
kein festes Perisark. Statt dessen sammelt er um sich 
allen möglichen Detritus, Algenfäden, Diatomeen. Nah- 
rungsreste etc. an und umhüllt sich so vollständig damit, 
dass nur die Tentakel aus dem Detritus!) aufen hervorsehen 
(Fig. I.). Die Fremdkörper sind nur locker aufgehäuft und 
nicht durch eine vom Polypen ausgeschiedene Kittsubstanz 
mit einander verbunden. Dadurch, dass auch grüne, noch 
lebende Algenfäden zum Bau des Haufens benutzt werden, 
und dass dieselben dann weiter wachsen und sich verästeln, 
bildet sich meistens ein dichtes Algenwäldchen, in dessen 
Mitte der Polyp wohlgeborgen sitzt und auf Beute lauert. 

Wegen seines Einzellebens und wegen der Eigentüm- 
lichkeit, sich mit Fremdkörpern zu umhüllen, habe ich den 
Polypen Haleremita cumulans genannt. 

Der Körper des Haleremita besitzt stumpf-kegelförmige 
Gestalt. Eine Gliederung in Hydrocaulus und Hydranth ist 
nicht vorhanden, sondern mit sehr breiter Basis festsitzend 



Sitzung vom 20. November 1894. 227 




Fig. I. Haleremita cumtdans mit seiner Schmutzhülle, von 
oben gesehen. 

„ II. Hcderemita cumulans mit 2 Knospen, von der Seite 
gesehen. 

„ III. Saccula von Haieremit«. 

„ IV. Junger Haleremita mit einem Tentakel. 

„ V. Saccula von Haleremita mit Knospe. 

„ VI. Frustein der EL Generation (Knospen der Sacculae). 

„ VII. Junger Polyp mit zwei Tentakeln aus Frustein der 

II. Generation entstanden. 
„ VIII. Vierarmiger Polyp der II. Generation. 
Alle Figuren bei gleicher Vergrösserung (circa 45 fach) mit 
dem Prisma gezeichnet. 

verschmälert sich der Körper allmählich bis zu der auf der 
Spitze des Kegels gelegenen Mundöffnung (Fig. IL). Die 
Höhe von der Basis bis zur Spitze beträgt durchschnittlich 
1 mm. Ungefähr 7* oder Vs der Körperhöhe unter der 
Spitze entspringt ein Kranz einfacher Tentakel. Gewöhn- 
lich sind es 4 über Kreuz gestellte Tentakel. Unter 60 In- 
dividuen fand ich nur zwei, die 5 besassen, und kann man 
diese Fälle daher wohl als Ausnahmen betrachten. 

Die Tentakel entspringen vom Körper mit breiten Basen, 
die einander berühren (Fig. I.); dann verschmälern sie sich 
etwas, bleiben, aber auf ihrem weitern Verlauf gleichmässig 
dick bis zum abgerundeten Ende; sie sind also nicht ge- 
knöpft. Die Nesselkapseln sind ziemlich dicht über den 
ganzen Tentakel verbreitet, doch an keiner Stelle zu be- 



228 



GesellscJiaft natur forschender Freunde, Berlin. 



sonderen Gruppen angehäuft. Eine bestimmte Länge lässt 
sich für die Tentakel schwer angeben, weil dieselben sehr 
ausdehnungsfähig sind. An conservirten Thieren maassen 
die kürzesten Tentakel 1 mm. die längsten 8 bei gleicher 
Körpergrösse der Individuen. 

Das durch den Tentakelkranz abgegrenzte obere Stück 
des Körpers ist im Leben sehr beweglich und kann daher 
als Proboscis bezeichnet werden. Hier wie auf den Ten- 
takeln stehen die Nesselkapseln dichter, als auf der übri- 
gen Körperoberfläche; auf der Basis, die auf der Unterlage 
mit einem klaren Secret befestigt ist, fehlen sie ganz. 

Im feineren Bau. den ich hier nur ganz kurz behan- 
deln kann, stimmt Haleremita iD den meisten Punkten mit 
Hydra überein. Die den Gastrovascularraum umschliessende 
Körperwand besteht aus den beiden als Ectoderm und En- 
toderm zu bezeichnenden Zellschichten und der dazwischen 
gelegenen dünnen hyalinen Stützlamelle. Das Ectoderm ist 
ein einschichtiges Epithel, das am Körper aus mehr oder 
minder cubischen. auf den Tentakeln aus platten Zellen be- 
steht. Wie bei Hydra ') lassen sich unter den Epithelzellen 
des Ectoderms Secret abscheidende und nicht secernirende 
unterscheiden. Die ersteren finden sich, wie bei Hydra, 
hauptsächlich in der Basalscheide. Sie sind länger wie die 
übrigen Epithelzellen und liefern das Secret, mit dem das 
Thier auf der Unter] age befestigt ist. Die nicht secerniren- 
den Deckzellen sind Epithelmuskelzellen, die an ihrer Basis 
longitudinal verlaufende Muskelfasern entwickeln, welche 
der Stütz! ainelle dicht aulliegen. Ausser diesen beiden Zell- 
sorten sind noch die Nesselzellen zu erwähnen, die den 
Deckzellen eingelagert sind und die Oberfläche nur mit dem 
Cnidocil erreichen. Während bei den meisten Hydroid- 
polypen 2 oder 3 Sorten von Nesselkapseln zu unter- 
scheiden sind, habe ich bei Haleremita nur eine Art finden 
können. Es sind dies birnförmige Nessel kapseln von 15 
bis 22 |x Länge und 8 bis 10 jjl Breite. Der Nesselfaden 

l ) Cfr. Carl Camillo Schneider, Histologie von Hydra fusca 
mit besonderer Berücksichtigung des Nervensystems der Hydroid- 
polypen. Archiv f. mikrosk. Anat., 35, 1890, p. 321—379. 



Sitzung vom 20. November 1894. 



229 



zeigt im ausgestülpten Zustand an seinem Ansatz mehrere 
grössere Widerhaken und ist auf seiner ganzen Länge mit 
spiralig angeordneten Härchen besetzt. — 

Das Entoderm besteht aus grossen blasigen Zellen, die 
raeist je 2 Geissein tragen. Die Zellen sind von sehr ver- 
schiedener Länge und wie bei Hydra und Protohydra 1 ) zu 
Längswülsten gruppirt, die in wechselnder Zahl (4 bis 6) 
gegen den Gastrovascularraum vorspringen. 

Die Entodermzellen von Haleremita sind Epithel- 
muskelzeln mit circulär verlaufenden Muskelfasern. Nach 
ihrem Inhalt kann man Nähr- und Drüsenzellen unter- 
scheiden. Die letzteren, die meist ganz mit Secret erfüllt 
sind, finden sich besonders dicht in der Proboscis gehäuft. 

Eine wesentliche Abweichung von Hydra zeigt sich in 
dem Bau der Tentakel. Während dieselben nämlich bei 
Hydra hohl und mit einer Entodermzellen! age ausgekleidet 
sind, zeigen sie bei Haleremita einen soliden Axenstrang, 
der aus grossen cubischen, in einer Reihe angeordneten 
Entodermzellen besteht. Hierin stimmt Haleremita also mit 
den übrigen Hydroidpolypen überein. 

Von subepithelialen Gebilden gelang es, wegen der 
Schwierigkeit von dem kleinen Organismus gute Macera- 
tionspräparate zu erhalten, nur den uuter dem Ectoderm 
gelegenen "Ganglienplexus zu erhalten; derselbe scheint 
vollständig dem bei Hydra von Schneider 2 ) constatirten 
Plexus zu gleichen. 

Geschlechtsproducte habe ich bisher, obwohl ich viele 
Exemplare lebend und auf Schnittserien genau untersucht 
habe, nicht finden köunen. 

Ueber die systematische Stelluug des Haleremita lässt 
sich, so lange man seine geschlechtliche Fortpflanzung nicht 
kennt, kaum etwas Sicheres sagen. Der Bau der Tentakel 
verhindert es. ihn in die Ordnung der Archhydrae s. Hy- 
drariae zu stellen, während er in allen übrigen Bauverhält- 
nissen mit dem Hauptvertreter dieser Gruppe, der Hydra, 

l ) Cfr. Carl Chun, Coelenterata in Bronn s Klassen und Ord- 
nungen des Thierreichs, p. 218. 
•) 1. c. 



230 Gesellschaft natur forschen der Freunde, Berlin. 



die grösste Uebereinstimmung zeigt. Vorläufig dürfte es 
sich daher vielleicht empfehlen. Hakremita isolirt zwischen 
die Hydrariae und alle übrigen marinen Hydroidpolypen zu 
stellen, mit denen er nur im Bau der Tentakel überein- 
stimmt. 

Ich wende mich nun zur ungeschlechtlichen Fortpflan- 
zung des Haleremita. Dieselbe erfolgt durch Knospung. 
Die Anlage einer Knospe macht sich als kleine buckei- 
förmige Hervorwölbung an der Seite des Körpers bemerk- 
bar. Die Stelle, an der die Knospe auftritt, wechselt, bald 
liegt sie dicht unter dem Tentakelkranz, bald ganz in der 
Nähe der Basis. Eine bestimmte Orientirung zu den Ten- 
takeln lässt sich nicht nachweisen. Die Hervorwölbung 
wird allmählich deutlicher und zeigt bald halbkugelige Ge- 
stalt. Nun beginnt sich eine Ringfurche am Uebergang in 
den Körper des Mutterthieres auszubilden (Fig. VI.) und 
die kugelförmige Knospe sich in die Länge zu strecken. 
Nachdem die letztere cylindrische Gestalt angenommen hat, 
schnürt sie sich ganz vom Mutterthier ab und kriecht unter 
wurm- oder auch spannerartigen Bewegungen fort. P^in 
Polyp kann zu gleicher Zeit bis zu sechs solcher Knospen 
treiben. Die Zeit von dem Bemerkbarwerden der Hervor- 
wölbung bis zur Ablösung der Knospe ist wechselnd. Die 
kürzeste beobachtete Dauer betrug 5 Stunden, Sie längste 
6 Tage, was wohl mit mehr oder minder reichlicher Er- 
nährung zusammenhängt. 

Alle Stadien der Knospenbildung habe ich auf Längs- 
und Querschnittserien verfolgt, wobei es sich deutlich zeigte, 
dass Ectoderm und Entoderm sich in gleicher Weise an der 
Knospenbildung betheiligen. In beiden Schichten linden 
zu gleicher Zeit Zelltheilungen statt und ist die Stütz- 
lamelle auf allen Schnitten als scharfe Grenze zwischen 
den beiden Zellagen zu erkennen. Ich kann mich dem- 
nach bezüglich Haleremita ganz den Resultaten ansschliessen, 
die Bkaem 1 ) bei der Knospung von Hydra und anderen 

l ) F. Braem, Ueber die Knospung bei mehrschichtigen Thieren, 
insbesondere bei Hydroiden. Biologisches Centraiblatt, XIV, 1894, 
No. 4, p. 140—161. 



Sitzung vom 20. November 1894. 



231 



Hydroidpolypen erhielt, dass nämlich beide Zellschichten 
gemeinsam das Zellmaterial für die Knospe liefern, während 
Lang 1 ) nachzuweisen versuchte, dass die ganze Knospe 
vom Ectoderm herstammt. 

Die eben vom Mutterthier losgelöste Knospe von 
Haleremita besitzt cylindrische Gestalt. Ihre Körperwand 
besteht aus einschichtigem Ectoderm. Entoderm und da- 
zwischen gelegener Stützlamelle und ist ziemlich gleich- 
massig mit Nesselkapseln besät, die denen der Mutter 
gleichen; nur an beiden Enden sind die Nesselzellen etwas 
dichter gehäuft. Die Körperwand umschliesst eine all- 
seitig geschlossene Höhle, die sich von dem Gastrovascular- 
raum der Mutter herleitet. Die Knospe gleicht demnach 
bis auf das Fehlen der Wimpern einer Coeloplanula -Larve 
und man kann sie nach dem Vorgange Allman's als 
Frustel bezeichnen. Frustelbildung nennt man nach der 
Definition, die Korschelt und Heider 2 ) gegeben haben, 
„die frühzeitige Abschnürung einer noch wenig entwickel- 
ten Lateralknospe". Es sind bisher nur zwei Fälle von 
dieser Art der ungeschlechtlichen Fortpflanzung bekannt 
geworden, und zwar durch Allman. 3 ) Der eine findet 
sich bei Corymorpha, bei der sich an der Basis (von den 
Filamenten?) Theilstücke abschnüren sollen; doch bedarf 
hier der Vorgang noch genauerer Untersuchung. Der zweite 
Fall ist sicherer; er findet sich bei Schisocladium ramosum, 
einer Campanularlde mit verzweigten Hydrocaali die nicht 
alle Hydranthen tragen. Von den die Köpfchen entbehren- 
den Seiten ästen schnüren sich kleine Theilstücke ab, fallen 
zu Boden und setzen sich fest. Auf diesem Stadium sind 
die Frustein von Schisocladium ganz den eben abgelösten 
Knospen von Haleremita ähnlich. Während aber die ersteren 
zur Hydrorhiza eines neuen Schisocladium -Stockes werden, 

') A. LakG, Ueber die Knospimg bei Hydra und einigen Hydroid- 
polypen. Zeitschrift f. wiss. Zoologie, Bd. 54, 1892, p. 365—385. 

2 ) Kobschelt und Heider, Lehrbuch der vergleichenden Ent- 
wicklungsgeschichte. Jena 1890. Heft I, p. 26. 

8 ) Allman, On a mode of reproduction by spontaneous fission in 
the Hvdroidea. Rep. Brit. Assoc. 1870, und Monosrraph Tubularian 
Hydroids 1871,' I, p. 152. 



232 Gesellschaft naturfor sehender Freunde, Berlin. 

in der Weise, dass sie einen Hydranthen durch Knospung 
entwickeln, verhält sich die Frustel von Ilakremita in ihrer 
weiteren Entwicklung anders. Nachdem sie kurze Zeit als 
Plamda-öhnliches Wesen umhergewandert ist, zieht sich das 
eine Ende in eine rüsselartige Spitze aus und es bildet sich 
hier eine Mundöffnung. Weil dies Stadium einen einfachen, 
der Gastrula ähnlichen zweiblättrigen Sack darstellt, schlage 
ich für dasselbe die Bezeichnung Saccula vor. Diese 
Sacculae kriechen ziemlich lebhaft umher und nehmen 
Nahrung auf. Mehrmals hatte ich Gelegenheit, diesen Vor- 
gang zu beobachten; mit den in der Nähe des Mundes be- 
sonders dicht gestellten Nesselkapseln erschlägt das Thier 
sich kleine Copepoden oder Infusorien und schiebt sich mit 
weitgeöffnetem Mund darüber. Von besonderem Interesse 
ist es. dass die Knospen von Hahremita sehr lange Zeit in 
dem SaccwZa-Stadium verharren; ich habe zahlreiche Sacculae 
isolirt und sie über IV2 Monate beobachtet, ohne dass eine 
Weiterentwicklung an ihnen zu bemerken war. 

Ein dem geschilderten Wesen ähnliches Jugendstadium 
ist mir bei keinem andern Polypen bekannt, wohl aber 
zeigt die Saccula von Haler emita grosse Uebereinstimmung 
mit der als Stammform der Hydroiden geltenden Protohydra 
enckarti Greef. *) Dieser einer Gastrula nicht unähnliche 
Polyp besitzt bekanntlich keine Tentakel, kriecht wurm- 
artig umher und hat bisher keine Geschlechtsproducte ge- 
zeigt. Wie ich mich auf Originalpräparaten von Greef, 
die mein verehrter Lehrer, Herr Geheimrath Professor 
Dr. F. E. Schulze, mir freundlichst zur Verfügung ge- 
stellt hatte, überzeugen konnte, ist Protohydra ebenso gross 
wie die Saccidae von Haleremita, und hat nicht nur dieselbe 
Gestalt, sondern auch im Wesentlichen denselben Bau. 
Ein Unterschied findet sich nur in den Nesselkapseln. 
Protohydra besitzt 2 Sorten, grosse birnförmige und kleine 
stäbchenförmige, während die Saccula von Haleremita nur 
birnförmige besitzt. Wichtiger scheint mir aber ein Unter- 



l ) R. Greef, Protohydra leuckarti. Eine marine Stammform der 
Coelenteraten. Zeitschrift für wiss. Zoologie, 20, J870, p. 37—67. 



Sitzung vom 20. November 1894. 



233 



schied zu sein, der sich in der Fortpflanzung zeigt. Proto- 
hydra vermehrt sich durch Quertheilung. während ich bei 
der Saccula dies niemals beobachten konnte: Statt deren 
findet sich aber bei der Letzteren eine andere Art der Ver- 
mehrung, und zwar Knospung. die ganz der des Mutter- 
thieres gleicht; die Knospe bildet sich seitlich vor der 
Mitte des Körpers (Fig. V) und schnürt sich wiederum als 
Frustel, d. h. ohne Mund und Tentakel ab. 

Diese Frustein werden auch zu Sacculae und unter- 
scheiden sich von den TMutter-Sacculae nur durch die ^Grösse; 
sie sind nämlich kaum halb so gross (Fig. Via, b, c). Im 
Bau, der Nahrungsaufnahme und im langen Verweilen auf 
diesem Stadium zeigen sie vollständige Uebereinstimmung. 

Aus dem Gesagten ergiebt sich, dass Protohydra nicht 
mit der Saccula von Halercmita zu identificiren ist; wohl 
aber ist die Möglichkeit, dass Protohydra das Saccula- 
Stadium eines mit Haleremita nahe verwandten Polypen 
ist, nicht von der Hand zu weisen. 

Nachdem die Sacculae lange Zeit umhergewandert sind, 
bilden sie sich langsam in Polypen um. Merkwürdiger 
Weise entwickelten alle von mir beobachteten Sacculae zu- 
erst nur einen einzigen Tentakel und zwar während des 
Umherkriechens an der Oberseite in einiger Entfernung von 
der Mundöffnung (Fig. IV). Erst nach längerer Zeit, wenn 
der erste Tentakel schon bedeutende Länge erreicht hat, 
sprosst ein zweiter ebenfalls auf der Oberseite, nachdem 
das Thier sich etwas gedreht hat; es stehen die beiden 
ersten Tentakel also neben einander. Auf diesem Stadium 
setzt sich der Polyp gewöhnlich fest. Mehrmals habe ich 
jedoch auch 3 armige Polypen noch auf der Wanderung ge- 
funden, während andererseits schon lärmige sich festsetzen 
können und sogar bisweilen schon aufgerichtet gefunden 
werden. Im letzteren Falle entsteht der zweite Tentakel 
dem ersten gegenüber (Fig. VII). Wenn der Polyp sich 
festsetzt, richtet er sich auf und lässt den dritten und flann 
erst den vierten Tentakel oder auch beide zugleich hervor- 
sprossen; erst allmählich geht er dann aus der langgestreckt 
cylindrischen Gestalt in die stumpf-kegelförmige über. Mit 



234 Gesellschaft natur forschender Freunde, Berlin. 



der Festsetzung beginnt auch die Anhäufrmg von Fremd- 
körpern. 

Die kleinen Sacculae der zweiten Generation bilden 
sich in derselben Weise wie die grossen zu Polypen um 
und stellen dann eine Generation kleiner Polypen dar 
(Fig. VIII), die erst allmählich heranwachsen; doch ent- 
wickeln dieselben während ihres Wachsthums fortwährend 
Knospen, und da die letzteren immer in einem bestimmten 
Verhältniss zur Grösse des Polypen stehen (meist ebenso 
lang), so finden sich in demselben Aquarium alle Ueber- 
gänge zwischen den beiden Generationen der Sacculae so- 
wohl, als der Polypen. Zum Schluss will ich die Mög- 
lichkeit, dass Haleremita nur ein im Aquarium nicht zur 
vollen Entwicklung gelangendes Jugendstadium eines höher 
organisirten Polypen ist, nicht unerwähnt lassen. 

Alle Aquarien, in denen Haleremita lebt, haben ihre 
Füllung durch die zoologische Station in Rovigno erhalten. 

Zu verschiedenen Jahreszeiten habe ich Gläser mit 
lebenden Foraminiferen aus Rovigno empfangen und in allen 
diesen ist oft nach kurzer Zeit Haleremita aufgetreten. 

Zur Beobachtung des Thieres, dessen Leben sich ja 
auf der Glaswand der Aquarien abspielt, habe ich mit 
grossem Vortheil das von F. E. Schulze construirte Hori- 
zontalmicroscop benutzt. 

Bevor ich eine genauere Darstellung der hier nur kurz 
angedeuteten Bauverhältnisse und Lebenserscheinungen des 
Haleremita gebe, will ich das Frühjahr abwarten, weil es 
nicht ausgeschlossen ist, dass der Polyp zu anderer Jahres- 
zeit Geschlechtsproducte entwickelt. 

Herr VON Martens zeigte die Schulpe und die Kiefer 
eines grossen Tintenfisches, Ommastrephes gigas Ork. 
vor, welchen Herr Dr. Plate aus Chile geschickt hat. Die 
Schulpe ist reichlich 90 cm lang und zeigt sehr schön die 
becherartige Bildung am hintern Ende, welche zur Erläuterung 
des Baues der Belemniten dienen kann. Von ebendemselben 
wurde auch ein nur wenig kleineres gut erhaltenes Exem- 
plar in Weingeist eingeschickt, einschliesslich der langen 



Sitzung vom 20. November 1894. 



235 



Arme 1,75 m lang, der Rumpf vom vordem Mantelrand an 
bis zur hintern Spitze 85 cm lang und im Umfang 74. der 
Kopf im Umfang 59. ein Auge im Durchmesser 9, Kopf 
und kurze Arme zusammen 66 lang, die langen Arme allein 
75 cm, die Flosse 45 cm lang und im grössten Querdurch- 
messer vom rechten zum linken Seitenrand 75 cm, Kiefer 
6.9 cm lang. Die Grössenangaben, welche Orbigsy als 
Maximum mittheilt, sind geringer: Totallänge 1,50 m, 
Rumpflänge 51 cm. lange Arme allein 67 cm. Nach Orbigny 
kommt diese Art in den Monaten Februar und März, also 
Spätsommer und Herbstanfang auf der südlichen Erdhälfte, 
zahlreich an die Küsten des südlichen Chile und es ist 
vielleicht von Interesse, dass eine andere Art derselben 
Gattung, 0. ülecebrosus Lesleur. auf der nördlichen Halb- 
kugel in der entsprechenden Jahreszeit. Mitte Juni bis Anfang 
September, auch sehr zahlreich an den Küsten von Neu- 
schottland und auf der Bank von Neufundland erscheint, wo 
sie als Köder für den Kabliau-Fang eine grosse Rolle spielt. 
Es scheint demnach eine an eine bestimmte Jahreszeit ge- 
bundene Wanderung bei dieser Gattung vorzukommen, 
vielleicht nur von dem offenen Meer nach den Küsten hin ; 
ob dieselbe mit der Fortpflanzung in Beziehung steht, da- 
rüber ist noch nichts bekannt. Orbigny bemerkt ferner, dass 
sie öfters mit grosser Gewalt aus dem Wasser springen, 
durch Rückstoss mittelst des aus der Kiemenhöhle durch 
den Trichter ausgepressten Wassers, und zwar so weit, dass 
sie dabei aufs Trockne gerathen können; auch vermögen 
sie vorwärts zu schwimmen, er giebt aber nicht an, auf 
welche Weise dieses geschehe. 

Herr F. E. SCHULZE bemerkt dazu, er habe an jungen 
Sepien auch Vorwärtschwimmen beobachtet und zwar 
geschehe das ebenso durch Rückstoss, iDdem sie das freie 
Ende des Trichters nach hinten umbiegen; ebenso können 
sie nach der Seite schwimmen, indem sie das Ende des 
Trichters nach der andern Seite krümmen. 1 ) 

l ) Aut solche willkürliche Seitenbewegungen des Trichters beziehen 
sich wohl auch die Worte des Aristoteles hist. an. IV cag. I.: er 

9* 



23 6 Gesellschaft naturforschender Freunde, Berlin. 



Herr ÄSCHERSON übergiebt eine Biographie Koel- 
reutek's von Herrn J. Behkens im Namen des Autors. 

Herr H. Kolbe sprach über fossile Reste von Coleo. 
pteren aus einem alten Torflager (Schmierkohle) bei 
Gr. Raschen in der Nieder-Lausitz. 

Dieses Schmierkohlenflötz wird überlagert von einer 
Sanddecke, welche anscheinend dem Diluvium angehört. 
Unter dem Schmierkohlenflötz befindet sich eine Thon- 
schicht, und diese bedeckt, wenigstens theilweise, ein weit 
ausgedehntes Braunkohlenflötz. Diesem blossgelegten mäch- 
tigen Braunkohlenlager galt am 4. November d. Js. ein 
Ausflug einer grösseren, meist aus Botanikern und Paläon- 
tologen bestehenden Gesellschaft. Denn es handelte sich 
um die Besichtigung der wundervoll erhaltenen Reste eines 
tertiären Urwaldes, die durch den Braunkohlenbergbau an 
das Tageslicht getreten sind. Der Besitzer der Braun- 
kohlengrube „Victoria", Herr Baurath Friedr. Hoffmann, 
hatte zu dieser Besichtigung freundlichst eingeladen. 

Das Terrain des ehemaligen Tertiärwaldes ist in seiner 
ursprünglichen, horizontalen Lage verblieben, und Herr 
Baurath Hoffmann hatte den Boden des oberhalb abge- 
bauten, gegen 20 m mächtigen Kohlenflötzes in liebens- 
würdiger Weise derartig abräumen lassen, dass man zwischen 
den aufrecht stehenden Stümpfen der ehemaligen Riesen- 
bäume bequem umherwandeln konnte. Die Zahl dieser 
Baumstümpfe ist recht beträchtlich, und die Dicke derselben 
beträgt 2 bis 3, bei den stärksten Exemplaren 4 m und 
etwas mehr im Durchmesser. Vermuthlich (nach Potonie) 
gehören diese Baumreste dem Taxodium distichum an, einer 
Sumpfcypressenart, welche noch jetzt in Nordamerika, 



wirft oder wendet diese (Röhre) bald nach rechts bald nach links 
herum (;j.exaßctXXei), was Aubert und Wimmer Arist Thierkunde I. 
S. 373 ff. etwas anders zu verstehen schienen, indem sie übersetzten: 
„Seine Stellung wechselt bald nach der rechten, bald nach der linken 
Seite", während Plinius hist. nat. IX 29, 46 es richtiger übersetzt: 
„est polypis fistula in dorso, qua transmittunt mare; eamque modo in 
dextram, modo in sinistram transferunt." von Martens. 



" Sitzung vom 20. November 1894. 



237 



namentlich am Unterlauf des Mississippi in den grossen 
Waldmooren, den sogenannten „Swainps*. vorkommt. 

Ueber dem Braunkohlenflötz, durch ein Zwischenlager 
von Thon getrennt, liegt das erwähnte Torfflötz, welches 
aus einer schmierigen, schwarzen Substanz besteht, die als 
Schmierkohle bezeichnet wird. Es sind viele erkennbare 
Pflanzenreste darin enthalten, z. B. Schilfblätter Samen von 
Potamogeton, Blattabdrücke von Betula u. s. w. Dazwischen 
linden sich vereinzelte Reste von Coleopteren. meist blaue 
und messiug- oder erzfarbene Flügeldecken von Donacien, 
die z. Th. von einigen Herren der Gesellschaft und von mir 
gefunden wurden, während Herr Dr. Potonie noch in 
nachträglich ihm zugesandten Torf klumpen gefundene Co- 
leopterenreste mir freundlichst überliess. 

Bei genauerer Untersuchung des Materials zu Hause 
fanden sich noch fast ganz erhaltene Individuen, die jedoch 
bald zerfielen, aber bei der Gonservirung einzeln beisammen 
gelassen und theilweise wieder zusammengesetzt wurden. 
Jedenfalls ist die Determination durch diesen Erhaltungs- 
zustand erleichtert worden. Die meisten dieser Käferreste 
gehören zur Species Plateumaris discolor Pz. (= Dmacia 
comari Suffk ). Die Bildung des Kopfes, des Prothorax 
und der Elytren lassen keinen Unterschied erkennen, nament- 
lich aber sind sie zu unterscheiden von der mit P. discolor 
nahe verwandten P. sericea L. Der Prothorax ist, von 
oben gesehen, i fast quadratisch und stärker punktirt und 
gerunzelt als bei sericea', die Seitenhöcker vor den Vorder- 
ecken sind merklich schwächer und letztere springen nicht 
zahnförmig vor. Von den Antennen waren nur einzelne 
Glieder aufzufinden, die eine eingehende Untersuchung und 
Vergleichung nicht zulassen. P. discolor findet sich noch 
jetzt an den verschiedensten Orten in Norddeutschland; sie 
lebt besonders an dicht bewachsenen Stellen in Sümpfen 
auf Eriophorum und Gar ex. 

Von einer zweiten Donacienspecies aus dem Torfflötz 
wurde nur ein Bruchstück von einer Flügeldecke gefunden. 
Nach diesem Rudiment zu urtheilen, gehört der Rest zu 
einer grösseren Form, anscheinend zu Donacia clavipcs Fv 



238 Gesellsclmft naturforscJtender Freunde, Berlin. 



(= menyanthidis Gyll.). Da das Bruchstück völlig mit 
dem entsprechenden Stück einer Flügeldecke dieser Species 
übereinstimmt, so ist das Fossil einstweilen auf diese Species 
zu beziehen. Die Art ist im lebenden Zustande messing- 
farben mit grünlichem Schimmer; ebenso erschien der 
fossile Flügeldeckenrest, aber an der Luft getrocknet ent- 
färbte er sich und wurde stahlblau. Diese gleichfalls in 
Norddeutschland heimathende Donacienart liebt mehr offene 
Gewässer, welche von Schilf (Arundo phragmites) umrahmt 
sind. Auch an Phalaris arundinacea kommt sie vor. Die 
in dem Torfflötz gefundenen Reste von Schilf und Potamo- 
gcton lassen gleichfalls auf ein theilweise offenes Gewässer 
schliessen. Da nun anzunehmen ist, dass die Vegetations- 
verhältnisse des ehemaligen Moores, welchem unser Torf- 
flötz seine Entstehung verdankt, in seinen verschiedenen 
Bildungsperioden verschiedenartig waren, wie das bei Torf- 
mooren Regel ist, so würden sich die gefundenen Coleopteren- 
reste. die sich als zu Platetimaris discdlor und Donacia da- 
vipes gehörig ergeben, dieser Annahme gut anpassen. Lei- 
der ist jedoch nicht mehr zu eruiren, aus welchen Höhen 
des Flötzes die genannten Coleopterenreste stammen. So- 
weit ich mich selbst erinnere, fanden sich die Reste der 
Plateumaris discolor in den mittleren und oberen Lagen, 
welche der Periode angehören, in der das Moor grossen- 
theils zugewachsen sein musste. 

Eine dritte Coleopterenart gehört einer noch nicht 
determinirten Carabidenart an, augenscheinlich einem kleinen 
schwarzen Agonum. Noch gegenwärtig kommen bei uns 
Arten dieser Gattung am Rande von Gewässern vor. 

Es ist noch zu erwähnen, dass die messing- oder bronce- 
farbenen Flügeldecken der erwähnten Donacien ihre Farbe 
veränderten, sobald sie trocken geworden waren; die 
Messing- und die Broncefarbe verwandelten sich in Stahl- 
blau. Die Farbenänderung ging in zwei Minuten vor sich, 
nachdem das Object aus dem feuchten Torf genommen und 
•auf ein trockenes Blatt Papier gelegt war; sie trat erst 
nach Stunden ein. wenn das Object in dem Torf belassen 
wurde, nämlich erst dann, wenn der Torf ausgetrocknet war. 



Sitzung vom 20. November 1894. 



239 



Herr Wittmack legte vor Photographien der Grube 
Victoria bei Gr. Raschen, Nieder-Lausitz. 



Im Austausch wurden erhalten: 

Naturwissenschaftl. Wochenschrift (Potonie). IX. Nt>. 42 4tf. 
Leopoldina. Heft XXX. No. 17—18. 

Jahresbericht des Directors des Kgl. Geodätischen Instituts 

f. d. Zeit vom April 1893 bis April 1894. 
Festschrift zur Feier des 25jährigen Stiftungstages des 

Naturwiss. Vereins zu Magdeburg. 
Jahresbericht und Abhandlungen des Naturwiss. Vereins in 

Magdeburg. 1893-1894. 1. Halbjahr. 
Naturwissenschaftl. Verein der Provinz Posen. Zeitschrift 

der Botanischen Abtheilung. II. Heft, Posen 1894. 
Jahresbericht d. Naturforschenden Gesellseh. Graubündens. 

XXXVII. Band. Vereinsjahr 1893/94, Chur 1894. 
Berichte des naturwiss. -medizinischen Vereins in Innsbruck. 

XXI. Jahrgang 1892/1893. Innsbruck 1894. 
Anzeiger der Akademie d. Wissenschaften in Krakau. 1894. 

October, Krakau 1894. 
Bollettino delle Pubblicazioni Italiane. 1894. No. 211—213. 
Rendieonto dell'Accademia delle Scienze Fisiche e Mate- 

matiche di Napoli. Serie 2, Vol. VIII. (Fase. 8—10.) 

Napoli 1894. 

Memoires du Comite Geologique, Vol. IV, No. 3 et dernier. 

St. Petersbourg 1893. 
Bulletins du Comite Geologique, St. Petersbourg 1893, 

XII, No. 3-7. 
Supplement au T. XII des Bulletins du Comite Geologique. 

St. Petersbourg 1893. 
Verhandlungen der Russisch-Kaiserl. Mineralog. Gesellsch. 

zu St. Petersburg. II. Serie, 30. Band. 
Geologiska Föreningens i Stockholm Förhandlingar. Bd. 16 

Hafte 5. 

Proceedings of the Zoolog. Societv of London for 1894. 
Pt. II. u. III. 



240 Gesellschaft naturforschender Freunde, Berlin. 



Transactkms of the Zoolog. Society of London Vol. XIII. 
Pt. 9. 

Journal of the Royal Microscopical Society, 1894, Pt. 4—5, 
London 1894. 

Proceedings of the Royal Physical Societv. Session 1892/93, 

1893/94. Edinburgh 1893/94. 
Psyche, Journal of Entomology. Vol. 'VII., No. 222—223. 
New York State Museum. 45. u. 46. Annual Report for 
- 1891 u. 1892. 

Proceedings of the Academv of Natural Science of Phila- 
delphia, 1893, Pt. III-./ 1894, Pt. I. 
First Biennial Report of the Maryland State Weather Service 

for 1692 u. 1893. Baltimore 1894. 
Smithsonian Report. U. S. Nat. Museum, 1891. 
Proceedings of the ü. S. Nat. Museum. Vol. 15:- 1892. 
Bulletin of the U. S. Nat. Museum. No. 43-46. Washington 
•1893, rX'iVitm'O n^tivM^drhü^/i U jtfahdtfgoifal 
Bulletin of the Essex Institute. Vol. 26, No. 1—12. 
Missouri Botanical Garden. 5. Annual Report. St. Louis 1894: 
Bulletin of the Museum of Comparative Zoology at Harvard 

College. Vol. XXV., No. 7— 8. ■ Cambridge 1894. 
Proceedings of the American Academy of Arts and Sciences. 

New Series Vol. XX. Boston 1893. 
Meriden Scientific Association. Annual Address. A Review 

of the yW 1893. Meriden 1894. 
Tufts College Studies No. II— III. Tufts College, Mass. 1894. 
Bulletin No. 3 of the Illinois State Museum of Natural 

History. Springfield, III. 1894. 
Journal of the Elisha Mitchell Scientific Society 1893, 

10. year, IL pt. 
Boletin de la Academia Nacional de Ciencias en Cordoba, 

Tomo XII, Entrega 2-4; Tomo XIII, Entrega 1—2, 

Buenos Aires 1891. 
Iowa Geological Survey, Volume I. 1. Annual Report for 

1892. Des Moines 1893. 
Journal of the Asiatic Society of Bengal. Vol. LXIII, 

Pt II, No. 1— 2, Pt. III, No. 1. Calcutta 1894. 
Australian Museum. Report for the year 1893. 



Sitzung vom 20. November 1894. 



241 



Memorias y Revista de la Sociedad Cientifica „Antonio 
Alzate", Tomo VII (1893—94), No. 11 y 12. Mexico 1894. 

Als Geschenk wurde mit Dank entgegengenommen: 
Sokolöw, N. Ä. Die Dünen. Bildung, Entwickelung und 

innerer Bau. Berlin 1894. 
Branco, W. Schwabens 125 Vulkan-Embryonen. Stutt- 
gart 1894. 

Albert I., Prince Souverain de Monaco. Resultats des 

Campagnes Scientifiques. Fase. VII. Monaco 1894. 
Philippi. R. A. Comparacion de las Floras i Faunas de 

las Repüblicas de Chile i Argentiaa. Santiago 1893. 
Kurtz. F. Sertum Cordobense, observaciones sobre plantas 

nuevas, raras 6 dubisas de la Provincia de Cördoba. 

(Sep. a Revista del Museo de La Plata.) La Plata 1893. 
Harle, E. Restes d'Elan et de Lion ä Saint-Martory 

(Haute-Garonne). (Sep. a L' Anthropologie, Juillet 1894.) 

Paris. 

Clark, W. Certain Climatic Features of Maryland. (Sep. 

a. Geolog. Society of America.) Boston 1893. 
Clark, W. Origin and Classification of the Greensands of 

New Jersey. (Sep. a. Journal of Geology, Vol. IL, 

No. 2.) Chicago 1894. 
Behrens. J. Joseph Gottlieb Koelreuter, ein Karlsruher 

Botaniker des 18. Jahrhunderts. Karlsruhe 1894. 



J *F. SUrcke, Berlin 



Nr. 10. 



1891. 



Sitzungs-Bericht 

der 

Gesellschaft naturforschender Freunde 

zu Berlin 

vom 18. December 1894. 



Vorsitzender: Herr Waldeyer. 



Herr Otto Jaekel sprach über die älteste Echini- 
niden-Gattung Bothriocidaris unter Vorlegung eines 
neuen Exemplares. 

Bei einem Besuch der Universität Jurjew (Dorpat) 
erwarb ich von Herrn stud. jur. Arwed von Wahl für das 
Museum für Naturkunde zu Berlin ein von dem genannten 
Herrn gefundenes neues Exemplar der untersilurischen. also 
der ältesten bisher bekannten Echiniden-Gattung Bothriocidaris 
Eichw. Dasselbe stammt aus der Lyckholm'schen Schicht 
(F2 nach Fr. v. Schmidt) von Hohenholm auf der Insel 
Dago am Eingang des finnischen Golfes, also von dersel- 
ben Fundstelle wie die von Fr. v. Schmidt beschriebenen 
Exemplare. Herrn von Wahl sage ich an dieser Stelle 
für die Ueberlassung dieses und einiger anderer Objecte 
nochmals meinen besten Dank. 

Durch sorgfältige Präparation gelang es mir. das Exem- 
plar schliesslich ganz von dem ansitzenden, ziemlich festen 
Kalk zu säubern und dadurch das Skelet allerdings ohne 
Stacheln vollkommen frei zu legen. Es ist unverletzt, das 
Scheitelschild namentlich ist ganz intact und von dem Pe- 
risom und Gebiss ist soviel erhalten, um auch über diese Or- 
gane ein Urtheil zu gewinnen. Ueber diese gerade für die 

10 



244 Gesellschaft naturfor seilender Freunde, Berlin. 

Beurtheilung der Ecbiniden so äusserst wichtigen Theile 
hatten die bisher bekannt gewordenen Stücke im Unklaren 
gelassen. 'Das neue Exemplar ist 12mm' hoch und 11 mm dick. 

Unsere Kenntuiss der Gattnng Bothriocidaris verdan- 
ken wir Friedrich von Schmidt, der den von E. Eich- 
wald ') flüchtig erwähnten und abgebildeten Bothriocidaris 
glohulus in ausgezeichneter Weise beschrieb und der ersten, 
in zwei Exemplaren vorliegenden Art noch eine zweite, 
den B. Pahleni, zufügte 2 ). Letzterer liegt bisher nur in 
einem, im Revaler Museum befindlichen Exemplar vor und 
stammt aus der Jewe' sehen Schicht von Nömmis in Esth- 
land, ist also noch ein wenig älter als jener. 

Die von Schmidt gegebene Beschreibung der eigent- 
lichen aus 10 radialen und 5 interradialen Plattenreihen 
bestehenden Skeletkapsel, die Anordnung der Ambulacral- 
poren und Stacheln freue ich mich, in allen Punkten so 
bestätigen zu können, dass ich zur Kenntniss dieser Theile 
nichts wesentlich Neues beizutragen habe. Ich glaube dies 
mit um so grösserer Anerkennung hervorheben zu müssen, 
weil ich mich persönlich an allen Exemplaren überzeugen 
konnte, dass die genauere Feststellung der anatomischen 
Einzelheiten bei der Erhaltung und geringen Grösse der 
Individuen, durchaus nicht leicht ist. Hinsichtlich des 
Scheitelfeldes ,und der Mundscheibe kann ich den Angaben 
Schmidts wegen der vollständigeren Erhaltung unseres 
neuen Exemplares Manches hinzufügen, was für die Beur- 
theilung der äusserst interessanten Form von Werth ist. 

Die das Scheitelfeld einschliessende Oberseite unseres 
Exemplars zeigt das in Figur 1 in öfacher Grösse darge- 
stellte Bild. Die Reihen der Radial- und Interradialtafeln 
sind in der Projectionsebene auseinander gezogen. Die 
Zeichnung ist nur insofern schematisch, als die Poren in 
den rundlichen Gruben der Ambulacralplatten überall ein- 
getragen sind, obwohl sie nur an einem Theil der Plätt- 



*) Lethaea rossica anc. Per., p. 654. 

2 ) Ueber einige neue und wenig bekannte baltisch-silurische Petre- 
facten. Mem. de l'Acad. imp. des Sciences, St. Petersburg, VII. 8er., 
Tome XXI, No. 11, p. 36. 



Sttzung vom 18. December 1894. 



245 



Figur 1. 




chen mit voller Deutlichkeit zu erkennen sind; dass sie 
aber in allen vorhanden waren, kann ja keinem Zweifel 
unterliegen, da sie zusammenhängende Porenketten bilden 
mussten. Die von einem feinen Kanal durchbohrten Wärz- 
chen, auf denen die kleinen Stacheln sassen, sind an den 
rundlichen Ambulacralgruben so vertheilt, wie es Schmidt 
von seinem Bothriocidaris globulus angiebt; es sind also 
auf den grösseren seitlichen Plättchen je 4, auf den oberen 
kleineren je nach der Form der Plättchen 3. 2. auch einer 
oder gar kein Stachel vorhanden gewesen. In letzterer 
Hinsicht ist wohl also die Variabilität noch etwas grösser, 
als es nach den von Schmidt beschriebenen Exemplaren 
anzunehmen war. Es sind auch nicht so regelmässig 
schmale, oblonge Plättchen einseitig als oberste einge- 
schaltet, sondern in den beiden oben gelegenen Radien 
treten als oberste Plättchen am Scheitelfeld sofort normale 
Ambulacraltäfelchen auf. In jeder Ambulacralreihe sind 
10. in den Doppelreihen derselben also je 20, in Summa ' 
demnach genau 100 Ambulacraltäfelchen vorhanden. Bezüg- 
lich der Organisation der Ambulacraltäfelchen möchte ich 
ausdrücklich darauf hinweisen, dass die beiden Poren meines 
Porenpaares hier im Gegensatz zu allen übrigen Echiniden 
nicht neben, sondern übereinander liegen. Auch in den 
untersten, den Mund umgebenden Plättchen liegen die Po- 
ren übereinander, was ich gegenüber der schematischen, 

10* 



246 Gesellschaft natur forschender Freunde, Berlin. 



von Schmidt gegebenen Abbildung (1. c, Taf. IV, Fig. 1 c) 
der Unterseite von JB. Pahleni besonders hervorheben 
möchte. 

Interambulacralreihen sind auch an unserem Exemplar 
nur je eine, im Ganzen also 5 vorhanden. Die punktirt 
gezeichneten Täfelchen derselben sind schmäler als die der 
Radien und keilen sich nach dem oberen und unteren Pol 
zwischen den ambulacralen Doppelreihen aus, ohne das After- 
bezw. Mundfeld zu erreichen; ihre Oberfläche liegt auch 
tiefer, sodass sie zwischen den Ambulacren eingesenkt und 
diesen in jeder Hinsicht untergeordnet erscheinen. Auch 
ihre Zahl in den Verticalreihen lässt die Constanz im Bau 
der Ambulacra vermissen; es sind in drei Radien 9, in 
einem 8 und in einem 10 Täfelchen vorhanden. Die Stellung 
der Stachelwarzen ist ebenfalls ganz inconstant und richtet sich 
ganz nach der schwankenden Form der Plättchen. Die obersten 
haben ausnahmlos keine Warzen, die zweiten in der Regel 
je eine. Die folgenden haben dann gewöhnlich zwei und 
die grössten seitlich gelegenen je drei Warzen, deren Zahl 
nach unten wieder abnimmt, sodass die untersten eine oder 
wie in einem JR. sogar keine Warze tragen. In einem JR. 
ist auch auf den mittleren seitlichen Platten nur je eine 
Stachelwarze vorhanden. 

Das Scheitelschild besteht aus einem geschlossenen 
Kranz von 5 grossen, radial gelegenen Platten, innerhalb 
deren im Umriss eines pentangulären Sternes kleinere 
Plättchen von unregelmässiger Form und Anordnung liegen. 
Da keinerlei Lücke in dem Scheitelschild vorhan- 
den ist, so sehen wir dasselbe also in geschlosse- 
nem Zustande mit sämmtlichen Skeletelementen 
in normaler Lage vor uns. Die den äusseren Kranz 
bildenden 5 Täfelchen liegen über den porentragenden Am- 
bulacralfeldern und würden daher ihrer Lage nach homolog 
sein den sog. Augentäfelchen der jüngeren Echiniden. Seit- 
lich berühren sie einander, doch so, dass sich von unten 
die obersten Interradialia und von oben die inneren Schei- 
telplatten theilweise zwischen sie eindrängen. Dasselbe 
Verhalten zeigt der Bothrioeidaris Pahleni Schm., nicht aber 



Sitzung Dom 18. December 1894. 



247 



der B. ylohulus Eichw. . dem unsere Form im Uebrigen 
gleicht. Schon Schmidt bemerkte L c, p. 39, dass eine 
dieser 6 Platten die übrigen an Grösse übertreffe und des- 
halb wohl als Madreporenplatte zu betrachten sei. Auch 
unser Exemplar lässt eine Platte an Grösse deutlich hervor- 
treten und ausserdem erkennen, dass auf dieser Platte ge- 
wundene Furchen vorhanden sind, wie dies Fig. 1 genau 
wiedergiebt. Dadurch erfährt die Angabe Schmidt' s, dass 
diese Platte „wie gebrochen" erscheine, ihre Erklärung und 
zugleich ihre Deutung derselben als Madreporenplatte ihre 
vollste Bestätigung. Diese Madreporenplatte liegt 
nun also nicht interradial wie bei allen jüngeren 
Echiniden, sondern radial. Für die schlitzartige Durch- 
bohrung derselben finden wir Analoga in dem — gewöhn- 
lich als Genitalporus bezeichneten — Suboralporus verschie- 
dener primitiver Cystideen. Die innerhalb dieses Kranzes 
gelegenen, im Folgenden kurz als innere Scheitelplätt- 
chen bezeichneten Skeletstücke sind durchaus unregel- 
mässig geformt und gelagert. In den einspringenden Ecken 
der grossen Scheitelplatten bilden sich allerdings grössere 
Plättchen aus, welche sogar z. Th. noch eine Stachelwarze 
tragen, und zwischen diesen liegen dann, einigen jener gros- 
sen Scheitelplatten angelagert noch kleine Plättchen, welche 
wie das an der Madreporenplatte ebenfalls noch eine kleine 
durchbohrte Stachelwarze tragen können; aber irgend eine 
Gesetzmässigkeit aus der Anordnung dieser Plättchen her- 
aus zu construiren, erscheint durchaus unberechtigt. Dass 
diesenSkeletelementen noch jede morphologische Bedeutung 
abgeht, erhellt daraus, dass man auf einigen dieser Plätt- 
chen noch deutlich Verschmelzungsnähte wahrnimmt. Weiter 
nach dem Innern des Scheitelfeldes sind dann die winzig 
kleinen Plättchen ganz unregelmässig gelagert; ungefähr in 
der Mitte, d. h. etwas von der Madreporenplatte verscho- 
ben, bemerkt man, besonders wenn man die Plättchen mit 
etwas Alcohol befeuchtet, innerhalb der kleinsten Plättchen 
eine sich nach innen fortsetzende dunkle Pigmentirung, 
welche auf Fäces und damit auf die Lage das Afters selbst 
hindeutet. 



i 



248 GeseUscImft naturforschender Freunde, Berlin, 

Diese .kleinsten innersten Plättchen sind unzweifelhaft 
zum Oeffnen und Schliessen des «Afters beweglich gewesen; 
dass es die äusseren, den grossen Scheitelplatten anliegen- 
den im gleichen Maasse waren, erscheint dagegen unwahr- 
scheinlich; dieselben mögen als Verbindungsmittel des 
eigentliches Afterskeletes und des unzweifelhaft starren 
Kranzes der grossen Scheitelplatten wohl noch eine ge- 
wisse, aber sicher sehr geringe Elasticität besessen haben. 
Dafür spricht auch der Umstand, dass die äusseren der- 
selben zu grösseren Plättchen mehr oder weniger innig 
verschmolzen sind und Stacheln trugen. 

Auch auf der Oberfläche der grösseren, äusseren Schei- 
telplatten glaube ich bei geeigneter Imprägnation noch mit 
Sicherheit Spuren von Nähten zu entdecken, so namentlich 
an den inneren Rändern dieser Platten, bisweilen indess 
wie an der Madreporenplatte auch an den eingesenkten 
Seiten. Die Mitte dieser Platten ist im Gegensatz zu den 
übrigen stark aufgewölbt, sodass bei dieser Intensität der 
Kalkausscheidung Verschmelzungsnähte leichter obliterirten, 
als an den dünneren Seiten. In einer Zeichnung wollte 
ich die beobachteten Verschmelzungsnähte nicht fixiren, 
weil ich nicht in der Lage war, ihren Verlauf klar ver- 
folgen zu können. 

Das Mundfeld nimmt etwa ein Viertel des Querdurch- 
messers der Kapsel ein. Es wird nur von den 10 un- 
tersten ambulacralen Plättchen umgrenzt, da sich, wie 
bemerkt, die interradialen Verticalreihen oberhalb dieses 
untersten Kranzes auskeilen. In nebenstehender Textfigur 2 
ist dieser unterste Tafelkranz mit dem von ihm umgrenz- 
ten Mundfeld in fünffacher Grösse dargestellt. Ich bemerke 
hierzu noch, dass die Stachelwarzen auf dem Porenring 
dieser Plättchen grösstentheils so reducirt sind, dass ich 
sie nur an einigen Platten deutlich feststellen konnte und 
auf der Zeichnung eintrug. Innerhalb dieses untersten 
Plattenkranzes ist das Mundfeld eingesenkt. In seinem lin- 
ken, oberen Theile bemerkt man radial gelegene, gerundet 
dreieckige Ptatten, welche mit ihrer Spitze nach der Mitte 
des Mundfeldes convergiren und mit ihrer Höhenaxe un- 



Sitzung vom 18. December 1894. 



249 



Figur 2. 
M 




gefähr radial gestellt sind. Sie liegen also ungefähr an 
der Berührungslinie je zweier Platten eines Ambulacruras, 
diesen aber nicht an-, sondern untergelagert. Sie schieben 
sich u. zw. in verschiedener Weise unter dem untersten 
Tafelkranze vor. Das links unten gelegene Stück tritt am 
weitesten heraus, die darüber gelegenen liegen tiefer, die 
rechts davon zu erwartenden symmetrischen Stücke treten 
gar nicht hervor. Auf diesen Skeletstücken bemerkt man eine 
unregelmässig radiale Streifung. welche nicht secundär durch 
spätere Abreibung des Fossils entstanden sein kann, da sie 
auf den höher liegenden, einem solchen Process unzweifel- 
haft stärker ausgesetzten Plättchen des untersten Kranzes 
durchaus fehlt. Unter diesen Umständen lassen 'die ge- 
nannten Stücke nur die eine Deutung zu. dass es drei 
Zähne des Gebisses, der sogenannten Laterne der Aristo- 
teles sind. Ihre Stellung, ihre Abreibung und die Art ihrer 
Erhaltung ist dadurch sofort und nur dadurch erklärt. 
Schmidt hat bei B. Pahleni sowohl wie B. glöbulus die 
gleichen Stücke und zwar in beiden Fällen im Ganzen 2 
in ähnlicher Lage an dem untersten Plattenkranze beob- 
achtet, dieselben aber nicht als Kieferzähne angesprochen, 
sondern als ..Mundplatten" bezeichnet. Den Zahnapparat 
bezeichnet er an anderer Stelle (pag. 38) als unbekannt. 
Auch wenn er aber nicht angegeben hätte, dass die Ober- 
fläche jener Stücke uneben sei. wäre an der Deutung der- 
selben als Zähne nach dem oben Gesagten wohl nicht mehr 
zu zweifeln. Wir können sonach die Diagnose der 
Gattung B othriocidaris dahin vervollständigen, 
dass dieselbe ein echtes Echinidengebiss besass, 



250 Gesellscfmft naturforschender Freunde, Berlin. 



eine Thatsache, welche die Auffassung Schmidts, dass 
Bothriocidaris trotz aller Eigenthümlichkeiten ein echter 
Echinide sei, voll bestätigt. 

Von einem eigentlichen Perisom sind ebenfalls noch 
Reste vorhanden in Gestalt winziger Plättchen von 
unregelmässiger Form, welche dadurch, dass sie z. Th. noch 
in natürlicher Lage in dem Winkel zweier unterster Am- 
bulacralplättchen eingekeilt erhalten sind, ihrer Bedeutung 
nach klar gestellt sind, und auch ihrerseits die Auffassung 
der unter ihnen vorragenden Stücke als Zähne bestätigen. 

Auf Grund der besprochenen Eigenschaften ist unser 
Exemplar der von dem gleichen Fundort stammenden Art, 
dem Bothriocidaris globulus Eichw. zuzurechnen. Mit dieser 
theilt es das Vorhandensein von Stacheln auf den Inter- 
radialtäfelchen , deren Zahl auf den Ambulacralplättchen 
und die Grösse; dagegen weicht unser Exemplar von der 
Schmidt' sehen Diagnose der genannten Art insofern ab, 
als die 5 grossen Scheitelplatten nicht durch interradiale 
Plättchen getrennt werden, sondern sich seitlich berühren. 
Ua dies jedoch in einem Interradius nicht der Fall zu sein 
scheint, oder mindestens in dieser Hinsicht eine Annäherung 
an die Organisation von B. globulus stattfindet, so geht 
daraus wohl hervor, dass sich die Charaktere von B. glo- 
bulus in dieser Beziehung noch nicht consolidirt hatten, 
das von Schmidt angeführte Merkmal also zweckmässig 
aus der Diagnose der Art zu streichen ist. 

Im Anschluss an vorstehende Ausführungen möchte ich 
über die Beurtheilung von Bothriocidaris in systematischer 
und morphologischer Hinsicht hier nur einiges Wenige hin- 
zufügen und mir eine ausführlichere Besprechung unter 
Heranziehung anderen Materiales für eine spätere Gelegen- 
heit vorbehalten. 



Das was wir aus Vorstehendem Neues über die Orga- 
nisation von Bothriocidaris erfahren haben, bestätigt in 
erster Linie die Auffassung Fr. v. Schmidts, dass dieser 
Typus unbedingt zu den Echiniden. gehört und nicht etwa 
zu den Cystideen zu stellen ist. Die Thatsache, dass die 
5 radiären Ambulacralgefässe unter dem Skelet verlaufen 



Sitzung vom 18. December 1894. 



251 



und in Doppelporen durch dasselbe durchtreten, dass After 
und Mund an den Polen liegen, letzterer 'ein Echiniden- 
Gebiss zeigt und das Skelet aus festgefügten Verticalreihen 
Stachel tragenden Plättchen besteht, ist meines Erachtens 
für die Echinidennatur von Bothriocidaris absolut ent- 
scheidend. 

Innerhalb der Echiniden nun glaubte Schmidt die Gat- 
tung den 2 bestehenden Abtheilungen der Palechiniden und 
Euechiniden in einer diesen gleich werthigen Gruppe gegen- 
überstellen zu müssen, weil dieselbe nicht 2 Interambu- 
lacralreihen, wie die Euechiniden und nicht mehr als 2 wie 
die Palechiniden. sondern nur eine Reihe besitzt, v. Zittel 
hat Bothriocidaris dagegen den Palechinoidea eingereiht 1 ). 
Damit ist in diesem Falle klar ausgesprochen, was meines 
Erachtens für die Systematik aller Echiniden Geltung ha- 
ben müsste, dass der Zahl der interambulacralen Platten- 
reihen eine tiefere Bedeutung für die Organisation und dem- 
gemäss für die Systematik der Classe nicht zukommen 
kann. Dazu kommt, dass sich ein Theil der Palechiniden 
morphologisch mit gewissen Typen der Euechiniden so eng 
verknüpft zeigt, dass man z. B. Typen wie die Cidariden 
mit viel mehr Recht mit Formen wie Archaeocidaris verei- 
nigt und den Irregalaris gegenüberstellt als umgekehrt, wie 
es bisher geschehen ist. Viel wichtiger als die Zahl der 
Interambulacralreihen scheint mir für die Gliederung der 
palaeozoischen Echiniden die Thatsache, dass die ambula- 
cralen Porenreihen bei einem Theile dieser Formen ver- 
doppelt, ja sogar bis auf 10 vermehrt sind, wie bei Lepi- 
desthes und Melonites, weil diesem Process doch tiefer lie- 
gende, innere Umgestaltungen des Organismus zu Grunde 
liegen mussten. 

Der Unterschied, der sich in der Stellung der ambu- 
lacralen Doppelporen zwischen Bothriocidaris und allen 
seinen jüngeren Verwandten findet, ist zwar ein sehr auf- 
fallender aber kein gegensätzlicher in morphogenetischer 
Hinsicht. Er zeigt keinen selbstständig differenzirten, son- 



l ) Handbuch der Palaeontologie, Bd. I, p. 480. 



252 Gesellschaft natur forschender Freunde, Berlin. 

dem einen primitiven Zustand an. Der Umstand, dass bei 
vielen palaeozoischen Echiniden mehr als je zwei Doppel- 
reihen von Poren vorhanden sind, gestattete die Annahme, 
dass dieses Verhalten der primitive Zustand der Echiniden 
gewesen sein könnte. Die Organisation von Bothriocidaris 
macht eine solche Annahme unmöglich, denn erstens tritt 
uns die grössere Zahl der Porenreihen erst später ent- 
gegen als die jederseitige Einreihigkeit von Bothriocidaris 
und die Culmination dieser Differenzirungsrichtung fällt bei 
Formen wie Melonites und Lepidesthes sogar erst in das 
Carbon, zweitens steht diese Differenzirung dem universellen 
Echinodermen-Typus fern, während sich das Verhalten von 
Bothriocidaris demselben von allen Echiniden am nächsten 
anschliesst. Normal und für Echinodermen typisch ist, 
dass die radiären Ambulacralgefässe jederseits eine Reihe 
Ambulacraifüsschen abgeben. Dieses Verhalten muss daher 
innerhalb der Echiniden das ursprüngliche sein, und das 
eben finden wir auch bei unserer Gattung. Die uns bei 
Melonites und anderen Palechinoideen entgegentretende Dif- 
ferenzirung entfernt sich am weitesten von diesem Zustand, 
weiter als die bei anderen Palechiniden und den jün- 
geren Typen entgegentretende Zweizeiligkeit der beidersei- 
tigen Porenreihen. Die letzteren schliessen sich also näher 
an Bothriocidaris an als die mehrreihigen, die sich in selbst- 
ständiger, übrigens schon im Carbon aussterbender Diffe- 
renzirung von dem urspünglichen Typus entfernen. Auf- 
fallend gegenüber den jüngeren Echiniden ist die relative 
Grösse der ainbulacralen Plättchen, welche z. B. wohl um 
das zwanzigfache die bei einem Cidariden übertrifft. Da 
entwicklungsgeschichtlich die Anlage der Ambulacralfüss- 
chen jedenfalls älter sein mus als die der Plättchen, die 
je ein Paar derselben umgeben und stützen, so liegt die 
primäre Ursache der Grösse der Plättchen augenschein- 
lich in der geringen Zahl der entwickelten Ambulacral- 
füsschen. Auch dieser Zustand trägt dadurch den Stempel 
der Primitivität an sich. 

In der Anordnung der Stacheln zeigt Bothriocidaris bei 
ihren beiden Arten ein verschiedenes Verhalten. Der ältere 



Sitzung vom 18. December 1894. 



253 



B. Pahleni besitzt auf den interambulacralen Plättchen gar 
keine Stachel warzen und auf den Ambulacralplättchen je 2 
auf dem Walle des Porenfeldes. Bei dem jüngeren B. glo- 
bulus steigt die Zahl der letzteren auf 4 und auf den Inter- 
ambulacren treten, wie wir sehen, 1 — 3 Stacheln neu auf. 
Der Schluss. den wir daraus zu ziehen haben, ist der, dass 
die Stacheln phylogenetisch nicht auf den Interambulacren 
entstanden sind, sondern auf den Ambulacren, und zwar auf 
den durch den Ringwulst des Porenfeldes an sich schon 
erhabensten Stellen der Täfelchen. Die Stachelwarzen 
sind stets durchbohrt und haben überhaupt die für einen 
Echiniden normale Ausbildungsform, und dass diese so 
früh schon entwickelt ist. zeigt, dass der Mangel typischer 
Stachelwarzen, wie er uns z. B. bei den Melonitiden ent- 
gegentritt, ebenso auf einen Reduetionsprocess zurückgeführt 
werden kann, wie bei einigen der jüngeren Reguläres und 
den Irreguläres. 

Der Scheitelapparat von Bothriocidaris hat sich augen- 
scheinlich noch nicht morphologisch consolidirt. Die Lage 
und die Verschmelzungen dieser Platten weisen auf einen 
Zustand hin, in welchem der Scheitelapparat nur aus 
kleinen, unregelmässig geformten Plättchen bestand; seine 
Individualisirung gegenüber der eigentlichen Kapsel mochte 
dadurch veranlasst sein, dass die radiären Ambulacral- 
gefässe in dieser Zone anderen am After gelegenen 
Sekretionsorganen Platz Hessen. Augen und Genitaltäfel- 
chen sind als solche noch nicht vorhanden; von einer ge- 
setzmässig alternirenden Ordnung derselben in zwei Kreise, 
wie sie das noch immer mit Eifer verfochtene „Crinoiden- 
phantom" voraussetzen liesse, ist nichts zu entdecken. Das 
Bild des Scheitelfeldes ist dem jüngerer Echiniden schein- 
bar gleich, in Wahrheit sind die Verhältnisse aber gerade 
umgekehrt; nicht einmal der Steinkanal mündet an der 
normalen Stelle. Eins indess scheint mir auch durch 
Bothriocidaris bestätigt zu werden, dass die radial gelegenen 
Augentäfelchen den äusseren Kranz des Scheitelfeldes bilden, 
wie sich ja auch bei den jüngeren Echiniden die Genital- 



254 Gesellschaft naturforschender Freunde, Berlin. 

täfelchen mit abwärts convergirenden Seiten von oben her 
zwischen die Augentäfelchen einschieben. 

Die Scheitelplattentheorie, die wohl wie keine andere 
den Fortschritt in der Beurtheilung der Echinodermen ge- 
hindert hat, führte, wie bekannt 1 ), in ihrem weiteren Ausbau 
dazu, dass die einen den oberen, die anderen den unteren 
Basalkranz der Crinoiden als Homologon der Augen bezw. 
Genitaltäfelchen der Echiniden betrachteten. Um diese 
üble Consequenz zu umgehen, stellte Neümatr 2 ) die Hypo- 
these auf, dass ursprünglich nicht zwei über-, sondern in- 
einander liegende fünfzählige Kränze am Scheitel vorhanden 
waren. Einen solchen zehnzähligen Kranz zeigte nun auch das 
eine bisher bekannte Exemplar von B. globulus. Schon die 
Thatsache, dass bei dem älteren B. Pahleni die ambulacralen 
Scheitelplatten einen geschlossenen Kranz bilden, hätte Neü- 
mayr von der Unhaltbarkeit dieser Aulfassung überzeugen 
können. Der Umstand, dass unser Exemplar von B. globulus 
sich hierin auch dem B. Pahleni nähert, bringt diese Frage zur 
Erledigung, da demnach von irgend einer primären morpho- 
genetischen Bedeutung des wechselnden Lageverhältnisses 
keine Rede mehr sein kann. Wenn wir die wenigen lücken- 
haften, in dieser Hinsicht vorliegenden Thatsachen in phy- 
letischen Connex bringen wollen, so können wir nur sagen, 
dass die Scheitelplatten zunächst weder ihrer Lage noch 
ihrer Function nach fixirt sind, dass ihre räumliche Ent- 
wicklung zwar wesentlich von der Breite der oben zu- 
sammentretenden Ambulacral- und Interambulacralplatten 
abhängt, die ambulacralen Scheitelplättchen sich aber zuerst 
am Aussenrande des Scheitelfeldes consolidirten. Dass es 
unberechtigt war, aus den inneren Scheitelplättchen, wie 
Neumayr wollte, noch einen inneren zehnzähligen Platten- 
kranz zu konstruiren, lehrt wohl ein Blick auf unsere 
Figur 1. 

Bothriocidaris zeigt sonach in seiner ganzen Or- 
ganisation äusserst primitive Verhältnisse und ist dadurch 

*) Bich. Semon. Die Homologieen innerhalb des Echinodermen- 
stammes. Morphol. Jahrb., Bd. XV, 1889, p. 295. 

2 ) M. Neumayr. Morphologische Studien über fossile, Echino- 
dermen. Sitz. d. k. k. Acad. d. Wissensch., Bd. 84, Abth. I, 1881, 
p. 152 00). 



Sitzung vom 18. Becember 1894. 



255 



für die Beurtheilung der phylogenetischen Entwicklung der 
einzelnen Organsysteme von grosser Bedeutung. Trotzdem 
ist sie als „Form", Art, Gattung oder wie man es nehmen 
will, specialisirt. gegenüber der theoretischen Stammreihe der 
ältesten Echiniden. Wie jedes Individuum sich mit dem 
zunehmenden Alter mehr nnd mehr von dem phyletischen 
Typus entfernt, so modificiren auch die systematischen Ein- 
heiten den ihnen inne wohnenden Stammtypus. Das spricht 
sich bei Bothriocidaris namentlich in der starren, äusserst 
intensiven Skeletirung aus, die nicht als Ausgangspunkt 
genommen werden kann, z. B. für die Entwicklung des 
Perisoms bei den jüngeren regulären Echiniden. Die Art, 
wie sich bei diesen die Platten des Kelchs keletes denen der 
Perisomscheibe gegenüber verhalten, drängt zu der An- 
nahme, das zwischen Bothriocidaris- ähnlichen Urformen und 
den jüngeren Typen Formen existirten, deren Skelet eine 
grössere Platicität besass, als es Bothriocidaris aufweist. 
Ob Formen wie Echinocystites diesbezüglichen Voraus- 
setzungen entsprechen, möcht ich zunächst dahingestellt 
sein lassen, bezüglich des letzteren aber eine Bemerkung 
hier anfügen. Nach der von W. Thomson *) gegebenen Ab- 
bildung und Beschreibung von Echinocystites (= Gystocidaris 
v. Zitt.) muss ich das von ihm als Klappenpyramide des 
Afters angesprochene Organ für das von der anderen Seite 
des Fossils durchgedrückte Kiefergebiss halten, und kann 
demgemäss weder an eine interradiale Lage des Afters 
glauben, noch an die phyletische Stellung, die daraufhin 
Thomson, Neumayr und Steinmann dieser Form anweisen 
wollten. Und selbst wenn die THOMsoN'sche Deutung, auf 
die sich die von Steinmann gegebene Restauration stützt, 
richtig wäre, wenn hier wirklich der After interradial ge- 
legen wäre, so müsste das Exemplar als ein pathologisches 
Individuum aufgefasst werden, denn bei einer Echinidenform. 
bei der die Ambulacra so regelmässig von einem Pol zum 
anderen verlaufen, kann der After unmöglich normal eine 
excentrische Lage besessen haben. 



*) On a new palaeozoic group of Echinodermata. Edinburgh 
new philos. Journ., Vol. XVI, New Ser., p. 106, t. III, f. 1 und 2, 



256 Gesellschaft naturforschender Freunde, Berlin. 



Herr Matschie sprach über ein neues Eichhörnchen 
aus Deutsch-Ost-Afrika (Sc. pauli). 

Der Bezirkshauptmann von Tanga, Herr Freiherr 
von Saint-Paul-Hilaire , schenkte im Sommer 1893 dem 
Berliner Zoologischen Garten ein Eichhörnchen, welches 
in der Nähe des eben genannten Ortes gefangen worden 
war. Dieses Thier lebt heut noch und hat seit seiner Ein- 
lieferung nur insoweit die Färbung geändert, als die rech- 
liche Zeichnung des Kopfes und der Beine lebhafter ge- 
worden ist. Es gleicht in der Gestalt und Farben vertheilung 
sehr dem von mir seiner Zeit (Sitzungsb. Ges. naturf. Fr., 
Berlin 1892, p. 101) von Derema im Usambara-Hochlande 
als Sciurus rufobrachiatus Waterh. aufgeführten Exemplar. 
Dass diese Bestimmung unrichtig ist, ergab sich, nach- 
dem eine genaue Untersuchung des in Alcohol conservirten 
Stückes im Schädel nicht 4, sondern 5 Molaren nach- 
gewiesen hatte und auch die Länge der Fusssohle (40 mm) 
gebührend berücksichtigt war. Das Eichhörnchen von 
Derema ist noch sehr jung, da kein einziger Molar durch- 
gebrochen ist. Es war mir nicht möglich, diese Form mit 
irgend einer der beschriebenen afrikanischen Arten zu 
vereinigen, und ich muss deshalb dieselbe als neu be- 
schreiben. Zu Ehren des um die Säugethierkunde von 
Deutsch-Ost-Afrika hochverdienten Herrn Freiherr von Saint- 
Paül-Hilaire nenne ich das Eichhörnchen 

Sciurus pauli spec. nov. 

Sciurus, supra ex nigro et virescente varius; naso, 
brachiis, pedibus ochraeeo-rufis; cauda ad basin dorsi colore, 
parte apicali pilis nigris albo-terminatis; subtus griseo- 
albidus. 

Longitudo ab apice rostri ad caudae basin: 190 mm, 
caudae ad pilorum apices 200 mm, pedis sine unguibus 
43 mm. 

Hab. Derema, Tanga. 

Haare der Oberseite schwarz, am Grunde hellbraun, 
kurz vor der schwarzen Spitze mit einem schmalen |hell- 
gelblichbraunen Ringe. Der Rücken, die Körperseiten, 



Sitzung vom 18. December 1894. 



257 



Oberschenkel und 'die Schwanzwurzel erscheinen schwarz 
und hellbraun gestrichelt mit stark grünlichem Ton, fast 
genau so wie bei Sc. pyrrhopus, leucostigma und leticogenys. 
Die Ober- und Unterschenkel, sowie die Schwanzwurzel 
sind dunkelröthlich überflogen. Die Nase und die Füsse 
sind röthlich ockerfarbig, der Ober- und Unterarm auf der 
Aussenseite bräunlich roth. Die Unterseite des Körpers 
und die Innenseite der Beine sind grauweiss. In der End- 
hälfte des Schwanzes tragen die am Grunde hellen, im 
übrigen rein schwarzen Haare lange schneew^eisse Spitzen. 
Das Haar ist sehr weich, ziemlich lang und dicht. 

Leider kann ich eine genaue Beschreibung des Schädels 
erst nach dem Tode des im Zoologischen Garten befind- 
lichen Exemplares geben; das bei Derema erlegte Stück 
ist zu jung. 

Von den Eichhörnchen. w r elche im deutschen Schutz- 
gebiete von Ost -Afrika gesammelt w r orden sind, gehören 
zwei zur Untergattung Xerus, nämlich erythropus und rutilus; 
Sciurus palliatus Ptrs. hat einen rothen Schwanz und rothe 
Unterseite, und dürfte der ostafrikanische Vertreter von 
Sc. syriacus sein; Sc. mutcibilis Ptrs. halte ich für die öst- 
liche Form von Sc. ruf ob räch latus Waterh., dem es in der 
Länge der Zahnreihe und des Hinterfusses nahesteht; 
Sc. congicm, von welchem Sc. flavivittis Ptrs. sicher nur 
ein anderes Kleid darstellt, lebt wahrscheinlich südlich von 
der Cuanza-Cunene-Wasserscheide und der Congo-Zambese- 
Wasserscheide bis zur Zanzibarküste. da es vom südlichen 
Angola, von Mossambik und von Dar es Salaam bekannt 
ist, und wird wohl in Westafrika durch Sc. lemniscatus 
Leconte, im Seeengebiet durch Sc. böhmi Rchw. ersetzt; 
Sc. anmdatus Desm. entspricht dem westafrikanischen 
Sc.punctatus Temm., Sc. cepapi A. Sm., zu welchem Sc. ochra- 
ceus Hu et als Synonym gezogen werden dürfte, dem west- 
afrikanischen Sc. poensis A. Sm. 

So haben wir im deutschen Ost-Afrika geographische 
Formen von Sc. rufobrachiatus, Umniscatus. punctatus. poensis 
als Vertreter, während solche für Sc. Stangen, ebii, aubinnii, 
aurienlatus, pyrrhopus und mimitus noch nicht nachgewiesen 



258 Gesellscliaft natur forschender Freunde, Berlin. 



sind. Sc palliatus gleicht in der Farbenvertheilung und in 
den Maassen keiner von diesen Formen, wohl aber unserem 
deutschen Eichhörnchen, Sc vulgaris, und noch mehrte, syriacus. 
Sc pauli hat sehr grosse Aehnlichkeit mit Sc pyrrhopus und 
kann wohl der ostafrikanische Vertreter dieser Art sein, 
von der wir bereits 4 verschiedene geographische Formen, 
pyrrhopus, leueostigma, leueogenys und anerythrus kennen. 
Die Rückenfärbung, das dichte, weisse Haar, die scharf 
abgesetzte weissliche, dicht behaarte Unterseite, die Länge 
der Fusssohle und Molarenreihe, die Zahl der Molaren, 
das Auftreten von röthlicher Färbung auf der Nase und 
den Beinen und die langen weissen Haarspitzen des 
Schwanzes sind Merkmale, welche deutlich darauf hin- 
weisen. Dass Sc. pyrrhopus eine helle Längsbinde an den 
Körperseiten trägt, während Sc pauli keine Spur derselben 
aufweist, kann nicht viel dagegen besagen; denn, wie schon 
Oldf. Thomas (Proc. Zool. Soc, London 1888, p. 9) er- 
wähnte, giebt es Exemplare von poensis mit hellem Seiten- 
streif (Sc bayoni Boc.) und die Berliner Sammlung verfügt 
über Bälge von Sc cepapi mit Seitenstreif (Sc ochraceus 
Huet) und ohne solchen. 

Derselbe sprach über Felis nigripes Burch. 

Im hiesigen Zoologischen Garten lebte vor wenigen 
Wochen eine kleine Katze, welche der Thierhändler Reiche 
(Alfeld) importirt hat. Das Thier glich in der Färbung 
sehr einem jungen Serval, war aber viel kurzbeiniger, hatte 
einfarbige, breit abgerundete braune Ohren, einen sehr star- 
ken Hinterkopf und das Gesicht einer Wildkatze. Nachdem 
das Exemplar gestorben war und eine Untersuchung des 
Schädels erfolgen konnte, stellte es sich heraus, dass das- 
selbe keineswegs sehr jung war, sondern bereits das defini- 
tive Gebiss besass. Der Schädel stimmt mit solchen von 
Felis maniculata und caffra wenig überein; er ist sehr breit 
(Basallänge 65 mm, grösste Breite 59,5 mm) und der niedrige 
Innenhöcker des pra 1 bildet mit der vorderen Spitze des- 
selben einen rechten Winkel. 

Nun hat Bukchell im 2. Bande seines Werkes; Travels 



Sitzung vom 18. Deeember 1894. 



259 



in the interior of Southern Africa. 1822, eine Katze als 
Felis nigripes beschrieben, mit der unser Exemplar vorzüg- 
lich übereinstimmt. Die Grundfärbung des Rückens ist 
bräunlichgelb oder ockerfarbig, der ganze Körper ist mit 
länglichen schwarzen Flecken besetzt, welche nur auf den 
Schenkeln zu stark ausgeprägten Binden zusammenfliessen. 
Vom äusseren Augenwinkel zum Kinn verläuft in rechtem 
Winkel eine dunkle Binde, die Brust ist mit 4 parallelen 
schwarzen Querbinden geschmückt. Kehle und Bauchmitte 
sind auf weissem Grunde schwarz quergebändert und zwar 
so, dass auf der Kehle 2. auf dem Bauche 7 Binden sich 
befinden. Der Schwanz, welcher kaum */i der Körperlänge 
erreicht, hat oben die Farbe des Rückens und ist unten fahl- 
gelbbraun. Auf der Oberseite stehen 6 dunkelbraune Quer- 
binden, von welchen nur die letzten beiden auf die Unter- 
seite übergreifen; die die Schwanzspitze bildenden Endhaare 
sind schwarz, ebenso wie die Fusssohlen in ihrer ganzen 
Länge. Die Schnurren sind weiss. Die kurzen, eiförmigen, 
stumpf zugerundeten Ohren sind oben hellbraun, unten am 
Innenrande mit sehr langen hellen Haaren besetzt. Auf 
dem Hinterkopf stehen undeutliche dunkle Längsstreifen; 
der Vorderkopf ist heller als der Rücken, die Augenbrauen 
weisslich, die Nase rostfarbig. Länge des Körpers von der 
Nasenspitze zur Schwanz wurzel 390 mm; des Schwanzes 
bis zur Spitze der Endhaare 135 mm; der Sohle des Hinter- 
fusses 90 mm. 

Die mir vorliegende Katze ist wohl sicher zu F. nigripes 
Burch. zu ziehen: ebenso sicher aber muss die Burchell- 
sche Form aus den Synonymen von F. caffra entfernt wer- 
den, da die Färbung, die Schwanzlänge und die Schädel- 
bildung bei beiden sehr verschieden sind. 

Burchell fand die von ihm beschriebene Art in Batla- 
ping: der genaue Fundort des Berliner Exemplares liess 
sich nicht feststellen. 



10* 



260 



Gesellschuft naturforschender Freunde, Berlin. 



Herr Bartels legte ein japanisches Holzschnitt- 
werk vor, in welchem sich unter anderem Darstellungen 
des Walfischfanges und andere Scenen aus dem Gebiete 
der Fischerei und Ansternfischerei finden. Ein Blatt 
zeigt Fischer in einem Boote im Kampfe mit einem kolossalen 
Tintenfisch, sicherlich wohl einem Octopus. Die Fangarme 
sind länger als das Boot., die Augen haben fast die Grösse 
eines Menschenkopfes. Da alle Abbildungen des Buches 
den Eindruck des Natürlichen und aus dem Leben Ge- 
griffenen machen, so muss man wohl auch annehmen, dass 
die Japaner an das Vorkommen solcher riesigen Tinten- 
fische wirklich glauben. 



Im Austausch wurden erhalten: 

Naturwissenschaftl. Wochenschrift (Potonie), IX, No.47 -50. 

Leopoldina, Heft XXX, No. 19—20. 

Berliner Entomolog. Zeitschr., 39. Bd. (1894), 2. u. 3. Heft. 

Verhandlungen des naturhist. Vereins der preuss. Rhein- 
lande. Westfalens und des Reg. - Bezirks Osnabrück, 
51. Jahrg-. 6. Folge; 1. Jahrg., 1. Hälfte. Bonn 1894. 

21. Jahresbericht des Westfälischen Pro vinzial- Vereins für 
Wissenschaft und Kunst für 1892/93. Münster 1893. 

Anzeiger der Akademie d. Wissenschaften in Krakau, 1894, 
November. 

Földtani Közlöny, XXIV. Kötet, 9-10. Füzet. Budapest 
1894. 

Bollettino delle Pubblicazioni Italiane, 1894, No. 214—215, 
nebst: Indice alfabetico delle Opere nel 1892. 

Geologiska Föreningens i Stockholm Förhandlingar. Bd. 16 
Hafte 6. 

Botanisk Tidsskrift, 19. Binds 1. u. 2. Hefte. Kjoebenhavn 

1894. 

Korrespondenzblats des Naturforscher - Vereins zu Riga. 
XXX VIT, 1894. 



Sitzung vom 18. December 1894. 261 

Proceedings of the Cambridge Philosophical Society. Vol. 

VIII, Part. III. Cambridge 1894. 
Psyche, Journal of Entoraology. Vol. VII.. Xo. 224. 
Bulletin of the Museum of Comparative Zoology at Harvard 

College. Vol. XXV.. No. 9—10. 
Boletin de la Academia National de Ciencias en Cordoba, 

Tomo XIII. Entrega 3 y 4. Buenos Aires 1893. 



J F. Btareke, Berlin W. 



' 2044 106 259 



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